27.07.2009

VERKEHR„Heikle Kombination“

Bahn-Vorstand Ulrich Homburg, 53, über die jüngsten Rad- und Achsbrüche an Zügen
SPIEGEL: ICE-Züge müssen zehnmal häufiger zur Inspektion, und die Berliner S-Bahn ist weitgehend außer Dienst, weil Räder und Achsen bruchgefährdet sind. Was läuft schief bei der Bahn?
Homburg: Die Bahn nimmt ihre Betreiberverantwortung absolut ernst. Deshalb halten wir mit riesigem Inspektionsaufwand Züge im Betrieb, deren Fahrwerke nicht dauerfest sind im Sinne der Vorschriften.
SPIEGEL: Wie bitte?
Homburg: Die Radscheiben der betroffenen Baureihen der Berliner S-Bahn sind schlicht unterdimensioniert. Wir müssen die Räder früher austauschen als ursprünglich geplant, und das so lange fortsetzen, bis die Industrie - im Falle der Berliner S-Bahn ist es Bombardier - dauerfeste Bauteile entwickelt, zugelassen und produziert hat. Wir tun das alles in enger Zusammenarbeit mit dem Eisenbahn-Bundesamt.
SPIEGEL: Bahn-Fahrwerke müssen doch so weit überdimensioniert sein, dass sie den Anforderungen in der Praxis unter allen Umständen genügen.
Homburg: Das waren sie früher auch. Erst in den vergangenen zwölf Jahren beobachten wir einen Trend zu grenzwertigen Dimensionierungen beim Einsatz immer hochfesterer Stahlsorten - eine heikle Kombination. Die Auslegung an der Belastungsgrenze sorgt für hohe Spannungsspitzen an der Oberfläche und damit für ein höheres Risiko, dass sich ein Anriss bildet. Und im hochfesten Werkstoff schreitet der Riss dann erheblich schneller fort als bei konventionellen Stahlsorten.
SPIEGEL: Kennen Sie noch mehr Züge, die die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllen?
Homburg: Nein, aber wir sind nach unseren Erfahrungen mit den ICE-Achsen im vorigen Jahr noch vorsichtiger geworden.
SPIEGEL: Verantwortlich für die Entwicklung der Züge sind die Hersteller. Zahlen sie am Ende die Zeche?
Homburg: Wir behalten uns Regressforderungen gegenüber der Industrie vor, wollen jetzt aber keine Schuldzuweisungen vornehmen, sondern schnellstens zu einer dauerhaften Lösung kommen. Die Materialschlacht, mit der wir derzeit den Betrieb aufrechterhalten, kann so nicht weitergehen.

DER SPIEGEL 31/2009
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