03.08.2009

FEINMECHANIKFlinke Fummler

Ein Zahnarzt aus Hamburg ist der König der Schlossknacker. In den Niederlanden will er seinen Europameistertitel verteidigen.
Manfred Bölker hockt in einem kleinen, stickigen Kabuff auf dem Dachboden eines Hamburger Reihenhauses. Seine Gegner hat er fein säuberlich in Holzschubladen abgelegt: 1500 Stiftschlösser verschiedener Herkunft, sortiert nach Herstellern von A bis Z. Er trägt Jeans und Hemd und wirkt mit seinem lichten Haar überhaupt sehr unglamourös. Und doch kann es kaum einer mit ihm aufnehmen.
Bölker ist der König der Schlossknacker. Schon 15-mal war er deutscher Meister: "Ich kriege alle Schlösser auf - sie leisten nur unterschiedlich lange Widerstand."
In der kommenden Woche reist der Entsperrungskünstler in die Niederlande. Auf einem ehemaligen Feriengelände der sozialistischen Arbeiterjugend will Bölker als Stargast eines Computerhackertreffens seinen Titel als Europameister verteidigen. Schlossknacker und Hacker verbindet eine gemeinsame Motivation: Beide haben besondere Freude daran, Unternehmen bloßzustellen, die mit der herausragenden Sicherheit ihrer Produkte protzen.
Legendär ist in der Szene etwa der Coup eines Amerikaners, der ein Fahrrad-Bügelschloss der Firma Kryptonite binnen Sekunden mit einem Kugelschreiber öffnete und dem Unternehmen ein PR-Desaster ersten Ranges samt aufwendiger Rückrufaktion bescherte.
Auch Bölker brachte schon einen Hersteller in Bedrängnis, der sein Produkt mit dem Satz "Dieses Schloss kriegt keiner auf" bewarb. Mit bloßen Händen entlarvte er die Werbung als irreführend: "Das mussten die zurücknehmen."
Vermutlich könnte sich Bölker problemlos Zutritt zu jeder Mietwohnung verschaffen. Anders als der gemeine Einbrecher wollen die "Sportsfreunde der Sperrtechnik" Schlösser allerdings zerstörungsfrei öffnen. "Wer zerstört, fliegt raus", lautet eine eherne Wettbewerbsregel. "Die meisten Einbrecher sind dafür zu dumm", sagt der Hamburger.
Bölker und seine Gesinnungsgenossen haben beinahe jedes greifbare Schloss schon einmal zu Studienzwecken aufgefräst und dessen Innenleben analysiert. Novitäten auf dem Markt werden von den flinken Fummlern ähnlich erregt erwartet wie von Musikfans das Erscheinen eines neuen Werks von Madonna oder U2.
Alle Schlösser, auch wenn sie noch so sicher scheinen, bergen freilich die gleiche Schwäche: Die mechanischen Teile passen nie hundertprozentig genau zusammen. Wenige Grad Spielraum des Schlosskerns im Gehäuse genügen Bölker. Mit einem sogenannten Spanner - einem dünnen Metallstab, der in einem kleinen Haken mündet - prökelt er so lange in der Schlossöffnung herum, bis er sie entriegelt hat.
Nach welchem System Bölker jeweils vorgeht, bleibt für den Zuschauer unklar. Nur eines ist immer gleich: Wenn er den richtigen Dreh gefunden hat, geht alles ganz schnell. Nach spätestens einer halben Minute ist das Schloss auf. Sein Erfolg basiert unter anderem auf einer hochentwickelten Handtechnik. Statt wilden Gestochers im Schlüsselkanal hilft mitunter die beinahe bis zur Bewegungslosigkeit reduzierte feinfühlige Aktion.
Mit so was kennt Bölker sich ohnehin aus. Als Zahnarzt trainiert er seine feinstmotorischen Fähigkeiten jeden Tag am lebenden Objekt.
Unlängst versuchte sich Bölker über zwei Wochen lang vergebens an einem alten DDR-Schloss. "Jetzt noch fünf Minuten, dann geb ich auf", fluchte er. In diesem Augenblick klingelte sein Telefon. Für einen Augenblick nahm er Spannung heraus - und wie durch Zauberhand öffnete sich das Schloss.
Vor zehn Jahren entdeckte der Zahndoktor jenen ungewöhnlichen Sport für sich, der nur wenige Kalorien, aber viele Nerven kostet. Er suchte damals eine neue Herausforderung. Es musste etwas sein, das seine Neigung zu einem für seine Mitmenschen ungefährlichen Fanatismus befriedigt.
In seinem Kabuff hortet Bölker Dutzende Münzalben, in denen er jedoch keine Münzen verwahrt, sondern reiskorngroße Stifte aus diversen Schlossfabrikaten. Es erfordert eine besondere Form der Veranlagung, um sich die Beschaffenheit von Hunderten oder gar Tausenden dieser kleinen Drahtzähnchen einzuprägen.
Der Schlösserknacker ist inzwischen 54 Jahre alt. Seine Frau beklagt sich, wenn er allzu häufig in seine Dachkammer-Welt entschwindet, "zumal das Hobby noch nicht mal Geld einbringt". Bölker hat seinen Trainingsumfang vor Wettkämpfen deshalb auf eine halbe Stunde täglich reduziert. Der große Kick liegt eh nicht mehr in weiteren Meistertiteln.
Manfred Bölker entwickelt mit seinen Kollegen inzwischen vorzugsweise neue Methoden zur Schlossüberwindung, die jeden Abgesandten eines Schlüsseldienstes als grobmotorischen Einfaltspinsel erscheinen lassen.
Jüngste Frucht dieser Bemühungen ist die sogenannte Impressionstechnik: Innerhalb von wenigen Minuten formen die Könner einen gebrauchsfertigen Schlüssel, indem sie einen Rohling immer wieder neu in ein handelsübliches Schloss einpassen und dann zurechtfeilen.
Unkundige mahnen die Sportsfreunde der Sperrtechnik gleichwohl zur Vorsicht: "Wer sich an seinem Haustürschloss versucht", warnt Bölker, möge dies unbedingt "von innen her ausprobieren - man erregt so weniger Aufmerksamkeit".
FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 32/2009
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