20.07.2009

GEDENKENDie unbemerkten Helden

Im sächsischen Vogtland kämpft eine Stadt um ihren Platz im Geschichtsbuch. Denn im Herbst 1989 wurde die Staatsmacht zuerst in Plauen bezwungen - und nicht in Leipzig.
Die Gedenktafel auf dem Plauener Theaterplatz ist schulterhoch, eingefasst in polierten Stahl, die Schrift hellgrau in Schiefer. "An dieser Stelle", so ist zu lesen, "begann am 7. Oktober 1989 die erste Großdemonstration auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Das war der Anfang der Veränderung unserer Welt."
Ein großer Satz, und nicht mal übertrieben.
Die Plauener kennen den Satz, und sie glauben an ihn. Außerhalb von Plauen weiß indes niemand von dieser historischen Tat, Passanten laufen meist achtlos an der Tafel vorbei. 20 Jahre nach der Wende tun sich ehemalige DDR-Bürger noch immer schwer mit dem Marketing in eigener Sache.
Leipzig soll demnächst ein Freiheitsdenkmal erhalten, Berlin eines für Einheit und Freiheit. Plauen aber steht im vereinten Deutschland für nichts oder allenfalls für "Plauener Spitze".
Mehrfach hat sich deshalb Ralf Oberdorfer, der Oberbürgermeister der unbekannten Heldenstadt, mit der Bitte an Berlin gewandt, etwa an Bundestagspräsident Norbert Lammert, man möge den Beitrag Plauens zur Revolution von 1989 vor dem Vergessen bewahren und den Bau eines Denkmals unterstützen. Doch aus der Hauptstadt kam nur die Antwort, das sei Sache des Freistaats Sachsen.
Nun sind sie es leid im sächsischen Vogtland. Nun wollen sie kämpfen um ihren Platz im Geschichtsbuch. "Es geht uns um Anerkennung", sagt Oberdorfer, 49, um historische Wahrheit, die Zivilcourage Einzelner und die Gefühlslage einer Stadt mit knapp 70 000 Einwohnern, deren glücklichster, bedeutendster, mutigster Tag im Rest der Republik bis heute nicht registriert worden ist.
Und Siegmar Wolf ist ihr Kronzeuge. Der Plauener Handwerksmeister war wahrscheinlich der erste Demonstrant im Herbst 1989, der sich traute, ein Transparent hochzuhalten.
Es war am Sonnabend, dem 7. Oktober 1989, zwei Tage vor der ersten großen Montagsdemonstration in Leipzig. Die SED feierte den "40. Jahrestag der DDR", und Wolf, damals 30 Jahre alt, beging dieses Datum, indem er ein Bettlaken mit der Aufschrift "Reisefreiheit, freie Wahlen und vor allem Frieden" unter seine Jacke stopfte und ins Stadtzentrum marschierte, wo die Genossen sich beklatschten, Tausende Bürger aber genau gegen diese Selbstbeweihräucherung protestieren wollten.
Irgendwann zwischen 14 und 15 Uhr fasste Wolf all seinen Mut zusammen, stellte sich auf eine große Plastik am Theater und zog sein Transparent heraus. Die Leute jubelten, die Stasi staunte. "Das war die größte Aufregung meines Lebens", erinnert sich Wolf.
Siegmar Wolf ist in Plauen geblieben, führt heute ein Sanitärfachgeschäft. Er ist ein gefragter Mann, als Handwerksmeister sowieso, doch dieser Tage mehr noch als Figur der DDR-Geschichte. Die Plauener Bürger nutzen ihn als Trumpf für die Denkmalsansprüche ihrer Stadt. Und Bürgermeister Oberdorfer erklärt, warum das Bedürfnis nach Anerkennung unter den Menschen so stark ist.
Plauen war einst eine Stadt des Bürgerstolzes, eine reiche Stadt, sogar mit einem amerikanischen Konsulat. 1912 lebten hier knapp 130 000 Einwohner, sie war Zentrum der Textilindustrie und des Maschinenbaus. Nach Plauen, so erzählen die Älteren, seien die Leute aus dem fränkischen Hof gekommen, weil einfach mehr los gewesen sei. Die Industriebetriebe wurden der Stadt 1945 jedoch zum Verhängnis, "pro Quadratkilometer fielen hier mehr Bomben als in Dresden", erklärt Oberdorfer. Nicht mal in diesem Ranking scheint Plauen in der öffentlichen Wahrnehmung der Spitzenplatz vergönnt.
Statt in der Mitte Deutschlands fand sich Plauen nach der Teilung im grenznahen Gebiet wieder, im DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt. Die elektrifizierte Eisenbahnverbindung endete in Reichenbach, die Autobahn war so kaputt, dass den hoppelnden Trabbis auf dem Weg nach Plauen die Auspuffrohre abfielen.
Die Versorgung war schlechter als an vielen anderen Orten des neuen Staats, Bauarbeiter samt Material wurden abgezogen - in die Messestadt Leipzig oder in die "Hauptstadt der DDR", wo sächselnde Einkäufer, die nach Ketchup und Ananasdosen fragten, hämisch mit "ah, Besuch aus der DDR" begrüßt wurden.
Nur in einem Punkt durften sich die Plauener privilegiert fühlen: 28 Kilometer von Hof entfernt, genossen sie den störungsfreien Empfang aller Westsender. Ein Lied der (West-)Gruppe Insterburg & Co trübte allerdings auch diese Freude. Eine Zeile traf mitten ins Herz: "Ich liebte ein Mädchen in Plauen, da bin ich bald abgehauen."
So fraß sich der Ost-Frust fest in der Sachsenseele. Manchmal entlud er sich, dann schlug die Stasi zu. Unzählige Spitzel setzte sie auf einen Jugendclub an. Das "Malzhaus", Treffpunkt der Folk- und Blues-Szene, wurde 1982 auf Anweisung des Geheimdienstes unter dem Vorwand geschlossen, es sei baufällig.
Die Anzahl der Ausreiseanträge junger Leute stieg danach sprunghaft an. Auch die offiziell angegebene Zahl der Neinstimmen bei den Pseudowahlen in der DDR hatte Rekordniveau, lag über drei Prozent. Von diesem Spitzenwert weiß außerhalb der Stadt natürlich niemand.
Getreu dem Motto "Ruinen schaffen ohne Waffen" verfiel Plauen, und irgendwann wären die Gründerzeitbauten wahrscheinlich ganz hinüber gewesen, hätten nicht die Bürger dem SED-Regime ausgangs der achtziger Jahre den Garaus gemacht. "Es lag etwas in der Luft", erinnert sich der langjährige Plauener Superintendent Thomas Küttler an den Sommer 1989. Vielen Mitbrüdern galt Küttler als "Schwarzer", als Außenseiter, als politischer Sonderling. Erschrocken reagierten sie, als er auf einer Kirchenversammlung für das Jahr 1989 das Motto vorschlug: "40 Jahre sind genug!"
Im Mai 1989 fanden in der DDR wieder sogenannte Wahlen statt, Kommunalwahlen mit Einheitslisten der Nationalen Front. Aber diesmal war etwas anders: Diesmal beschlossen Menschen in vielen Städten, der Stimmenauszählung beizuwohnen, auch in Plauen flog so der Schwindel auf. Handwerker Wolf war einer der Wahlbeobachter, beteiligte sich an einem Protestbrief an den Staatsrat. "Ich hab überlegt, ob ich meinen Namen druntersetze", erinnert sich Wolf, und dann habe er gedacht: Ja! Jetzt ist Schluss mit dem Versteckspiel. Das war äußerst riskant in Plauen, wo keine Westkorrespondenten ihre schützende Hand über unbekannte Regimekritiker hielten.
Während in Berlin prominente Bürgerrechtler im Sommer 1989 noch Pläne für einen erneuerten Sozialismus ausheckten, hatten die Vogtländer mit der DDR längst abgeschlossen. In der ersten Hälfte des Jahres stellten mehr als 2000 Plauener Ausreiseanträge. Drei Tage vor dem "Republik-Geburtstag" belagerten Hunderte Bürger den Bahnhof der Stadt: Sie bejubelten die "Ausreiser", jene Botschaftsflüchtlinge, die mit Sonderzügen aus Prag über Plauen nach Hof gefahren wurden - bis die "Sicherheitsorgane" die Demonstranten abdrängten. In mehreren Betrieben registrierte die Stasi Beifallskundgebungen für die Flüchtlinge - und etwas, das es zuletzt 1953 gegeben hatte: Arbeitsniederlegungen.
Es folgte der 7. Oktober: Mit ein paar hundert "Störern" hatte die Stasi gerechnet, aber nicht mit 15 000 Leuten in einer Stadt von damals 74 000 Einwohnern. Wolf stellte sich mit seinem Bettlaken vor die Massen, ein anderer zückte eine DDR-Fahne, aus der er Hammer, Zirkel und Ährenkranz geschnippelt hatte. Die Menge skandierte: "Stasi raus" und "Gorbi, Gorbi".
Die Sicherheitsorgane wehrten sich mit zwei Feuerlöschzügen, die sie zu Wasserwerfern umfunktioniert hatten. Pflastersteine, Bierflaschen flogen, bis einer der beiden Wasserwerfer seinen Dienst versagte und der andere zurückgezogen wurde. Um ein Haar hätten die Menschen das Rathaus gestürmt, in dem sich der SED-Bürgermeister verschanzt hatte. Noch am selben Tag wurde der zuständige Polizeichef abgesetzt. "Es war eindeutig der erste Sieg des Jahres 1989 über die Staatsmacht", urteilt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.
Doch es war ein Sieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit. "Es gab keine Fernsehbilder", ärgert sich Küttler noch heute. Der frühere Superintendent verhandelte damals mit Polizei und SED, rief die Massen zur Gewaltfreiheit auf und bat den Bürgermeister zum Gespräch mit dem Volk. Am folgenden Sonnabend demonstrierten die Plauener wieder. Aber eine Samstagsdemo in einer Stadt, die kaum jemand kennt, kann schwer mithalten mit einer Montagsdemo, von der das Westfernsehen Bilder hat.
Plauen hielt auf seine Weise die Nase vorn, bereits am 12. Oktober gab es eine Art Runden Tisch - aber da hatten die wortgewandten Berliner Oppositionellen längst die Deutungshoheit über den gesellschaftlichen Aufbruch gewonnen. Viele von ihnen verachteten die sächselnden Aufständischen, die so schnell nach der Wiedervereinigung riefen. "Wir waren mit unserem Wunsch nach Einheit politisch nicht korrekt", erinnert sich Küttler.
Emeritus Küttler wohnt inzwischen in Leipzig, er gönnt der Metropole den Ruhm als "Heldenstadt". Aber er findet, es müsse "endlich etwas geradegerückt werden". Die Sache mit dem Denkmal wurmt ihn sehr.
Die Plauener sammeln nun für ihr eigenes Monument. Und inzwischen finden sie es sogar gut, weder Steuergelder noch ein staatliches Zeugnis aus Stein zu bekommen. In Berlin streitet man, wie das Einheits-Denkmal aussehen soll, alle möglichen Gremienmenschen reden mit. In Plauen gibt es keinen Streit, sondern ruhige Gespräche mit einheimischen Künstlern. Das hat viele Vorteile.
Nur einen Nachteil: Es könnte sein, dass vom künftigen Denkmal außerhalb von Plauen kaum jemand Notiz nehmen wird.
STEFAN BERG
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 30/2009
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