10.08.2009

ARMUTIm Dorf der Zukunft

Eine Idee zieht um die Welt: Gegen Hunger und Armut soll ein Grundeinkommen helfen, gezahlt an jeden Bürger, bedingungslos. Gutmenschentum? Kommunismus? Utopie? In einem Dorf in Namibia wird das Konzept seit über einem Jahr ausprobiert.
Vor dem Wohnzimmerfenster geht die namibische Sonne unter, reich und rot, die Arbeiter ziehen sich zurück in ihre Wellblechverschläge, als Siggi von Lüttwitz mit der flachen Hand auf seinen Holztisch schlägt, um zu erklären, warum der Versuch nicht funktionieren kann.
"Die saufen ja alle", sagt er, raucht an seiner Filterlosen, "und wenn du denen jetzt 100 Dollar gibst, dann saufen die noch mehr." Mit "die" meint Lüttwitz die Menschen von Otjivero, einer Siedlung, die direkt an sein Farmland grenzt; mit "die" meint er Menschen, die arm sind und schwarz. Lüttwitz ist Farmer, Deutsch-Namibier, er sitzt an seinem Esstisch, wachsdeckenbezogen, an der Wand ein Kalender mit den schönsten Zuchtbullen, er sagt: "Stehlen, Kinderkriegen, so sieht das hier aus."
Seine Arbeiter nennt er "seine Kadetten", er zahlt ihnen 2,21 Namibia-Dollar pro Stunde, Mindestlohn, das sind, umgerechnet in Euro, 20 Cent, dazu etwas Fleisch und Milch. Er findet, das ist genug. Er weiß, dass die Menschen in Otjivero hungern, "das sind arme Schweine", sagt er, "irgendwo tun die mir ja auch leid". Aber denen Geld geben? "Eine idiotische Idee", sagt Lüttwitz, so erziehe man die nicht zur Arbeit.
So wie Lüttwitz denken die meisten Farmer in der Umgebung; so wie Lüttwitz denken auch viele Menschen der westlichen Welt. Dass man die Armen in Afrika erziehen müsse, bevor man ihnen Selbstbestimmung erlauben darf. Dass man ihnen Essensgutscheine geben solle und Brunnen, aber keine Verantwortung.
Ungefähr 30 Milliarden Euro Entwicklungshilfe werden jährlich auf den afrikanischen Kontinent gepumpt, über karitative Einrichtungen, humanitäre Hilfsprojekte oder als Direkttransfer an die Regierungen. Das Geld fließt in Tausende Hilfsprojekte, in Brunnenbau und Malaria-Prävention, aber es fließt auch auf die Privatkonten korrupter Staatsmänner, geht drauf für Kriege, kommt oft nicht an, wo es soll. Nach einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe ist die Bilanz erschütternd: 33 der insgesamt 40 Staaten, die vom Internationalen Währungsfonds als "hochverschuldete arme Länder" eingestuft wurden, liegen in Afrika.
Es ist, als hielten die Finanzhilfen der Geberländer den Kontinent gerade so am Leben. Eine Tatsache, die zwei Schlüsse zulässt; entweder: Entwicklungshilfe ist keine Lösung, oder: Afrika ist nicht zu helfen.
In einem kleinen Dorf in Namibia versucht eine Koalition aus Hilfsorganisationen den Beweis anzutreten, dass beide Antworten falsch sind. Afrika ist zu helfen, wenn man richtig hilft, anders als bisher.
Die Idee: ein Grundeinkommen, steuerfinanziert. 100 Namibia-Dollar, umgerechnet 9 Euro, im Monat für jeden, keine Auflagen, keine Gegenleistung, einfach so. Das Geld kommt unter anderen von Aids-Stiftungen, von der Friedrich-Ebert-Stiftung und den Evangelischen Kirchen in Rheinland und Westfalen.
Nun kommt es darauf an, was die Versuchspersonen mit den 100 Namibia-Dollar machen. Ob sie das Geld investieren oder versaufen, ob es sie vom Arbeiten abhält oder zum Arbeiten motiviert. Vor allem: ob es ihre Armut lindert.
"Dieses Land ist eine Zeitbombe", sagt Dirk Haarmann und greift nach seinem schwarzen Laptop, als wäre er der Koffer, in dem sie tickt, und Haarmann derjenige, der die Höllenmaschine entschärfen könnte. "Es eilt", sagt er, öffnet Dokumente, in denen Zahlen stehen, die Beweise sein sollen. Haarmann ist es, der das Grundeinkommen für Namibia berechnet hat, zusammen mit seiner Frau Claudia, beide Wirtschaftswissenschaftler, beide Theologen aus Mettmann, Deutschland, beide überzeugt: "Es ist der einzige Weg aus der Armut."
Haarmann ist ein zierlicher Mann, Fünftagebart, leise, aber bestimmt. Er sitzt an seinem ovalen Holztisch in der Zentrale der Evangelischen Lutherischen Kirche, Churchstreet 8, im Zentrum der Hauptstadt Windhuk und spricht über Namibia wie ein Arzt, der die Symptome seines Patienten aufzählt: "Hier", sagt er und klickt in seinen Statistiken herum, "mehr als zwei Drittel leben von weniger als einem US-Dollar am Tag." Sein Büro ist vollgestellt mit Leitz-Ordnern und Büchern. "Christ sein", "Der Himmel ist offen", aber auch "Grundeinkommen Finanzen" steht darauf oder "Einkommenssicherheit". In keinem Land sei die Einkommensverteilung so ungleich wie hier, sagt Haarmann: "Das wird schiefgehen, ganz bestimmt."
Zusammen mit seiner Frau hat Haarmann das Sozialreferat der Kirche gegründet, auf Wunsch des Bischofs. Das war vor sechs Jahren. Seither lebt und arbeitet er hier auf dem Kirchengelände, morgens Messe, mittags überlegen, was man gegen die Armut tun kann.
"Das Grundeinkommen", sagt Haarmann, "das funktioniert nicht wie eine Wohltätigkeit, sondern wie ein Grundrecht": Jeder soll von Geburt an Anspruch haben, reich, arm, egal. Es gibt keine Bedürftigkeitsprüfung, keine Bedingungen und somit keine Sozialbürokratie. Niemand soll einem vorschreiben, wofür man das Geld verwenden darf.
Dieser Gedanke wird in vielen Ländern der Welt diskutiert, auch in Deutschland propagieren ihn Politiker vieler Parteien - in der CDU etwa Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus - und Unternehmer wie der Drogeriekettengründer Götz Werner. Über 50 000 Bundesbürger haben eine Petition an den Bundestag unterzeichnet.
Das Grundeinkommen in einem Land wie Namibia, sagt Haarmann, solle leisten, was konventionelle Entwicklungshilfe niemals schaffen könne: eine flächendeckende Basis für die Entfaltung des Menschen, persönlich, wirtschaftlich. Und satt machen soll es 2,1 Millionen Namibier, das ist das erste große Ziel.
Der Versuch findet statt in Otjivero, einer 1000-Einwohner-Siedlung in einer wüsten Gegend, 100 Kilometer östlich von Windhuk. Staub und Hitze hängen hier fest, eine Schule gibt es, eine Klinik, mageres Vieh und magere Menschen. Bis vor kurzem lag die Arbeitslosenquote bei über 70 Prozent, die Unterernährungsrate der Kinder bei 42 Prozent, Schulbildung hatten wenige. Alkoholismus, Kriminalität, Aids: Dafür ist der Ort bekannt. Von vier Seiten ist Otjivero eingekesselt zwischen den Elektrozäunen reicher, weißer Farmer wie Lüttwitz. Die Siedlung bildet den Querschnitt einer Gesellschaft ab, in der es ein Unten gibt und ein Oben und wenig dazwischen, ein Mikro-Namibia, ein Mikro-Afrika, eine Mikro-Welt.
Der perfekte Ort also, um zu testen, wie man die Welt gerechter machen kann. Anfang 2008, erzählt Haarmann, war es so weit: Gemeinsam mit der Koalition der Hilfsorganisationen, angeführt vom Bischof, führte er das Grundeinkommen versuchsweise in Otjivero ein. Bis Dezember bekommt nun jeder der knapp tausend Einwohner unter 60 Jahren das "Basic Income Grand", kurz BIG genannt, umgerechnet neun Euro im Monat, zunächst spendenfinanziert. Für eine Frau mit sieben Kindern bedeutet das: 800 Namibia-Dollar monatlich, ein mittleres Einkommen.
Die Hütte von Sarah Katangolo hat in Haarmanns Dateien die Registrierungsnummer acht. Es ist Mittag, und sie ist mit der Buchhaltung beschäftigt, bückt sich über den Boden und zieht mit dem Mittelfinger ein paar Zahlen in den Sand: eine 5 für die Kinder, die zur Schule gehen; 40 Dollar pro Kind pro Monat, schreibt sie, multipliziert: 200 Dollar, zeichnet sie mit langsamen Strichen in den Sand, umgerechnet 18 Euro, kostet sie die Schule im Monat, eigentlich unbezahlbar, sagt Sarah Katangolo, 39 Jahre alt und knochenarm.
Sie ist eine kleine Frau, aufgewachsen auf dem Grundbesitz weißer Farmer, hat nie ein eigenes Zuhause gehabt, nie einen Beruf gelernt. Sie steht vor ihrer Hütte aus Wellblech und flachgeschlagenen Öltonnen, auf dem Kopf eine Strickmütze der Chicago Bulls, sagt: Ihr Leben sei schwerer geworden, seit der Mann gestorben ist, schwer war es auch vorher schon. Arbeit hatte sie nie, dafür Kinder, die Maisbrei brauchen, Kleidung, Medizin. "What can you do?", das hat Sarah Katangolo mit blauer Kreide an ihre Sperrholzwand geschrieben.
Seit der Versuch begann, glaubt sie eine Antwort auf diese Frage zu kennen: Durch das Grundeinkommen hat Sarah Katangolo nun, inklusive des Geldes für ihre sieben Kinder, 800 Namibia-Dollar im Monat. Abzüglich des Schulgelds, rechnet sie vor, bleiben 600 übrig, um die Kinder satt zu kriegen. Sie lächelt.
Sie verwischt die Zahlen im Sand und geht in ihre Hütte. Dort hat sie sich eine Art Küche eingerichtet, ein Holzbrett, ein paar Plastikschüsseln, es riecht ranzig und nach offenem Feuer, Sarah Katangolo zählt ihre Vorräte: Zehn Tage nach dem letzten Zahltag hat sie noch zwei Säcke Mehl, vom Öl - sie schüttelt die Flasche - ist auch noch genug da. Außerdem sammle sie Trockenspinat im Busch, den sie, seitdem die Leute hier etwas Geld haben, manchmal sogar verkaufen könne. "Und wenn es doch nicht reicht", sagt sie, "verkaufe ich einfach ein Huhn" - von ihrem ersten Grundeinkommen hatte sich Sarah Katangolo zwei Hühner gekauft, zu je 25 Namibia-Dollar.
Innerhalb eines Jahres hat sie daraus 40 Tiere gezüchtet. Ein Huhn verkauft sie heute für 30 Dollar, erzählt sie, würde sie alle verkaufen, hätte sie abzüglich der Kosten für Futter rund tausend Dollar Gewinn gemacht. Kapital, Investition, Wachstum, Profit und Reinvestition: Sarah Katangolo ist jetzt eine Geschäftsfrau.
Von ihren ersten Umsätzen hat sie Maissamen gekauft, vor ihrer Hütte wachsen jetzt ein paar ordentliche Pflanzen. Sie konnte sich neues Wellblech zulegen, mit dem sie den Verschlag erweitern will, regelmäßig bezahlt sie das Schulgeld für ihre Kinder, hin und wieder leistet sie sich Makkaroni statt Maisbrei oder eine Fahrkarte in den Norden, um die Verwandten zu besuchen. "Hätte ich mir nie erträumt", sagt sie und kichert ein wenig, dann setzt sie sich auf eine Plastikkiste und erzählt, wie eines Tages das Geld nach Otjivero kam.
Es war Juli, ein heißer Dienstag vor zwei Jahren, da kamen sie ins Dorf, die Männer und Frauen aus der Stadt. Sie fuhren mit Jeeps und Volkswagen durch den Sand, wirbelten Staub auf und riefen etwas durch ein Megafon: Die Einwohner sollten sich unterm Kameldornbaum versammeln, das ganze Dorf, es klang ernst. Sarah nahm ihre Kinder mit, einen alten Autoreifen zum Draufsetzen und ging die paar Meter zum Versammlungsbaum hinüber.
Dort stand der Bischof Zephania Kameeta. Sie hatte schon oft von ihm gehört, ein berühmter Mann in Namibia, einer wie Desmond Tutu in Südafrika, stark im Unabhängigkeitskampf, und jetzt stand er hier in ihrem Dorf - ausgerechnet in diesem gottverdammten Dorf, in dem es nichts gab als Armut, Dreck, Alkohol -, stand an einem weißen Plastiktisch, Mikrofon in der Hand, und sprach von Geld und davon, dass jeder von ihnen etwas bekommen würde.
"Wir haben ihm nicht geglaubt", sagt Sarah Katangolo, in diesem Land gibt es keine Geschenke. Aber der Bischof sagte: "Ich bin nicht den weiten Weg aus der Stadt gekommen, um zu lügen." Er sagte: "Zum Lügen bin ich zu alt." Sie baten die Einwohner, zurück in ihre Hütten zu gehen und zu warten, bis jemand kommen würde, um sie zu registrieren, 961 Menschen. Dann verschwanden sie, sechs Monate vergingen, nichts passierte.
Am 15. Januar des folgenden Jahres kamen sie wieder, und das Unglaubliche geschah: Nacheinander bekam jeder Bewohner eine Chipkarte aus Plastik mit seinem Namen drauf, einem Foto und einem Fingerabdruck. Und aus einem Geldautomaten, den sie mitgebracht hatten, den ersten roten Hundertdollarschein. Der Bischof hatte nicht gelogen.
Bischof Zephania Kameeta ist ein Mann des Glaubens, kein Mann der Zahlen. Aber Menschen brauchen auch Zahlen, um noch glauben zu können an Gottes Gerechtigkeit, brauchen Scheine, mit denen sie Brot kaufen können und Kleidung. "Du kannst nicht reich sein und in einem Meer der Armut schwimmen", sagt der Bischof, "das ist wie ein Bad in einem Pool voller Haie."
Er sitzt tief eingesunken in seinem Lederfauteuil, im Büro, mintfarben gestrichen, zwei Häuser neben dem der Haarmanns. Er ist müde, ausgelaugt: Müde machen ihn die Folgen des Albinismus, das Alter. Müde macht ihn der Jetlag. Müde machen ihn vor allem die Ungerechtigkeiten dieser Welt: Gerade kommt er zurück aus Bangkok, wo er auf einem Kongress für die Rechte der "Unberührbaren" gesprochen hat, jetzt, nach 23 Stunden Flugreise, zurück in seiner Heimat, sind es die hungrigen Namibier, die auf seine Hilfe warten. Es hört niemals auf.
Er hat viel gekämpft in seinem Leben, war lange politisch aktiv, stritt für die Unabhängigkeit und gegen die Apartheid, wurde dabei mehrfach inhaftiert. Jetzt also gegen den Hunger. Die Waffe, die er für diesen Kampf gewählt hat, ist das bedingungslose Grundeinkommen, seine Munition liefern ihm die Erfolge in Otjivero.
Und die Erfolge sind beeindruckend: Da sind die Frauen, die mit dem Geld in die Stadt fahren, sich Stoffreste besorgen und Kleider nähen und sie zu Geld machen. Da ist der Mann, der die 100 Dollar in Zement investiert und daraus Ziegelsteine backt. Einer fing an, Schuhe zu reparieren. Die Bewohner haben ein Komitee gegründet, 18 Leute, die in Geldfragen beraten und am Zahltag durchs Dorf gehen. Sie bitten die Besitzer der Kneipen, erst am Abend Alkohol auszuschenken, damit die Menschen das Grundeinkommen nicht am Tag vertrinken.
Die Eltern zahlen nun Schulgeld; der Anteil der Kinder, die den Unterricht besuchen, stieg im vergangenen Jahr auf 92 Prozent. Mit den Einnahmen konnte die Schule Papier kaufen, Stifte und Tinte für den Drucker. Die Unterernährungsrate der Kinder sank von 42 auf 10 Prozent. Die Kriminalstatistik der Polizei zeigt einen Rückgang von Diebstahl, Wilderei. Aidskranke reagieren besser auf ihre Behandlung, seit sie sich ausgewogener ernähren können. "Auf einmal hatten die Kinder Schuhe an", sagt die Lehrerin. Ein Mann kam zu Dirk und Claudia Haarmann, strahlte und sagte: "Seht ihr nicht?" Sie fragten ihn, was er meine. "Seht ihr nicht, ich habe jetzt eine Hose und ein T-Shirt. Ich bin jetzt ein Mensch."
Auch Würde, so scheint es, kann man mit 100 Dollar kaufen.
Armut, so hat einmal der ehemalige Chef der Weltbank, Robert McNamara, definiert, unterteile sich in relative und absolute Armut. Relativ arm ist derjenige, dessen Einkommen weit unter dem Durchschnitt des Landes liegt. Absolut arm ist, wer ein Leben führt "am äußersten Rand der Existenz", Menschen, die in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen. Absolut arm waren bis vor kurzem die Menschen von Otjivero.
Vor Einführung des Grundeinkommens hatten sich Frauen prostituiert, um Geld für Nahrung aufzutreiben, die Männer stahlen, wilderten. Den Rest der Zeit hatten sie träge und stumpf vor dem Schrotthaufen gesessen, der ihr Zuhause war, hatten gewartet, weil sie nichts anderes tun konnten als warten, hatten sich mit Alkohol betäubt. Der absolut arme Mensch hat keine Energie, um sich auf etwas anderes zu konzentrieren als Essen, Schlafen, Verdrängen.
In Otjivero kam der Fortschritt, als alle satt waren, erstaunlich schnell, besonders bei Frieda Nembwaya, sie ist das Lieblingsbeispiel des Bischofs.
Es ist ein glühend heißer Nachmittag in Otjivero, die junge Frau steht hinter ihrem Holztresen und blättert in einem Buch voller Klarsichtfolien, darin deutsche Backrezepte, die sie mit Kugelschreiber auf die Seiten gekritzelt hat. "Ausverkauft für heute", sagt sie, "ich muss gucken, was ich morgen backe." Sie blättert weiter, Weißbrot, Brötchen, Kuchen. "Good Life After Struggle", nach großer Anstrengung ein gutes Leben, steht in großen roten Buchstaben an ihrer Hütte: So hat sie ihre kleine Bäckerei genannt, das Vorzeigeunternehmen des Dorfes.
Frieda Nembwaya, mit 35 Jahren Mutter von sieben Kindern, ist eine hübsche Frau, trägt ein weißrotes Kleid, ein passendes Tuch auf dem Kopf. Sie lacht viel, während sie spricht. "Mir geht es sehr gut", sagt sie auf Deutsch. Wie viele in Otjivero hat sie ihr halbes Leben auf den Farmen deutscher Landwirte verbracht. Ihre Hütte ist eine der besten im Ort, das Wellblech ist neu, das Dach ist dicht, die Kinder sind wohlgenährt und sauber. Das liegt vor allem daran, dass Frieda Nembwaya eine Idee hatte, als das Geld nach Otjivero kam.
Backen konnte sie schon vorher: Jahrelang hatte sie als Köchin für einen Farmer gearbeitet, für einen lächerlichen Lohn, 32 Euro im Monat. "Nicht mal Fleisch oder Milch hat der mir gegeben", sagt Frieda, so kann man keine Kinder ernähren. Die nächste Schule war kilometerweit entfernt, und ihre Töchter mussten die Strecke täglich zu Fuß im Straßengraben laufen. Irgendwann beschloss Frieda, dass es so nicht weitergehen konnte, und zog nach Otjivero. Sie hatte Glück: Nach wenigen Wochen im Dorf wurde sie für das Grundeinkommen registriert. Und sie hatte sich ein paar Rezepte gemerkt.
Mit den ersten 100 Dollar kaufte sie sich einen Sack Mehl, etwas Hefe, Feuerholz und eine Alu-Platte. Sie grub ein Loch in den Sand vor ihrer Hütte, legte das Holz hinein und zündete es an. Darüber stellte sie eine Öltonne, die sich erhitzte. Aus dem Mehl hatte sie einen Teig angerührt, den sie in leere Sardinendosen füllte, stellte sie in die Tonne, legte die Platte obendrauf, wartete. Nach 20 Minuten hatte sie ihre erste Ladung Mini-Brote.
Sie fing an zu verkaufen, für einen Namibia-Dollar das Stück. Schnell sprach sich herum, dass Frieda Brot verkaufte, günstig und gut, dass man früh da sein müsse, um noch welches zu bekommen. Nach zehn Monaten hatte sie so viel Gewinn gemacht, dass sie sich einen Herd kaufen konnte für 3000 Namibia-Dollar, kaum jemand sonst in diesem Dorf besitzt einen Herd. Sie ist stolz, "guck mal, drei Platten". Sie öffnet die Klappe, schließt sie wieder, öffnet sie, holt ihre kleinen Sardinenbüchsen heraus. "Jetzt kann ich 250 kleine Brote am Tag backen", sagt Frieda. Das macht täglich 250 Dollar.
Siggi von Lüttwitz, der Farmer, kennt die Geschichte von Frieda Nembwaya nicht, vielleicht will er sie auch gar nicht kennen. Auch er bekommt die 100 Dollar im Monat, er braucht sie nicht, verglichen mit den Menschen in Otjivero ist er ja reich. "Ich sehe nicht, was das alles bringen soll", sagt er und raucht an seiner Filterlosen, "die sind doch genauso dreckig und zerfleddert wie zuvor." Er findet nicht, dass die Menschen ein Recht auf Existenzsicherung haben. Er sagt: "Wenn ich dir 100 Dollar gebe, gib mir wenigstens für 90 Dollar Arbeit zurück."
Was ihn am meisten störe am Grundeinkommen, sei nicht einmal das Grundeinkommen selbst, sondern dass die weißen Farmer immer die Buhmänner seien. Seit das Dorf so viel Aufmerksamkeit bekommt, findet Lüttwitz, werde die Situation hier viel zu einseitig dargestellt. Der Bischof und Haarmann verbreiten all diese positiven Nachrichten.
"Und wir Farmer sind immerzu die Bösen", sagt er, "als wären wir schuld an der Armut und hätten nie versucht, den Otjiveros zu helfen. Das ist Rassismus, andersrum."
Deshalb hat Lüttwitz sich in der örtlichen Zeitung zum Grundeinkommen geäußert. Hat gesagt, dass - seitdem das Geld im Dorf verteilt wurde - die Diebstähle und Wildereien zugenommen hätten und der Alkoholkonsum.
Die Kriminalstatistik der Polizei, die Zahlen von Haarmann und die Menschen in Otjivero sagen etwas anderes. Es ist, als lebten die Farmer auf ihrem Planeten und die Befürworter des Grundeinkommens auf einem anderen.
Haarmann sagt, er verstehe nicht, warum die Farmer so emotional auf das Grundeinkommen reagierten. Einer habe seine acht Hunde auf ein schwedisches Kamerateam gehetzt. Er habe E-Mails bekommen, auch mit rassistischen Äußerungen. "Ich vermute, die Farmer haben Angst", sagt Haarmann. Angst, dass die armen Leute etwas Macht bekommen könnten und den reichen, weißen 20 Prozent damit etwas wegnähmen. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass es hauptsächlich die Reichen sind, für die sich die Steuerausgaben im Falle eines Grundeinkommens erhöhen würden.
"100 Dollar sind nicht viel", sagt Haarmann, "man kann nicht erwarten, dass damit sofort jeder Bewohner ein erfolgreiches Geschäft aufmacht." Dass die Menschen von einem Tag auf den anderen aufhören zu trinken, dass sie auf einmal nagelneue Kleider tragen und in Steinhäusern wohnen. "Aber dass sie satt werden, das können wir schaffen." Und wenn nebenbei der eine oder andere eine Geschäftsidee entwickle und es damit in die Unabhängigkeit schaffe, "umso besser".
Frieda Nembwaya, die Bäckerin, hatte nach wenigen Monaten die ersten Konkurrentinnen. Das Geld, das sie verdient, gibt sie wiederum bei anderen lokalen Geschäften aus, bald, so sagt sie, brauche sie die erste Angestellte. Auch das System der Kleinkredite in Entwicklungsländern zeigt: Wenn arme Menschen Zugang zu Geld haben, schaffen sie es zu einem hohen Prozentsatz in die finanzielle Unabhängigkeit. Indem sie Geschäfte gründen, Friseursalons, Callshops.
Vor ein paar Wochen hat Dirk Haarmann den Jahresbericht veröffentlicht, ihn an Politiker geschickt, an die Uno, sogar an den Staatspräsidenten. Darin stand, dass die wirtschaftliche Aktivität im Dorf um zehn Prozent gestiegen sei. Dass mehr Menschen Schulgeld und Arztgebühren bezahlen, sich die Gesundheit verbessere und die Kriminalitätsrate sinke.
Darin stand auch, dass das Grundeinkommen über das Steuersystem finanziert werden könnte, würde man Mehrwert- oder Einkommensteuer um einige Prozent erhöhen. Schon rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 115 Millionen Euro, würden ausreichen für ein Grundeinkommen in ganz Namibia.
Die Reaktionen waren bisher verhalten, aber positiv. Die Uno-Kommission für Soziale Entwicklung nannte Otjivero ein "Best Practice". Der ehemalige Premierminister und jetzige Handels- und Industrieminister Hage Geingob äußerte sich zustimmend. Vor kurzem erst war eine Gruppe von 16 Parlamentariern in Otjivero und hat sich angeschaut, wie Frieda ihre Brote backt, wie Sarah Katangolo ihre Hühner füttert. Die Nationale Planungskommission nannte das BIG-Programm zukunftsweisend für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Was, wenn Otjivero ein Versuch bleibt?
Siggi von Lüttwitz sagt, "das gibt 'ne Katastrophe, erst abhängig machen, dann fallenlassen"; Frieda Nembwaya, die Bäckerin, sagt, sie sei ängstlich, aber vorbereitet; Haarmann sagt, er sei dabei, ein paar Zusatzspenden aufzutreiben, um den Geldfluss noch ein bisschen aufrechtzuerhalten, langsam runterfahren, ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr. "Wenn die Regierung dann immer noch nichts tut", sagt er, "dann müssen die Reichen bald ihre Elektrozäune erhöhen."
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 33/2009
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