10.08.2009

RELIGIONBeim Schale des Propheten

Der Fußballclub Schalke 04 sah sich Protesten von Islamisten ausgesetzt, weil im Vereinslied Mohammed verhöhnt werde. Eine Sommerloch-Posse.
Versuchungen lauern überall. Alkohol im Supermarkt, leichtbekleidete Mädchen in der U-Bahn, freie Liebe im Fernsehen und Schweinshaxen auf dem Grill des Nachbarn. Da ist es gut, dass es eine Stimme gibt, die dem rechtschaffenen Muslim in der Diaspora sagt, was er tun darf und worum er einen Bogen machen soll.
Der "Muslim-Markt" tut es, ein Online-Ratgeber aus Delmenhorst, dessen Betreiber, ein fundamentalistisches Brüderpaar, auch schon mal vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Aufgerufen wird dort im Internet zum Boykott von Produkten, "die Symbol einer anti-islamischen Kultur" seien und Ausdruck einer "Feindseligkeit gegen Islam und Muslime". Mal ist die "taz" dran, die "teuflische Aussagen" von sich gegeben habe, "wie wir sie in nunmehr 20 Jahren Studium der Medien noch nicht erlebt haben", mal das "so genannte Satireblatt Titanic", das mit seiner Schelte gegen den Islam und die Muslime "jegliches Maß an Anstand" überschritten habe.
Aber auch Coca-Cola, Pepsi-Cola und McDonald's sollen gemieden werden, Symbole des "american way of life", dazu "alle Kleidungsstücke, auf denen USA-Fahnen aufgedruckt, aufgenäht oder anders appliziert sind". Schließlich wird auch "dringend" empfohlen, "nicht mehr zu rauchen!". Wer allerdings dem Tabak nicht entsagen kann, sollte wenigstens Marken aus Ländern vorziehen, "die dem Zionismus weniger nahe stehen".
Ende Juli erwischte es den Bundesligaclub Schalke 04, der bislang nicht unter Islamophobieverdacht stand, dessen Fans sich mit blau-weißen Schals behängen. "Verhöhnt Schalke 04 Prophet Muhammad?", fragte der "Muslim-Markt" und gab selbst die Antwort: "Inzwischen haben sich Muslime in Deutschland ja an so manche Beleidigung ... gewöhnt. Dass aber auch ein Bundesligaverein, der viele muslimische Fans haben dürfte, in diese Beleidigungsorgie einsteigen muss, ist traurig - aber nicht neu!"
Auslöser der Empörung war "das neue Vereinslied" von Schalke, das "aufmerksame Geschwister aus dem Ruhrpott" auf der Schalke-Homepage entdeckt hatten. Darin heißt es:
Zwar ist das Vereinslied nicht neu, wie auch "Muslim-Markt" zugab, dennoch reichte es zu einem Boykottaufruf: "Wie wäre es, wenn alle Schalke-Fans, die sich als Anhänger des Islam betrachten, ganz einfach nicht mehr zu Schalke gehen?" Außerdem sollten die muslimischen Fans dem Verein in einem vorformulierten Anschreiben mitteilen, "sowohl den Spielen von Schalke 04 fern zu bleiben als auch keinerlei Fan-Artikel mehr zu kaufen, bis jene Strophe aus dem Vereinslied gestrichen wird".
Das Schreiben war freundlich und sachlich abgefasst, aber es löste, nach Berichten in türkischen Zeitungen, bei den Empfängern Nervosität aus. "Wir nehmen die Situation sehr ernst und stehen bereits in Kontakt mit der Polizei und dem Staatsschutz", sagte ein Schalke-Sprecher und kündigte an, man werde das Lied von einem Experten überprüfen lassen. Jochen Hippler, Politikwissenschaftler am Institut für Entwicklung und Frieden an der Universität Duisburg-Essen, warnte davor, den Vorgang zu unterschätzen. Die Aussage sei zwar "läppisch", aber: "Entscheidend ist nicht allein, wie die Zeile formuliert ist. Entscheidend ist, in welchen Kontext sie gestellt wird."
Der Hinweis war nicht dazu angetan, die Schalker zu beruhigen. Denn zum "Kontext" gehört die "Fatwa" gegen den Schriftsteller Salman Rushdie, dazu gehören weltweite Demonstrationen empörter Muslime nach der Veröffentlichung eines Dutzends Mohammed-Karikaturen in der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" - aber auch eine Vielzahl kleinerer Vorfälle, die von der Bereitschaft der Muslime zeugen, sich schnell beleidigt zu fühlen, und vom Bemühen der Mehrheitsgesellschaft, es nicht auf eine Eskalation ankommen zu lassen.
In Hagen empfahlen Staatsschützer einer Frau, die ihr Pferd Mohammed genannt hatte, es umzubenennen. Ein Rentner, der Klopapier mit dem Wort "Koran" bedruckt und verschickt hatte, wurde wegen "Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft" zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. "Durch die weltpolitische Lage" habe sich die Bedeutung der Tat, so der Richter, "erheblich gesteigert".
Unter normalen Umständen wären das Peanuts. Aber die Umstände sind nicht normal, sondern von einer Rücksichtnahme bestimmt, die aus der Angst resultiert, es könnte mitten in Berlin oder Gelsenkirchen zum "Kampf der Kulturen" kommen.
Dennoch wollen die Schalker nicht nachgeben, ein muslimischer Experte konnte nichts Böses erkennen, muslimische Fans meldeten sich, die das Lied gut fanden. "Wir werden es nicht zurückziehen", sagt Clubsprecher Thomas Spiegel, es sei "bewusst falsch verstanden, bewusst falsch interpretiert worden".
Und das nicht nur von islamischen Fundis. Es meldeten sich, Herr im Himmel, sogar Rechtsradikale, die den Verein lobten. Mit denen aber will der Club erst recht nichts zu tun haben.
Der Schalke-Sprecher empfiehlt einen Blick ins Ausland. Im Museum für moderne Kunst in Bozen hat eine Skulptur des deutschen Künstlers Martin Kippenberger, der einen nachgebildeten Frosch ans Kreuz genagelt hatte, zu Protesten geführt, sogar der Papst intervenierte. Der Frosch blieb hängen.
Von Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 33/2009
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