DER SPIEGEL



MEDIZIN

Wie ein Messerstich

Von Hackenbroch, Veronika und Winter, Steffen

Eine Familie erlebt den Horror ihres Lebens. Ein gesundes Kind stirbt unnötig durch Komplikationen bei der Geburt, nach Tagen quälenden Wartens scheitert auch eine Organspende.

Tony", sagt Swantje Reichl mit leiser Stimme, "der ist in New York." Sein New York misst 31 Zentimeter in der Breite, 13 Zentimeter in der Höhe und 24 Zentimeter in der Tiefe. Es liegt für gewöhnlich im Schlafzimmer der Familie in Leipzig-Engelsdorf, ganz oben auf dem Bücherregal. An manchen Tagen, wenn sie stark genug dafür ist, stellt sich Frau Reichl auf die Zehenspitzen, greift vorsichtig nach dem Pappkarton und trägt ihn behutsam ins Wohnzimmer. Auf dem Deckel ist ein Foto des Times Square.

Tony war nie in New York. Unter dem Kartondeckel ruhen seine blauen Babysocken, das grüne Schmusetuch, das Oberteil mit dem Schmetterling, die AOK-Karte, gültig bis Juni 2014, und ein weißer Umschlag. Darin stecken zwei Polaroidfotos. Farbig, mit harten Kontrasten. Sie zeigen Tony Reichl am elften Tag nach seiner Geburt in einem Krankenhausbett. Friedlich sieht der Junge aus, ein wenig blass. Die Bilder hat die Leipziger Uni-Klinik aufgenommen, als Andenken für die Reichls. Am 7. Oktober 2008. Da war Tony tot.

Und das Leben der Reichls geriet aus seiner Bahn. Swantje fährt jetzt mit dem Auto über rote Ampeln, schnallt sich nicht mehr an und trat kürzlich in der Garage den blauen Kinderwagen zusammen, den sie für Tony gekauft hatten. Ihr Mann Marcus hat plötzlich Ärger mit Kunden, verliert Aufträge und baut seinen Frust durch Briefeschreiben ab. Er adressiert sie an das Sächsische Sozialministerium, die Landesärztekammer, den Aufsichtsrat der Klinik, das Wissenschaftsministerium, die Staatsanwaltschaft und das Bundesjustizministerium.

Die Tage drehen sich seit Monaten nur noch um zwei Fragen: Warum musste ein gesundes Kind in einer Uni-Klinik sterben? Und wer trägt daran die Schuld?

Der 27. September ist ein beschwingter Tag. Die Reichls feiern mit Freunden und Verwandten den 31. Geburtstag von Marcus, als Swantje ein leichtes Ziehen verspürt. Wehen? Es sind noch fünf Wochen bis zum errechneten Geburtstermin. Sie hat ein ungutes Gefühl. Um 18 Uhr lässt die 30-Jährige sich ins Universitätsklinikum Leipzig fahren. Bei den Hochschulmedizinern fühlt sie sich sicher. Auf der Homepage der Frauenklinik versprechen die Ärzte, für jede "Komplikation während Schwangerschaft und Entbindung die heute bestmögliche medizinische Versorgung anzubieten". Versprochen wird ein "Team von Experten", das "medizinisch hilft und menschlich beisteht".

Inzwischen hat sich Swantje Reichl ein T-Shirt bedrucken lassen: "Lieber tot als Uniklinik".

Die Schmerzen werden schlimmer, ein Stechen im Bauch. Die Hebamme tippt auf Senkwehen. Der Muttermund, der sich zur Geburt öffnen muss, ist noch geschlossen. Irgendwann krümmt sich Reichl vor Schmerz. Die Hebamme, so erinnert sie sich, habe rasch die Geduld verloren: "Irgendetwas stimmt doch nicht mit Ihnen. Wurden Sie mal vergewaltigt, oder warum sind Sie so verspannt?"

Das Becken der Patientin ist eng, ihre Tochter musste vor Jahren per Kaiserschnitt geholt werden. Der Kopf des Kindes war so groß, dass dabei der übliche Querschnitt durch die Gebärmutter durch einen kleinen Längsschnitt erweitert werden musste. Nichts Ungewöhnliches, doch nach einer solchen "T-Inzision" ist jede weitere Geburt ein Risiko, weil dabei die Gebärmutter reißen kann. Das weiß jeder Frauenarzt und jede Hebamme.

Nur Swantje Reichl weiß nichts von der Komplikation. Niemand hat sie auf die Gefahr hingewiesen, niemand hat es in den Mutterpass geschrieben. Ihre Tochter hat sie in einem anderen Krankenhaus bekommen. In der Uni-Klinik liegt keine Krankenakte von ihr vor.

Die Patientin kommt nicht in den OP, sondern in den Kreißsaal. Bei den ersten Messungen sind regelmäßige Wehen zu erkennen, gleichmäßige Herztöne des Kindes. Auffällig sind nur die unglaublich starken Schmerzen. Medizinische Handbücher zählen vielfältige Symptome für einen drohenden Riss der Gebärmutter auf - auch starke stechende Schmerzen. Aber selbst die junge Assistenzärztin, die routinemäßig vorbeischaut, erkennt keine Gefahr und ordnet nicht einmal die dauerhafte Überwachung von Wehen und Herztönen an. Der jammernden Frau wird gar angeboten, wieder nach Hause zu gehen.

Swantje Reichl will bleiben, den herbeigeeilten Ehemann schicken die Schwestern wieder weg - heute passiere eh nichts mehr. Allein der Patientin geht es immer schlechter. Ein Schneiden und Stechen im Bauch. Wegatmen unmöglich.

Zu diesem Zeitpunkt hätte Tony vielleicht noch gerettet werden können. Wenn die Hebamme schnell einen Oberarzt gerufen hätte. Wenn der sofort einen Notkaiserschnitt gemacht hätte. Doch Swantje Reichl bekommt Schmerzzäpfchen.

Der letzte Schmerz ist besonders heftig. "Wie ein Messerstich in den Bauch." Sie fühlt, wie sich das Baby in ihr streckt. Dann ist Ruhe, keine Wehen mehr. Inzwischen ist es fast Mitternacht. Die Hebamme, so erinnert sich Swantje Reichl, sei hocherfreut gewesen: "Na sehen Sie mal. Jetzt ist doch alles gut."

Die Schwangere ahnt nicht, dass ihre Gebärmutter gerissen ist; dass ihr Baby stirbt und sie selbst in höchster Lebensgefahr schwebt. Obwohl es in jedem Lehrbuch über Geburtshilfe steht, weiß es die Hebamme offenbar auch nicht. Routinemäßig beauftragt sie eine Schülerin, die Herztöne zu messen. Es sind keine mehr da. Nun, endlich, kommt Bewegung in das Ärzteteam, es beginnt eine Not-OP. Tonys Herz schlägt doch noch ein wenig, als die diensthabende Oberärztin ihn aus dem Bauch seiner Mutter holt. Aber er sieht schlapp und blass aus, und er atmet nicht. Sein Gehirn ist vermutlich schwer geschädigt. Die Sauerstoffzufuhr im Bauch war unterbrochen, Tony lag neben der Gebärmutter.

Als Swantje aus der Narkose erwacht, bekommt sie zwei Fotos ihres Sohnes überreicht. Das Kind ist zwischen all den Kabeln und Schläuchen kaum zu erkennen. Doch die Mutter findet es wunderschön, noch schöner als in ihren Träumen. Sie bricht in Tränen aus.

Tony ist auf der Intensivstation, er wird künstlich beatmet, seine Körpertemperatur auf 33 Grad gekühlt, damit das Gehirn nicht anschwillt. Er erhält starke Beruhigungsmittel, 72 Stunden soll die Prozedur dauern. 72 Stunden zwischen Leben und Tod, zwischen Bangen und Hoffen. 72 Stunden, die den Horror der Reichls verlängern.

Der kleine Patient liegt in einer Frühchenbox. Er ist voll entwickelt. Hat Haare, Wimpern, rosige Haut. Aber er bewegt sich nicht. "Es wird schon wieder, kleiner Mann", flüstert Swantje Reichl ihm ins Ohr. Die Ärzte sind skeptisch: Die Pupillen des Kindes zeigen keine Reaktion.

Die Krankenhausverwaltung hat andere Sorgen. Man braucht für die Akten einen zweiten Vornamen. Bei Tony sei das Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen. Die Mutter fragt sich, ob Tony Blair und Tony Marshall ähnliche Probleme hatten. Die Reichls sind mit den Nerven am Ende.

Drei Tage sind vergangen, da wird Tonys Kopf mit Kontakten beklebt. Kabel werden an einem Messgerät angeschlossen. Die Ärzte wollen die Hirnströme messen. Der Apparat zeigt Ausschläge an. Hoffnung.

Es ist falscher Alarm. Das Gerät reagiert auf die Schwestern, die auf dem Gang vorbeihetzen. Es ist aus. Tony ist hirntot. Einzig die künstliche Beatmung hält seinen Körper noch am Leben.

Der Arzt fragt, ob eine Organspende in Frage käme. Beide Eltern haben einen Organspendeausweis. Herz, Leber, Dünndarm und Nieren sind bei Säuglingen gefragt. Fünf todkranke Kinder könnten dank Tonys Spende weiterleben. Dann hätte alles noch einen Sinn gehabt, tröstet sich Swantje. Die Eltern stimmen zu.

Der Hirntod muss erneut zweifelsfrei festgestellt werden, bevor es zur Organentnahme kommen kann. Doch Tony hat zu viele Medikamente im Blut. Drei Tage sollen sie noch warten. Swantje sitzt an Tonys Bett. Erzählt ihm von zu Hause. Beschreibt die Schwester, das Haus, den Garten. Erzählt von Weihnachten, das man doch zu viert verbringen wollte. Sie singt ihrem Kind Schlaflieder, während ihr die Tränen über die Wangen laufen.

Tonys Füße sind zerstochen, immer wieder muss Blut aus dem winzigen Körper abgenommen werden. Es gibt Probleme. Die Nieren bauen die Medikamente langsamer ab als erwartet. Es soll noch einmal drei Tage dauern. "Bist wohl ein Kämpfer", flüstert Swantje Reichl ihrem Sohn ins Ohr, "willst noch nicht gehen?" Die Klinik beichtet der Familie, es gebe immer noch Schwierigkeiten bei der genauen Bestimmung des Hirntodes.

Tonys Atmung fängt jetzt an zu rasseln, weil sich in seiner Lunge Wasser ansammelt. Der Hals wird faltig, Arme und Beine wirken wie eingefallen. Die Klinik kapituliert, ruft bei Marcus Reichl an. Die Organspende, murmelt der Arzt bedauernd, könne nicht durchgeführt werden. Weil Tony ein Frühchen ist.

Sie hätten es wissen müssen, hätten den Eltern die Tortur ersparen können. Dass ein Kind, das wie Tony vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren wird, nicht als Organspender in Frage kommt, ist im Kapitel über Hirntoddiagnostik der im Internet jedem zugänglichen Broschüre der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) nachzulesen.

Die DSO hat gleich zu Anfang einen Berater nach Leipzig geschickt, der die Uni-Klinik bei der Durchführung der Organspende unterstützen sollte. An der Hirntoddiagnostik war er nicht beteiligt. Warum versuchten die sichtlich überforderten Leipziger Ärzte zehn Tage lang vergebens, Tonys Hirntod festzustellen? Warum wussten sie nichts von der Frühchenregelung der DSO? Warum verlängerten sie das Leid der geplagten Familie?

Ulrich Thome, der Leiter der Neonatologie, sagt zu den Vorgängen auf Nachfrage nichts. Auch die Rechtsabteilung der Uni-Klinik äußert sich nicht. Und die DSO schweigt ebenfalls; zu groß ist vermutlich ihre Angst, dass die Uni-Klinik Leipzig in Zukunft ihre Mitarbeit bei Organspenden verweigern könnte. Thomes Kollege Holger Stepan, Leiter der Abteilung Geburtsmedizin, hat auch nichts zu erklären. Kein Wort zu den dramatischen Vorgängen am Tag der Not-OP.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Leipzig, Swantje Reichl hat Anzeige erstattet. Ein erster, von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter kam zum Schluss, dass er den Fall nicht sinnvoll begutachten könne. Ein zweiter Experte untersucht nun Tonys Tod. Der Ausgang des Verfahrens ist auch nach Monaten völlig ungewiss. Frühestens im August wird mit einer Expertise gerechnet.

Als alles aus ist, verkündet einer der Ärzte gegenüber den Eltern, dass niemand "glücklich" sei mit der Situation. Es ist dieses eine Wort zu viel. Marcus Reichl brüllt den Mediziner nieder.

Es ist der 7. Oktober. Zeit für den endgültigen Abschied von Tony. Swantje Reichl hat ihr hellbeiges T-Shirt mit den Mangas angezogen. Sie will besonders hübsch aussehen an seinem letzten Tag. Es ist 16.30 Uhr. Die Schwester klemmt den Schlauch für die Beatmung ab und legt das Kind in die Arme der Mutter. Der iPod spielt ein Lied der Söhne Mannheims, ein Ohrstöpsel liegt neben Tonys Kopf. "Und wenn ein Lied meine Lippen verlässt, dann nur damit du Liebe empfängst." Marcus Reichl hält Tonys Hand. Die Eltern weinen. "Auch wenn dein Schmerz bis an den Himmel reicht ..." Das Kind wird erst blass, dann blau, am Ende ist seine Haut fast durchsichtig. Das Lied läuft dreimal. Nach zehn Minuten hört Tonys Herz auf zu schlagen.

Für die Todesanzeige haben die Reichls gedichtet: "Und die Welt steht nun still und stumm, ein Engel kam und kehrte wieder um." Tonys Grab liegt keine 500 Meter vom Haus der Familie entfernt. "Ich kann auf dem Balkon stehen und ihm zuwinken", sagt Swantje Reichl matt. Meist fehlt ihr die Kraft, über die Straße zum Friedhof zu gehen.

Die Klinik schickt umgehend eine Rechnung für den Totenschein, die AOK eine Broschüre: "So schläft Ihr Kind sicher". Im Anschreiben steht, die Familie Reichl habe sich sicher schon gut zu Hause eingelebt, "und Ihr kleiner Tony schläft manchmal sogar schon durch". Glückwünsche zur Geburt kommen von der Leipziger Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit. Die Beamten haben das Kindergeld für Tony bewilligt.

Die Justitiarin der Klinik schreibt den Reichls eine Mail, in der sie "Sachverhaltsaufklärung" verspricht. Sie belehrt die Eltern vier Sätze später, dass sie "kein Recht darauf haben, unser Vorgehen zu bewerten". Der Haftpflichtversicherer des Klinikums werde sich mit ihnen in Verbindung setzen. Dem von der Familie angerufenen Sächsischen Wissenschaftsministerium erklärt der Klinikvorstand, die beschriebenen "medizinischen Defizite" habe es nicht gegeben.

Die Reichls haben ihren Glauben an die Mediziner und die Justiz verloren. Die Staatsanwältin habe ihnen erklärt, dass Tony ja eigentlich schon vor der Geburt im Bauch seiner Mutter gestorben sei. Im strafrechtlichen Sinne könne es bei den Ermittlungen deshalb wohl nicht um fahrlässige Tötung gehen. Möglicherweise, ergänzte ein hinzugezogener Anwalt, habe es sich um Sachbeschädigung gehandelt.

VERONIKA HACKENBROCH, STEFFEN WINTER


DER SPIEGEL 31/2009
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