06.07.2009

RELIGION

Mit Leib und Seele

Von Smoltczyk, Alexander

Papst Benedikt XVI. glaubt, die (un)sterblichen Reste des Völkerapostels Paulus in Rom gefunden zu haben. Er beansprucht ihn als Zeugen für den Nonkonformismus der Kirche.

Der Heilige Vater, ein Gelehrtenleben lang um die Aussöhnung von Glauben und Vernunft bemüht, ist kein Mystiker. Aber er weiß, wie viel ein Knochen dem Volk bedeuten kann, sofern er über ein Echtheitszertifikat verfügt.

Ja, verkündete er, der Apostel Paulus liege wohl tatsächlich dort im Grabe, wo der Volksglaube ihn schon immer wähnte: in einem 2,55 Meter langen Marmorsarkophag der zweitgrößten Kirche Roms, der Basilika Sankt Paul vor den Mauern.

Papst Benedikt klang wie ein archäologischer Grabungsexperte, als er am vorvergangenen Sonntag feierlich das Paulus-Jahr beendete. Und er verhehlte nicht, dass er einen sensationellen Fund bekanntzugeben hatte: "In den Sarkophag, der so viele Jahrhunderte hindurch niemals geöffnet worden ist, hat man ein winziges Loch gebohrt, um eine Spezialsonde einzuführen. Mit ihrer Hilfe wurden Spuren eines kostbaren purpurfarbenen und mit feinstem Gold laminierten Leintuches sowie eines blauen Stoffes mit Leinenfasern festgestellt."

Da konnte jedenfalls kein Niemand liegen. Es habe einen Blindtest gegeben: "An winzigen Knochensplittern wurde der Radiokarbontest vorgenommen, und zwar von Experten, die über deren Herkunft nicht informiert waren. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es sich um Knochen eines Menschen handelt, der zwischen dem 1. und dem 2. Jahrhundert gelebt hat", erklärte Benedikt XVI.

Und weiter: "Das scheint die einmütige und unbestrittene Überlieferung zu bestätigen, der zufolge es sich um die sterblichen Überreste des Apostels Paulus handelt. All das erfüllt uns mit tiefer Ergriffenheit."

Da wagte sich der Papst in seinem Eifer weit vor. Denn nicht weniger ergreifend war, dass der Vatikan diesmal die Karbondatierung als Beweismittel überhaupt anerkennt. Beim Turiner Grabtuch war das noch anders. Da hatte die Untersuchung allerdings ergeben, dass der Stoff mit dem angeblichen Körperabdruck Christi aus dem Mittelalter stammt.

So ist das mit der Wissenschaft im Dienst des Glaubens. Die Aufregung von Papst und Kirchenvolk über den Fund wird von Experten nur bedingt geteilt. Bereits im Jahr 2005 hatte der Vatikan-Archäologe Giorgio Filippi bei Grabungen unter dem Hauptaltar der Basilika einen Marmorsarkophag mit passender Beschriftung freigelegt: "PAVLO APOSTOLO MART" - dem Apostel und Märtyrer Paulus.

"Die Sachlage war an sich eindeutig. Es gab eine geschlossene Fundkette seit der konstantinischen Basilika", sagt dazu der Münsteraner Archäologe für frühchristliche Geschichte Hugo Brandenburg. "Wir wussten, dass in diesem Sarkophag jene Knochen aufbewahrt sind, die im Jahr 390 dort hineingelegt wurden." Alles andere sei Spekulation: "Für einen etwaigen DNA-Test, ob es sich um Paulus handelt, fehlen uns die nötigen Elemente."

Wie auch - Paulus wurde 67 nach Christus in Rom hingerichtet: enthauptet und nicht gekreuzigt, weil er das römische Bürgerrecht besaß; der Tod durch das Schwert galt als ehrenvoller.

In der frühchristlichen Zeit setzte schnell ein ungezügelter Kult um die Gründerväter ein; Reliquien wurden überall gesammelt. Die spätrömischen Kaiser ließen ihre Basiliken über den Apostelgräbern errichten, als Staatsmonumente; auch Imperatoren suchten die Nähe zum verehrten Objekt. Später ließen die Pilger Gegenstände in zwei Öffnungen auf die angeblichen Paulus-Knochen nieder, um "Berührungsreliquien" zu produzieren. Das war gut fürs Seelenheil und außerdem ein krisenfester Nebenerwerb.

Die Basilika aus dem 4. Jahrhundert wurde 1823 zerstört, als römische Handwerker im Gebälk einen Brenner in Gang setzten und das Gotteshaus in Flammen aufging. Für den Wiederaufbau spendete der russische Zar vier Säulen aus Alabaster, die über dem Apostelgrab einen Baldachin tragen sollten. Dafür brauchte es ein gutes Fundament. Da wurde der Sarkophag gleich miteingemauert.

Archäologisch mag die Erklärung des Papstes keine Neuigkeit - und schon gar kein Beweis - sein. Die Pilgerzahlen dagegen wird sie anwachsen lassen.

Graceland und Lenin-Mumie beweisen: Der Mensch braucht Reliquien. In Italien gibt es fast keine Kommune, die nicht über mindestens einen heiligen Knochen verfügt. Der katholische Glaube versteht den Körper als Schöpfung Gottes und Versprechen der Auferstehung. Den wirft man nicht einfach weg. Im Mittelalter, als es einen funktionierenden globalen Reliquienhandel gab, wurden Märtyrerknochen im- und exportiert, es gab noch originalverpackte Kreuzesnägel aus dem Heiligen Land, von Gott persönlich gemalte Porträts seines Sohnes, Apostel-Fußnägel, Mumien, amtlich beglaubigte Dornenkronen und just in time sich verflüssigendes Blut der Verehrungswürdigen.

Es gab sogar Fälle, wo ein noch lebender Heiliger sicherheitshalber totgeschlagen wurde, bevor er das Dorf verlassen konnte. Man wollte der künftigen Reliquie nicht verlustig gehen.

"Das Auf- oder Wiederfinden eines Heiligenleichnams diente schon immer meist dazu, die jeweils aktuelle Kirchenpolitik zu legitimieren", sagt die Münchner Reliquienforscherin Urte Krass. "Man bringt einen Leichnam wieder ans Tageslicht und kann eigenes Handeln oder vielleicht unliebsame Neuerungen an eine große Tradition zurückbinden."

Wozu braucht Benedikt XVI. dann heute Paulus? Paulus, vormals Saulus, war der Vielschreiber unter den Aposteln. Seine 14 Briefe über Jesus füllen fast ein Drittel des Neuen Testaments. Sein ausführliches Zeugnisgeben ist umso beeindruckender, als Paulus dem Meister persönlich nie begegnet ist. Abendmahl, Kreuzigung, Auferstehung, Pfingstfest - alles verpasst. Aber er verfasste eine Fundgrube für Theologen. "Er war kein großer Redner und auch kein geschickter Stratege", musste Papst Benedikt zum Abschluss des Paulus-Jahres eingestehen. Doch es zählt der gute Wille: "Er hat sich mit Leib und Seele eingesetzt."

Und das noch nach dem letzten Atemzug. Als Paulus südlich der Stadtmauern Roms, bei der heutigen Barockkirche San Paolo alle Tre Fontane, den Kopf verlor, am 29. Juni 67 soll es gewesen sein, hüpfte der Schädel dreimal über den Boden, und an jeder Stelle entsprang sogleich eine Quelle.

Gerade wurde in den Katakomben von Santa Tecla in Rom die bislang älteste Darstellung des Apostels entdeckt, aus dem 4. Jahrhundert. Sie zeigt Paulus als griechischen Philosophen, mit Stirnglatze und spitzem Bart.

Paulus war ein Intellektueller, der das bequeme Leben aufgab, sich mit den Ausgestoßenen einließ und für die gekreuzigte Unperson Jesus alles aufgab: "In Christo" war sein Motto.

Paulus ist der menschlichste der Apos-tel. Zweifelnd, zerrissen, bedingungslos Christus ergeben, nachdem er von ihm auf dem Weg nach Damaskus ergriffen worden war, aber stolz auf seine Herkunft, das Judentum.

Seine Briefe erzählen von dem Widerstreit und dem Schwanken des real existierenden Christen, dem Zweifel und den Anfeindungen. Theologisch steht Paulus für die Erfahrbarkeit des Heiligen: "So bezeuge der Geist selbst unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind", schreibt er den Römern (Röm 8,16).

Mit dem Geist dieses Menschen hat Benedikt XVI. die letzten Monate verbracht. Mit Paulus ging er durchs vergangene Jahr. Mal las er ihn als "Migranten", dann wieder als geschickten, doch standhaften Werber für den Herrn im Multikulti-Relativismus. Beim Besuch in Paris diente er als Kronzeuge gegen Gier und Geldvergötzung, bei einer Bischofsweihe in Rom als opfer- und leidensfähiges Vorbild. Paulus passte immer.

Auch nach der Affäre um den Holocaust-Leugner und Piusbruder Richard Williamson suchte Benedikt bei Paulus Trost und zitierte bitter aus der Galater-Epistel (Gal 5,15): "So ihr euch aber untereinander beißet und fresset, so seht zu, dass ihr nicht untereinander verzehrt werdet."

Vielleicht sind Paulus' Knochen die passende Reliquie für eine Kirche im Widerstand gegen die Versuchung der modernen Gegenwart, wie sie dem Ratzinger-Papst vorschwebt.

Wenn Paulus sein Damaskus-Erlebnis hatte, dann kann es jeden treffen. Und wenn die Welt voller Saulusse wäre?

In der Nähe seines Wahlverwandten Paulus, am Sarkophag in der Basilika, bekam die Predigt des Papstes prophetische, ja revolutionäre Töne: "Die Welt", hörte man ihn sagen, "kann nicht erneuert werden ohne neue Menschen. Nur wenn wir selbst neu werden, wird die Welt neu. Das heißt dann auch, mit Anpassung an das Bestehende ist es nicht getan. Der Apostel fordert uns zum Nonkonformismus auf."

So kannte man den Professor Ratzinger gar nicht, der gemeinhin die Orthodoxie des Lehramts verficht. Doch schnell fügte er hinzu, dass es natürlich nicht um den Mut gehe, gegen das kirchliche Lehramt zu sprechen: "Mut gehört dazu in Wirklichkeit nicht, weil man dabei immer des öffentlichen Beifalls sicher sein kann. Mut gehört viel eher dazu, zum Glauben der Kirche zu stehen. Diesen Nonkonformismus des Glaubens nennt Paulus einen erwachsenen Glauben."

Das ist die Botschaft aus dem Grabe, knochentrocken. ALEXANDER SMOLTCZYK


DER SPIEGEL 28/2009
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