20.07.2009

RAUMFAHRTDer Mann vom Mond

Es war Kalter Krieg, als Buzz Aldrin mit zwei Kollegen 1969 die „Apollo 11“ bestieg, ein Fluggerät mit der Technik eines heutigen Handys. 40 Jahre später kommt er mühsam zurecht in einer Welt, die ihn belächelt - und meint, alle großen Geheimnisse entschlüsselt zu haben. Von Klaus Brinkbäumer
Die ganze Welt stellt diese Frage, täglich und stets diese eine, und er hat mehrere Antworten gegeben auf die Frage seines Lebens, nur von seiner Mutter sprach er nicht in vier Jahrzehnten. Er sagt, er habe keine Worte gehabt für die Wahrheit.
Warum ließ er Neil Armstrong den Vortritt? Das ist die Frage. Warum war Buzz Aldrin der zweite Mann auf dem Mond, der erste Mensch zwar, der auf dem Mond pinkelte, doch der zweite, der ihn betrat?
Buzz Aldrin spricht täglich über seine zwei Stunden auf dem Mond, er spricht vermutlich über wenig anderes seit 40 Jahren, wie auch, die 120 Minuten auf dem Mond sind sein Leben, sein Ruhm, sein Scheitern. Es gibt diese Leben, die von nur einem Ereignis geprägt werden, einem Krieg, einer Trennung, einem Triumph, und alles, was folgt, ist Nachspiel. Buzz Aldrin hat eine Diagnose für diese Sorte Leben: "Melancholie der erfüllten Aufgabe". Buzz Aldrin ist der Mann vom Mond.
"Ich war in der Form meines Lebens", sagt er, "aber zu jung, um den Mond zu verarbeiten. Man kann das ja gar nicht aushalten. Das Leben danach. Die Rückkehr zur Erde. Aber du kannst den größten Moment deines Lebens doch auch nicht verstreichen lassen, weil du nie wieder eine Chance wie diese haben wirst."
Buzz Aldrin sitzt im Mittleren Westen seiner ruhmreichen Heimat, in St. Paul, Minneapolis, wo die Häuser verfallen und die Straßen voller Löcher sind wie überall im Krisenamerika, ein 79-jähriger Herr, klein und schlank, weißhaarig, blaue Augen, Hörgerät rechts und links. Er trägt noch immer zwei Armbanduhren, wegen der Zeitzonen, dazu einen Ring mit einem goldenen Halbmond, Schlips, die Krawattennadel ist eine kleine Raumfähre.
Die Frage war: Warum stieg Neil Armstrong 20 Minuten vor Ihnen aus?
Manchmal in den vier Jahrzehnten des Nachspiels sagte Buzz Aldrin, Armstrong sei verbissen gewesen, Armstrong habe im Landeanflug die Reihenfolge geändert, Armstrong war der Kommandant und habe den Ruhm für sich gewollt.
Manchmal sagte Aldrin auch, die Reihenfolge sei auf der Erde bestimmt worden, technische Gründe, es war viel zu erledigen in jener Rumpelkammer, die sie "Mondmodul" nannten, einer musste die Verbindung zur Erde halten, das war er.
Armstrong also: die Nummer eins. Und Aldrin: Nummer zwei. Und Michael Collins war die wahre arme Sau, die Nummer drei, Collins hatte das Mutterschiff "Columbia" um den Mond herum zu fliegen, während Armstrong und Aldrin den "Eagle" besteigen durften, die Landefähre, die ungefähr so stabil aussah wie ein Zementmischer auf Stelzen.
Es gab auch Jahre, da erzählte er, es sei nicht wichtig gewesen, da die Mannschaft zählte, nur die Mission, und die Frage, wer Erster sein würde, habe keinen interessiert.
Nur von der Mutter sagte er nichts. Davon erzählt er jetzt, als 79-jähriger Herr, wenige Tage vor dem 40. Jahrestag der ersten Mondlandung.
Von ihrem Selbstmord. Den Tabletten, die sie nahm, kurz vor seinem Start. Weil sie glaubte, den Ruhm nicht ertragen zu können, den ganzen Wahnsinn einer Mondlandung in Zeiten des Kalten Krieges, weil sie ahnte, was auch in ihrem Leben los sein würde nach der Heimkehr des Sohnes vom Mond.
40 Jahre sind vergangen. Hunderte Filme gab es schon, Reportagen, Reden, Bücher. Es war eine andere Zeit, das ist eine Floskel, die stimmt. Es gab keine Mobiltelefone damals, die Mauer stand unverrückbar, Nixon war amerikanischer Präsident, Kiesinger Kanzler, Uwe Seeler spielte für den Hamburger SV. Buzz Aldrin lächelt. "Ich denke jeden Tag daran. Ob ich auch davon träume, weiß ich nicht, morgens erinnere ich mich nicht."
Er gibt selbst immer wieder mal Bücher über den Mond heraus, aber das schönste aller Werke über ihn und die anderen Helden von 1969 erscheint jetzt, 36,5 mal 44 Zentimeter groß, im Taschen-Verlag, es verknüpft einen Essay Norman Mailers mit nie gesehenen Bildstrecken, "MoonFire" ist ein Buch, das an den Zauber von Erinnerungen glauben lässt und an die Einmaligkeit des Gedruckten; die Fotos zu dieser Geschichte stammen aus jenem Buch.
Zwölf Männer waren auf dem Mond, zwei mit "Apollo 11", der ersten Mission, zehn in den Jahren danach, die Apostel des Mondes, diese zwölf kennen die von Pink Floyd besungene dunkle Seite des Mondes, die den übrigen Erdlingen fremd ist. Neil Armstrong ist heute Bauer in Ohio und für niemanden mehr zu sprechen, selbst für die Gefährten von damals nicht. Drei andere aber berichten gern.
Charles Duke, "Apollo 16", hüpfte über den Mond, es sind die fröhlichsten Archivbilder jener Jahre, reine Entdeckerlust. "Hey, du erlebst das größte Abenteuer deines Lebens, genieße es", das habe er dort oben gefühlt, erzählt Duke. Und die Erde so blau, keine Sterne drum herum. Der Himmel tiefschwarz. Der Staub, die Krater, die Leichtigkeit. Er bettelte damals, länger bleiben zu dürfen, zwei Stunden nur, ein paar Minuten nur, aber Houston lehnte ab. Auch Duke fiel auf die Erde, wie Aldrin, er verkaufte Coors-Bier im Leben nach dem Mond, wurde Prediger in Texas, heute wirkt er wie der großartigste Großvater der Welt; wer hat schon Geschichten zu erzählen wie diese?
Nicht weit von Duke, in Houston, lebt Alan Bean, "Apollo 12", der den Mond malt seit Jahrzehnten. Täglich steht er vor seiner Leinwand und holt sich zurück, was ihm seit damals fehlt; die Eindrücke von dort, die die zwölf vom Mond in Wahrheit ja mit niemandem teilen können, weil letztlich niemand versteht. "Vielleicht geht es Veteranen ähnlich, die ihrer Familie vom Krieg berichten wollen, aber es geht nicht", sagt Bean; an der Wand, zwischen den Gemälden, hängt eine Tüte Spaghetti mit Fleischsauce, die er mitgenommen und dann doch nicht ausgelöffelt hatte, heute ein Klops in Klarsichtfolie, keine Kunst.
Und Edwin Aldrin, "Buzz" genannt, seit seine kleine Schwester das Wort "brother" nicht aussprechen konnte, lebt in Kalifornien, heute ist er auf Durchreise in St. Paul.
Wer sich zurückdenken möchte in jene Zeit, also Bücher liest und Filme sieht, dem wird schnell klar, dass da kollektive Gefühle waren, von denen wir heute kaum noch wissen. Diese Angst vor Außerirdischen zum Beispiel, was ist da draußen? Oder die Furcht vor den Sowjets, diese kühle Konkurrenz der Supermächte, zunächst zwischen Kennedy und Chruschtschow, später zwischen deren eisigen Vertretern im Wettlauf um die Macht im All.
Kennedy hatte 1962 angekündigt, dass Amerika vor dem Ende der Dekade Männer zum Mond und zurück bringen würde, es werde die Reise "einer ganzen Nation", die diesen Auftrag im Auftrag aller Menschen "richtig" und "als erste" erfüllen werde. Aber Kennedy wurde ermordet, auch Martin Luther King, und in Vietnam kam alles anders als geplant, und die Amerikaner, die neuen Stolz brauchten, vertrauten sich einem Nazi an.
Wernher von Braun, der die "Vergeltungswaffe 2" gebaut hatte, ein Ingenieur und SS-Mann, landete nicht vor dem Kriegsgericht, sondern entwickelte die Trägerrakete für das "Apollo"-Projekt. Sein Gegenspieler war im Westen unbekannt, "der Chefdesigner", ein Bastler, der in Stalins Straflagern Haare und Zähne verloren hatte, Klarname Sergej Koroljow.
Es war ein Rennen zum Mond, es war riskant: Die Nasa war sich zu 99,9 Prozent sicher, dass sie ihre Fluggeräte im Griff hatte. Was heißt so eine Zahl? Eine "Apollo"-Fähre samt Mutterschiff und Trägerrakete bestand aus rund sechs Millionen Einzelteilen, eine theoretische Fehlerquote von 0,1 Prozent bedeutete 6000 mögliche Desaster. Unbemannte Testraketen explodierten ständig, das Mondprojekt war "der beste Weg zu einer sehr kurzen Karriere", wie die Astronauten scherzten.
Und dann brannte die "Apollo 1"-Kapsel aus, bei einer Simulation, niemand hatte daran gedacht, wie schnell der reine Sauerstoff innerhalb der Kapsel Feuer fangen könnte. "Wir haben die Crew verloren", sagte der Mann am Telefon; "vielleicht machen sie Pause und sind am Strand", sagte Alan Bean, dann erst verstand er.
Von da an flog eine Bibel aus feuerfestem Papier mit.
Überhaupt die Technik, heute kann Buzz Aldrin kichern, wenn er davon zu reden beginnt. Der Zentralrechner unten in Houston habe ungefähr die Intelligenz eines Mobiltelefons von 2009 gehabt und der Computer an Bord die einer modernen Waschmaschine, sagt er. Mit einem Sextanten stellten sie ihre Position fest bei einem Tempo von 40 000 Stundenkilometern.
Ein paar Sachen wussten sie natürlich. Das Raumschiff musste sich um die eigene Achse drehen während des Flugs, weil sich das Material im Sonnenlicht um 200 Grad erhitzt und im Schatten gefriert; die Kontraste hätten die Hülle zerrissen. Der "Eagle", der Adler, musste die Landung hinkriegen: Was, wenn die Stelzen einknicken würden in einem Krater, wenn die Fähre auf die Seite kullern würde? Was auch, wenn Mondwesen angriffen? Wenn Treibsand die Erdlinge verschlucken würde?
"Wir hatten keine Pillen dabei, die wir dann geschluckt hätten, das sind alles Mythen. Uns wäre ganz einfach ganz langsam die Luft ausgegangen", sagt Aldrin heute. Nicht besprochen war, ob die Nasa die Welt beim Tod auf dem Mond hätte zusehen lassen oder ob die Leitungen gekappt worden wären. Es war eine Landung im Unbekannten an jenem 20. Juli, heute ist so etwas nicht mehr denkbar, weil Forschung dieser Tage nach innen zielt, in immer kleinere Mikrowelten, und da draußen, in der Ferne, alles erobert scheint, zur Ansicht bereit auf Facebook.
Drei Teams bereiteten sich gleichzeitig vor, Armstrong, Aldrin und Collins wurden für den ersten Versuch ausgewählt. Armstrong galt als coolster aller Astronauten, er stieg bei Testflügen schon mal per Schleudersitz aus, eine Sekunde vor dem Einschlag, und ging dann arbeiten, am Schreibtisch. Aldrin galt als bester Tüftler, ein Techniker, der auch bei Partys noch von Andockmanövern im All erzählte.
Er kam aus einer Militärfamilie, der Vater Pilot, die Mutter Hausfrau, der Vater wollte, dass auch der Sohn Pilot würde, und der Sohn sagt, er habe als Zweijähriger schon Pilot werden wollen und niemals etwas anderes; Schulklassen sollte er überspringen, auch das wollte der Vater, ein Ass sein in allem, nur von Liebe war nicht die Rede. Der Sohn spielte Football, aber er war klein und warf nicht gut, er schwamm dann und las Comics. Dann spielte er diese Comics nach: Er ging ins Wasser und versuchte auf dem Grund eines Sees zu gehen und durch einen Strohhalm zu atmen, wie er es gelesen hatte, aber es funktionierte nicht gut, es war wie ein Spaziergang auf dem Mond, aber das wusste er da noch nicht. Entdecken jedoch, Abenteuer erleben: Das lockte.
Buzz Aldrin ging nach West Point, in die Militärakademie. Er flog Jets im Korea-Krieg, zweimal schoss er feindliche Flieger vom Himmel. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology und wurde Doktor der Astronautik, ging zur Nasa, sie trainierten hart, hatten nichts anderes als den Mond im Kopf, Übermenschen, Erwählte, so sahen sie sich.
14 Tage vor dem Start, sagt Aldrin, hörte er auf, Pfeife zu rauchen. Drei Tage vorher trank er sein letztes Glas Wein. Steak und Eier waren das letzte Frühstück, ein Astronautenritual. Von der Familie verabschiedete er sich nebenbei, "viel zu kühl, brutal, egozentrisch", sagt er; seine Hände liegen auf den Knien, ständig heben sie ab.
Es war der 16. Juli 1969 im Kennedy Space Center in Florida, rot, weiß und blau schimmerten Rakete und Gerüst im Morgengrauen. Die Astronauten, straff frisiert, trugen weiße Anzüge mit dicken Schläuchen, gelbe Stiefel, Kunststoffkugeln über den Köpfen. Gequältes Lächeln.
"Wir hatten keine Angst. Wenn etwas passiert, ist Zeit für Angst", sagt Aldrin.
Der Start: "Zuerst haben wir nichts gefühlt. Die Computer sagten uns, dass wir unterwegs waren." Dann kam es: Schütteln, Lärm, Vibration, der Schub.
Der Flug: "Was für ein Ritt, Baby, was für ein Ritt", sagte "Capcom", der Mann am Mikrofon im Kontrollzentrum. Einmal umkreisten sie die Erde, alles funktionierte, dann ging es in die Ferne, 384 000 Kilometer weit. "Die Erde sah auf einmal so klein aus, so zerbrechlich", sagte Collins.
In "Apollo 11" schliefen sie in Hängematten, deren Sinn war, Arme und Beine an den Körper zu pressen. Sie aßen Trockengefrorenes, das sie mit Wasser in einen verzehrbaren Zustand brachten, Nudeln, Krabben, manchmal auch Brot mit Thunfisch. Es war die Luxuspassage der Reise; im "Eagle", auf den letzten hundert Kilometern, wurde es eng und anstrengend.
Ehrfurcht, sagt Aldrin, hätten sie alle gespürt, als sie den Mond sahen, so grau, löchrig, so "schroff, fast feindselig". Ein Computerproblem wurde angezeigt, "1202"; doch Entwarnung, nichts Ernstes. Geplant war eine letzte Rast vor dem Ausstieg, aber die Astronauten konnten nicht schlafen, darum begann die Expedition sieben Stunden zu früh; "keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hatte, aber uns in dieser Situation zum Schlafen zu zwingen, das war, als wenn man ein Kind Heiligabend ins Bett sperrt", sagt Aldrin.
Sie brauchten lange, bis sie eine Stelle fanden, wo sie aufsetzen konnten. "The 'Eagle' has landed", es ist einer der mythischen Sätze Amerikas. Armstrong stieg aus, neun Stufen, Aldrin wachte. "Ja, es ist fast wie ein Puder, es ist sehr fein", meldete Armstrong zur Erde. "Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Schritt für die Menschheit", sagte Armstrong, ruhig und ernst, die Menschheit hörte ihm zu.
Die Menschheit hatte schulfrei. Sie saß vor Radios. Der Papst hatte sich einen Fernseher aufstellen lassen, es war Paul VI.; 600 Millionen Menschen sahen, was dort oben geschah, nicht viel wäre das heute, eine irrwitzige Zahl war es zu Beginn der Ära der Massenkommunikation.
Aldrin folgte, Armstrong fotografierte Aldrin. Aldrin pinkelte in einen Beutel. Sie stellten einen Spiegel auf, und 40 Jahre lang, bis ins ferne 2009, reflektierte dieser Spiegel dann Laserstrahlen, die heraufgesandt wurden von der Erde, zurück zur Erde, und so konnte berechnet werden, dass der Mond sich Jahr für Jahr um 3,8 Zentimeter von uns entfernt.
Sie rammten ein Sternenbanner in den Mond, das war das Einzige, was sie nicht geübt hatten. Aldrin salutierte. "Wunderschöne Aussicht", sagte Aldrin. "Ist das etwa nichts?", sagte Armstrong. 60 Meter weit gingen sie, sie schritten, es sind verschwommene Bilder, man spürt die Freude auf das Fremde und auch die Scheu. "Die Anzüge waren schwer, die Schwerkraft war aufgehoben, natürlich sieht das komisch aus", sagt Aldrin. "Für Laien."
"Men walk on Moon", meldete die "New York Times", 10 Cent teuer, eine Wüste aus Blei. Der "Bild"-Zeitung fiel ihre beste Schlagzeile ein: "Der Mond ist jetzt ein Ami." Buzz Aldrin sagt, der Mond sei nichts Romantisches für ihn. Nie gewesen. Er sieht kaum noch hin, nicht mal in sternklarer Nacht, Vollmond, Neumond, ihm sagt das nichts. "Er ist ein Himmelskörper, mehr nicht, er ist auch nicht da oben, er ist dort draußen, weit fort. Ich hatte mit Eklipsen zu rechnen, war mit Geometrie beschäftigt, und Sie kommen mir mit Romantik?" Nein, sagt er dann, wenn Kollegen in ihren Büchern schrieben, dass sie von oben auf die Erde geblickt und keine Grenzen und keine Kriege gesehen hätten, das ganze Geschwurbel, dann sei er immer "ganz krank" geworden. Es ließe sich einwenden, dass Sätze wie diese auch bei Aldrin stehen, aber das muss er nicht wissen, das waren Ghostwriter.
Für den Fall, dass "L.M.", das Mondmodul mit nur einem Triebwerk, nicht wieder hätte starten können, hatte Präsident Nixon seine Rede schon vorbereitet. Die Helden "wissen, dass es keine Chance auf ihre Rettung gibt, aber sie wissen auch, dass ihre Leistung der Menschheit Hoffnung macht", das hätte Nixon gesagt. Der Motor sprang an, sie hoben ab und flogen nach Hause, acht Tage nach dem Start in Florida landeten sie im Pazifik, an drei roten Fallschirmen hing ihre Kapsel.
Sie mussten dann in Quarantäne, weil niemand wusste, welche Krankheiten so anschleppt, wer vom Mond kommt. Die Helden bekamen einen Orden in Milwaukee. Studenten bewarfen sie mit Eiern.
Es kamen Leute, die alles anzweifelten. Manche glaubten nicht, dass eine Flagge ohne Wind wehen kann (sie weht nicht, ein Galgen hält sie), manche wollten eine Cola-Flasche auf dem angeblichen Mond gesehen haben (da war keine), manche erklärten Aldrin, dass das Licht, das er während des Flugs gesehen hatte, ein Ufo gewesen war. Es kam vor, dass Buzz Aldrin Leute, die solche Sachen sagten, schlug. Mit der Faust. Auf die Nase. Es ging ihm nicht gut, von wem hatte er das?
Die Mutter hatte schon einmal Tabletten genommen. Zu viele. Sie hatte es überlebt, nie hatte die Familie darüber geredet, ein Versehen war es, ja klar. Und nun hatte sie sich umgebracht, als die letzten Vorbereitungen zum Start der "Apollo 11" liefen; die Sowjets hatten Juri Gagarin im All gehabt, der die Erde umrundet hatte in 108 Minuten, die Amerikaner hatten mit dem "Gemini"-Projekt gekontert, bei dem Aldrin ausgestiegen war und hinausgekrochen ins Weltall, beide waren auf der Zielgeraden, als die Mutter sich tötete.
Stimmt das wirklich? Ihre Mutter hatte Angst vor Ihrem Erfolg?
"Es gab keinen Brief. Ich habe das verdrängt. Aber meine Schwester hat es bestätigt, ja, das hat sie." Die Mutter hieß Moon, es war ihr Geburtsname.
Marion Moon.
"Ja, traurig", sagt Aldrin, den Kopf in den Händen. Dann: "Ich wollte da nicht als Erster hinaus. Ich wollte die Öffentlichkeit nicht, in Wahrheit wollte ich ja nicht mal mehr dabei sein bei dem ersten Flug. Der zweite wäre mir lieber gewesen."
Er sagt: "Ich habe es nicht an mich herangelassen. Wir waren Soldaten, Auftragserfüller. Ich war jung, klein, ehrgeizig, ich leistete etwas, und alles, was nicht nach meinen Wünschen ging, schluckte ich leise. Ich wollte nicht aussortiert werden. Es gab keinen Jubel über große Erfolge, keine Trauer bei so einem Vorfall. Nie einen Schrei, nie einen Ausbruch, einfach keine Emotionen. Ich will ja kein gefühlloser Pilot sein, aber ich kann nicht anders. Ich nehme Schläge stoisch hin, Siege auch. Vielleicht war es falsch, vielleicht habe ich nie eine Möglichkeit gehabt, auszudrücken, was ich fühlte, vielleicht war ich innerlich so unter Druck, randvoll, vielleicht war das die Wurzel von allem, was nach der Rückkehr zur Erde passierte."
Die Tage des Ruhms, die Medaillen, die Interviews, die Frauen, all das.
Die Stille danach. Die Wochen im Bett, vor dem Fernseher, ein Baseballspiel ging über ins nächste.
Die beiden Scheidungen. Die Depressionen. Die Tage mit Scotch, die Nächte mit Scotch. Buzz Aldrin sollte dann eine Flugschule der Air Force leiten, aber er wollte das nicht, konnte das nicht, er kündigte und verstand erst hinterher, dass er das strukturierte Leben der Astronauten gebraucht hatte. "Eskapismus", sagt Aldrin, er hat Therapien hinter sich und eine Verhaftung und die Arbeitslosigkeit, auch die Monate als Autoverkäufer in Beverly Hills, es waren Cadillacs; es könnte sein, dass Buzz Aldrin der einzige Autoverkäufer der Vereinigten Staaten war, der kein einziges Auto verkaufte.
Zwei Stunden hat das Gespräch mit Buzz Aldrin gedauert. Er hat keinen besonders guten Ruf, er gilt als einer, der viel Geld für jeden Auftritt will, eigentlich für jedes Autogramm, aber heute war er neugierig und geduldig, und nach Geld hat er nicht gefragt. Er sagt, die wichtigste private Lektion aus allem sei, dass man gelassen leben müsse, weil alles andere sowieso nichts nutze. "Wenn es regnet, fang mal lieber an, den Regen zu lieben, denn es könnte noch länger regnen", sagt er, das habe ihm sein Therapeut beigebracht. Oder: Er wollte zum Mond, er war auf dem Mond, der Mond hat sein Leben verändert - "und fertig. Es fühlte sich lange so an, als sei ich das gar nicht gewesen, als sei ein anderer dort gewesen, ich musste lernen, damit zu leben, dass ich das war".
Klassentreffen finden zum Jubiläum nicht statt, Armstrong, Collins und Aldrin bekommen nicht mal gemeinsame Fototermine hin, worüber noch reden?
Buzz Aldrin twittert über den Mond. Er schreibt Kinderbücher und Autobiografien. Er rappt mit Snoop Dog, "Moonwalking is such a trip", ruft oder singt er. Er ist seit 1978 trocken, seit 21 Jahren verheiratet mit Lois, die er auf einer Single-Party kennenlernte. Er hat sich die Hängebäckchen wegmachen lassen, er hat wieder mehr Haare, Buzz Aldrin sagt, es laufe viel falsch in der modernen Raumfahrt; dass aus dem Space-Shuttle-Unfall die Konsequenz gezogen wurde, Fracht und Besatzung künftig räumlich getrennt ins All zu schießen, sei ein Fehler, einer dieser Bürokratenbeschlüsse.
Hören sie auf ihn? Er lächelt.
Er weiß schon, dass er dieser Rentner ist, dem die Neuen damals im Büro gesagt haben, es sei ihnen wichtig, wenn er künftig noch mal vorbeischaue. Dann schloss sich die Tür, und wenn er heute vorbeischaut, ist das Schweigen allen peinlich.
"Die berufliche Lektion aus unserem Erfolg war, dass es die richtige Mischung aus Beharrlichkeit und Flexibilität braucht, wenn man etwas Großes schaffen will", sagt er. Will das jemand wissen? "Erfahrung wird nicht hoch bewertet", sagt er, ganz leise jetzt.
Aber er macht weiter. Weil es nicht gut läuft mit der Raumfahrt; die Nasa wird ihre Raumstation vermutlich aufgeben, weil Barack Obama wohl lieber eine Krankenversicherung für alle Amerikaner finanzieren will. Aldrin macht weiter, weil auf dem Mars Hotels entstehen müssen, "so wie die Pilger mit der ,Mayflower' nach Amerika kamen, müssen wir zum Mars. Irgendwann werden wir Menschen einen zweiten Planeten brauchen, einen Ersatz, wir sollten vorbereitet sein", sagt Aldrin.
Er hat 289 Stunden und 53 Minuten im Weltraum verbracht, er wäre bereit, er würde sich melden, freiwillig. Zwei Jahre lang, glaubt er, wäre er unterwegs auf der Reise zum Mars.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 30/2009
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