Von Stock, Jonathan
Sie war gefürchtet, verhasst und geliebt, ließ sich einen Kinnbart ankleben und regierte als mächtigste Frau, die je am Nil gelebt hat. Ihr Name: Hatschepsut.
Vor rund 3500 Jahren brachte die Pharaonin ihrem Land Wohlstand und Frieden. Berühmt ist sie bis heute für den Bau des riesigen Totentempels von Dair al-Bahari. Ihr Stiefsohn Thutmosis III. indes versuchte die Erinnerung an die Ziehmutter zu tilgen. Er ließ alle Bildnisse von ihr zerstören.
Nur weniges entkam der Vernichtung. Eine der seltenen Hatschepsut-Büsten steht heute im Ägyptischen Museum von Berlin. Der bräunliche Kopf, 16,5 Zentimeter groß, gehört zu den Prunkstücken des Hauses. Im Jahr 1986 wurde er für knapp eine Million Mark angeschafft. "Berlin hat eine neue Königin!", jubelte damals die Presse.
Doch seit einiger Zeit bestehen Zweifel an der Echtheit des Stücks. Wenn die Vorwürfe stimmen, wäre Hatschepsut eines der teuersten Falsifikate, die je von einem Ägyptischen Museum gekauft wurden.
Der offiziellen Objektbeschreibung zufolge besteht die Skulptur aus "bräunlichem Granit". Ein neues Gutachten beweist nun, dass sie aus einem "Magnesit-Siderit-reichen Gestein" hergestellt ist. Keine vergleichbare Statue vom Nil wurde aus solch einem Stein gefertigt. Die wenigen bekannten Hatschepsut-Bildnisse sind aus Rosengranit, Sandstein oder weißem Kalkstein.
Bei der getesteten Probe kam zudem eine eigenartige "faserige" Substanz zum Vorschein. Das Material könnte "synthetisch" sein, heißt es in der Untersuchung der Technischen Universität Berlin, und weiter: "In der Baustoffindustrie finden derartige Materialien als Kalksandstein oder Mörtel Verwendung."
Bahnt sich da auf der Spreeinsel ein Fälschungsskandal an?
Kaum weniger verdächtig ist die Herkunft der vermeintlichen Pretiose. Man habe sie von einem "englischen Antikenhändler" erstanden, verkündete der damalige Museumsdirektor Jürgen Settgast. Über Fundort und Vorbesitzer schwieg er sich aus.
Erst der kürzlich pensionierte Museumschef Dietrich Wildung hat das Geheimnis nun gelüftet: Die Skulptur stammt aus den Händen des berüchtigten Londoner Antiquitätenschiebers Robin Symes. Dessen Depots sollen lange als Schleuse für gefälschte Kunstwerke gedient haben.
Als der Mann im Januar 2005 zeitweise in Haft kam, verfügte er über 33 Magazine, in denen sich Altertümer im Wert von 180 Millionen Euro stapelten. Doch davon, so die Berliner, sei seinerzeit noch nichts bekannt gewesen. "Symes galt über viele Jahre als der renommierteste Antikenhändler von London", verteidigt Wildung die Einkaufspolitik seines Hauses.
Doch in Wahrheit wurde über die Echtheit der Statue von Anfang an gerätselt. "Der Kopf war ziemlich verschmutzt", erinnert sich der ehemalige Oberkustos Joachim Karig. "Nach der Reinigung stellten wir fest: Das Material des Steins kennen wir nicht."
Als die Restauratoren die Skulptur anbohrten, um sie auf einem Sockel zu verankern, folgte die nächste Überraschung. Der Bohrer kam so leicht voran, als fräste er sich durch Parmesan. Das Gewicht des Kopfes liegt bei knapp drei Kilo.
Angesichts all dieser Unstimmigkeiten drängten die Experten aus der Museumswerkstatt auf eine Echtheitsprüfung. Doch weder das Berliner Rathgen-Forschungslabor noch der Münchner Geologe Dietrich Klemm, ein Spezialist für altägyptische Steinbrüche, konnten den bräunlichen Fels einordnen. Niemand wusste, woher er stammt.
1997 schließlich entlieh man die Königin für eine Ausstellung an das Warschauer Nationalmuseum. Die dortige Kuratorin Jadwiga Lipinska, die lange Jahre Grabungen neben dem grandiosen Terrassentempel der Hatschepsut in Oberägypten leitete, wurde ebenfalls arwöhnisch.
Im Ausstellungskatalog schreibt sie: "Schwierigkeiten bereitet die Identifizierung des Steins, aus dem dieses königliche Porträt gehauen wurde ... Es bestehen daher Zweifel hinsichtlich der Authentizität dieser Skulptur. Die Kenner der Kunst dieser Periode sind aber der Meinung, dass, wenn dieser Kopf falsch sein sollte, es die genialste Fälschung in der Geschichte wäre."
Die Berliner Besitzer wollen von derlei Anwürfen nichts hören. Das Stück sei ein Original, heißt es dort. Eine Beprobung hält man für überflüssig. Wildung: "Die Sache hat für uns keine große Bedeutung."
Dass nun dennoch ein Test gelang, ist dem Forscher Klaus Köller zu verdanken. Bereits kurz nach dem Erwerb der Hatschepsut im Jahr 1986 durfte er das Haupt der Pharaonin inspizieren. "Sie lag unter einer Lampe, wunderschön", erinnert er sich.
Später plagten ihn allerdings Zweifel. Über Umwege gelangte er in den Besitz einer kleinen Tüte. Sie war gefüllt mit jenen feinen Splittern, die einst bei der Sockelung der Figur angefallen waren. Mit diesem bräunlichen Schutt wurde das aktuelle Gutachten erstellt. Befund: Granit ist es nicht.
Wie Köller an das Beweismaterial geriet, mag er nicht erzählen. Niemand kann derzeit überprüfen, ob die Probe mit dem verdächtigen Bohrstaub wirklich aus dem Hatschepsut-Kopf stammt.
Das Ergebnis des Tests fügt sich allerdings gut ins Bild. Denn auch die internationale Fachwelt hegt immer mehr Zweifel an der angeblichen Kostbarkeit vom Nil. "Das Stück steht auf der Abschussliste", meint der Fälschungsexperte Martin von Falck.
Auch die Eigentümer des Objekts sind offenbar nicht mehr recht von der Echtheit überzeugt. In den letzten Jahren haben sie die Büste kaum noch ausgeliehen.
Das Schatzhaus an der Spree steckt damit gleich in einem doppelten Dilemma. Das Ägyptische Museum wurde wahrscheinlich nicht nur betrogen. Laut Vertrag ist es auch noch gezwungen, die dubiose Figur weiterhin den Besuchern zu präsentieren.
Der Grund: Beim Ankauf der braunen Pharaonin hatte sich die Ernst von Siemens Kunststiftung mit fast 500 000 Mark beteiligt. Im Gegenzug verpflichtete sich das Museum, den Kopf "in seinen Sammlungen dauernd öffentlich auszustellen".
JONATHAN STOCK
DER SPIEGEL 30/2009
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