03.08.2009

TitelKinder der Angst

Ratgeber, Ärzte, Therapeuten - bei der Erziehung vertraut eine neue Elterngeneration lieber auf Experten als auf das eigene Urteil. Mütter und Väter leben in ständiger Sorge, etwas falsch zu machen. Was ihnen fehlt, ist Gelassenheit.
Wenn sich Lisa Mohr Sorgen macht, steht sie am liebsten vorm Bücherregal. Auf Seite 69 in "Unser Baby - Das erste Jahr" steht geschrieben, weshalb ihre Tochter Layla, acht Wochen alt, manchmal nicht glücklich ist. Auf zwei Spalten Text wird erklärt, warum Babys weinen. Die Gründe: "Bauchweh", "Nähe brauchen", "Überanstrengung" und "Langeweile". Lisa Mohr blättert weiter. Ab Seite 70 kann sie lesen, wie viel Geschrei normal ist: Fast drei Stunden im Schnitt weinen Babys täglich. Alles andere wäre bedenklich.
Lisa Mohr ist froh. Sie hat es jetzt schwarz auf weiß, ihre Sorgen scheinen berechtigt. Tochter Layla weint oft, mehr als drei Stunden am Tag werden es sein. Nun können Hebamme und Kinderarzt noch tausendmal sagen: "Das Kind ist gesund. Der Anfang ist anstrengend." Lisa Mohr ist für derlei Beschwichtigungen gewappnet. Wenn keiner hilft, werden sich die Mohrs eben selbst helfen. Sie haben ja ihre Bücher.
Von nun an konzentrieren sich Lisa und Stefan Mohr auf Kapitel zwei: "Vom sicheren Umgang mit dem Baby". Lisa Mohr isst keine Zwiebeln und keine Paprika mehr, damit nichts Blähendes in Laylas Magen gelangt. Sie lässt tagsüber die Rollläden herunter, damit die Welt nicht hell ist, die Baby Layla aus Mamas Bauch nur dunkel kannte. Ehemann Stefan stellt in jedem Zimmer eine Wetterstation auf: 18 Grad Celsius bei konstanten 50 Prozent Luftfeuchtigkeit muss der Raum haben. Im Internet hat er gelesen, das sei der beste Schutz vor plötzlichem Kindstod. Lisa Mohr liest nicht nur Bücher, sie besucht auch Kurse. Sie belegt einen Zahnpflege-, einen Ernährungs- und einen Babykochkurs.
Dabei hat ihre Tochter weder Zähne im Mund noch jemals Brei gegessen.
Die Mohrs sind eine glückliche Familie. Sie leben in Kornwestheim bei Stuttgart. Lisa Mohr ist 23 Jahre alt, Bürokauffrau, ihr Mann Stefan, 28, arbeitet bei einer Bank. Die beiden haben noch Freunde aus Schulzeiten und wissen, was gerade im Kino läuft. Doch abends, wenn andere "Tatort" gucken, sprechen sie über die Seiten 70 ("Wie viel Babys schreien"), 75 ("Eia, popeia - uralte Tonfrequenz") und 76 ("Wann an die frische Luft" - "Vorsicht vor Extremsituationen"). Sie bitten Besuch, ein paar Monate später vorbeizukommen, um den Rhythmus des Kindes zu wahren. Sie stecken das Telefon aus, damit nicht Geklingel beim Einschlafen stört.
Mit ihrem Kind haben sich die Mohrs in einem Ausnahmezustand eingerichtet, der den Ansprüchen der Seiten 58 bis 83 genügt.
Wie die Mohrs wollen heute viele Eltern alles besonders genau wissen. Es wird nachgeschlagen: Wie kann ich mein Kind richtig erziehen? Ernähren? Fördern? Beschützen? Liebhaben? Vor der Geburt lesen sie "1000 Fragen an die Hebamme", nach der Geburt "Tyrannen müssen nicht sein". 2008 hat sich der Markt für Eltern-Ratgeber nahezu verdoppelt. Unter den wichtigsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs: "Maulende Rebellen, beleidigte Zicken. Der Erziehungscoach für Eltern", "Typgerecht fördern und erziehen" und "AD(H)S - was wirklich hilft".
Die Bescheidwisserei unter Deutschlands Eltern nimmt zu. Das Phänomen zieht sich durch alle Schichten. Die Mittelschichtsmutter mit Hochschulabschluss greift zur pädagogischen Fachliteratur. Die Verkäuferin in Teilzeit zum "Erziehungs-ABC: Von Angst bis Zorn". "Noch nie waren so viele Eltern darauf erpicht, das Heranwachsen ihrer Kinder zu steuern", sagt Heidi Keller, Professorin für Kleinkindforschung. Aber hilft es, aus seinem Kind ein Grundstudium zu machen?
Eine ganze Generation von Müttern und Vätern kann nachts nicht schlafen, aus Angst davor, zu früh mit der Kuhmilch (Allergien) oder zu spät mit dem Englisch (Synapsen zu) begonnen zu haben. Die Sorge darüber, dass der Nachwuchs zu schlecht, zu spät, zu langsam gedeiht oder lernt, bestimmt in vielen Familien den Alltag. Die Bereitschaft, der Entwicklung der Kinder nachzuhelfen, sie wenn möglich zu beschleunigen, ist riesig geworden.
Ein Viertel der Kinder in Deutschland wird in den ersten acht Jahren in eine Fördertherapie geschickt. Private Anbieter von Sprachkursen und Musikschulen haben regen Zulauf.
Mit den Eltern gehen die Nerven durch. Weshalb glauben sie, so viel wie möglich ins Kind reinfördern zu müssen?
Die Sorgen der Eltern sind in den vergangenen Jahren größer geworden. 78 Prozent der Mütter gaben in einer Forsa-Umfrage 2006 an, dass man heute mehr Angst haben müsse als früher - bei gleichbleibenden Kriminalitätsraten und niedrigeren Verkehrsunfallzahlen mit Kindern. Frei rumlaufen dürfen Kinder ohnehin kaum mehr. Das Hofkind von früher ist selten geworden. Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, zum Sport, zur Verabredung mit Freunden. "Generation Rücksitz" werden die Rumkutschierten bereits spöttisch genannt. In der Sicherheitstechnik drängen Kinderuhren und -handys mit GPS-Ortung auf den Markt. Damit man immer weiß, wo der Nachwuchs steckt.
Alles wissen wollen und trotzdem Angst haben. Was ist passiert mit den neuen Eltern? Warum trauen die sich nichts mehr zu?
Ein schöner Sonntag in München, die Sonne scheint, der FC Bayern spielt. Es ist 14 Uhr, Oberärztin Annette Jansson, 49, betritt das Haunersche Kinderspital. Bei solchem Wetter erwartete sie früher ein ruhiger Dienst. Doch heute ist in der Nothilfe der Teufel los. Acht Elternpaare, acht Kinder quetschen sich ins Wartezimmer, manche sitzen hier seit Stunden.
Die Mutter von Leo war heute Morgen schon da. Ihr sechs Wochen altes Baby hat in der Nacht leichtes Fieber bekommen, das Trinken verweigert. "Er ist sonst immer so lebhaft!" Sie wurde mit einem Zäpfchen nach Hause geschickt. Sechs Stunden später ist sie wieder da. "Na dann ziehen Sie ihn mal aus", sagt Oberärztin Jansson.
Leos Mutter hat noch andere Sorgen. "Ich hab den Schleim nicht aus der Nase bekommen. Wie geht das?" Die Ärztin beugt sich über das Kind: "Jetzt schauen wir erst mal. Ja, hallo Leo!" - "Sein Stuhl ist leicht grün, ist das richtig so?" Ärztin Jansson nickt: "Sie stillen ihn ja, dann ist das richtig." - "Wie sieht denn Durchfall aus?" Jansson greift zum Stethoskop. "Ganz flüssig, das erkennen Sie. Seit wann hat Leo nicht getrunken?" - "Er hat um acht, um zehn und um halb eins getrunken. Und sagen Sie mal: Wann ist denn Fieber?"
Das Kind ist gesund. Doch Ärztin Jansson sieht, wie wenig die Mutter sich zutraut. Sie beantwortet ihre Fragen. Sie weiß, im Wartezimmer sitzt ohnehin gerade kein Notfall.
Die Münchner Notaufnahme übernimmt am Wochenende die Arbeit, die unter der Woche die Kinderärzte erledigen. Wirkliche Notfälle wie Krämpfe, schwere Infektionen, Bewusstlosigkeit oder verschluckte Gegenstände machen nur etwa 3 Prozent der Patienten aus. Weitere 20 Prozent der Kinder brauchten den Arzt wirklich am Wochenende. "Der Rest sind Banalitäten."
Wenn es ihr zu viel wurde, hat Jansson schon Eltern nach Hause geschickt, mit dem Hinweis, dass das eine Rettungsstelle und keine Kinderarztpraxis sei. Auf der Internetseite der Klinik wird in dicken roten Buchstaben gewarnt: "Die Notfallambulanz ersetzt nicht den niedergelassenen Kinderarzt."
Jansson hat ihre dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, unterm Arztkittel trägt sie Jeans. Sie wird heute noch jede Menge Magen-Darm-Infekte und ein paar entzündete Augen zu sehen bekommen. Sie trinkt im Schwesternzimmer einen Kaffee und betont, dass es ihr allemal lieber sei, die Eltern gingen zu früh zum Arzt als zu spät.
Doch könnten viele nicht mehr wirklich unterscheiden, was ein Notfall ist und wofür man zu Hause nur ein wenig Nervenstärke braucht. Ein Infekt, Husten, Durchfall - schlimm oder nicht schlimm? "Erfahrene Eltern bleiben auch mal daheim."
Jansson bemerkt auf dieser Station neuerdings häufiger, wie schwer sich die Eltern mit ihrer Verantwortung tun. Normale, fürsorgliche Eltern, die im Grunde wissen, dass ihren Kindern nichts Schlimmes fehlt. Die das aber noch mal aus dem Mund eines Arztes hören müssen.
Es kommt manchmal vor, dass Eltern einfach wieder heimgehen. Verschwinden, obwohl sie bereits angemeldet sind. Vermutlich, weil ihnen die Wartezeit zu lang wird. Oder weil sie merken, dass sie zwischen Sauerstoffbeuteln und Herz-Lungen-Maschine fehl am Platz sind.
Die Zahl der Kinder, die wegen Magen-Darm-Infekten stationär ins Krankenhaus aufgenommen wurden, hat sich in den vergangenen 18 Jahren laut Gmünder Ersatzkasse versechsfacht. Die hygienischen Bedingungen haben sich in dieser Zeit aber nicht verschlechtert. Die Krankenkasse spricht von einer "Über- oder Fehlversorgung". Kinder kommen ins Krankenhaus, um die sich die Eltern zu Hause kümmern könnten.
Das ist nicht nur ärgerlich für Ärzte, die mehr arbeiten müssen, und Krankenkassen, die mehr zahlen müssen. Es ist auch gefährlich für die Kinder selbst. Babys und Kleinkinder können nicht sagen, wie es ihnen geht und wo es weh tut. Mediziner sind darauf angewiesen, dass Eltern die Krankheit so realistisch wie möglich beschreiben.
In der Münchner Kinderklinik hat Assistenzarzt Wolfgang Peissner, 37, die Erfahrung gemacht, dass Eltern häufig wild übertreiben, in der Hoffnung, eine bessere Behandlung zu bekommen. "Sie schildern mir den Fall so dramatisch, dass ich denke: Das Kind muss hierbleiben. Dann gucke ich es mir an, häufig lacht es schon wieder, der Untersuchungsbefund ist auch in Ordnung." Oft weiß Peissner nicht, wie er den Zustand des Kindes mit den Schilderungen der Eltern zusammenbringen soll. Kind gesund. Vater und Mutter krank. Was soll man als Kinderarzt da tun? Für seine Diagnose ist das nicht hilfreich.
Eine Krabbelgruppe in München, Montagmorgen. Der Ole von Susanne läuft jetzt. "Wie alt ist er gleich wieder?" - "Fast zwölf Monate." Puh. Erleichterung bei allen Müttern. Damit ist Ole der Älteste in der Gruppe. Dann darf er das. Der Connor von Melanie ist elfeinhalb, der zieht sich noch an der Heizung hoch.
In der Krabbelgruppe im Münchner Osten konkurrieren die Mütter auf die einfühlsame Tour. Fünf Frauen treffen sich hier jede Woche in einem gutbeheizten Raum mit viel Spielzeug, reden, gucken sich ihre Kinder an.
Baby Jenny liegt rücklings auf einer grünen Matte und strampelt mit Armen und Beinen. Mit seinen elf Monaten könnte es Mutter Sandra wohl deutlich mehr Freude bereiten. Sandra versucht hin und wieder, ihr Baby mit sanften Stupsern auf den Bauch zu drehen. Wohl damit es schneller merkt, dass es krabbeln soll. Als die Leiterin der Gruppe in die Runde fragt, wie es den Müttern diese Woche gehe, antwortet Sandra bald, dass es schwer sei, alle so fidel zu sehen, während Jenny "nichts kann". "Was macht denn Jacob, dein Großer? Der flitzt doch rum wie nix, oder?" Jacob ist drei und habe, erzählt Sandra, nie gekrabbelt und spät laufen gelernt. "Na also, dann kommt's doch", sagt die Kursleiterin. "Trotzdem", sagt Sandra. Sie will nicht recht dran glauben. Nicht mal beim zweiten Kind.
Das Vertrauen in die Kinder ist kleiner geworden. Man hat den Eindruck, sie müssten es sich hart erarbeiten, indem sie ihren Eltern die Gewissheit bieten, dass sie sich normal und zeitgerecht entwickeln. Schon der kleine Mensch soll nicht von anderen abgehängt werden.
"Das Funktionieren ist zum großen Thema geworden", sagt Harald Bode. Er war lange Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Als Kinderarzt ist er noch heute am Universitätsklinikum Ulm mit Entwicklungsstörungen befasst. In seinen Sprechstunden sitzen Eltern mit Kindern, die schwere Behinderungen haben. Die nie laufen, lesen oder schreiben werden. Doch da sitzen auch die anderen, die immer Besorgten.
"Die medizinische Grundversorgung der Kinder in Deutschland ist gesichert", sagt Bode. "Jetzt stellen die Eltern Fragen nach der Entwicklung, dem Verhalten, der Psyche." Mit anderen Worten: Eltern, deren Kinder körperlich gesund sind, sehen sich nach weiteren Optimierungsmöglichkeiten um. Das ist vielleicht vernünftig, so funktioniert Fortschritt. Man will das Beste für sein Kind.
In seinen Sprechstunden bemerkt der Mediziner aber auch, wie wenig Väter und Mütter bereit sind, mal ein Weilchen abzuwarten. Er nennt das: "Die gesamte Bandbreite kindlicher Entwicklung akzeptieren." Darauf vertrauen, dass ihr Kind schon noch Klötzchen stapeln und Buchstaben schreiben wird. Der Satz "Das wächst sich aus" kommt laut Bode nicht mehr gut an.
Die neuen Eltern hören nicht mehr auf ihr Bauchgefühl. Sie misstrauen ihrem Instinkt. Mit Hilfe von Ratgebern und Ärzten überprüfen sie stattdessen, ob sie fachgerecht handeln. Ob sie ihre Kinder pädagogisch korrekt erziehen.
Dabei ist die Vorstellung von der Kindheit als eigenem, schützenswertem Lebensabschnitt erst ein paar hundert Jahre alt.
Noch im späten Mittelalter war es üblich, dass Kinder mit sieben Jahren das Haus der Eltern verließen, um zu arbeiten. Um 1538 blickte der noch nicht zweijährige Edward so streng aus dem Bild des Renaissancemalers Hans Holbein des Jüngeren, als regierte er bereits das englische Königreich. Mit neun Jahren bestieg Edward VI. den Thron. Er starb mit 15 Jahren an einer schweren Krankheit.
Erst mit der Aufklärung zu Beginn des 18. Jahrhunderts begann die Wissenschaft, der Kindheit einen eigenen Stellenwert im Leben des Menschen zu geben. Jean-Jacques Rousseau schilderte in seinem Buch "Emile oder über die Erziehung" die fiktive Erziehung eines Jungen. Rousseau betrachtete Erziehung dabei als den Versuch, die urwüchsige Natur des Kindes zur Entfaltung zu bringen. Pädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi oder Maria Montessori ließen sich von Rousseaus Theorien inspirieren. Das Kind galt von nun an als ein Mensch in seiner wichtigsten Entwicklungsphase.
1902 läutete die schwedische Autorin Ellen Key "Das Jahrhundert des Kindes" ein. Key hielt die Eltern an, "das Kind mit Baumaterial für seine Persönlichkeit zu versehen, es dann aber selbst bauen zu lassen". Die Idee der frühen Förderung war geboren. Die historischen Umstände machten es möglich. Die bürgerliche Kleinfamilie setzte sich mit der Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert durch. Der Mann wurde zum Alleinverdiener, die Frau Hausfrau und Mutter. Nun hatte sie Zeit, sich der Erziehung, der Förderung, der seelischen Bedürfnisse ihrer Kinder anzunehmen. Sie suchte dabei zunehmend nach Rat und Anleitung von außen.
Der Weg von der Entdeckung der Kindheit bis hin zu ihrer totalen wissenschaftlichen Durchdringung war kurz. So kurz, dass sich unlängst SPD-Chef Franz Müntefering, Jahrgang 1940, öffentlich wunderte, wie viele Ratgeberbücher er an Bahnhofskiosken in letzter Zeit entdecke. "Meine Mutter", sagte der Politiker, "hat das noch ganz ohne hinbekommen."
Im Jahr 2009 aber haben viele Eltern ein schlechtes Gewissen, wenn sie auf ihren Bauch hören, ohne vorher in ein Buch zu gucken oder um Rat zu fragen. Lisa Mohr hat ihre Tochter Layla in den ersten Wochen noch oft zu sich ins Bett geholt. Weil sie gemerkt hat, dass die Kleine sich in ihrer Nähe beruhigte. Im Nachhinein sagt sie: "Ich weiß ja, das soll man nicht machen." In ihrem Buch stand das anders.
Im Münchner Krabbelkurs zieht Baby Ole dem kleinen Connor eine leere Plastikflasche über den Kopf. Connor weint. Connors Mutter traut sich nicht, Ole die Flasche aus der Hand zu nehmen. Sie weiß nicht, ob sie "Ole das verbieten darf". Die Leiterin erklärt, dass man als Mutter ruhig mal einen Streit schlichten dürfe, "sogar wenn man dabei ein anderes Kind anfassen muss". Aha. Dass man nicht von selbst darauf gekommen ist.
Wann haben Eltern aufgehört, ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen? Warum lassen sich Erwachsene von Fragen verunsichern, für die sie längst ein sicheres Gespür haben müssten?
Andreas Rödder sitzt in seinem Haus an einem langen dunklen Eichentisch. Er ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und spricht über das, was der deutschen Familie heute wichtig ist. Rödder, 42, hat in seiner Forschung über die Werte der Familie einiges darüber zusammengetragen, was Eltern in den vergangenen Jahrzehnten am Herzen lag.
Er lehnt sich über seinen Eichentisch und sagt: "Die Eltern geben nichts mehr auf ihre eigenen Erfahrungen. Gar nichts. Auch ohne Kind - aber besonders mit: Der Wert unserer Erfahrungen sinkt. Wir sind eine Wissens- und keine Erfahrungsgesellschaft mehr."
Das, was uns heute als wichtig erscheine, könne morgen schon über den Haufen geworfen werden. Loyalität, Freundschaft, Berufserfahrung. Alles auf Zeit. Wer in den neunziger Jahren sein Medizinstudium beendet hat, geriet in die Ärzteschwemme. Wer in den Achtzigern Japanisch gelernt hat, der müsste jetzt Chinesisch sprechen.
Die Familie sei ein Anachronismus. "Emotionalität, Stabilität, bedingungslose Zuwendung. Alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß." Väter und Mütter aber müssen diese Werte verteidigen in einer Gesellschaft, in der sie schnell als gefühlsduselig und verbohrt gelten. Gleichzeitig müssen sie ihren Kindern eine Zukunft bieten, sie anpassen, kompatibel machen. An diese andere Welt, in der Wissen statt Gefühl, Kompetenz statt Erfahrung zählt.
Wie soll man das hinkriegen?
Rödder sagt, die meisten Familien würden das Problem über die Masse lösen. Viel lernen, früh lernen. Was dem Kind in Zukunft nützlich ist - woher soll man das wissen? Eltern möchten ihren Kindern möglichst alles bieten.
So hätten sich auch die Bewertungsmaßstäbe verändert, sagt Rödder. "Zahlen sind wichtig geworden. Quoten, Statistiken, Vergleiche. Alles, was messbar ist, bietet Halt." Habe die Gesellschaft Bildung und Kultur früher in Kategorien von Qualität verhandelt, sei sie jetzt zahlengläubig geworden. Dafür habe er schon Verständnis. "Nur, Intuition und gesunder Menschenverstand haben die Menschheit auch häufig gut beraten", sagt Rödder.
Zum Beispiel Pisa. Was sage eine Pisa-Platzierung darüber aus, ob ein Kind gut und glücklich lernt? Rödder blickt fragend hinter seinem Schreibtisch hervor: "Eben. Gar nichts."
Die Angst davor, als Vater oder Mutter einen Fehler zu machen, beginnt für viele Eltern lange vor der Geburt. In einem Ge-
burtsvorbereitungskurs in Berlin-Prenzlauer Berg sitzen zehn schwangere Frauen mit ihren Partnern auf rosa Yogamatten. Vorn soll Hebamme Kareen Dannhauer erklären, was vor, bei und nach der Geburt wichtig sein könnte. Doch man wird den Eindruck nicht los, die werdenden Eltern wüssten schon alles.
Was man mit der Plazenta machen kann, wohin man Nabelschnurblut spendet. In welchem Krankenhaus eine Kinderintensivstation vorhanden ist. Nur ein Thema treibt sie um: "Wie ist die Geburt?"
Tja. Hebamme Kareen Dannhauer hat mehr als tausend Kindern auf die Welt geholfen. Hat vor vier Jahren ihr eigenes bekommen. Wie fühlt sich das an? Kinderkriegen? Was soll man denen sagen, die schon alles wissen?
Kareen Dannhauer geht in die Hocke. Sie schnappt sich einen großen blauen Medizinball, lehnt sich mit dem Oberkörper darüber. Sie beginnt zu stöhnen. Ein langer, leiser Ton. Pause. Dann, nach ein paar Sekunden, wieder ein langes, leises, tiefes Stöhnen. Dannhauer krallt die Hände in den Ball, hält die Augen geschlossen. Die Männer im Raum grinsen, denken an Sex. Die Frauen kichern. Vorbereitungswehen. Die, die noch nicht so weh tun.
Jetzt bäumt sich Dannhauer auf, stemmt die Hände in den Rücken, verzerrt das Gesicht. Es folgen kurze, schnelle Schreie. Auf der Schmerzrakete ist die nächste Stufe gezündet. Eröffnungswehen. Die, bei denen es einen schon fast zerreißt. Im Raum verrutschen die ersten Gesichter.
Finale. Presswehen. Geburt. Unvorstellbarer Schmerz. Kaum auszuhalten. Dannhauer brüllt in den Raum. Sie krümmt und streckt sich. Die Männer gucken zu Boden. Die Frauen greifen nach deren Händen. Dannhauer krallt die Nägel in den Medizinball, gleich könnten beide platzen.
Das Kind ist da. Die Hebamme lehnt sich zurück, greift zum Spaß eine Stoffpuppe, ihr Baby. "Das waren jetzt nur die Schmerzen", sagt sie. "All das Schöne, das Kind im Arm, das kann man sich schlecht vorstellen. Es ist aber wunderbar, und ihr werdet es aushalten." Schweigen im Raum. Jetzt wissen sie auch das.
Hebamme Dannhauer macht Pause, die werdenden Eltern brauchen kurz Zeit, sich wieder zu berappeln. "Es gibt Ereignisse im Leben, auf die kann man sich nicht mit dem Kopf vorbereiten", sagt Dannhauer später, als alle heimgegangen sind. Sie sieht viele Eltern, die das Kinderkriegen genau planen, Bücher lesen, den Kreißsaal schon angeguckt haben.
Hinterher, wenn sie als Hebamme an deren Küchentisch sitzt, steht in der Welt der jungen Mütter kein Stein mehr auf dem anderen. Sie schildern in Tränen, wie sehr sie von der Geburt überwältigt wurden. Wie unwirklich das sei, so von den Ereignissen überrollt zu werden, sich leer und planlos zu fühlen, dafür ein Kind im Arm zu haben. Für Dannhauer sind das gute, wahrhaftige Momente, die eine Chance bieten, sich auf das einzulassen, was sie "Elterngefühl" nennt. Sich mit dem Kind treiben lassen. Traurig sein, glücklich sein. Im Leben gebe es selten so klare Kontraste. Dannhauer reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, um zu zeigen, wie flüchtig dieses Gefühl sein kann. "Man kann es sich schnell weglesen."
Annette Kast-Zahn ist Deutschlands erfolgreichste Autorin für Eltern-Ratgeber. Die Psychologin hat die Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen", "Jedes Kind kann richtig essen" oder "Jedes Kind kann Regeln lernen" geschrieben. Millionen Eltern sind ihr dankbar. "Das Schlafbuch hat uns das Leben gerettet!", heißt es in E-Mails und Briefen, die Kast-Zahn erhält. Ihre Titel haben sich bisher über 1,6 Millionen Mal verkauft.
Annette Kast-Zahn steht in ihrer Praxis in Ratingen, hellbrauner Sisalboden, hohe Fenster, pastellfarbene Wände. Kast-Zahn ist 53 Jahre alt, trägt Jeansrock und hellgrünen Strick. Kast-Zahn glaubt an das Praktische, an das Pragmatische in der Erziehung.
Die Psychologin hält einen Plan in der Hand, DIN A4, weißes Papier. Er enthält sieben Spalten, eine für jeden Tag der Woche. Er ist untergliedert in drei Kategorien "Vor der Schule", "Nach der Schule", "Vor dem Schlafengehen". Der Plan soll kleine Schulkinder dazu bringen, sich an Regeln zu halten. Sitzen sie pünktlich am Frühstückstisch, hängen nach der Schule ihre Jacke auf und putzen vor dem Schlafengehen die Zähne, gibt es als Belohnung drei Häkchen.
Für drei Häkchen gibt es eine Murmel. Und für drei Murmeln dürfen sie dann eine halbe Stunde fernsehen.
Kast-Zahns Bücher bieten den Eltern genaue Handlungsanweisungen. Im EssenLernbuch finden sich Motivationssprüche zum Aufkleben ("Hier wird gegessen, ohne zu erpressen"). Im Regel-Lernbuch steht, wie man richtig mit Kindern redet ("Achte auf die Stufe" statt "Fall nicht"). Ihr Einschlaf-Programm enthält Minutenangaben, wie lange die Kinder schreien, wann sie getröstet werden sollen.
Weshalb hat sie das alles so ausführlich aufgeschrieben?
"Die Eltern brauchen ein Geländer zum Festhalten", sagt sie. Die vorgedruckten Pläne, die vorformulierten Antworten sollen Sicherheit geben. Kast-Zahn beschreibt ihre Regeln als eine Art Einstiegshilfe. Ist der Anfang erst einmal gemacht, hätten die Eltern bald den Mut, allein weiterzuerziehen.
Annette Kast-Zahn sagt, sie sei nicht schuld am Ratgeber-Boom. Ihr Rat als Psychologin und die Bereitschaft der Eltern, sich Rat zu holen, seien nur zeitlich sehr günstig aufeinandergetroffen. Sie sei selbst überrascht, mit wie viel Zuspruch sie in den vergangenen Jahren bedacht wurde. Ein wenig scheint sie auch erstaunt darüber, mit welcher Willfährigkeit sich viele Eltern den Büchern auslieferten.
Aber kann das funktionieren? Sich seine Erziehung aus Ratgebern zusammenzubasteln?
Für Heidi Keller sind Ratgeber Einstiegsdrogen. Einer reiche nie, denn auf einen Rat müsse bald der nächste folgen. Keller, 63, ist Professorin für Kleinkindforschung an der Universität Osnabrück. Sie befürchtet, dass Eltern, die zu sehr nach Rezepten und Anweisungen handeln, verlernen, ein Gefühl für die eigene Erziehung zu entwickeln.
Keller hat an ihrem Institut festgestellt, was passiert, wenn Eltern sich in den ersten Lebensmonaten mehr auf ihren Kopf als auf ihr Bauchgefühl verlassen. In die Babysprechstunden kommen immer öfter Mütter, denen dieses Gefühl abhandengekommen ist.
"Junge Babys brauchen schnell eine Reaktion auf ihr Verhalten", sagt Keller. Das Kind verzieht das Gesicht, die Mutter tröstet es, noch bevor es anfängt zu weinen. Das Kind lächelt, die Mutter lächelt mit. "Das ist die intuitive Elternreaktion." Wenn sich die Eltern aber schon in den ersten drei, vier Lebensmonaten in ihren Gefühlen ausbremsen, um nachzudenken, welche erzieherischen Konsequenzen ihr Handeln hat, sind die wenigen Sekunden, die das Baby warten kann, verstrichen. Dann quengelt es, obwohl doch scheinbar nichts passiert ist. Man nennt das ein "Regulationsproblem durch zu wenig Spontanität".
Kellers Erfahrung ist, dass Eltern in der Folge nur umso mehr nachdenken und nachlesen, wie sich das Quengeln beheben lässt. "Es gibt eine starke Tendenz zur Psychologisierung des Kindes." Die Eltern, so Keller, wollten regelrecht in den Kopf des Kindes eindringen. Sie zählt all die Versuche auf, die Mütter und Väter unternehmen, ihr Kind schon früh zu fördern und zu verstehen. In Pekip-Kursen würden die Talente von Einjährigen erkundet. In Babyzeichensprache-Kursen werde gerätselt, was die Kleinen sagen, bevor sie sprechen können. "Viele Mütter arbeiten ultrahart an der psychischen Entwicklung des Nachwuchses."
Und bringt das was?
"Um sein Kind besser kennenzulernen? Wenig. Im schlimmsten Fall führt es aber zu Verkrampfung, Unsicherheit, Distanz."
Was für ein trauriges Missverständnis. Da wollen Eltern alles richtig machen, indem sie so viel wie möglich über ihr Kind lernen. Doch all das Herumdeuteln bringt sie nur immer weiter auseinander.
Eltern sehen täglich, was mit denen passiert, die in der Erziehung scheitern - Sie werden mit Spott und Häme übergossen.
SPD-Wahlkämpferin Katharina Saalfrank, auch bekannt als "Super Nanny" beim Privatsender RTL, sitzt in einem Berliner Café und trinkt Tee. Saalfrank ist als "Super Nanny" bereits in ihrer siebten Staffel unterwegs gewesen. In jeder haben vor laufender Kamera Kinder ihre Eltern und Eltern ihre Kinder beschimpft. Kaum jemand hat im Fernsehen jemals drastischer zur Schau gestellt, was in deutschen Familien abgehen kann.
Für Katharina Saalfrank, die Diplompädagogin, hat sich auf dem Weg zu ihrer siebten Staffel einiges geändert.
Sie sagt, sie schäme sich für vieles, was früher in der Serie zu sehen war. Aus dieser Anfangszeit stammen Videos im Internet, in denen die übelsten Zwischenfälle in den Familien wie Slapstick-Komödien zusammengeschnitten wurden.
In einem Filmchen hüpft ein kleiner Junge auf seinem Bett und beschimpft seine Mutter mit Kraftausdrücken. Saalfrank sagt, sie sei verblüfft gewesen, wie gnadenlos man in Deutschland bereit gewesen sei, Eltern und Kinder der Lächerlichkeit preiszugeben. Heute achte sie darauf, in der Serie nicht das Kind als Rotzlöffel in den Mittelpunkt zu stellen, sondern ihre Arbeit in der Familie.
Die Welt ist hart geworden für Mütter und Väter. Mitleidlos. Man solle nur Kinder in die Welt setzen, wenn man sich auch gut um sie kümmern kann. Dieser Satz gilt laut einer Studie ("Eltern unter Druck") der Konrad-Adenauer-Stiftung den Deutschen als Maxime. Er ist natürlich richtig. Doch er sagt auch: Kümmert euch selbst darum. Wer sich bewusst für ein Kind entscheidet, trägt von da an die alleinige Verantwortung. Kein Freund, kein Lehrer, kein Nachbar. Das würden Eltern auch nie verlangen. Aber ein wenig Hilfe kann manchmal nicht schaden.
Eine Schauspielerin erzählt, wie sie auf einer Insel in der Nordsee aufwuchs. Wenn sie als Jugendliche am Hafen auf die Fähre zur Stadt gewartet hat, rief der Fährmann: "Dich kenn ich doch! Wissen deine Eltern, was du hier machst?" Manchmal konnte sie lügen, meist landete sie wieder daheim auf dem Sofa. Dumm. Andererseits: "Jeder hat auf jeden aufgepasst."
Ein Schriftsteller erzählt, wie er sich als kleiner Junge in der Stadt im Zorn von der Mutter losriss. Er kam nur drei Straßen weit. Dann hatte ihn die Frau vom Kiosk am Schlafittchen gepackt und vor seine Haustür befördert. "Sogar die dicke Schmidt passte mit auf."
Heute tragen die Eltern alles allein. Die Last, die Verantwortung. Und wenn was passiert, auch die Schuld.
Niemand hat das grausamer zu spüren bekommen als die englische Familie McCann. Im Mai 2007 verschwindet die dreijährige Madeleine aus ihrem Kinderbettchen in einer Ferienwohnung in Portugal. Ihre Eltern sitzen rund 80 Meter entfernt mit Freunden bei einem Glas Wein. Bis heute ist Madeleine nicht wieder aufgetaucht. Die ganze Welt nahm Anteil am Verschwinden des kleinen Mädchens. Doch schon nach wenigen Tagen werden die Eltern im Internet als verantwortungslos beschimpft, und die "Daily Mail Online" in England fragt: "Wie oft haben sie nach ihren Kindern gesehen?"
Im Juni 2006 wird die fünfjährige Selina auf dem Spielplatz eines Schweizer Dörfchens von zwei Jungen vergewaltigt. Der ältere ist 13, der jüngere 10 Jahre alt. Drei Kinder gucken zu.
In der Schweiz ist man geschockt. Im Dorf ärgert man sich über die schlechte Presse. Vier Frauen aus dem Ort schreiben einen Brandbrief: Die Mutter habe ihre Aufsichtspflicht verletzt. Wer lasse schon sein fünfjähriges Mädchen allein auf den Spielplatz gehen? Rhäzüns, Graubünden. Hier leben rund 1200 Menschen.
Pädagogen und Psychologen reden in deutschen Talkshows gern davon, dass es ein ganzes Dorf benötige, ein Kind großzuziehen. Es scheint, selbst auf die Dörfer ist heutzutage kein Verlass mehr.
Viele Eltern erleben ihren Alltag mit Kind als Kampf. Ein Drittel fühlt sich laut Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung oft bis fast täglich in der Erziehung gestresst, gleichzeitig hätten sie unheimlich hohe Erwartungen an sich selbst. Der Druck kommt von außen und von innen.
Man tut alles für sein Kind. Aber bringt das auch was? Wird es einem das je danken?
Sigrid Tschöpe-Scheffler, 57, arbeitet neben den Simpsons. Sie ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule in Köln. An ihrer Tür klebt ein großes Plakat mit Maggie, Marge, Lisa, Bart und Homer, der irren gelben Comic-Familie Simpson aus dem Fernsehen. Papa Homer trinkt Dosenbier, Sohn Bart terrorisiert die Umgebung. Nix läuft, wie es soll.
Tschöpe-Scheffler forscht seit zehn Jahren darüber, wie Eltern versuchen, aus ihren Kindern glückliche Erwachsene zu machen. Sie spricht von Allmachtsphantasien, vom Glauben der Eltern, Macher der Biografien ihrer Kinder sein zu können. Eltern, die ihren Nachwuchs durch eine pädagogisch perfektionierte Kindheit schleusen.
"Die Kinder haben immer weniger Freiräume, in denen sie Geheimnisse erleben", sagt Tschöpe-Scheffler. Es fehlten die Autonomiebereiche, die Grenzüberschreitungen.
Grenzüberschreitungen? Das klingt nach Ärger. Wozu soll der gut sein?
Die Professorin seufzt. "Weil es die Kinder ohnehin tun. Die suchen sich das." Ein harmloses Beispiel seien die Hochhäuser. Da hielten die Kinder am liebsten die Aufzüge an, würden Dutzende Male rauf- und runterfahren. Bisschen verboten. Hauptsache, allein. "Oder sie beschmieren Wände. Klauen Sachen. Irgendwas."
Sie sagt, Geheimnisse zu haben sei für die Kinder ganz wichtig. Nur da, wo ihr Leben nicht bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet sei, erlebten sie wirklich Verantwortung. "Diese Erfahrungen sind wichtig für Kinder. Auf die Nase fallen, sich ein blutiges Knie holen."
Laut Tschöpe-Scheffler gibt es in der Erziehung einen pädagogischen Takt, der es den Eltern gebiete, zur rechten Zeit auch mal wegzuschauen. Sie nennt das: "Mit der eigenen Angst umgehen lernen."
"Man kann das gut üben", sagt sie. "Stellen Sie sich zu Ihrem Kind ans Klettergerüst, machen Sie die Augen zu und zählen bis zehn. Voilà."
Dass alles schon gutgehen wird. Dass man sich keine Sorgen machen muss. Dass sich die Dinge schon einrenken werden. Das sind laut Tschöpe-Scheffler Sätze, die für die Eltern kaum mehr existieren. Die versuchten stattdessen, Antworten auf Fragen zu finden, die noch keiner gestellt hat. "Immer heißt es nur: Zukunft, Perspektive, Chancen bieten."
Was wird aus den Kindern der übervorsorglichen, immer besorgten Eltern?
"Wenn sie trotzig sind, einen eigensinnigen Charakter haben", sagt Tschöpe-Scheffler, "dann kann sie keiner aufhalten. Es wird ordentlich krachen." Und die weniger Selbstbewussten, die Ruhigen? "Tja. Sie werden sich von der Angst anstecken lassen. Woher sollen die ihr Selbstvertrauen nehmen? Allein entwickeln konnten sie keins."
Drei bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen 12 und 17 Jahren leiden an Depressionen. Immer mehr Kinder zweifeln an sich selbst. Haben Angst vor der Zukunft, werden depressiv.
Behüten, bemuttern, befördern. Am Schluss wird ein Mensch daraus, der Angst hat vor dem Leben. Wie kann man das verhindern?
Am südöstlichen Ende des Zürichsees, wo die Berge allmählich höher werden, öffnet Remo Largo die Tür. Largo ist Arzt und Autor. Fast 30 Jahre leitete er die Abteilung "Wachstum und Entwicklung" an der Universitätskinderklinik Zürich.
Largo trägt Wollhemd und Cordhose. Aus seinem Kühlschrank holt er zwei Tupperdosen: "Haben Sie Hunger? Es hat noch Pasta." Er stellt sich an den Herd, wärmt Nudeln auf, so als wäre man gerade aus der Schule gekommen. Dann deckt er den Tisch. "Jetzt essen Sie erst mal. Guten Appetit." Bei Remo Largo geschieht alles zu seiner Zeit.
Er hat das Buch "Babyjahre" geschrieben. Ein Standardwerk, das in vielen deutschen Regalen steht.
Das Buch ist ein Manifest der Entschleunigung, eine Bibel der Beruhigung für Eltern. Wenn man so will, ist es ein Anti-Ratgeber. Denn darin steht, medizinisch begründet: Alles wird gut. Man muss gar nichts machen. Man kann gar nichts machen.
Largo räumt den Tisch ab, holt Kaffee und sagt: "Es sind zwei ganz einfache Tatsachen: Nichts kann das Kind in seiner Entwicklung beschleunigen. Und nichts kann das Kind in seiner Entwicklung verbessern." Alles passiert von selbst. Man kann das Rattenrennen ums Superkind getrost absagen.
Das hört sich wahnsinnig beruhigend an.
Remo Largo erzählt, wie er als junger Arzt Mitte der Siebziger an der Universität von Los Angeles versucht hat, kleine Kinder schneller zu machen.
Jahrelang hat er ihre Entwicklungsschritte erforscht und dann probiert, sie vor der Zeit einzutrainieren. Es hat kein einziges Mal geklappt. "Zum Beispiel das Kategorisieren. Zwischen 18 und 24 Monaten stellt sich bei den Kindern unter anderem die Fähigkeit heraus, Farben und Formen zu unterscheiden. Man versucht also, denen das früher zu zeigen." Largo zuckt mit den Schultern. "Und das geht nicht. Das geht einfach nicht." Seine amerikanischen Kollegen waren furchtbar enttäuscht.
Wenn aber einer spät dran ist? Kann man den dann nicht unterstützen?
Remo Largo holt sich Block und Stift. Er malt Zeitkurven auf, setzt Punkte hinein. Er sagt: "Die Entwicklung verläuft bei allen Kindern in den gleichen Schritten. Motorisch, sprachlich. Nie das eine ohne das andere. Nur das Tempo und der Bereich können variieren. Ein Kind kann sprachlich viel weiter sein als motorisch. Aber man wird ihm das Türmchenbauen nicht schneller beibringen können, nur weil es schon spricht. Fördern würde dann ja heißen: den Entwicklungsschritt schneller herbeizuführen, als er im Kind angelegt ist. Das geht nicht. Das hat noch nie eine Studie gezeigt."
Probleme mit dem Timing hätten meist nur die Eltern. Largos Meinung nach gibt es heute nicht mehr Entwicklungsstörungen als früher. "Die Kinder sind die gleichen geblieben. Nur die Toleranz der Eltern hat abgenommen."
Largo lehnt sich in seinem Stuhl zurück, verschränkt die Hände vor der Brust. Ihm ist ein Beispiel eingefallen: "Nehmen wir an, das Kind ist sieben und will nicht lesen. Es spielt lieber. Da haben wir ein Problem, oder? Die Eltern bekommen Angst. Denken, ihr Kind sei dumm oder faul. Und jetzt geht es los: Nachhilfe, Psychologe, Therapeut. Aber sieben, das ist noch vollkommen im Rahmen." Für Largo gibt es auf der ganzen Welt keine einzige Methode, dem Kind das Lesen beizubringen, wenn es noch nicht bereit ist.
Remo Largo steht auf und holt sich Daniel zu Hilfe. Es sind die Videoaufnahmen eines Patienten seiner alten Klinik. Er legt eine DVD in den Recorder. Auf dem Bildschirm sieht man einen kleinen Jungen mit blonden Haaren. Daniel ist gerade fünf geworden. Er sitzt an einem Schreibtisch, es ist sein erstes Beratungsgespräch in der Klinik. Die Dame gegenüber fragt ihn, ob er ein Tier kenne. Daniel hat verstanden, aber er schüttelt den Kopf. "Irgendein Tier? Kennst keines?" Daniel rutscht vom Stuhl. "Ein Schwein, eine Kuh?" Daniel krabbelt unter den Schreibtisch. Man sieht jetzt nur noch seine Füße in der Luft baumeln.
"Total gestört, oder?", sagt Largo. "Aber schauen Sie mal."
Schnitt. Neue Szene. Derselbe Schreibtisch. Daniel sitzt wieder auf dem Stuhl. Er hält dünne Holzstäbe in der Hand, stapelt sie aufeinander. Meterhoch. Es sieht kompliziert aus, aber Daniel hat keine Probleme.
Largo sagt: "Motorisch ist er super. Vollkommen gesund. Das Kind spricht nur schlecht. Es wird von seinen Eltern ständig deswegen herausgefordert. Jetzt verweigert es. Total. Man kann doch das Kind nicht so zwingen."
Largo erklärt, wie leicht man die Lernmotivation eines Kindes verderben könne, wenn man es vor seiner Zeit herausfordere. Das Kind werde passiv, verweigere bald. Oder es flippe aus, schmeiße mit Sachen, kratze, beiße. Dann passiere das Gegenteil von dem, was die Eltern wollten. Er kennt viele solcher Fälle, er hat einige davon unlängst beschrieben in seinem Buch "Schülerjahre".
Largo schaltet den Recorder aus, geht zurück in seine Küche. An den Wänden hängen Kinderbilder, seine vier Enkel. In der Ecke schlafen zwei dicke Katzen. Largo setzt sich in einen Stuhl.
Auf der DVD hat man nichts wirklich Schlimmes gesehen. Ein missgestimmtes, vielleicht auch ein verstörtes Kind. Keine Gewalt, kein Blut, nicht mal Tränen. Dennoch schlagen die Bilder Largo aufs Gemüt.
Er tippt mit den Fingerkuppen auf den Küchentisch und sagt: "Es ist doch so: Die Kinder können nicht anders sein, als sie sind. Wenn die Eltern sie aber anders haben wollen, beschädigen sie die Kinder."
Ratgeber, Kurse, Fernsehshows. Die mag es alle geben. Er könne die Jahre seiner Forschung, seiner Praxis im Beruf dennoch recht schnell auf den Punkt bringen: "Am besten wird es dann, wenn das Kind so sein kann, wie es ist." KERSTIN KULLMANN
* In Moritzburg bei Dresden.
Von Kullmann, Kerstin

DER SPIEGEL 32/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.