20.07.2009

VERSICHERUNGEN

Schein von Stabilität

Von Pauly, Christoph

Die Finanzkrise setzt auch den Lebensversicherern schwer zu. Doch ihre Kunden sollen davon möglichst wenig merken. Deshalb schönen die Unternehmen ihre Zahlen mit allerlei Bilanzkosmetik.

Die Frauen und Männer von der Inneren Mission der Evangelischen Kirche hatten nur Gutes im Sinn. Durchaus fortschrittlich gründeten sie 1924 die Verka Kirchliche Pensionskasse, um ihren Mitarbeitern eine zusätzliche Altersvorsorge zu bescheren.

Viele Jahrzehnte ging das gut, dann kam die Finanzkrise. Mit viel Gottvertrauen hatten die Kirchenleute fast ein Fünftel ihres Kapitals in Aktien angelegt und auch bei Immobilienfonds beherzt zugegriffen, wie bei jenen verbrieften Kreditpapieren, die mittlerweile als toxisch gelten. Nun klafft in der Bilanz eine Lücke von 45,7 Millionen Euro zwischen den ausgewiesenen Werten und dem, was die Anlagen tatsächlich wert sind.

Kunden ziehen Gelder ab, die beiden Vorstände wurden entlassen. Vorstandsmitglieder der Lebensversicherer HUK-Coburg und Familienfürsorge sprangen ein, um die Pensionen der Kirchenleute zu retten. Mindestens 30 anderen Versicherungen und Pensionskassen geht es ähnlich schlecht. Deren stille Reserven sind verschwunden, die sich über viele Jahre aus der Differenz zwischen Buch- und aktuellen Marktwerten in den Bilanzen aufgebaut hatten. Viele Lebensversicherer lebten 2008 von der Substanz, um die gesetzlich garantierte Mindestverzinsung der Sparanlagen in Höhe von durchschnittlich 3,6 Prozent ausschütten zu können.

Offiziell gibt die Versicherungswirtschaft Durchhalteparolen aus. "Die Finanzkrise ist keine Versicherungskrise", behauptet Jörg von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. So gelang es der Branche, im vergangenen Jahr noch einmal 80 Milliarden Euro bei den Versicherten einzusammeln. Doch inzwischen wird es eng. Auch große Assekuranzen betreiben teilweise phantasievolle Bilanzkosmetik, um die Probleme zu kaschieren. Manchmal reicht auch das nicht mehr.

"Ich höre mit Überraschung, dass manche Versicherer angeblich kaum betroffen sind", sagt Ulrich Rüther, der Chef des Sparkassen-Versicherers Provinzial NordWest. Sein Lebensversicherer schrieb bei

Wertpapierfonds und ABS-Papieren bereits gut 600 Millionen Euro ab.

Selbst die vorgeschriebenen Gewinnrückstellungen für die Kunden fielen bei den Münsteranern dieses Jahr aus, die Prüfer der Finanzaufsicht BaFin gaben eine Sondergenehmigung. Ähnlich gingen die Kollegen von der Provinzial Rheinland vor. Auch sie konnten in die eigentlich für die Kunden reservierten Töpfe nichts mehr einzahlen.

Bei der Bayerischen Beamten Versicherung BBV sieht es noch prekärer aus. Ihre Reserven sind dramatisch geschrumpft. Bei negativem Kursverlauf der Anlagen und weiteren Abschreibungen sei "die Überdeckung nicht mehr gegeben", heißt es lapidar im Geschäftsbericht.

Die 350 000 Vertragskunden des Versicherungsvereins aus München haben allen Grund, sich Sorgen zu machen. Selbst die Bilanzzahlen sind noch geschönt. Beispielsweise hat die BBV in sogenannte Zero-Wertpapiere investiert, die immer noch zu Anschaffungskosten bilanziert werden. Deren Wert lag am Stichtag eigentlich 36 Millionen Euro niedriger.

Die Assekuranz ist zudem mit knapp neun Prozent an dem Immobilienfinanzierer Aareal beteiligt, der vom Bankenrettungsfonds Soffin mit staatlichen Garantien gestützt wird. Die eigentlich nötigen Wertberichtigungen auf das Aktienpaket konnte sich die BBV nicht mehr leisten.

Seit Monaten sucht der Vorstand der BBV einen Partner. So werden in der Versicherungswirtschaft normalerweise Problemfälle aus der Welt geschafft. Doch drei Branchengrößen haben schon abgewunken. Ihnen ist das Risiko zu groß.

Ende des Jahres wird der Versicherungsverein das Neugeschäft einstellen und mit Hilfe einer Aktiengesellschaft den Neustart versuchen. Die alten Verträge sollen teilweise von anderen Versicherern übernommen werden. "Wir prüfen, ob wir Risiken an einen Rückversicherer abgeben", bestätigt BBV-Vorstand Herbert Schneidemann.

Bei der Inter Lebensversicherung sprang schon Anfang 2008 die deutlich größere Inter Krankenversicherung als neuer Eigentümer ein. Es war eine Zwangshochzeit, berichten Experten. Nun wertet es der Lebensversicherer schon als Erfolg, dass sich die Bewertungsreserven von minus 93 auf minus 75 Millionen Euro verbesserten. Dabei sind die Lebensversicherer generell zu Recht stolz darauf, dass in Deutschland noch nie ein Unternehmen pleitegegangen ist. Doch wie lange hält die Trutzburg noch?

Als es nach dem Platzen der New-Economy-Blase in der letzten Krise für manche knapp wurde, erfand die Branche eine Auffanglösung namens Protektor. Dieser Rettungsfonds wickelt seitdem die Mannheimer Lebensversicherung ab.

Allerdings könnte Protektor kaum mehrere größere Lebensversicherer retten. Also wird in den Bilanzen kräftig geschönt, getrickst und verschoben, um das Bild einer heilen Versicherungswelt aufrechtzuerhalten. Mittlerweile müssen die Versicherer nicht mehr sofort abschreiben. Die BaFin prüft erst, wenn der Buchwert mehr als 20 Prozent über dem Marktwert liegt. Vor der Finanzkrise lag die Grenze bei zehn Prozent.

"70 Prozent der Versicherer haben die Ausnahmeregelung in unterschiedlichem Maß angewendet", sagt Tim Ockenga, Versicherungsanalyst bei der Rating-Agentur Fitch. Gerade schwache Marktteilnehmer haben so die Möglichkeit, den Tag der Wahrheit weiter hinauszuzögern. Über sieben Milliarden Euro müssen deshalb nicht abgeschrieben werden.

Für die Kunden wird es immer schwieriger, die Stabilität ihrer Assekuranz einzuschätzen. Die meisten Firmen schrieben ihnen für das vergangene Jahr noch Überschussanteile zwischen vier und fünf Prozent zu - obwohl die wenigsten das Geld wirklich am Kapitalmarkt verdienten.

Schon denken die Versicherungsmathematiker darüber nach, was zu tun ist, wenn auch das nicht reicht, um das Vertrauen der Kunden zu sichern. Was passiert, wenn in großem Stil Verträge gekündigt würden, weil die Verbraucher um ihre Ersparnisse fürchten? Eine Arbeitsgruppe der Branche plädiert in einem solchen Fall dafür, einfach die Rückkaufswerte abzusenken, mit der die ausscheidenden Kunden abgefunden werden.

HDI-Gerling-Kunde Hans Berges hat nicht gekündigt - und dennoch ein Problem. Leider seien am 1. Dezember 2008 überhaupt keine stillen Reserven in den Kapitalanlagen vorhanden, musste der Rentner erfahren, als ihm am Ende der Laufzeit seine Lebensversicherung ausgezahlt wurde. Kurze Zeit später konnte der frühere Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens der Gerling-Bilanz entnehmen, dass der Lebensversicherer allerdings doch noch reichlich Reserven hat. Die waren innerhalb eines Monats auf 354,5 Millionen Euro angewachsen.

Ein Bilanzwunder? Berges mag an keinen Zufall glauben. Er will fair an den stillen Reserven des Versicherers beteiligt werden, die er auch in den selbstgenutzten Immobilien des Versicherers vermutet.

Zwar hatte die Bundesregierung die häufigen Beschwerden der Versicherten aufgegriffen und zum 1. Januar 2008 das Versicherungsvertragsgesetz geändert. Fortan sollten die Kunden zur Hälfte an den stillen Reserven beteiligt werden, die früher einen hohen Milliardenbetrag ausmachten.

Doch selbst der Ombudsmann für Versicherungen, an den Berges sich wandte, war keine Hilfe. "Bestimmt ist es für Sie allenfalls ein schwacher Trost zu erfahren, dass eine Vielzahl von Versicherern derzeit keine Bewertungsreserven ausweist", schrieb der nüchtern. Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg hat Zweifel, dass die stillen Reserven jemals in nennenswertem Umfang an die Versicherten ausgegeben werden.

"Die Versicherer geben uns Steine statt Brot", sagt sie. Die Beteiligung an den Glaspalästen der Unternehmen bleibe wohl eine Illusion. Meist erwähnen die Versicherer in ihren Briefen nicht einmal den Rechtsanspruch, wenn es um die Auszahlung der Police geht.

Nun will die Verbraucherzentrale eine Musterklage gegen einen Versicherer vorbereiten. Schließlich war es das Bundesverfassungsgericht, das die Bundesregierung bei den Bewertungsreserven zum Handeln gezwungen hatte. Die jetzige Interpretation des Gesetzes durch die Versicherer gerät zur Farce. "Die Bewertungsreserven haben nicht mehr, sondern weniger Transparenz gebracht", sagen Branchenexperten wie der Berliner Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein.

Das zeigt auch die nonchalante Art, mit der die Allianz Lebensversicherung mit dem Thema umgeht. Der Branchenführer hat immerhin auch in der Krise noch stille Reserven, die er den Kunden zuweist. Dass damit mehr Geld in die Taschen der Kunden fließt, ist indes eine Illusion. Durch die Gesetzesänderung müssten die übrigen Überschusskomponenten nach unten angepasst werden, rechtfertigte sich die Allianz in einem Brief an die BaFin.

Wegen der Finanzkrise kürzte die Allianz die Zuweisung aus dem Gewinntopf um 1,7 Milliarden Euro. Statt die Kunden verwöhnte der Münchner Konzern vor allem seine Aktionäre. Die Allianz Lebensversicherung hielt auch 2008 ihren Jahresüberschuss auf Rekordniveau. Die Eigenkapitalrendite liegt wie schon im Vorjahr bei rund 25 Prozent.

"Wie kann es sein, dass der Lebensversicherer in den ersten drei Monaten dieses Jahres schon wieder einen Gewinn von 400 Millionen Euro erzielt hat?", fragte ein Londoner Analyst vor kurzem Allianz-Vorstand Helmut Perlet irritiert. Der Risikovorstand zögerte kurz und entschied sich dann für die ungeschminkte Wahrheit. "Die Dotierung hängt davon ab, wie stark der Wettbewerb ist", antwortete er. Der Überschuss müsse letztlich zwischen den Aktionären und den Versicherungskunden verteilt werden. Und gerade in Deutschland könne es sich die Allianz leisten, die Aktionäre zu belohnen.

Ihren Kunden dagegen bietet der Konzern allenfalls Durchschnitt. Bei einer Lebensversicherung, die nach zwölf Jahren Laufzeit dieses Jahr ausläuft, liegen die Ablaufrenditen nach Berechnungen eines Branchendienstes bei 3,8 Prozent. Die Branchenbesten verzinsen das Kapital mit etwa 5 Prozent im Jahr.

Dennoch konnte die Allianz ihren Marktanteil auf 17 Prozent steigern, die Kunden schätzen das Unternehmen offenbar als besonders sicher ein. Zwar schmolzen auch die stillen Reserven des Allianz-Konzerns in der Finanzkrise zusammen. Die Verluste der Tochtergesellschaft Dresdner Bank führten zu Milliardenabschreibungen. Es drohte eng zu werden für die Allianz. Aber dann kaufte ihr die Commerzbank mit staatlicher Hilfe die Dresdner ab. Die Risiken liegen nun beim Steuerzahler. Die Botschaft: Berlin kann es sich nicht leisten, die Allianz fallenzulassen. CHRISTOPH PAULY

* Gerling Lebensversicherung in Köln, Allianz-Tochter Deutsche Lebensversicherungs AG in Berlin, Provinzial Rheinland in Düsseldorf.

DER SPIEGEL 30/2009
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