20.07.2009

Titel

Historische Ahnungslosigkeit

Von Hawranek, Dietmar

Porsche und VW haben nicht nur ihren Konstrukteur gemeinsam - beide Unternehmen stammen auch aus der Nazi-Zeit.

Der Mann, ohne den es weder Volkswagen noch Porsche gäbe, wurde 1875 in Böhmen geboren. Im Spenglerbetrieb seines Vaters absolvierte Ferdinand Porsche seine Lehre.

In der k. u. k. Hof-Wagen- und Automobilfabrik Lohner entwickelte er anschließend einen Antrieb, an dem heute wieder viele Konstrukteure basteln: einen Elektromotor. Das damit ausgerüstete Fahrzeug wurde bereits im Jahr 1900 zur Attraktion auf der Pariser Weltausstellung.

Schon in jungen Jahren genoss Porsche einen derart guten Ruf, dass gleich zwei Diktatoren um seine Gunst und Arbeitskraft buhlten: Adolf Hitler und Josef Stalin. Porsche selbst hatte damit offenbar nie ein Problem.

Er war ein Tüftler, ein Entwickler, der sich nur für seine Konstruktionen interessierte. Wer ihm den Auftrag erteilte, war ihm letztlich ebenso gleichgültig wie die Frage, ob es sich um zivile oder militärische Projekte handelte. Die Problemlösung war ihm wichtig, nicht die Frage, wer sie bezahlte.

Im Ersten Weltkrieg konstruierte er Flugzeugmotoren für die Armee des Kaisers von Österreich und Zugmaschinen für Mörsergeschütze.

Später entwickelte er für Daimler in Stuttgart Sportwagen, bevor er zusammen mit seinem Sohn Ferry ein Konstruktionsbüro in Stuttgart eröffnete, das Autos für Zündapp und für NSU entwickelte.

1932 besuchte eine Delegation aus Moskau Porsche in seinem Stuttgarter Büro. Kurz darauf lud Stalin ihn zu einer Informationsreise in die Sowjetunion ein. "Zuerst kam uns die Einladung so phantastisch vor, dass es uns schwerfiel, sie ernstzunehmen", erinnert sich sein Sohn Ferry später in seiner Autobiografie. "Aber sehr bald wurde uns klargemacht, dass alles wirklich ernstgemeint war."

Stalin wollte die Sowjetunion mit Hilfe von Experten aus dem kapitalistischen Ausland weiter industrialisieren. Er ließ dem Konstrukteur Flugzeug- und Automobilwerke zeigen und machte ihm schließlich das Angebot, Generaldirektor für die Entwicklung der sowjetischen Autoindustrie zu werden.

Stalin versprach Porsche viele Privilegien und Vollmachten. Doch der Deutsche lehnte ab, "nach reiflicher Überlegung", so Sohn Ferry.

Aber nicht die kommunistische Diktatur hatte ihn abgeschreckt, sondern schlicht die Sprachbarriere. Wie sollte er die gigantische Aufgabe bewältigen, wenn er sich nicht in seiner Muttersprache verständigen konnte?

Sohn Ferry schreibt, Stalins Angebot "hätte mein weiteres Leben ganz entscheidend beeinflussen können". Nicht nur seines.

Der VW Käfer wäre sonst vielleicht zum Volkswagen der Sowjetunion geworden. Womöglich wäre er dann auch nicht zum Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders geworden, sondern zur Ikone russischer Rückständigkeit - wie später der real existierende Lada.

Als Hitler 1934 von der deutschen Automobilindustrie die Entwicklung eines "geeigneten Kleinwagens" verlangte, legte Porsche das beste Konzept vor - und bekam den Auftrag. Bei der Automobil-Ausstellung 1935 lobte Hitler, er freue sich, dass es dank "der Fähigkeit des glänzenden Konstrukteurs Porsche" gelungen sei, "die Vorentwürfe für den deutschen Volkswagen fertigzustellen".

Für die Produktion des Autos musste eine neue Fabrik gebaut werden und rund um die Fabrik eine neue Siedlung entstehen, in der die Arbeiter wohnen konnten. "Hitler hatte vorgeschlagen, die Fabrik in Mitteldeutschland zu errichten", erinnert sich Ferry Porsche.

Aus einem Flugzeug heraus wurde das geeignete Gelände gesucht, das in der Nähe von Eisenbahn, Kanal und Autobahn liegen sollte. Gefunden wurde es in der Nähe der Wolfsburg, eines mittelalterlichen Schlosses, nach dem die Stadt später benannt wurde.

Die Fabrik wollte Hitler "Porsche-Werk" nennen. Ferdinand Porsche aber lehnte dies ab. So wurde daraus das Volkswagenwerk.

Das Geld für den Bau der Fabrik stammte zu großen Teilen aus Gewerkschaftsvermögen. Daraus leitet die IG Metall noch heute einen Anspruch auf erweiterte Mitbestimmungsmöglichkeiten im VW-Konzern ab. Gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat kann der VW-Vorstand die Produktion nicht in eine andere Fabrik verlagern.

"Historische Ahnungslosigkeit" warf Gewerkschaftschef Berthold Huber dem Porsche-Boss Wendelin Wiedeking deshalb vor, als der bei Volkswagen einsteigen und den Konzern in ein "normales" Unternehmen verwandeln wollte.

Die Nazis hatten nach 1933 Gewerkschaftshäuser und Druckereien besetzt, später beschlagnahmt und der Deutschen Arbeitsfront übergeben. Die musste schließlich das Grundkapital von 50 Millionen Reichsmark zur Gründung der Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH zur Verfügung stellen.

Ein echter Wagen für das Volk aber wurde während des Kriegs in Wolfsburg nicht mehr produziert. Lediglich 630 Käfer wurden hergestellt - und an Privilegierte verteilt.

Die Fabriken wurden zur Rüstungsproduktion zweckentfremdet, für Panzerketten, Minen und einen Geländewagen, der als "Kübelwagen" bekannt wurde. Tausende Zwangsarbeiter wurden später eingesetzt, Juden aus Konzentrationslagern und Kriegsgefangene vor allem aus der Sowjetunion und Polen.

Werksleiter war ab 1941 Porsches Schwiegersohn Anton Piëch. Der Historiker Hans Mommsen schreibt in seiner Studie über "Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich": "Anton Piëch erklärte im Sommer 1943 unverblümt, er müsse billige Ostarbeiter einsetzen, um nach dem Willen des Führers den Volkswagen für 990 Reichsmark zu produzieren."

Dieser Teil der Geschichte des VW-Konzerns holte Anfang der neunziger Jahre Ferdinand Piëch ein, den Sohn des einstigen Werkleiters. Er war Chef von Audi und drängte an die Spitze des Volkswagen-Konzerns.

Gegner hatte Piëch schon genug, denn er hatte auf seinem Karriereweg eine Reihe von Managern zur Seite gestoßen. Einige von ihnen verbreiteten, Piëch sei als VW-Chef nicht tragbar. Und welche Schlagzeilen würde es auf dem wichtigen US-Markt provozieren, wenn der Sohn des einstigen Wolfsburger Werkleiters, der Zwangsarbeiter eingesetzt hatte, an die Spitze des Konzerns rückte?

Ferdinand Porsche selbst diente Hitler während des Kriegs als Chef der Panzerkommission. Er stützte Hitlers Macht und profitierte von dem Regime. Historiker Mommsen glaubt dennoch: "Wie weit sich Porsche über den verbrecherischen Charakter des Regimes, dem er diente, im Klaren gewesen ist, muss offenbleiben."

Für Mommsen stellt Ferdinand Porsche "den Prototyp des ausschließlich an technologischen Fragen interessierten Fachmanns dar". Eine Untersuchungskommission der Alliierten erhob später keine Anklage gegen Porsche. Die Franzosen nahmen ihn, seinen Sohn Ferry und Schwiegersohn Anton Piëch einige Monate in Haft.

Als Ferdinand Porsche am 30. Januar 1951 starb, hinterließ er ein auf zwei Unternehmen aufgeteiltes Erbe: das Konstruktionsbüro in Zuffenhausen, aus dem sich später die Sportwagenfirma Porsche entwickelte, und die Porsche-Depen-dance in Salzburg, die zum größten Autohandelsunternehmen Europas werden sollte. DIETMAR HAWRANEK


DER SPIEGEL 30/2009
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