10.08.2009

KONGODoppelte Demütigung

Vergewaltigungen sind im Osten des vom Bürgerkrieg zerrütteten Staates an der Tagesordnung. Immer häufiger werden jetzt auch Männer zu sexuellen Opfern.
Katungo Mukandiror ist 18 Jahre alt, sie lebt bei Gasteltern in der ostkongolesischen Großstadt Butembo und lernt bei einer Hilfsorganisation das Schneiderhandwerk. Es geht ihr eigentlich ganz gut, viel besser jedenfalls als früher auf dem Lande, wo Krieg war, seit sie denken konnte.
Katungo hatte sieben Geschwister, manchmal ging sie zur Schule, manchmal auch nicht, wenn sie auf dem Feld helfen musste. Eines Nachmittags wollte Katungo im Wald Wasser holen, sie hatte schon den Kanister geschultert, da wurde sie von Milizionären überrascht, verschleppt und missbraucht. Tagelang, nächtelang. Sie war damals gerade zwölf.
Später gaben die Soldaten dem Mädchen Waffen und zwangen es, an Raubzügen, Plünderungen, Erschießungen teilzunehmen. Katungos Vater wollte seine Tochter aus dem Rebellenlager befreien - Wachen schnitten ihm die Kehle durch.
Der Kongo ist ein gescheitertes Land, ein "failed state", an dessen trostlosen Zuständen auch der Kurzbesuch von US-Außenministerin Hillary Clinton im Rahmen ihrer derzeitigen Reise durch sieben afrikanische Staaten nichts ändern wird. Clinton schwärmte zum Auftakt von Afrikas ökonomischem Potential, doch in Katungos Heimat ist davon nichts zu sehen.
Es gibt kaum Schulen und Arbeit, keine Gesundheitsfürsorge, weder Sicherheit noch Gerechtigkeit, dafür Tausende Kindersoldaten - uferlose Armut und Gewalt. Insbesondere im Osten herrschen Militärs und Rebellen fast nach Belieben. Millionen Menschen sind dort ums Leben gekommen, zigtausend Frauen wurden vergewaltigt. Allein in der kleinen Krankenstation nahe dem Zentrum von Butembo erscheinen jährlich an die tausend Vergewaltigte, und dieses Hospital ist nur eines von dreien in der Stadt.
"Vergewaltigungen sind ein alltägliches Verbrechen", sagt die Krankenschwester Maria Dolorosa - so alltäglich mittlerweile, dass auch Männer immer häufiger die Leidtragenden sind. Den 53-jährigen Kazungu Ziwa beispielsweise, einen Tiermedizinhändler, überfiel eine Bande nachts um elf Uhr in seiner eigenen Hütte. Sie hielten ihm eine Machete an die Kehle, machten ihn mit Schlägen gefügig, rissen seine Hose herunter und fielen dann über ihn her. Zahlreich waren die Eindringlinge, mehr weiß Ziwa nicht, ein gnädiger Blackout vernebelte sein Hirn: "Ich war wie betäubt, konnte nicht mehr klar denken."
In Relation zur allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen mögen die Übergriffe auf Männer als ein Problem von geringerer Tragweite erscheinen. Die Uno bezeichnet den Ostkongo als das Vergewaltigungszentrum der Welt; Clinton will denn auch mit einigen Betroffenen sprechen. Doch die eklatante Zunahme an Schändungen von Männern durch Männer weist auf eine neue Qualität hin, auf eine besinnungslose Lust am Tabubruch.
Dass Frauen zur Befriedigung von Marodeuren herhalten müssen, ist in einer solch anarchischen Gesellschaft eine traurige Kriegstradition. Dass nun auch verstärkt Männer in die Opferrolle gezwungen werden, bedeutet in einem Land, in dem sich maskuline Identität in erster Linie über die Ausübung von Macht und Kontrolle definiert und Homosexualität verpönt ist, eine doppelte Demütigung. Nicht selten ernten die Entehrten auch noch Hohn: In ihren Dörfern heißt es oft, die "Kerle aus dem Busch" hätten sie "zu ihren Weibern gemacht", sagt ein Opfer namens Tupapo Mukuli. Da müssen die Folgen einer Vergewaltigung schon gravierend sein, dass ein Stigmatisierter überhaupt zum Arzt geht.
Eine Weile schien die Welle der Vergewaltigungen abzunehmen, doch nun sind die Gewalttäter wieder gnadenlos auf Menschenjagd. Selbst auf Märkten sind schon Horden aufgetaucht, nackt bereits, und haben sich an Frauen vergangen. Vor Kindern und Minderjährigen macht die sexuelle Gewalt genauso wenig Halt.
Die Hilfsorganisation Oxfam registriert allein in einer Gemeinde im Gebiet Mwenga zwei Vergewaltigungen pro Tag, sie berichtet von Frauen, die nach der Tortur Selbstmord begingen, oder von einer Attacke im Gebiet Beni, wo im April Milizen die Passagiere eines ganzen Busses vergewaltigten und anschließend zwangen, einander zu missbrauchen.
Die Taten gehen auf das Konto paramilitärischer Banden oder der ruandischen Rebellengruppe FDLR, aber auch die Regierungsarmee ist beteiligt. In Nordkivu missbrauchten ihre Soldaten in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 143 Personen. 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge sind den Bewaffneten ausgeliefert, und die gehen barbarisch vor.
Manche Männer starben, weil ihr Penis mit Seilen stranguliert wurde und sie vor lauter Scham und Verzweiflung nicht in eine Klinik wollten. Das amoralische Treiben erinnert an die Zeit des Genozids in Ruanda 1994.
"Ich verstehe, dass sich die Welt schuldig fühlt wegen der damaligen Vorgänge", sagt der Arzt Denis Mukwege vom Panzi-Krankenhaus in Bukavu, "aber sollte sie nicht dieselbe Schuld empfinden angesichts dessen, was heute im Kongo geschieht?"
RÜDIGER FALKSOHN, HORAND KNAUP
Von Rüdiger Falksohn und Horand Knaup

DER SPIEGEL 33/2009
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