10.08.2009

POPDie Könige von Mallorca

Erst kam die Wirtschaftskrise, dann die Schweinegrippe, und nun rollt auf Deutschland ein drittes Ungemach zu: der sogenannte Atzen-Sound, eine aggressive Partymusik, die in Berliner Problembezirken erfunden und in den letzten Monaten in den Discos von Palma de Mallorca berühmt wurde. Jetzt schwappt sie von dort zurück - als das Pop-Phänomen dieses Krisensommers, zumal es eins ist, das endlich einmal nicht von der Plattenindustrie künstlich erzeugt wurde. Die Atzen-Musik mischt den Berliner HipHop-Untergrund mit der Sauf- und Proletenkultur von El Arenal, was für beide Seiten fruchtbar zu sein scheint: Der provokante Berliner Gangsta-Rap hatte sich längst totgelaufen; die mallorquinische Saufszene quält sich seit Jahrzehnten mit den immer gleichen Liedern von Jürgen Drews und DJ Ötzi. Ausgerechnet der seit Jahren im Berliner HipHop-Untergrund herumtingelnde Zoten-Rapper Frauenarzt, dem niemand mehr einen Hit zugetraut hätte, gibt nun der Bewegung ihre Hymne: Sein Song "Das geht ab! (Wir feiern die ganze Nacht)" ist ein Hybrid aus Techno, Schlager und Gröl-Rap. Diese Woche steht er damit in Deutschland auf Platz elf, für die kommende Woche wird der Eintritt in die Top Ten erwartet. Jeden Sonntag fliegt Frauenarzt, der eigentlich Vicente de Teba heißt, zusammen mit seinem Partner Manny Marc nach Palma und tritt dort im Partytempel Riu Palace vor knapp 3000 alkoholisierten jungen Menschen auf, die rote Stauwesten tragen und Sonnenbrillen mit Jalousien. Alle im Riu Palace, Künstler wie Publikum, bezeichnen sich als "Atzen", wobei Frauenarzt und Manny Marc die "Oberatzen" sind. Frauen heißen "Atzinnen". "Der Begriff kommt aus dem Berlinerischen und bedeutet so viel wie Kumpel oder Bruder", sagt der Rapper Frauenarzt. "Das ist eine Identifikationssache. Das Feiern auf Mallorca wird jetzt wieder cool. Wir Atzen gehören alle zusammen." Es geht also beim Atzentum um mehr als nur Musik, es soll ein Lebensstil sein, eine wenn auch beschränkte Perspektive auf die Welt. Die passende Kleidung dafür verkauft ein sogenannter Atzen Style Shop schon im Internet.

DER SPIEGEL 33/2009
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