13.07.2009

AFFÄRENDer unglaubliche TM

Hat Thomas Middelhoff als Arcandor-Chef auf eine Millionenklage gegen seinen privaten Vermögensverwalter Esch verzichtet? Während die Staatsanwaltschaft wegen Untreue ermittelt, verheddert sich Middelhoff immer mehr in Widersprüche. Und in einem Gestrüpp engster Beziehungen zu Esch.
Natürlich, da geht es jetzt um Papiere. Um die Gutachten und Schreiben von 2005 und 2006, um ihre Fußnoten und Fußangeln. Es geht um diesen ganzen komplizierten Kram, wer mal welchen Schrieb gekannt hat und heute vielleicht nichts mehr davon wissen will; darum geht es ja fast immer, wenn Staatsanwälte gegen einen Manager ermitteln, wegen Untreue.
Also auch in Essen, Aktenzeichen 302 JS 120/09, Thomas Middelhoff. Bis März Vorstandsvorsitzender der Karstadt-Mutter Arcandor, die heute zahlungsunfähig ist. Der Glamour-Star unter deutschen Managern; bekannt als TM, steht auch so auf seinen Manschettenknöpfen. Middelhoff soll seinen privaten Vermögensverwalter begünstigt haben, soll als Konzernchef darauf verzichtet haben, mehr als 100 Millionen Euro gegen Josef Esch einzuklagen, aus Geschäften, die sein Duzfreund Josef mit Karstadt gemacht hatte. Dem SPIEGEL liegen die Papiere vor, das Papier war lange geduldig, jetzt könnte es Middelhoff sehr gefährlich werden. Aber weil die Sache nun mal mühsam ist, beginnt die Geschichte über Middelhoffs prekäre Nähe zu diesem Josef Esch vielleicht besser mit etwas ganz anderem.
Einem blauen Golf Diesel.
So ein TDI mit Eins-Neuner-Maschine, Viertürer, Soundpaket Beta. Einer mit Wunschkennzeichen: die Initialen von Middelhoffs Tochter, ihr Geburtstag. Und vorn SU, Rhein-Sieg-Kreis, weil ... ja, warum eigentlich? Dort wohnte Middelhoffs Tochter jedenfalls nicht.
Die Episode um den blauen Golf, sie sagt viel über den Fall Middelhoff und die drei Etappen, die Vorwürfe bei ihm ständig durchlaufen: schwerer Verdacht, verblüffende Erklärung, neue Zweifel. Und sie sagt auch etwas über die Chuzpe eines Mannes, der alle Indizien, die sonst in solchen Fällen eine klebrige Affäre belegen, mit dem Argument kontert, natürlich habe Esch für ihn persönlich alles Mögliche getan, dafür sei er ja sein Vermögensverwalter. Aber das habe doch jeder gewusst.
Am Anfang also der Verdacht. Eines morgens geht ein Anruf beim ADAC ein. In Düsseldorf ist ein Wagen liegengeblieben, an der Graf-Recke-Straße, die Batterie hat schlappgemacht. In der obersten Etage die Dienstwohnung von Thomas Middelhoff, unten steht der blaue Golf und neben dem Golf seine Tochter, die damit fahren will. Der ADAC-Mann überbrückt, nimmt die Daten auf, Golf TDI, 74 KW, Baujahr 2002. Und zugelassen ist das Auto laut Fahrzeugschein auf die Josef Esch Fonds-Projekt GmbH, Steinstraße 2 in Troisdorf. Eschs Firma. Deshalb das SU-Kennzeichen. Hat sich also Thomas Middelhoff ein Auto kaufen lassen, von dem Mann, gegen den er Jahre später als Arcandor-Chef nicht vor Gericht ziehen wollte?
Es folgt: die verblüffende Erklärung. Ja, hat er. Und Middelhoff hat sich nicht nur einen Wagen von Esch kaufen lassen, sondern drei. Einen Mercedes SL 55 AMG Cabrio im Sommer 2002 für 133 586 Euro, eine Mercedes M-Klasse für seine Frau, rund 77 000 Euro, und den Golf für seine Tochter, 21 898 Euro. Aber: Er hat sie nach eigenen Angaben alle bezahlt, bis zum letzten Cent, und trägt auch die Kosten, Steuern, Versicherung. Doch warum hat er dann die Autos nicht gleich selbst gekauft? Weil Esch mehr Rabatt bei VW und Mercedes bekam als er selbst. Sagt Middelhoff. Solche Vorteile zu nutzen sei ja gerade die Aufgabe von Esch als sein Mann fürs Geld. Wo also, fragt Middelhoff, soll das Problem sein?
Und dann: die Zweifel. Das klingt natürlich logisch, so wie alles logisch klingt, wenn Middelhoff redet. Mindestens überzeugend und meistens überwältigend zu sein ist seine größte Stärke. Aber: Beim Golf bekam Esch nur magere zehn Prozent Rabatt. Journalisten erhielten 15 Prozent, doch auch für Kunden ohne Sonderstatus waren nach VW-Angaben bis zu sieben drin. Das hätte Middelhoff wohl auch für sich selbst herausschlagen können, oder Esch für ihn. Macht also drei Prozent Unterschied, beim Golf nur eine Ersparnis von gut 600 Euro. Beim Mercedes Cabrio - 13 Prozent Rabatt statt der gängigen 7 - immerhin rund 8000 Euro. Aber lässt ein Multimillionär, bekannt dafür, dass er nicht knausert, sich zwei große Villen leistet und eine Yacht an der Côte d'Azur, für die paar Euro drei eigene Autos auf Esch zu? Auf einen fremden Namen?
Es gibt noch mehr solche Geschäfte mit chronischer Verfilzungsgefahr: Middelhoff hat als Arcandor-Chef so gut wie jeden Dienstflug mit den Jets der Gesellschaft Challenge Air gemacht. Die aber gehört zu mehr als der Hälfte Esch. Auch privat ist er für Hunderttausende im Jahr mit Challenge Air geflogen; Kosten in Millionenhöhe hat er bei Esch anschreiben lassen, bevor er sie erst Jahre später zahlte. Und sein Fahrer bei Arcandor kam von der Sicherheitsfirma Consulting Plus. Auch die gehört zur Hälfte Esch. Und ständig das Gleiche: Verdacht, Erklärung, Zweifel.
Zweifel, die mit den Papieren jetzt noch stärker werden. Middelhoff beruft sich auf "ein ganzes Fuder Gutachten". Genaugenommen drei, die sich angeblich alle mit der einen Frage befassten: Hätte Arcandor erfolgreich gegen Esch klagen können? Hintergrund sind komplexe Immobiliengeschäfte zwischen KarstadtQuelle und Esch, bei denen Esch dem Konzern am Ende mehr als 100 Millionen Euro schuldig geblieben sein soll. Glaubt man Middelhoff, stand in allen drei Gutachten, dass eine Klage gegen Esch leider völlig aussichtslos wäre. In Wahrheit aber steht das so in keiner dieser Expertisen. Und ein Mitglied des Aufsichtsrats bestätigt: "Ich kenne kein einziges Rechtsgutachten, das den Anspruch gegen Esch klären sollte. Uns hat der Vorstand immer nur gesagt, bei Esch ist nichts zu holen."
Die Ermittler in Essen prüfen nun, ob sie das Verfahren an eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität abgeben wollen - die Entscheidung fällt voraussichtlich in dieser Woche. Und auch die neue Arcandor-Führung unter Karl-Gerhard Eick hat eine eigene Untersuchung eingeleitet, versichert zudem, die Fahnder uneingeschränkt zu unterstützen. Middelhoff steht also unter Druck. Er beruft sich auf Erinnerungslücken, korrigiert sich. Der Meister der Erklärungen kommt an eine Grenze, wo aus unglaublich guten Erklärungen plötzlich Erklärungen werden, die kaum noch zu glauben sind.
Die unheimliche Achse zwischen dem Troisdorfer Immobilien-Tycoon Esch und Big T, wie Freunde Middelhoff nennen, sie ist in Wahrheit eine Vierecksbeziehung, und die reicht weit in die Zeit zurück, bevor Middelhoff 2004 Aufsichtsrats- und 2005 dann Vorstandschef von KarstadtQuelle wurde, wie der Konzern damals noch hieß.
Da steht am Anfang die Bank, Sal. Oppenheim in Köln, eines der vornehmsten Privatinstitute Europas, spezialisiert auf Klienten, von denen Spötter sagen, bei denen komme das Geld wie bei anderen der Strom aus der Steckdose: immer ausreichend. Der Kundenstamm bildet eine Art Vollversammlung des rheinischen Geldadels, mit den Riegels von Haribo, den Deichmanns von Schuh Deichmann oder den Mittelsten Scheids von Vorwerk. Sie
alle suchten für Millionen die perfekte Anlage, mit hohem Zins und kleinem Risiko. Und der richtige Mann dafür war Esch.
Er besorgte der Bank die lukrativen Immobilienprojekte, aber noch weit mehr als das. Esch selbst lotste die Milliardärsfamilien zu Oppenheim. "Er ist einfach genial im Umgang mit seinen Kunden", schwärmt Lothar Ruschmeier, im Esch-Imperium der zweite Mann.
Das Vertrauen der Vermögenden verdankt Esch einem legendären Vollservice. Er umsorgt seine Klienten bis zur Sorglosigkeit, ist immer da, für alles zu gebrauchen. Er vermittelt ihnen Ärzte, nur die besten natürlich, er fliegt die Reichen quer durch Europa mit den Maschinen seiner Challenge Air, und wenn in der Milliardärsvilla die Dachrinne verstopft ist: Anruf genügt, Esch hilft. Mit dieser Art von Vermögensverwaltung bindet er gut zehn Familien an sich, deren Habenseite in der Bank auf einen satten zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt wird.
Einer dieser Kunden ist seit 2001 Thomas Middelhoff. Als Bertelsmann-Chef hatte er den Verkauf der AOL-Anteile eingefädelt, einen Milliarden-Deal, der ihm mehr als 30 Millionen Euro Prämie brachte. Damals heuerte er Esch für zunächst zehn Jahre als Vermögensverwalter an. Und der steckte das Geld von Middelhoff und Ehefrau Cornelie in ein offenbar grandioses Investment: Oppenheim und Esch hatten fünf Fonds aufgelegt; sie bauten oder erweiterten mit dem Geld der Anleger Kaufhäuser in München, Leipzig, Wiesbaden, Karlsruhe und Potsdam. Die gingen danach an Karstadt, und der Konzern hatte dafür so exorbitant hohe Mieten zu zahlen, dass KarstadtQuelle schon kurz danach 150 Millionen Euro für drohende Verluste zurückstellen musste.
In vier Fonds waren Middelhoff und seine Frau dabei; von den Mondmieten der Esch-Fonds profitierte Middelhoff also schon, bevor nun die Dame im Spiel erschien: Madeleine Schickedanz, die Quelle- Erbin, größte Gesellschafterin bei KarstadtQuelle. Esch war auch ihr Vermögensverwalter, war ihr Testamentsvollstrecker, der Mann ihres totalen Vertrauens. Er brachte Schickedanz mit Middelhoff zusammen, und die Frau aus Fürth machte ihn erst zum Aufsichtsrats-, dann zum Vorstandsvorsitzenden des Konzerns.
Das also waren nun Middelhoffs engste Verbindungen und Verbündete: die Bank, die Milliardärin und natürlich Esch. Eine heikle Entourage, denn den Interessenkonflikt brachte Middelhoff auf die Weise gleich mit ins neue Amt. Als Anleger musste er wie die anderen Oppenheim-Esch-Kunden an möglichst hohen Karstadt-Mieten interessiert sein, als Aufsichtsrats- und Vorstandschef an möglichst niedrigen. Middelhoff aber beschloss einfach, dass es kein Problem gebe. Im Zweifelsfall werde das Interesse der Firma gegenüber dem Interesse des Anlegers Middelhoff eben immer vorgehen, versprach er.
Es gibt Manager, die wären sofort aus ihren Fonds ausgestiegen. Und wenn das nicht gegangen wäre, wegen der hohen Steuernachzahlungen, die fällig werden, hätten manche den Job gar nicht erst angetreten. Eines aber hätten sicher die meisten an Middelhoffs Stelle getan: peinlich darauf geachtet, nicht mal den Anschein zu erwecken, sie könnten Esch mehr verpflichtet sein als der eigenen Firma.
Nicht so TM. Middelhoff flog jede Woche mehrmals, er verflog Millionen, denn er flog so gut wie immer mit Privatjets. Er charterte sie sogar für Strecken, auf denen sie kaum hochkamen, von Düsseldorf nach Frankfurt oder von Düsseldorf nach Paderborn. Er nahm die Privatflieger selbst für Routen, auf denen ständig Linienmaschinen gingen. Und buchen ließ er die Jets der Challenge Air von Esch. Fast ohne Ausnahme. Und offenbar ohne Ausschreibung: "Eine Ausschreibung ist uns nicht bekannt", heißt es bei Arcandor.
"Wer einmal Challenge Air geflogen ist, weiß, was es heißt, sich hoch über den Wolken in exklusiver und persönlicher Atmosphäre rundum verwöhnen zu lassen", wirbt die Fluglinie für sich selbst. Middelhoff rechtfertigt sich, bei seinen Rettungsversuchen für den schlingernden Konzern habe jede Minute gezählt. Außerdem habe er in den Challenger-Jets vertrauliche Gespräche führen können. Schließlich sei aber doch auch sein Vorvorgänger Wolfgang Urban mit Challenge Air geflogen.
Das stimmt. "Nur deutlich seltener als mit Linie", kontert der prompt.
So verwöhnungsbedürftig Middelhoff offenbar war, so gewöhnungsbedürftig war der Jetset-Manager aber für den klammen Konzern, der in der Not seinen Verkäufern Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, die freien Tage strich. 2005 monierten die Wirtschaftsprüfer von BDO bei der Bilanzkontrolle die Vielfliegerei in der Luxusklasse. So etwas stehe nicht im Dienstvertrag. Auch Aufsichtsratschef Hero Brahms führte ein ernstes Gespräch mit Middelhoff; immerhin waren schmerzhafte Summen aufgelaufen.
Middelhoff aber pochte auf eine alte mündliche Zusage. Von der wusste Brahms zwar offenbar nichts, doch er knickte ein, nickte ab: "Eine schriftliche Fixierung ist versehentlich unterblieben", heißt es in einer Beschlussvorlage für den Ständigen Ausschuss des Aufsichtsrats. Also flog Middelhoff weiter mit der Esch-Airline. Und wie: Allein im Jahr 2006 für 811 000 Euro, die er bei der Firma abrechnete. Und privat nach eigenen Angaben noch mal für 733 000 Euro, im selben Jahr.
Seine Erklärung: Die Privatflüge, zum Beispiel zu seiner Villa in St. Tropez, habe er immer bezahlt, versichert Middelhoff, und auch Esch bestätigt das. Die Zweifel: Andererseits bedeutet das auch, dass die private Fliegerei 2006 annähernd Middelhoffs ganzes KarstadtQuelle-Gehalt geschluckt haben müsste, also das, was von 1,574 Millionen Euro, die er laut Geschäftsbericht verdiente, nach Steuern übrigblieb. Nicht, dass er es sich als reicher Mann nicht hätte leisten können. Aber geht einer arbeiten, nur um zu fliegen?
Sogar Zinsen will Middelhoff stets berappt haben. Denn mit dem Bezahlen hatte er es nicht immer eilig. Erst 2008 beglich er alle Privattrips ins Ausland aus den Jahren 2002 bis 2007; mehr als zwei Millionen Euro zahlte er Esch auf einen Schlag. Auch hier wieder eine verblüffende Erklärung: Jeder Flug sei sofort auf seinem Vermögenskonto bei Esch aufgetaucht, als Soll-Buchung. Er habe aber eine Vereinbarung mit Esch, dass er die Kosten auflaufen lassen dürfe, bei fünf Prozent Zinsen. Auch das bestätigt Esch so. Also alles in Ordnung?
Die entscheidende Frage, ob Middelhoff zu eng verbandelt mit Esch war, um hart genug für die Interessen der Arcandor gegen Esch zu kämpfen, stellte sich schon sehr bald: bei den Mondmieten der fünf Karstadt-Häuser. Ursprünglich war dafür nämlich ein Gegengeschäft zwischen Esch und der alten KarstadtQuelle-Führung um Urban vereinbart gewesen. Bauprofi Esch sollte den Konzern zum Ausgleich an Projekten für andere Firmen beteiligen und an den Erträgen aus solchen "Drittgeschäften". KarstadtQuelle wollte so ins Immobiliengewerbe einsteigen; mehr als 100 Millionen Euro sollte die Zusage wert sein. Doch Esch zahlte nur einmal, 25 Millionen Ende 2002, dann war Schluss. Seine Begründung: Er hatte einen Deal mit Urban, aber der hatte inzwischen KarstadtQuelle verlassen. Kein Urban, kein Deal.
Eine kühne Argumentation - eine Einladung zum Klagen gegen Esch? Nein, man hätte keine Chance gehabt, sagt Middelhoff; es habe nämlich keinen richtigen Vertrag für dieses Nebengeschäft gegeben. Dass Esch auf der anderen Seite stand, hatte demnach mit dem Verzicht auf eine Klage nichts zu tun. Im Gegenteil. Er, Middelhoff, habe doch ein Gutachten nach dem anderen bestellt, um das alles ganz genau zu prüfen. Aber immer das gleiche Ergebnis: nichts zu machen gegen Esch. Kein Experte habe ihm je geraten, einen Prozess zu riskieren.
Middelhoff hat nun zwei Probleme, genaugenommen sind es sogar fünf: zwei Schreiben, die eher dafür sprechen, dass er hätte klagen sollen, und die drei Gutachten, die sich mit allem Möglichen befassen sollten. Aber nicht mit einer Klage gegen Esch.
Schreiben Nummer 1 ist ein Brief von Josef Esch an den damaligen Konzernchef Urban. 1. Oktober 2002, darin der Satz: "Weiterhin werden wir in Zukunft unsere Immobilienprojekte, die nicht der KarstadtQuelle AG zuzuordnen sind, gemeinsam mit Ihnen realisieren." Das kann man als schriftliche Bestätigung von Esch lesen, dass der Konzern tatsächlich einen Anspruch gegen ihn hat.
Schreiben Nummer 2 ist ein Dossier, datiert auf den 8. November 2006, das der Ex-Syndikus des Konzerns, Bernd-Volker Schenk, damals schon Rentner, "Persönlich/Streng vertraulich" an Middelhoff geschickte hatte. Middelhoff hatte Schenk extra kontaktiert, damit er noch mal tätig wurde. In dem Papier heißt es: "Das Mindest-Ertragspotential aus Drittgeschäft für KarstadtQuelle beläuft sich ... auf 108 Millionen Euro. Über dessen Abgeltung muss der Vorstand der KarstadtQuelle AG mit Herrn Esch vor Eintritt der Verjährung entweder ein Verhandlungsergebnis erzielen oder aber die Forderung verjährungsunterbrechend gerichtlich geltend machen." Also doch: Esch verklagen.
Als der SPIEGEL Middelhoff im Februar Schreiben Nummer 1, den Esch-Brief von 2002, zum ersten Mal zeigte, legte sich der damalige Arcandor-Chef fest: Diesen Brief kenne er nicht, nein, definitiv nicht. Der Konzern habe sich mit den Akten "sehr intensiv" befasst, er persönlich habe sich mehrfach um die Sache gekümmert. Aber diesen Brief? Nie gesehen. Anfang Juni die nächste Anfrage: Middelhoff teilte mit, er könne sich an solch ein Schreiben wirklich nicht erinnern. Dritte Anfrage, Mitte Juni: Richtig, das Schreiben sei doch in den Akten des Konzerns, er habe es auch gekannt, aber sich eben nicht mehr daran erinnert. Rechtlich sei das ja auch nur ein bedeutungsloser Wisch, ergänzt Sven Thomas, sein Anwalt.
Warum aber zahlte dann Esch immerhin 25 Millionen Euro Ende 2002? Für einen bedeutungslosen Wisch?
Dabei liegt der Esch-Brief auch nicht nur in den Arcandor-Akten, wie Middelhoff jetzt wieder eingefallen ist. Er wird sogar ausdrücklich in den Gutachten angeführt - in den von Middelhoff extra bestellten Gutachten, auf die er sich jetzt ständig beruft. In einem, dem des Frankfurter Rechtsprofessors Hans-Joachim Mertens, ist der Brief komplett zitiert, im anderen, von BDO, liegt er bei den Anlagen.
Und ebenso in Schreiben Nummer 2, dem des früheren Syndikus Schenk an Middelhoff. Anlage erneut: der Esch-Brief. Schwer erklärlich, wie Middelhoff den vergessen konnte. Doch wenn es um das Papier von Schenk geht, die eindeutige Aufforderung zu klagen, kann er sich angeblich schon wieder nicht so recht erinnern.
Als ihn der SPIEGEL Anfang Juni damit konfrontierte, behauptete er noch, Pensionär Schenk habe ihm das Papier zwar gegeben. Aber später habe der Ex-Justitiar noch einmal mit Esch verhandelt und sei ganz geknickt zurückgekehrt. Es sei sinnlos, sein Papier hinfällig (SPIEGEL 24/2009). Schenk bestritt das umgehend.
Nun Middelhoffs zweite Version: Richtig, er habe Schenk gebeten, doch mal zu überlegen, ob für Arcandor in der Sache Esch noch was zu holen sei. Kurz danach sei Schenk zu ihm ins Büro gekommen, habe aber sofort von einer Klage abgeraten. Schenk habe auch irgendetwas Schriftliches in der Hand gehabt. Was genau, wisse er aber nicht mehr, vielleicht habe er das auch überflogen, vielleicht aber auch nicht. Und ob ihm Schenk die Blätter überhaupt dagelassen habe, könne er auch nicht sagen. Nur in einem Punkt, da sei er ganz sicher: Er, Middelhoff, habe das Schenk-Papier nicht. Und es finde sich auch nirgendwo in den Akten der Arcandor wieder.
Was Middelhoff entlasten soll, belastet ihn in Wahrheit. Denn dem SPIEGEL liegt ein Fax-Protokoll vor, das den Eingang der 24 Seiten im Büro des Vorstandsvorsitzenden am 9. November 2006, morgens kurz nach zehn, nachweist. Hat also Middelhoff das persönlich an ihn adressierte Schreiben für sich behalten, hat er es sogar unterdrückt, statt es an die Rechtsabteilung weiterzugeben? Middelhoff sagt, er wisse nichts von einem Fax. Fest steht: In den Konzern-Akten fehlt das Schenk-Dossier tatsächlich, wie der Konzern bestätigt. Wollte Middelhoff also doch Esch schützen, auf keinen Fall klagen?
Es gibt nun noch eine Version, eine, die den Verdacht zu bestärken scheint. Das pikante: Sie kommt von der Esch-Seite. Und das Überraschende: Das Schenk-Papier, das "Persönlich/Streng vertraulich" an Middelhoff ging, aber nicht den Weg in die Arcandor-Akten fand - Esch hat es. Woher? "Das haben wir auf einer Parkbank gefunden", sagt der Esch-Vertraute Ruschmeier ironisch. Ex-Syndikus Schenk besteht auf Anfrage darauf, nur ein Exemplar verschickt zu haben. An Middelhoff. Der war 2006 auch selbst noch einmal bei Esch, um nachzuverhandeln, wie Ruschmeier sagt. Wie also landete das Schenk-Schreiben am Ende beim möglichen Prozessgegner?
Doch da sind ja auch noch die drei Gutachten, die es für Middelhoff richten sollen und auf die er sich jetzt beruft, kürzlich in der "Bild am Sonntag". Und angeblich sagen alle eindeutig: Eine Arcandor-Klage gegen Esch ist völlig aussichtslos. Das erste Gutachten von BDO, den Wirtschaftsprüfern: Zwar kommen die Experten zu dem Schluss, dass wesentliche Teile der Kooperation zwischen KarstadtQuelle und Oppenheim-Esch nur mündlich geschlossen wurden. Doch gerade zum Schreiben Nummer 1, dem Esch-Brief, heißt es: "Die Oppenheim-Esch-Gruppe bestätigte unter dem 1. 10. 2002 die Vereinbarung über die Zusammenarbeit", auch über die "Drittobjekte", also das Ausgleichsgeschäft.
Gegen Esch klagen oder nicht? Dazu sagt BDO kein Wort. Im Entwurf endete das Gutachten sogar noch mit dem Vermerk, "dass eine rechtliche Beurteilung des Sachverhaltes nicht Gegenstand unserer Beauftragung war". Erst in der Schlussfassung fehlte der Satz; ansonsten blieb der Inhalt so gut wie unverändert.
Das nächste Gutachten, diesmal vom Aktienrechtler Hans-Joachim Mertens, Frankfurt. Wieder: gegen Esch klagen oder nicht? "Mein Gutachten befasst sich nicht mit dieser Frage, das war nicht mein Auftrag", sagt Mertens heute, wenn man ihm seine Expertise aus dem Jahr 2005 vorlegt. Und, unmissverständlich: "Deshalb kann man meinem Gutachten auch keine Aussage darüber entnehmen, ob eine Klage gegen Herrn Esch sinnvoll gewesen wäre oder nicht."
Mertens sollte Schadensersatz-Ansprüche gegen Alt-Vorstände oder -Aufsichtsräte prüfen, nicht gegen Esch; um nichts anderes geht es denn auch auf seinen 75 Seiten. In einer Fußnote allerdings zitiert er den Esch-Brief, verkneift sich nicht den Hinweis: "Das Schreiben deutet allenfalls auf eine Verpflichtung der Oppenheim-Esch-Gruppe gegenüber KarstadtQuelle hin." Das spricht mehr für eine Klage als dagegen.
Schließlich das dritte Gutachten, von der Investment-Bank Rothschild. Und wieder geht es nicht um eine Klage gegen Esch, nur gegen die Alt-Vorstände und -Aufsichtsräte: Wenn man gegen die Alten einen Prozess anzetteln würde, weil sie bei den Geschäften mit Oppenheim-Esch ihre Sorgfaltspflicht verletzt hätten - würden dann anglo-amerikanische Investoren verschreckt, mit denen man gerade sprach? Das sollte Rothschild prüfen, sonst nichts.
Das also sind die Gutachten, mit denen Middelhoff sich nun verteidigt, die erklären sollen, warum er nicht klagte. Aber so wie es aussieht, erklären sie das gerade nicht; sie erklären höchstens, dass Middelhoff in höchster Erklärungsnot steckt. Ein Zustand, den er nach Jahren verblüffender Erklärungen vermutlich zum ersten Mal erlebt. JÜRGEN DAHLKAMP, GUNTHER LATSCH
* Oben: mit Oppenheim-Gesellschafter Matthias Graf von Krockow; unten: in Leipzig.
Von Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther

DER SPIEGEL 29/2009
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