20.07.2009

FUSSBALL

Karrierekiller Homosexualität

Von Steinvorth, Daniel

In der Türkei ist ein schwuler Schiedsrichter suspendiert worden. Nun will er klagen - notfalls sogar vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

In Trabzon, so sagen die Leute, wachse jedes Kind mit einer Waffe auf. Aufbrausend und jähzornig seien die Menschen aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer, schneller mit dem Messer als mit dem Verstand. Es ist ein rauer Ort, bekannt für Hamsi, seinen würzigen Fisch, für seine fanatischen Fußballfans und für seinen legendären Verein Trabzonspor - der einzige, der jemals den großen drei aus Istanbul Paroli bieten konnte: Besiktas, Galatasaray und Fenerbahçe.

Schiedsrichter Halil Ibrahim Dinçdag, 32 Jahre, kurze Haare, Dreitagebart, markantes Gesicht, liebt seine Stadt. Nirgendwo sei die Luft so rein und süß, sagt er, wie am Schwarzen Meer. Dinçdag wäre gern in Trabzon geblieben. Er hätte gern weiter gepfiffen auf den heimischen Plätzen und nebenbei als Radiomoderator für den Lokalsender Bayrak FM gejobbt. Er hätte sein bisheriges Leben einfach gern weitergelebt.

Vor zwei Monaten wurde Dinçdag als erster schwuler Schiedsrichter der Türkei bekannt; er hat sich schließlich in einer Fernsehsendung geoutet. So etwas hatte es in der heilen Machowelt des türkischen Fußballs bisher nicht gegeben. Der Verband hat ihn suspendiert. Homosexualität ist in der Türkei zwar nicht verboten, im Fernseh- und Musikgeschäft ist sie sogar weitgehend akzeptiert, aber im Fußball?

In der Türkei ist Fußball eine nationale Angelegenheit. Vor den Spielen der Süper Lig wird die Nationalhymne gespielt, es geht immer auch um die Ehre des Landes. Homosexualität ist in dieser Welt immer noch ein Tabu.

"Du bist schwul", das ist für Fans immer noch die größtmögliche Beleidigung für einen gegnerischen Spieler. So ist das in der Türkei, und so ist es wohl überhaupt in der Welt des Fußballs.

Halil Ibrahim Dinçdag gilt seit dem Outing vielen als Fremder, Freunde haben den Kontakt zu ihm abgebrochen, als "blutlose Schwuchtel" hat ihn jemand im Internet beschimpft. "Ich glaube, dass so einer nach Gefühl pfeift. Gut möglich, dass er bei einem gutaussehenden Spieler mehr Freistöße gibt", sagt ein Schiedsrichterkollege.

13 Jahre lang hat Dinçdag in den Amateurligen gepfiffen, er war in diesem Jahr auf dem Sprung in den Profifußball und wollte die ganz Großen pfeifen. Er wusste allerdings nicht, dass er dafür auch den Militärdienst absolviert haben musste: Zu Jahresbeginn hatten ihm Militärärzte bei seiner Musterung bestätigt, dass er homosexuell veranlagt sei. In der Türkei ist das ein Grund für die Ausmusterung. "Psychosexuelle Störung" schrieben ihm die Ärzte in seinen Bericht.

Der Bericht geriet Anfang Mai in die Hände des zentralen Schiedsrichterausschusses, der den 32-Jährigen umgehend von seinem Dienst suspendierte. "Wer aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst ausgeschlossen wurde", der könne kein Schiedsrichter sein. Dinçdag protestierte, schrieb einen Brief an den Fußballverband TFF: "Ist Homosexualität etwa eine Krankheit? Ich habe kein Verbrechen begangen!"

Bevor der Fußballverband antwortete, berichtete am 13. Mai das türkische Sportblatt "Fanatik" über den Fall: "Der schwule Schiedsrichter will seine Pfeife zurück- haben." Ein Verbandsmitglied hatte die Zeitungen mit allerlei Informationen, sogar mit einer Kopie des Schreibens von Dinçdag, versorgt. Nur auf seinen Namen verzichtete "Fanatik", vorerst.

Zwei Tage später meldeten sich alle größeren Tageszeitungen und Fernsehsender auf Dinçdags Handy, Kamerateams machten sich auf den Weg nach Trabzon, sein Anwalt riet ihm zur Flucht aus der Provinz, ins sichere Istanbul. Dinçdag: "Ich hätte ins Ausland abhauen oder alles abstreiten können. Aber ich wusste, die Presseleute lassen nicht locker. Also entschied ich mich dafür, die Wahrheit zu sagen: Ja, ich bin dieser schwule Schiri, den ihr sucht."

Mittlerweile hat Dinçdag sich entschieden, den Verband zu verklagen: "Sie haben meine Persönlichkeitsrechte verletzt. Sie sind der Grund, warum ich meine Familie verlassen musste. Sie haben mein Leben zerstört." Notfalls werde er auch vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. Der türkische Verband erklärt nun, die Suspendierung des Schiedsrichters habe nichts mit dessen Homosexualität zu tun, sondern damit, dass Dinçdag "nur ein zweitklassiger Schiedsrichter ohne Talent" gewesen sei.

Mit seinem Bruder, der ein Imam ist in der Heimat am Schwarzen Meer, telefoniert er regelmäßig. Auch seine Mutter hält zu ihm. Er sei ihr Sohn, habe sie ihm gesagt, sie wolle ihn nicht verlieren.

In Istanbul selbst ist der Schiedsrichter längst zu einer Ikone der türkischen Schwulenbewegung geworden. Sie hatten ihn eingeladen, beim "Gay Pride" Ende Juni mitzulaufen, dem türkischen Christopher Street Day. Er hat abgelehnt. Das war ihm dann doch zu viel. DANIEL STEINVORTH


DER SPIEGEL 30/2009
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