27.07.2009

KATASTROPHEN„Physik ist gnadenlos“

Der Erdrutsch von Nachterstedt hat die Euphorie um die riesige Seenlandschaft in Ostdeutschland erschüttert. Wie sicher sind die geplanten Freizeitoasen auf ehemaligem Tagebaugrund?
Was für Superlative: Bei Halle an der Saale wird der mit 1800 Hektar größte künstliche See Deutschlands angelegt, in der Lausitz entsteht die größte künstliche Seenlandschaft des Kontinents, und die größte Landschaftsbaustelle Europas betreiben sie sowieso. Die bundeseigenen "Seenmacher", wie sich die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) gern nennt, sanieren 107 000 Hektar Boden aus ehemaligen Tagebauen im Osten. Das heißt vor allem fluten: mit 12,7 Milliarden Kubikmeter Wasser. Das Wasser konnte man sogar hören. Auf der Homepage der Firma lief pausenlos ein Trailer mit Wellengang und Brandungsrauschen.
Doch der Traum von einer Riviera des Ostens hat einen herben Rückschlag erlitten. Seit vorvergangenen Samstag drei Menschen, zweieinhalb Häuser, eine Straße und ein Aussichtspunkt in einem nicht mal halb gefüllten Tagebausee im sachsenanhaltischen Nachterstedt verschwanden, geht in den weitläufigen Flutungsgebieten zwischen polnischer Grenze und Harzvorland die Angst um.
Die Freude darüber, dass eine über Jahrzehnte entstandene Mondlandschaft unter Tonnen von Wasser verschwindet, ist über Nacht der nackten Panik gewichen. Anrainer der weitläufigen Seenlandschaft sorgen sich um ihre Existenz, die Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen kündigen neue Risikobewertungen der Bergbauflächen an, und die LMBV hat den Wellengang-Trailer aus dem Netz genommen. Sie muss jetzt besorgte Anwohnerfragen per Mail beantworten.
Das ostdeutsche Vorzeigeprojekt, jene glitzernde und fürwahr blühende Landschaft, steht plötzlich in Frage. 8,5 Milliarden Euro haben Bund und Länder in die Sanierung gesteckt. "Vom Bergmann zum Seemann", lautete die Parole, und von Jahr zu Jahr nahm die Vision vom Freizeitpark Gestalt an. Jetzt stellt Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) nüchtern fest, es werde wohl nicht überall zu einer erhofften touristischen Nutzung der Tagebaue kommen.
Gerade in Nachterstedt am Concordia-See waren die Erwartungen auf eine goldene Zukunft hoch. Mit Ausflugsdampfer, Abenteuerspielplatz am Wasser, Surfen, Segeln, Beachvolleyball. Das Ferienhäuschen mit Seeblick kostet hier zwischen 65 000 und 150 000 Euro. Seit 1998 wird der alte Tagebau geflutet. Auch wenn er erst zu knapp 40 Prozent gefüllt ist, kamen doch schon Touristen.
Die Nachterstedter haben eine lange Tradition im Bergbau. 1857 wurde die Grube "Concordia" abgeteuft, anfangs unter Tage. Die Kohle lag 15 Meter tief, doch weil die Stollen voll Wasser liefen, wurden sie bald aufgegeben. Ihre genaue Lage ist heute offenbar unklar. Sicher ist indes, dass der Boden vor Ort von jeher zum Rutschen neigte. Schon aus dem Jahr 1950 ist ein Abbruch überliefert, ein weiterer ereignete sich 1959. Damals brachen sechs Millionen Kubikmeter Erde aus der 86 Meter hohen Kante des Tagebaus. Sie begruben einen Bergmann, zwei Absetzbagger und einen ganzen Abraumzug.
Die Sanierer kannten die Vorfälle und auch die alten Halden, die von 1928 bis 1955 bei Nachterstedt aus dem Aushub des Tagebaus entstanden waren. Die jetzt vom Abrutschen betroffene Siedlung steht offenbar auf einer derartigen Aufschüttung.
Dass der Rand problematisch ist, musste die LMBV schon vor Jahren erkennen. Bereits vor 2004 führte sie Erkundungsbohrungen und Laborstudien durch und untersuchte sogenannte Setzungsfließen. Dabei rutscht der Boden davon, als hätte er sich plötzlich verflüssigt. Das Ergebnis der LMBV-Prüfung war eindeutig. Ab einem Wasserstand von 85 Metern müsse "unterhalb des Haldenfußes mit einem Böschungsgrundbruch gerechnet werden". Als vorvergangene Woche die Katastrophe passierte, hatte der See einen Stand von genau 81,4 Metern erreicht.
Die Maßnahmen, die die LMBV seinerzeit gewählt hatte, scheinen nicht genügt zu haben. Mittels sogenannter Rüttelverdichtung hatten die Sanierer das Gebiet zu sichern versucht. Dabei wird über einen Seilbagger eine Lanze in bis zu 60 Meter Tiefe gebracht. Eine rotierende Unwucht rüttelt den Boden auf und verdichtet ihn so. Die damals sanierte Halde liege ein Stück von der Siedlung entfernt, versichert die LMBV. An der jetzigen Unglücksstelle habe es keine Hinweise auf Grundbrüche gegeben. Zu keinem Zeitpunkt, sagt LMBV-Chef Mahmut Kuyumcu, hätten sein Unternehmen oder die Behörden Anzeichen für ein "Böschungsversagen" gehabt. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg ermittelt nun wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung - und prompt meldete sich ein Nachterstedter, der im Garten mehrfach eine rätselhafte Kuhle vorfand und fleißig Risse am Schuppen ausbesserte. Gemeldet hatte er die Vorfälle aber nicht.
Es könnten Monate, wenn nicht gar Jahre vergehen, bis Gutachter den Ursachen der Katastrophe auf die Spur kommen, heißt es inzwischen aus Ermittlerkreisen.
Doch es gibt Experten, die haben ihr Urteil längst gefällt. Gerd Gudehus gehört zu ihnen. Der emeritierte Professor, einst Lehrstuhlinhaber am Institut für Bodenmechanik der Universität Karlsruhe, hat vor Jahren im Auftrag der LMBV in einem großen Forschungsprojekt das Setzungsfließen in der Lausitz untersucht. Für ihn steht fest: "Diese alte Kippe ist unzureichend verdichtet. Sobald das Wasser ansteigt, wird der untere Teil zu Brei und rutscht weg." Dies sei weder ein Rätsel noch ein einmaliger Vorgang: "Physik ist gnadenlos."
Tatsächlich wurden derartige Rutschungen immer wieder registriert. Gudehus erinnert sich an eine Testsprengung der Forscher im ostsächsischen Tagebau Koschen, bei der 1998 erhebliche Erdmassen in Bewegung gerieten - und die 55-jährige Sprengmeisterin mit sich rissen. Die Frau wurde nie gefunden. 2,2 Millionen Kubikmeter Erde rutschten 1997 in die gleiche Grube, 8,5 Millionen Kubikmeter Sand gingen in Skadow bei Cottbus ab. 1987 machten sich bei Hoyerswerda 12,3 Millionen Kubikmeter Erde selbständig. Und in Lauchhammer ertrank 1991 ein Fotograf in einer Flutwelle, die eine Rutschung auf der anderen Seite des Sees ausgelöst hatte.
Einmal wollten die Wissenschaftler dem damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer vorführen, was es mit den Rutschungen in Tagebaugruben auf sich hat, und lösten einen Abgang per Sprengung aus. "Einen Meter vor dem Dienstwagen des Ministers hörte der Boden auf zu fließen", sagt Gudehus. Töpfer fand es toll, die Fachleute wurden bleich: Das Experiment war völlig außer Kontrolle geraten.
Die LMBV hat nach eigenen Angaben im Osten 1100 Kilometer Böschungen zu sanieren, 400 Kilometer davon galten als gefährdet. Das Forschungsprojekt der Wissenschaftler diente deshalb vor allem einer "signifikanten Verringerung des finanziellen Aufwandes der Kippenstabilisierung". Hat die Staatsfirma womöglich zu viel gespart? Man arbeite nach anerkannten und höchsten Sicherheitsstandards, versichert die LMBV. "Wir nehmen dabei keine Abstriche vor, nur um etwa Einsparungen zu ermöglichen. Sicherheit geht vor - von jeher", beteuert Geschäftsführer Kuyumcu.
Unbestritten ist: Wo die Wissenschaftler Alarm schlugen, wurde der Boden verdichtet. Entweder mit den Rüttlern, durch gezielte kleine Sprengungen oder schwere Gewichte. Doch mitunter hilft auch die Technik nicht mehr. 2008 musste ein Hotel am Knappensee in der Lausitz aufgegeben werden. Es stand auf einem vor 1940 aufgeschütteten Kippengelände des einstigen Tagebaus Werminghoff. Weil das Grundwasser stetig anstieg, drohte das Gelände zu rutschen. Auch hier begann alles mit einem Setzungsfließen, bei dem 2004 der Teil einer Straße verschwand.
So wird den Menschen in der Nähe von Braunkohlegruben dieser Tage bewusst, dass Nachterstedt mitnichten ein singuläres Ereignis ist. Sogar in Nordrhein-Westfalen hat das Unglück ein Nachbeben ausgelöst. "Alle Seenpläne bei uns müssen nun noch einmal überprüft werden", fordert Reiner Priggen, Fraktionsvize der Grünen im Düsseldorfer Landtag. Der wirtschafts- und energiepolitische Sprecher will einen Bericht der Bergbehörde und des Geologischen Dienstes anfordern, der die Risiken an den drei geplanten Großseen in NRW-Braunkohlerevieren einschätzt. Nach Nachterstedt, so Priggen, müsse diskutiert werden, "ob wir aus Sicherheitsgründen nicht mindestens 1000 Meter Abstand zwischen Seen und Siedlungen brauchen".
In Inden bei Düren soll ab 2030 ein elf Quadratkilometer großes Gebiet geflutet werden. Ab 2045 sind mit Garzweiler und Hambach zwei riesige neue Wasserflächen von 23 und 40 Quadratkilometern vorgesehen - bis zu 350 Meter tief. An der Stabilität der Seen und ihrer Ufer gebe es keine Zweifel, versichert das zuständige Energieunternehmen RWE Power in Köln. Doch Seegegner wie der Dürener Bürgermeister Paul Larue (CDU), der gegen eine Genehmigung des "Indeschen Ozeans" klagen will, bleiben misstrauisch: "Früher hat man Kritikern immer gesagt: Fahrt in den Osten, guckt euch an, wie toll das dort klappt. Heute, nach Nachterstedt, sollen NRW und Ostdeutschland plötzlich nicht vergleichbar sein."
Zurück bleibt eine tiefe Verunsicherung in West wie Ost, und nicht nur bei jenen, die beim Studium der Hochglanzprospekte vom "maritimen Wohnen am Wasser" träumen. Was ist zu halten von der Entwarnung der Bergämter, wonach die Sanierungen alle gut überwacht worden seien - wenn zugleich überlegt wird, ob aus Sicherheitsgründen mit einer touristischen Nutzung bis zum Ende der Flutungen gewartet werden sollte? Und Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Haseloff erklärt, er werde sich nicht hinstellen und sagen, dies könne woanders nicht passieren.
In Nachterstedt hatten die Menschen noch relatives Glück, die Katastrophe hätte verheerender ausfallen können. Einen Monat vor dem Unglück begingen die Bewohner ihr beliebtes Seelandfest. Freitagmittag feierten die Kinder der Region. Sie trafen sich rund um den Aussichtspunkt, der jetzt irgendwo auf dem schlammigen Grund des Concordia-Sees liegt.
ANDREA BRANDT, STEFFEN WINTER
Von Andrea Brandt und Steffen Winter

DER SPIEGEL 31/2009
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