20.07.2009

Titel

Voll in die Wolle

Von Hawranek, Dietmar

Porsche und Volkswagen sollen zusammenwachsen. Doch die Konzerne sind so unterschiedlich wie die zerstrittenen Eigentümerfamilien. Da geht es nicht nur um Macht, Milliarden und den Mythos zweier deutscher Traditionsmarken. Es geht auch um große Emotionen.

Am Ende haben sie sich tatsächlich die Hand gegeben. Als Ferdinand Piëch am Donnerstagabend bei der 100-Jahr-Feier von Audi seinem Gegenspieler Wendelin Wiedeking gegenüberstand, begrüßten sie sich kurz.

Die Schlacht war geschlagen. Piëch hatte gekämpft, wie er es gern tut, wenn es wirklich wichtig ist: "Entweder werde ich erschossen, oder ich gewinne."

In diesem Fall erwischte es mit Wendelin Wiedeking einen besonderen Gegner: den einstigen Porsche-Retter, der dann in der Manier eines echten Turbokapitalisten den viel größeren VW-Konzern erobern wollte. Mit rund 80 Millionen Euro Deutschlands bestbezahlter Manager - und einer der umstrittensten, der von sich selbst sagt: "Für viele bin ich ein Alptraum."

Jetzt soll Wiedeking gehen und von Produktionsvorstand Michael Macht abgelöst werden. Die Marke Porsche wird aufgesogen vom VW-Konzern, an dem sich das Emirat Katar dann beteiligt. Aber damit beginnen prompt die nächsten Auseinandersetzungen.

Wiedeking selbst führt den Kampf um seine Abfindung. Es geht um eine Summe jenseits der 100 Millionen Euro, einen Betrag, der die Debatte um Manager-Gagen hierzulande in eine neue Dimension katapultieren wird. Es dürfte die höchste Abfindung in der Geschichte eines deutschen Unternehmens werden. Und dies für den Manager, der Porsche zwar einst rettete, nun aber in eine existenzbedrohende Krise manövrierte.

In dieser Diskussion werden den Porsche-Boss auch seine Sprüche von einst wieder einholen: "Gehen Sie mal davon aus, dass ich nicht ins Armenhaus muss."

Und auch eine andere Auseinandersetzung wird weitergehen, die zwischen den Familien Porsche und Piëch. Denn Wiedeking war nur ein Stellvertreter im Krieg einer Industriellendynastie, wie die Republik nur wenige hervorgebracht hat.

Auf der einen Seite steht der Familienstamm der Porsches, angeführt von Wolfgang Porsche, einem Kaufmann, einem freundlichen Menschen, der stets im Schatten seines Vaters, des Konstrukteurs Ferry Porsche, und seines Bruders Ferdinand Alexander stand und erst im Alter von 63 Jahren den Aufsichtsratsvorsitz bei Porsche übernahm. Eigentlich will er stets versöhnen, wenn es denn möglich ist. Spannungsgeladene Situationen entschärft er gern, indem er einen Witz erzählt. In seinem Auftrag kämpfte auch Wiedeking.

Auf der anderen Seite die Familie Piëch, angeführt von Ferdinand, der sich erst bei Audi und später im VW-Konzern ganz an die Spitze kämpfte, über Jahrzehnte gegen Intrigen ankämpfte, eigene inszenierte und dabei Dutzende Konkurrenten beiseiteschob. Für ihn war das Leben seit der Kindheit stets ein Überlebenskampf. Einmal hat er gesagt: "Ich lasse mit Wissen die Leute, wenn ich das Vertrauen verloren habe, am Weg verhungern."

Es war bislang stets ein etwas ungleicher Kampf, an dessen Ende Piëch meist als Sieger dastand.

Die Porsches versuchten es mit Nadelstichen. Sie haben die Piëchs schon mal als "Gegenfamilie" bezeichnet. Dabei tragen sie die unterschiedlichen Namen nur, weil

der Stammvater der Sippe, Ferdinand Porsche, einst einen Sohn, Ferry, und eine Tochter, Louise, hatte (siehe Grafik Seite 64). Die Kinder von Ferry haben deshalb einen Mythos als Nachnamen, sie heißen Porsche. Die Kinder von Louise aber sind nach deren Ehemann benannt und heißen Piëch.

Wenn Wolfgang Porsche seinen Vetter ärgern möchte, bezeichnet er ihn als "Nicht-Namensträger".

Man könnte lachen über die Psychospielchen und Marotten dieses Industriellenclans, wenn er sich nur mit sich selbst beschäftigen würde. Aber die Kontrahenten kämpfen darum, wer die Hoheit über ihr gemeinsames Vermögen hat, zu dem künftig mehr als die Hälfte eines vereinten VW-Porsche-Konzerns gehört. Das ist ein Unternehmen, das 370 000 Menschen beschäftigt und sich anschickt, der Welt größter Autokonzern zu werden. Und es umfasst zugleich zwei besonders emotional beladene Symbole deutscher Industriegeschichte.

Auf der einen Seite steht der Volkswagen-Konzern mit seinem Käfer, mit dem Hitler einst das deutsche Volk motorisieren wollte und der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Symbol des deutschen Wirtschaftswunders wurde wie die Zigarren eines Ludwig Ehrhard. Auf der anderen Seite Porsche mit seinem 911er, der weltweit als die Verkörperung eines Sportwagens und höchster deutscher Ingenieurskunst gilt. Zum Mythos der Marke trug sogar ein schlimmer Unfall bei: der Tod des Schauspielers James Dean im Jahr 1955.

Der US-Komiker Jerry Seinfeld zum Beispiel sammelt die Boliden und versteht überhaupt keinen Spaß, wenn man in einem seiner über 20 Porsche krümelt. Seinfeld schwärmt: "Ein Porsche gibt Ihnen immer das Gefühl, Sie seien in der Zukunft." VW ist dann eben die etwas ödere Gegenwart.

Hier Porsche, die Hochglanz-Ikone der Exklusivität, dort Volkswagen, das Sinnbild soliden Massengeschmacks. Luxus contra Erschwinglichkeit, Geld-Elite contra neue Mitte, Golfplatz-Helden contra Generation Golf. Und das alles künftig unter einem Dach, angeführt von zwei heillos zerstrittenen Familienstämmen?

Es sind Marken, die kaum jemanden kaltlassen. Porsche verkauft den Traum, Volkswagen die Realität.

Verbunden sind die Unternehmen seit ihrer Gründung durch den Clan der Porsches. Und vieles von dem, was jetzt für erbitterte Machtkämpfe sorgte zwischen Managern aus Stuttgart und Wolfsburg, zwischen den Betriebsräten beider Konzerne und den Ministerpräsidenten der beteiligten Bundesländer, hat seine Wurzeln in Geschichte und Genen dieser Familie.

Ihre Historie ist ein Spiegelbild deutscher Geschichte, in der auch Hitler und die Zwangsarbeit eine Rolle spielen (Seite 64), später das deutsche Wirtschaftswunder und zuletzt der Casino-Kapitalismus angloamerikanischer Prägung. Denn es waren die Methoden eines Hedgefonds, mit denen der kleine Sportwagenhersteller sich seit 2005 anschickte, den 15-mal größeren VW-Konzern zu übernehmen.

Die Familienbande dahinter hat schon einige Jahrzehnte Erfahrung in Sachen Kleinkrieg. Es geht dabei um Macht und Milliarden, aber auch um große Gefühle, kleine Demütigungen und mitunter um Frauen.

Das Ganze ist skurril und amüsant, zum Teil Komödie, nicht selten Drama. Aber die Auseinandersetzungen bei Porsche zeigen auch, dass Familienunternehmen keineswegs nur ein Glücksfall der Marktwirtschaft sein müssen. Sie können zwar langfristiger planen als Kapitalgesellschaften, die möglichst schnell Gewinne ausschütten müssen. Aber sie können auch im Chaos versinken, wenn die Eigentümer nur noch mit sich selbst beschäftigt sind.

Im Fall Porsche hat jede Seite der anderen bereits so viele Wunden geschlagen, dass an einen rationalen Austausch von Argumenten kaum noch zu denken ist. Und auch wenn sich die beiden Familien jetzt erst mal einig sind über die Zukunft eines vereinten Konzerns - ruhige Zeiten stehen dem VW-Porsche-Konzern und seinen Beschäftigten gewiss nicht bevor.

Das zumindest lehrt die bisherige Entwicklung der beiden großen Unternehmen der Familie Porsche: des Sportwagenherstellers in Stuttgart-Zuffenhausen und des Autohandelshauses in Salzburg.

In diese beiden Firmen hatte Ferdinand Porsche einst sein Erbe aufgeteilt. In Stuttgart übernahm sein Sohn Ferry die Führung. In Salzburg dominierte Tochter Louise Piëch.

Auf Mitarbeiter und Aktionäre von Volkswagen muss die Entwicklung der Porsche-Firmen wie pure Ironie wirken: Über Jahrzehnte hinweg konnten sie nur deshalb zu Konzernen mit Milliardenumsätzen heranwachsen, weil sie mit dem VW-Konzern zusammenarbeiteten und von ihm profitierten. Als Porsche genügend Geld angehäuft hatte, setzte es zur Übernahme des Wolfsburger Goliaths an.

"Wir haben zwei kleine Monster genährt", sagt ein VW-Manager. "Und jetzt wollen sie uns auffressen."

Die Grundlage für diese Entwicklung schuf Ferry Porsche am 17. September 1948. Im Volkswagenwerk in Wolfsburg wurden damals unter Führung der Briten bereits wieder Käfer gebaut. Strenggenommen war dies illegal. Denn die Patente für das Modell lagen noch bei der Porsche Konstruktionen GmbH.

VW-Chef Heinz Nordhoff traf sich mit Ferry Porsche und Anton Piëch in Bad Reichenhall, um die Beziehungen zwischen den Unternehmen auf ein ordentliches Fundament zu stellen. Auf drei Punkte einigten sich die Vertreter des Porsche-Piëch-Clans:

* Porsche erhielt bis Ende 1954 für jeden produzierten Käfer eine Lizenzgebühr von 5 D-Mark. Das verschaffte der Firma frische Finanzmittel.

* Das Volkswagenwerk musste Porsche die benötigten Teile für dessen geplante eigene Autoproduktion liefern. Dies ermöglichte den Stuttgartern, eigene Sportwagen zu bauen, obwohl sie wenig Beschäftigte und nur kleine Produktionsanlagen hatten.

* Porsche erhielt in Österreich die Generalvertretung für VW-Modelle - der Grundstock für das Handelsunternehmen, das heute Autos fast aller Marken

des VW-Konzerns verkauft und über 13 Milliarden Euro Umsatz erzielt.

Seit ihrem Start werden die Unternehmen von Auseinandersetzungen zwischen den Familien Porsche und Piëch begleitet, die nicht nur der Name trennt. Sie unterscheiden sich bis in die Erziehung und ihre Mentalität hinein grundsätzlich.

Louise und Anton Piëch schickten ihre Kinder auf ein Internat. Ferdinand Piëch beschreibt es als "typisches Abhärtungsinternat, elitär, schlicht und streng". Er musste kämpfen, sich durchboxen. Geblieben sind dem späteren VW-Chef daraus nach eigener Einschätzung "ein extrem hohes Misstrauen gegenüber anderen" und die Erkenntnis, dass vieles "nur im Alleingang möglich ist, weil man sich nicht verlassen kann".

Ferry Porsche dagegen schickte seine vier Söhne auf Waldorfschulen. Ihre Erziehung erfolgte nach den Prinzipien des Anthroposophen Rudolf Steiner: "Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen." Ein Mitglied des Piëch-Clans spottet über die Ausbildungsschwerpunkte des anderen Familienzweigs: "Basteln, häkeln, singen."

Mit dem Ergebnis dieser Erziehung konnten die Piëchs lange gut leben. Im Konfliktfall suchten die Porsches den Kompromiss - oder gaben nach. Anfang der siebziger Jahre half das nicht mehr. Völlig zerstritten waren jene vier Nachfahren der Familien, die bei Porsche arbeiteten: der Designer Ferdinand Alexander Porsche, der das Erfolgsmodell 911 entworfen hatte, Produktionschef Hans-Peter Porsche, Vertriebsmanager Hans Michel Piëch und Entwicklungschef Ferdinand Piëch.

An ihm hatte sich der Streit entzündet. Ferdinand hatte die extrem teure Entwicklung des Rennwagens 917 vorangetrieben. Er agierte schon damals so, wie auch in seiner späteren Karriere bei Audi und VW: Er wollte die beste Technik, koste es, was

es wolle. Die anderen warfen ihm Geldverschwendung vor. Er wiederum spöttel-

te, dass es in einem Familienunternehmen mitunter "einen Karriereknick gibt, wenn man jemanden aus der Familie zum Frühstück nur knapp grüßt".

Ferry Porsche bestellte die Familienmitglieder 1970 zur Gruppentherapie auf das Schüttgut, einen Hof im österreichischen Zell am See, auf dem er und seine Schwester Louise Piëch während des Zweiten Weltkriegs ihre Kinder untergebracht hatten. Schon das Gebäude und die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit sollten eine beruhigende Wirkung auf den rebellischen Nachwuchs haben.

Das Ergebnis der Beratung fiel jedoch anders aus als erwartet. "Wir gerieten uns voll in die Wolle", sagt Ferdinand Piëch. Die Familie entschied, dass künftig keines ihrer Mitglieder mehr bei Porsche arbeiten und externe Manager die Firma führen sollten.

Die meisten Clan-Mitglieder spielen seither in der Autoindustrie nur noch eine Rolle als weitgehend unsichtbare Porsche-Eigentümer, aber nicht mehr als Manager. Für Ferdinand Piëch indes begann damit erst richtig die Karriere, die ihn zuerst auf den Chefposten bei Audi und dann an die Vorstandsspitze des VW-Konzerns führte.

Dass Piëch bereits früh zur zentralen Reizfigur in der Familie wurde, lag auch an seinem bewegten Privatleben, das sich in Zahlen messen lässt: Er hat zwölf Kinder mit vier Frauen.

Verheiratet war er seit seiner Studentenzeit, aus dieser Ehe hatte er fünf Kinder. 1972 dann spannte er ausgerechnet seinem Cousin Gerd Porsche dessen Ehefrau Marlene aus. Das nahm der Porsche-Clan dem Piëch-Spross übel. Schon aus Prinzip, aber auch, weil so das sorgsam austarierte ökonomische Gleichgewicht zwischen den Familien durcheinandergeriet.

Das Erbe von Ferdinand Porsche war 50:50 zwischen den Porsches und Piëchs aufgeteilt. Ferry Porsche und seine vier Kinder hatten jeweils einen 10-Prozent-Anteil an der Sportwagenfirma und am Autohandelshaus. Schwester Louise Piëch und ihre vier Kinder hielten ebenfalls je zehn Prozent. Als Marlene Porsche sich scheiden ließ, musste Gerd Porsche ihr Teile seines Besitzes abtreten.

Manch einer in der Familie unterstellte Ferdinand Piëch deshalb, er wolle sich durch die Verbindung mit Marlene auch einen höheren Anteil am Unternehmen sichern. Der Gescholtene sagt: "Schon aus diesem Grund wäre eine Heirat für mich nie in Betracht gekommen."

Er lebte dann zwölf Jahre mit Marlene "mehr oder weniger zusammen", zeugte zwei Kinder mit ihr und zwei weitere mit einer anderen Frau. "Ich kann mich ins asketische wie ins orientalische Wesen hineindenken", kommentierte er seine Lebensweise später. "Jedenfalls weiß ich, dass ich meine Schaffenskraft aus den ruhigeren Zeiten geschöpft habe."

Schließlich verließ er auch Marlene, und zwar - nächste Schmach für den anderen Clan-Zweig - für das Kindermädchen Ursula Plasser. Mit ihr hat Piëch drei Kinder. Und mit ihr ist er bis heute verheiratet.

Die Art und Weise, wie er mit Marlene umsprang - sie versetzt manche im Porsche-Clan noch immer in Zorn, wenn sie auf Ferdinand Piëch treffen. Und auch dessen älterer Bruder Ernst sorgte für Verwerfungen. Der wollte 1983 seine Firmenanteile an arabische Investoren verkaufen. Die übrigen Familienmitglieder mussten knapp 100 Millionen Mark aufbringen, um den Ausverkauf zu verhindern. Weil beide Familienstämme sich die Anteile von Ernst Piëch teilten, hat die Porsche-Seite seitdem ein Übergewicht.

Der in der Familie als "Ernst-Fall" bezeichnete Vorgang spielt noch heute bei den internen Konflikten eine Rolle. Die Familien haben sich zwar verpflichtet, im Aufsichtsrat von Porsche und beim Handelsunternehmen in Salzburg nur gemeinsam abzustimmen. Sie müssen sich zuvor einigen. Dennoch erinnert Wolfgang Porsche die "Gegenfamilie" im Streitfall gern: "Wir haben ein paar Prozent mehr."

Anfang der neunziger Jahre geriet der Sportwagenbauer dann in eine schwere Krise. Der US-Markt, wo Porsche die Hälfte seiner Fahrzeuge verkaufte, war eingebrochen. Toyota bot umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro für die Firma. Doch die Familie wollte nicht verkaufen.

So kam 1993 der damals völlig unbekannte Produktionschef, Wendelin Wiedeking, auf den Chefposten. Die ersten fünf, sechs Jahre im Amt waren die besten des Wendelin Wiedeking. Da war er der Sanierer. Mal holte er japanische Berater ins Werk, was die stolzen Porsche-Monteure in Stuttgart als Beleidigung empfanden. Mal ging der junge Vorstandschef mit der Flex in die Fabrik und zerstörte Eisenregale. So wollte er der misstrauischen Belegschaft zeigen, dass eine japanisch-schlanke Produktion keine Vorratslager benötigt. Wiedeking trieb auch die Manager lautstark an. Wenn einer nicht mitzog, drohte er: "Dem schneid ich die Eier ab."

Selbst Ferdinand Piëch, mittlerweile vom Chefposten bei Audi an die Vorstandsspitze des VW-Konzerns in Wolfsburg gewechselt, war beeindruckt und sagte, er wisse nicht, ob er die Porsche-Sanierung mit der gleichen Konsequenz wie Wiedeking durchgezogen hätte.

Die Familien erwiesen sich als großzügig. Sie garantierten Wiedeking, dass er künftig rund 0,9 Prozent des Gewinns als Bonus erhielt. Niemand konnte sich vorstellen, dass der Profit der kleinen Autoschmiede einmal auf über acht Milliarden Euro steigen und Wiedeking damit ein Gesamteinkommen von über 80 Millionen Euro jährlich einbringen könnte.

Dann begann Phase zwei in Wiedekings Wirken. Der Porsche-Chef etablierte sich als Chefkritiker. Er warf dem damaligen Kanzler Helmut Kohl fehlendes Verständnis für die Wirtschaft vor und wetterte etwa gegen Subventionen: "Luxus und Stütze passen nicht zusammen." Oder gegen die Fusionitis in der Industrie: "Wenn Größe das entscheidende Kriterium wäre, müssten die Dinosaurier noch leben."

Er sprach aus, was viele dachten. In der Großindustrie aber blieb Wiedeking ein Außenseiter, dem man seine Sprüche allenfalls durchgehen ließ, weil er eben nur der Chef der kleinen Firma Porsche war. Wiedeking selbst stilisierte dies zu seinem Erfolgsgeheimnis und gab ein Buch heraus mit dem Titel "Das Davidprinzip".

Es war die Zeit, in der die Nadelstreifen seiner Anzüge immer breiter und die Zigarren immer dicker wurden. Wiedeking sprach zunehmend von "ich", wenn er das Unternehmen meinte. Er trat auf wie ein Unternehmer und nicht wie ein angestellter Manager, dessen Vertrag jederzeit gekündigt werden kann.

Einem Ferdinand Piëch konnte das nicht gefallen. Manche vermuten, Wiedeking sei ihm zu erfolgreich geworden. Er dulde keine Götter neben sich. Vielleicht ist es aber auch viel einfacher: Dem Milliardär widerstrebt alles Großspurige und Laute.

Wenn Piëch einem Manager die Meinung sagen will, wird er ganz leise: "Das war jetzt gar keine gute Idee." Dann schweigt er eine gefühlte Ewigkeit, bis bei seinem Gegenüber die ersten Schweißtropfen auf der Stirn erscheinen. Eigentlich kann man dann um seine Papiere bitten.

Als VW-Chef wusste Piëch auch, dass ein guter Teil des Erfolgs bei Porsche nur dank der Zusammenarbeit mit Volkswagen möglich war. Allein hätte Zuffenhausen zum Beispiel nie den Geländewagen Cayenne entwickeln können. Und auch das Autohandelsunternehmen der Familien in Salzburg, in der Öffentlichkeit kaum beachtet, erlebte dank VW einen steilen Aufschwung. Es hatte die Importeursrechte der VW-Marken Volkswagen, Audi, Skoda und Seat für viele Märkte Osteuropas erhalten.

Andere Autokonzerne erledigen diese Geschäfte selbst. Deshalb kam der Verdacht auf, VW habe dem Handelsunternehmen der Familien Porsche und Piëch eine Lizenz zum Gelddrucken verschafft. Piëch sagt, Wirtschaftsprüfer hätten jedes Jahr untersucht, ob Porsche-Unternehmen bei Entscheidungen des VW-Konzerns bevorzugt worden seien. Nie hätten sie etwas beanstandet. Zudem habe er sich als Vorstandschef in Wolfsburg bei den Entscheidungen über diese Verträge stets der Stimme enthalten.

Auf jeden Fall wuchs die Salzburger Firma der Familien zum größten Autohandelshaus Europas und sicherte ihnen ein zweites Standbein neben der Sportwagenfirma Porsche. Ein Anruf des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder aber zeigte Piëch im Jahr 2000, dass die Zukunft der beiden Familienfirmen in Gefahr war. Ford-Chef Jacques Nasser hatte bei Schröder angefragt, ob die Bundesregierung etwas dagegen hätte, wenn der US-Konzern bei VW einsteigen würde.

Ein neuer Mehrheitseigentümer Ford hätte die Zusammenarbeit mit Porsche und dem Handelshaus jederzeit beenden können. Piëch erkundigte sich im Familienkreis, ob die Stämme stattdessen beim VW-Konzern einsteigen könnten. Aber er konnte sie nicht überzeugen. Einige Mitglieder des Clans hätten zwar gern die Mehrheit bei der VW-Tochter Audi übernommen. VW erschien ihnen aber zu groß und zu riskant.

So musste Piëch den Angriff aus den USA persönlich abwehren. Er verrät nicht, wie ihm das gelungen ist, und sagt nur: Er habe den Ford-Chef überzeugt, "dass ich einen ernstzunehmenden Gegner abgebe". Die Ford-Leute hätten dann "schnell aufgegeben". Es klingt wie der Satz eines Mafia-Paten: "Ich habe ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte."

Fünf Jahre später kam die Wiederauflage des Eroberungsplans: Wiedeking schlug den Familien einen VW-Einstieg vor. Er hatte ein Luxusproblem, nämlich Barreserven von über drei Milliarden Euro, die er sonst an die Aktionäre hätte ausschütten müssen. Und er sah Gefahren für Porsche. Das Unternehmen war zu klein, um auf Dauer neue Technologien selbst zu entwickeln.

Die Familien wären wohl bereit gewesen, ihre beiden Unternehmen in den VW-Konzern einzubringen und im Gegenzug einen Anteil an dem Wolfsburger Autoriesen zu erhalten. Doch da trat Holger Härter auf den Plan, der Finanzchef von Porsche. Härter ist ein eher unscheinbarer Manager, der meist einen Drei-Tage-Bart trägt, sich für Kafka interessiert und bei Eishockeyspielen der Bietigheim Steelers gern auf der Tribüne mitfiebert. In der Finanzbranche galt er bereits als einer der Cleversten.

Zusammen mit Investmentbankern hatte er ein komplexes Modell ausgearbeitet. Porsche sollte demnach mit seinen drei Milliarden Bargeld, zusätzlichen Krediten und Optionsscheinen der VW-Einstieg gelingen. Und die Familien könnten weiterhin die Sportwagenfirma in Stuttgart und das Handelshaus in Salzburg behalten. Ein Wunderwerk des Investmentbankings.

Für Wiedeking begann mit dem VW-Abenteuer die dritte Phase seines Lebens an der Porsche-Spitze: Aus dem vermeintlichen David war ein Goliath geworden. Aber er redete noch wie früher und schimpfte über Finanz-Heuschrecken, die Konzerne übernehmen und anschließend deren Kassen leeren, um sich den Kaufpreis wieder zurückzuholen. Die gleiche Strategie verfolgte er bei VW nun selbst.

Der Porsche-Boss war überzeugt, dass er vor dem Höhepunkt seiner Karriere stehe. Tatsächlich beförderte er seit dem Einstieg bei VW nur seinen Niedergang, auch wenn er dadurch zum bestbezahlten Manager der Republik werden sollte.

Einmal im Jahr lud Wiedeking zu sogenannten Chefredakteurstreffen. Vertrauliche Hintergrundgespräche in Restaurants waren vereinbart. Doch der Kreis war auch stets groß genug, dass viele Wiedeking-Sprüche, selbst wenn sie um drei Uhr morgens an der Bar gefallen waren, den Weg in die Öffentlichkeit fanden.

Es waren Lästereien über die Luxusmodelle bei VW, über Bentley, Bugatti und den Phaeton - allesamt von Ferdinand Piëch mitentwickelt. Es war Kritik an den "heiligen Kühen" von Wolfsburg, zu denen etwa der Haustarifvertrag zählte. Und es waren kaum verbrämte Protzereien über das eigene Einkommen: "Vorstandsgehälter veröffentlichen wir nicht, das würde die Republik nicht verkraften."

Nun ging Piëch endgültig auf Distanz zu seinem obersten Angestellten. Er fürchtete, dass Wiedeking zur Gefahr für einen vereinten VW-Porsche-Konzern würde. Dass der Porsche-Boss mit seiner Haudraufmethode aus befreundeten bald verfeindete Unternehmen machen könnte. Und dass sich die IG Metall die neoliberalen Sanierersprüche nicht würde gefallen lassen. Piëch zeigte seine Abneigung wie oft mit einer kleinen Bösartigkeit. Auf der Hauptversammlung des VW-Konzerns erteilte er als Versammlungsleiter dem "Herrn Dr. Wedeking" das Wort. Nicht einmal, sondern mehrfach.

Mittlerweile aber hatte ein anderes Mitglied aus dem Clan eine wichtige Position besetzt: Wolfgang Porsche, genannt WoPo. Öffentlich war er bis dahin meist nur in Erscheinung getreten, wenn er mit seiner zweiten Ehefrau, einer Filmproduzentin, Partys besuchte. Dabei gehörte er schon seit 1978 dem Porsche-Aufsichtsrat an und übernahm 2007 sogar dessen Führung.

Porsche hat das Büro seines Vaters in Zuffenhausen bezogen. Besuchern erzählt er gern, dass Schreibtisch, Stühle und Lampen noch von Ferry Porsche stammen. In einer Schublade des Schranks liegen die original Schraubenschlüssel und -dreher, Zirkel und Schablonen des Autokonstrukteurs, sorgfältig nach Größe sortiert.

Fünf Jahre hatte der studierte Volkswirt bei Daimler gearbeitet. Er hatte Yamaha-Motorräder importiert und verfügte über klare Vorstellungen darüber, nach welchen Grundsätzen Unternehmen zu führen sind. Beim VW-Konzern will er fortan keine Autos mehr entwickeln lassen, die zwar Prestige, aber keinen Gewinn bringen. Da ist er sich einig mit Porsche-Boss Wiedeking. Und er fragt: "Wozu braucht VW einen Phaeton, wenn Audi schon einen A8 hat?"

Die Welt des VW-Konzerns ist ihm sehr fremd. Dass der Betriebsrat in Wolfsburg so mächtig ist, dass VW-Personalvorstand Horst Neumann sogar Mitglied in der IG Metall ist - all dies ist für den Porsche-Spross eine Art Paralleluniversum zu seiner dynamischen Porsche-Welt.

Seinem Cousin Ferdinand Piëch, der nach seinem Ausscheiden als Vorstandschef bei VW den Vorsitz im Volkswagen-Aufsichtsrat übernahm, hat er dies schon öfter gesagt. "Ich sage ihm immer alles - auch wenn es nicht immer etwas nützt."

Immerhin registrieren jetzt viele Menschen bei Porsche wie VW, wenn WoPo etwas sagt. Und wenn er beispielsweise in einem Interview mahnt, die VW-Arbeiter sollten nicht demonstrieren, sondern lieber zurück an die Bänder gehen, braucht er auf das laute Echo des Wolfsburger Betriebsrats nicht lange zu warten.

Während Cousin Piëch die Machtstrukturen in Wolfsburg in allen Verästelungen kennt und zu nutzen weiß, begnügt sich Wolfgang Porsche mit dem Blick von außen. Ein Treffen mit dem Wolfsburger Betriebsratschef Bernd Osterloh verweigerte er lange mit der Begründung, der solle sich doch mit Porsches Betriebsrat Uwe Hück treffen. Das sei die richtige Ebene. Es ist auch die Arroganz der Süddeutschen, die Wolfsburg zusehends erbost.

Das Bild, das Wolfgang Porsche vom VW-Konzern hat, ähnelt sehr dem von Wiedeking. Beide sehen im VW-Konzern früh Geldverschwendung für Luxusmodelle und überzogene Machtansprüche der Betriebsräte. Das soll sich unter dem neuen VW-Großaktionär Porsche ändern. Schon deshalb verteidigt er seinen Wiedeking fortan gegen alle Anfeindungen.

Aber es mag damals auch eine Rolle spielen, dass er selbst dank Wiedeking nun eine Rolle besetzt, die er noch nie in seinem Leben hatte: Er ist jetzt der Herr Porsche, dem ein Teil des riesigen VW-Konzerns gehört.

Formal besetzt Wolfgang Porsche nun die wichtigste Position des Clans: Weil sein Zweig mehr Anteile an der Porsche Automobil Holding hält, ist er deren Aufsichtsratsvorsitzender. Insgesamt sitzen in dem Kontrollgremium drei Vertreter der Porsche-Familie - und nur zwei Piëchs.

Zu diesem Zeitpunkt, es ist Frühjahr 2008, scheint Ferdinand Piëch entmachtet. Er ist zwar weiterhin Aufsichtsratsboss bei VW. Aber je mehr Anteile Porsche an VW erwirbt, umso stärker wird der Einfluss der Stuttgarter auf den Wolfsburger Konzern. Wiedeking kauft und kauft VW-Aktien.

Vollends zum Befehlsempfänger degradiert würde der VW-Vorstand, wenn Porsche einen Beherrschungsvertrag mit Volkswagen abschließen würde. Dann könnten die Stuttgarter einfach so die Finanzreserven in Wolfsburg plündern - und damit VW den eigenen Verkauf teilweise auch noch selbst bezahlen lassen.

Nur zwei Voraussetzungen müssen noch erfüllt werden: Porsche braucht 75 Prozent der VW-Aktien. Und das VW-Gesetz muss fallen, das dem Land Niedersachsen eine Sperrminorität und damit ein ewiges Veto einräumt. Beide Probleme scheinen lösbar, doch dann zeigt Ferdinand Piëch, zu welcher Meisterschaft in Sachen Machtkampf er es gebracht hat. Schließlich hat er schon einige Affären überstanden, die andere gewiss das Amt gekostet hätten: den Fall López, als der von General Motors zu VW gewechselte Einkäufer José Ignacio López geheime Unterlagen nach Wolfsburg mitgebracht hatte, und den Skandal um bezahlte Lustreisen für VW-Betriebsräte.

In der neuen Auseinandersetzung suchte Piëch zuerst Verbündete. In diesem Fall sind dies der VW-Betriebsrat und Ministerpräsident Wulff. Bei der Wahl der Partner lässt er sich nicht durch Gefühle leiten. Auf Wulff müsste er eigentlich sauer sein, weil der ihn kurz nach dem Einstieg von Porsche bei VW im Wolfsburger Aufsichtsrat ablösen wollte.

Gattin Ursula, die ihren Ferdinand bei Autoshows ebenso begleitet wie auf Hauptversammlungen, knüpft Kontakte zum einstigen Gegner. Sie lässt sich auf den Gips ihres verletzten Arms eine Widmung von Wulff schreiben. Gemeinsam ist das Ehepaar Piëch dann unter den Gästen, als Wulff in Salzburg zum Ehrensenator ernannt wird. Man spricht sich aus und agiert künftig gemeinsam.

Am 15. April 2008 trifft sich Wulff mit Kanzlerin Angela Merkel im "Sale e Pepe", einem kleinen Italiener in Berlin-Charlottenburg. Es ist ein Gespräch, das ganz entscheidend wird für die weitere Entwicklung des Machtkampfs zwischen Porsche und VW. Denn wenn die EU-Kommission das VW-Gesetz wie beabsichtigt kippt, hätte Porsche freie Fahrt in Wolfsburg. Doch an diesem Abend gelingt es Wulff, die Kanzlerin zu überzeugen. Sie setzt danach durch, dass Niedersachsen auch bei einem geänderten VW-Gesetz seine Sperrminorität behält.

Die ersten Züge in Piëchs Schachspiel werden sichtbar. Als Nächstes will er den Durchgriff von Porsche auf den VW-Konzern begrenzen. Ein Ausschuss des Wolfsburger Aufsichtsrats soll künftig alle Geschäfte mit Porsche genehmigen. Zur Sitzung, auf der abgestimmt wird, erscheint Piëch nicht. Er hat seine Stimmbotschaft schriftlich hinterlegt. Es ist eine Enthaltung. Damit haben die zehn Arbeitnehmervertreter und Ministerpräsident Wulff die Mehrheit.

Wiedeking und Wolfgang Porsche werden völlig überrascht. Sie toben. Piëch hat sie zuvor nicht informiert.

Damit aber überzieht der große Stratege. Nicht nur Cousin Wolfgang Porsche ist "entsetzt", auch der eigene Bruder Hans Michel Piëch, ein eher besonnener Rechtsanwalt, geht auf Distanz. Einige aus der Familie planen den Putsch. Sie wollen Piëch als ihren Vertreter im Aufsichtsrat von VW ablösen. Und sie sind es leid, dass Ferdinand sie mal wieder vorführt. Piëch spielt auf Zeit.

Zu angesetzten Familientreffen erscheint er nicht. Später erklärt er den Verwandten nur, es habe kein böser Plan hinter seinem Abstimmungsverhalten gesteckt. Und natürlich wolle er, dass Porsche und VW weiter zusammenwachsen.

Der geplante Aufstand fällt in sich zusammen, bevor er richtig beginnt. Die meisten Mitglieder des Clans wollen vor allem ihre Dividende kassieren und ihre Ruhe haben. Ferdinand Piëch sind sie nicht gewachsen. Er strebt seit Jahren die ganz große Lösung an: den VW-Porsche-Konzern, den seine Familie, aber vor allem natürlich er selbst entscheidend steuert.

Das ist sein Lebensziel - und manchmal hat er auch einfach nur Glück. In diesem Fall kommt ihm ausgerechnet die Finanzkrise zu Hilfe. Porsche hat sich verspekuliert und ist nun mit rund zehn Milliarden Euro hoch verschuldet. Der VW-Konzern hat Cash-Reserven von über zehn Milliarden Euro. Wer das Geld hat, hat die Macht. VW bietet an, das Sportwagengeschäft von Porsche zu kaufen. Dann könnte die Porsche Holding mit dem Erlös ihre Schulden abbauen.

Doch das wäre das Ende der schwäbischen Selbständigkeit. Finanzchef Härter versichert Porsche-Boss Wiedeking, man werde das Schuldenproblem allein lösen. Wiedeking erklärt Wolfgang Porsche, ein Einstieg des Scheichs von Katar könnte Porsche retten. Der Miteigentümer will es nur zu gern glauben.

Aber Piëch inszeniert sein eigenes Spiel: Ganz entspannt erscheint er am 11. Mai mit Gattin Ursula auf der Terrasse eines Hotels an der Costa Smeralda auf Sardinien. Ein paar Dutzend Journalisten soll der neue VW Polo präsentiert werden. Nun lauschen sie andächtig den Worten des Patriarchen, der mit wenigen Sätzen seinen Widersacher hinrichtet: "Zurzeit habe ich noch Vertrauen zu Wiedeking", sagt er und fügt nach kurzer Pause an: "Streichen Sie das Wort 'noch'."

Er erwarte nicht, dass Wiedeking von sich aus aufgebe. "Der müsste sehr viele Stufen runtersteigen, ein Rollenwechsel vom Durchmaschierer zur Demut."

Später dann drängt Frau Piëch ihren Gatten zum Aufbruch: "Was man bis 23 Uhr nicht erledigt hat, wird nichts mehr. Und um Mitternacht gehen nur noch Lumpen ins Bett." Beide lächeln versonnen, und Piëch verabschiedet sich mit den Worten: "Bitte um gute Nachrede."

Wiedeking aber kämpft. Der Scheich aus Katar ist seine letzte Hoffnung. Doch die Vertreter von Katar wollen sich nicht in den Kampf der Familien und der Konzerne einmischen. Sie wollen erst nach einer Einigung der Parteien investieren, und dann in den VW-Konzern.

Und Wolfgang Porsche will die Niederlage zumindest nicht vor anderen eingestehen. Als Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück ihn vergangene Woche fragte, wie es aussehe, sagt er: "Es ist noch alles offen." Auch die geplante Entlassung Wiedekings hat er noch dementiert. Hück schoss deshalb noch munter gegen Christian Wulff. Der Ministerpräsident solle "jetzt endlich mal die Klappe halten".

Dabei haben die Familien Porsche und Piëch sich längst darauf verständigt, dass am Donnerstag dieser Woche auf der Aufsichtsratssitzung beschlossen werden soll: Die Porsche AG wird in zwei Schritten an VW verkauft. Die Wolfsburger übernehmen zuerst 49,9 Prozent und zu einem späteren Zeitpunkt die übrigen Anteile. Die Porsche Holding dürfte dafür rund acht Milliarden Euro bekommen und kann ihre Schulden weitgehend tilgen. Möglicherweise übernimmt VW sogar noch das Autohandelshaus der Familien in Salzburg, was ihnen über drei Milliarden Euro einbringen dürfte.

Im Gegenzug halten die Familien dann über 50 Prozent an einem vereinten VW-Porsche-Konzern. Niedersachsen soll weiterhin mit über 20 Prozent beteiligt sein, Katar mit einem Paket zwischen 14,9 und 19,9 Prozent.

Das Vermögen der Porsches und Piëchs hat sich vervielfacht. Hatten sie vor dem Einstieg in Wolfsburg 100 Prozent an dem kleinen Sportwagenbauer Porsche, besitzen sie nun über die Hälfte des zweitgrößten Autokonzerns der Welt. Es war vielleicht eine schmutzige, aber auch außerordentlich profitreiche Familienfehde.

Spätestens jetzt steht der deutsch-österreichische Industriellenclan auf einer Stufe mit den großen Dynastien der Welt, den Fords, den Agnellis, den Peugeots.

Wolfgang Porsche ist dennoch der Verlierer der Auseinandersetzung. Noch immer führt er den Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding. Doch die wird künftig kaum noch eine Rolle spielen. Zu schaffen macht ihm aber auch, dass er für die Zuffenhausener Belegschaft so etwas wie ein Verräter ist, weil er den Verkauf an VW nicht verhindert hat.

Werden die Mitarbeiter ihn auspfeifen, wenn sie am 19. September wie geplant im neuen Porsche-Museum den 100. Geburtstag seines verstorbenen Vaters Ferry feiern? Nichtmilliardäre mögen schmunzeln über solche Überlegungen. Für Wolfgang Porsche sind sie ein ernstes Thema. Daran zeigt sich, dass die Vergangenheit in den beiden Familien wohl nie vergehen wird.

So viele offene Fragen stellen sich noch: Wie viel Millionen Abfindung wird Wiedeking mitnehmen? Welche Rolle wollen die Scheichs aus Katar in Wolfsburg spielen? Wie wird sich der kleine Sportwagenbauer als neue Marke im großen VW-Imperium einfügen? Und vor allem: Wird der vereinte VW-Porsche-Konzern nun zum Schlachtfeld für die Kriege des Porsche-Piëch-Clans?

Richtig spannend wird es, wenn die nächste Generation der beiden Familien das Erbe übernimmt. Dann sprechen noch mehr Menschen mit, wenn es um die Zukunft des Autokonzerns geht.

Ferdinand Piëch hat zwar die größten Chancen, dass eines seiner Kinder die Auto-Gene von ihm geerbt hat. Von seinem Dutzend Kinder, sagte er einmal, sei am ehesten der Jüngste geeignet. Doch der ist noch ein Teenager - ohne Führerschein.

DIETMAR HAWRANEK

* Am Donnerstag vergangener Woche bei der 100-Jahr-Feier der VW-Marke Audi in Ingolstadt.* Am 23. Mai bei einem Spiel des VfL Wolfsburg.* Claudia Hübner am 19. Februar beim Wiener Opernball.

DER SPIEGEL 30/2009
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DER SPIEGEL 30/2009
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Titel:
Voll in die Wolle