10.08.2009

TERRORISMUSExplosionen im Sand

Die Geständnisse der Sauerland-Zelle sind spektakulär: Sie zeigen die Entschlossenheit der vier Islamisten und erlauben tiefe Einblicke in die Ausbildung von Terrorrekruten in Pakistan.
Für Fritz Gelowicz rückte der Krieg der USA gegen den Islam Anfang des Jahres 2004 plötzlich ganz nah. Bis auf drei Meter, um genau zu sein, so empfand er es jedenfalls selbst.
Drei Meter von ihm entfernt kniete bis dahin immer ein Familienvater mit seinen Kindern beim Freitagsgebet im Gebetsraum des Multikulturhauses im bayerischen Neu-Ulm. Doch plötzlich blieb der Platz leer. Der Mann sei vom US-Geheimdienst CIA entführt worden, erfuhr Gelowicz von einem Freund.
Gelowicz, damals Mitte zwanzig, hatte schon vorher mit dem Gedanken gespielt, sich den islamistischen Gotteskriegern anzuschließen. Jetzt war er sich sicher. Das Schicksal des Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri, dessen monatelange Verschleppung bis nach Afghanistan nach ihrer Entdeckung in Deutschland für Empörung sorgte, habe für ihn "das Fass voll" gemacht, erzählte Gelowicz in den vergangenen Tagen und Wochen seinen Vernehmern vom Bundeskriminalamt (BKA).
Gelowicz ist einer der vier mutmaßlichen Terroristen der "Sauerland-Gruppe", denen seit Ende April vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht der Prozess gemacht wird. Der Konvertit aus gutbürgerlichen Verhältnissen gilt als Kopf der Zelle, die eine Anschlagsserie gegen amerikanische Ziele auf deutschem Boden geplant haben soll.
Zusammen mit den Mitangeklagten Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Atilla Selek soll er das Bombeninferno im Auftrag der "Islamischen Dschihad-Union" (IJU) vorbereitet haben, einer ursprünglich usbekischen Truppe, die mittlerweile im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet operiert. Die Anklage der Bundesanwaltschaft stützte sich dabei bislang vor allem auf mitgeschnittene Telefonate, E-Mails und Gespräche.
Doch Anfang Juni kündigten die Angeklagten überraschend an, sie wollten umfassend aussagen. An diesem Montag wird das Verfahren nach einer längeren Verhandlungspause wiederaufgenommen, und im Mittelpunkt wird nun stehen, was die vier Angeklagten in getrennten Vernehmungen den Beamten des Bundeskriminalamts seither in die Aufnahmegeräte diktierten. Und das hat es in sich.
Die Ergebnisse der BKA-Befragungen, die noch bis zum vergangenen Donnerstag andauerten, bestätigen die Anklage der Bundesanwaltschaft in allen wesentlichen Punkten. Sie zeichnen das erschreckende Bild von vier jungen Männern, die zum Massenmord entschlossen waren, und sie erlauben einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte einer ausgefeilten islamistischen Anschlagsplanung.
Selbst die erfahrenen Ermittler waren erstaunt, in welch nüchternem Ton die vier auspackten, es sind Geständnisse weitgehend ohne Reue. Dass die Angeklagten dennoch kooperierten, hängt mit dem Strafrabatt zusammen, den die Bundesanwaltschaft und der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling in Aussicht gestellt haben, sollten sie Substantielles liefern.
Wohl nie zuvor haben deutsche Ermittler so detaillierte Schilderungen über den Alltag in Terrorcamps erhalten, über Ausbilder und Lehrinhalte. Auch vom Innenleben der Islamischen Dschihad-Union gibt es jetzt zum ersten Mal Informationen aus erster Hand. Yilmaz und Gelowicz identifizierten sich sogar selbst auf Propagandavideos der Truppe, die ihnen die Vernehmer vorspielten.
Ihren Aufenthalt im IJU-Refugium in der pakistanischen Grenzprovinz Waziristan schildern die Terrorschüler als Mischung aus Kriegsakademie und Abenteuerurlaub. Im Sommer 2006 gelangten Gelowicz und Yilmaz demnach in ein Camp, das offenbar in der Nähe der Stadt Mir Ali liegt. Dort erhielten sie Sturmgewehre und Munition. An der Kalaschnikow seien sie alle "richtig gut" gewesen, sagte Adem Yilmaz aus. Bald ließen ihre Ausbilder sie an größere Kaliber, mit der Panzerfaust feuerten die Rekruten aus Deutschland auf kleine Felsen in 200 Meter Entfernung, die Panzer simulieren sollten.
Wenn nicht gerade der Strom ausfiel oder das notwendige Material fehlte, lernten die Terror-Azubis, wie sich handelsübliche Casio-Uhren in Schaltkreise für Bombenzündungen integrieren lassen. Uhren dieses Fabrikats fanden sich in dem Ferienhaus im Sauerland, in dem Gelowicz, Yilmaz und Schneider im Sommer 2007 damit begonnen hatten, den Bombengrundstoff für ihren geplanten Anschlag herzustellen, als sie von Spezialeinheiten der Polizei festgenommen wurden.
Auch dieses Aufkochen von Wasserstoffperoxid lernten sie im Lager, wo sie es mit kleinsten Mengen übten, in Blechtöpfen und auf dem Herd, auf dem sie auch ihr - stark rationiertes - Essen kochten. Das Leben im Camp bekam den vieren offenbar nicht sonderlich gut. Schneider musste sich schon bei der Anreise laufend übergeben, und auch die anderen kränkelten. Yilmaz befürchtete, sich die Malaria eingefangen zu haben, Selek litt tagelang an hohem Fieber.
Im Innenhof ihrer einfachen Unterkünfte prüften sie, ob die Sprengstoffmischung funktionierte und bombten kleine Löcher in den Sandboden. Es gab aber auch gemeinsame Badeausflüge, Essenseinladungen bei einem Paschtunen und Judo-Unterricht.
Sogar eine Art Zwischenprüfung habe es gegeben, berichtete Gelowicz den Ermittlern. Man habe aus dem Gedächtnis Schaltkreise stecken müssen. An den Giftkurs hingegen erinnere er sich kaum - zu viel Lernstoff, schließlich seien sie ja eigentlich zum Kämpfen gekommen.
Doch der Anführer der IJU, Emir "Ahmed", der nach den Aussagen von Gelowicz zwischen 30 bis 40 Jahre alt sein soll, sowie dessen einflussreicher Adjutant Suleyman hätten andere Pläne für sie gehabt und sie regelrecht damit überrumpelt.
Glaubt man den Ausführungen von Gelowicz und Yilmaz, die sich mit den Gesprächen decken, die von den Ermittlern abgehört wurden, dann waren es zuerst die beiden IJU-Kader, die einen Terroranschlag in Europa ins Spiel brachten. Beide Rekruten erinnerten sich, dass sie darauf nicht vorbereitet gewesen seien. Grundsätzlich sei das möglich, will Gelowicz den IJU-Leuten gesagt haben, doch man habe sich nicht gleich festgelegt. Eigentlich hätten er und sein Kumpan sich für "nicht besonders geeignet" gehalten.
Auch Yilmaz behauptete, er habe zunächst um Bedenkzeit gebeten. Nach einem Vieraugengespräch wollen die beiden entschieden haben, sich dem Auftrag nicht entziehen zu können - und dann umgehend das konkrete Anschlagsziel bestimmt haben: Deutschland. Das sei nicht von Ahmed und Suleyman gekommen, "das legten wir fest", sagte Yilmaz dem BKA. Nur dort hätten sie sich eine solche Operation zugetraut.
Von einer Gehirnwäsche durch die IJU könne nicht die Rede sein, sagte auch Gelowicz, sie seien von der Sache überzeugt gewesen. Auch darüber, dass es amerikanische Ziele sein sollten, sei man sich einig gewesen. Es sei um "gezielte Vergeltung" für die Vergehen der USA in Abu Ghureib und Guantanamo gegangen, sagte Yilmaz, der von einem "Verteidigungsdschihad" sprach.
Aus den neuen Aussagen geht erstmals hervor, dass die vier heute zusammen Angeklagten zumindest zeitweise gemeinsam in Waziristan waren. Er und Gelowicz hätten sich sehr gefreut, als Schneider und Selek eines Abends eintrafen, berichtete Yilmaz. Vor der Heimreise verlangten die IJU-Kader noch einen Eid auf ihren Anführer. Yilmaz sprach eine Formel auf Türkisch, Gelowicz einen arabischen Treueschwur. Für die Bundesanwaltschaft ist das von besonderem Wert, denn offener kann man den Anschluss an eine ausländische Terrororganisation kaum gestehen. Nur Selek will die sogenannte Baia nicht geleistet haben.
Gelowicz räumte gegenüber seinen Vernehmern sogar ein, er sei der Leiter der deutschen Operation gewesen, und bestätigte damit den Anklagevorwurf der Rädelsführerschaft. Wie er heute zu seinem Eid steht, wird Gelowicz wohl von Montag an im Prozess erklären müssen. Er machte in seinem Geständnis zumindest schon eine Andeutung. Er habe mit der Verpflichtung auf den Dschihad konkret die Operation in Deutschland gemeint.
Am weitestgehenden scheint sich bisher Daniel Schneider von seiner einstigen Mission zu distanzieren. Er habe damit seine Pflicht erfüllt, sagte er seinen Vernehmern. Das Kapitel sei für ihn abgeschlossen.
YASSIN MUSHARBASH, MARCEL ROSENBACH
Von Yassin Musharbash und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 33/2009
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