DER SPIEGEL



Das Beste aus 1000 Welten

Nr. 33/2009, Titel: Netz ohne Gesetz - Warum das Internet neue Regeln braucht

Das Internet an sich ist nicht gut oder böse. Es kommt darauf an, was der Mensch daraus macht. Beschäftigt sich jemand lange und intensiv mit einem Thema, dann lernt er. Der Effekt ist unabhängig vom Medium. Egal ob man ein Buch oder ein E-Book liest, ob man sich einen Fernsehbericht via Fernseher oder im Internet anschaut.

PINNEBERG (SCHL.-HOLST.) RENÉ SCHAAR

Der Streit über die Netzpolitik ist zu einem Generationenkonflikt geworden. Die Kluft zwischen vielen unserer Volksvertreter und den aktiven Internetusern ist altersmäßig und vom Wissensstand über dieses "neue Kommunikationsmedium" so enorm, dass eine Lösung unerreichbar scheint. Viele Abgeordnete haben außerdem ein falsches Bild vom Internet, verursacht von einigen wenigen Negativschlagzeilen. Dass über 99 Prozent der Seiten eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sind, wird konsequent ignoriert.

BERLIN ENNO MUNZEL

Es gibt sie leider: Straftaten, vor denen man nicht oder nur unzureichend schützen kann. Für alle anderen gilt das Prinzip des gesunden Menschenverstands: Genau wie ich brisante Stadtteile meide, so sollte ich mich auch nicht in jede Ecke des Netzes vorwagen. Ich erziehe meine Kinder, um sie für das Übel zu sensibilisieren und davor zu schützen. Ebenjene Erziehung hat nun eine neue Komponente gewonnen: Internetaufklärung. Unsere "Netizens" brauchen "Netucation". Wenn jeder bei sich und seiner Familie anfängt, haben wir schon viel gewonnen.

MÜNSTER (NRDRH.-WESTF.) SEBASTIAN FELLING

Die reale Welt spiegelt sich einfach im Mikrokosmos des Netzes wider: Hier wie da gibt es neben vielen schönen und ermutigenden Dingen auch alle möglichen Schmuddelecken. Wollten wir in unserer realen Welt deshalb aber gleich in jedem noch so privaten Bereich vorsorglich bespitzelt, gescannt, verfolgt und zensiert werden? Nein! Es bleibt dabei: Für das Internet hat dasselbe Recht Anwendung zu finden wie in allen anderen Lebensbereichen auch - nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Die "digitale Generation" der unter 30-Jährigen ist endlich aus ihrer politischen Lethargie erwacht und fordert 20 Jahre nach den letzten "Wir sind das Volk!"-Rufen ihrer Eltern erneut Bürgerrechte und (Basis-)Demokratie für Deutschland ein. Gut so!

HÜNENBERG (SCHWEIZ) KAI ROHRBACHER

Die Masse dieser sich wohlig anarchisch fühlenden Kleingeister will doch nur das sorg- und gefahrlos konsumieren, was sie selbst vor kurzer Zeit als ungesetzlich, unsozial oder unmoralisch erachtete. Das Verbotene reizt doch ungemein, besonders da das Netz so herrlich rechtsfrei erscheint. Gewollt oder ungewollt wird hier eine Ablösung von alten Sozialstrukturen (Solidargemeinschaft, Vereinswesen, persönlicher Kontakt) betrieben. So kann sich auch der durchschnittlichste Einfaltspinsel endlich als echter Kosmopolit fühlen. Wer sollte ihn aufhalten? Er sucht sich doch nur das Beste aus 1000 Welten aus.

UETZE (NIEDERS.) THOMAS ANDERSON

Vielen Dank für den Internetartikel. Ich bin seit 1996 online, und nach meiner Meinung sind inzwischen 60 bis 80 Prozent des öffentlich zugänglichen Webs kriminell. Dabei schließe ich ausdrücklich nahezu alle Sex- und Finanzanbieter mit ein. Aus diesem Grund: Ich lasse mich lieber vom Staat kontrollieren als von Verbrechern abzocken!

JENA STEFAN KOZIOL

Tatsache ist: Straftaten im Internet werden als Vorwand genommen, den Informationsfluss im Netz zu zensieren. Man muss nicht viel über die technischen Hintergründe des Internets wissen, um zu erkennen, dass fürs Blockieren einzelner Adressen alle Zugriffe geprüft und gegebenenfalls beeinflusst werden. Vom BKA! Erinnern sich die Älteren noch, wie sehr sich die Regierungsmitglieder seinerzeit über die DDR-Störsender gegen Westsender beschwert haben? Und heute überlassen wir es einer Polizeibehörde zu entscheiden, welche Informationen wir zu sehen bekommen und welche nicht.

HAMBURG MATTHIAS ROJAHN SPIEGEL ONLINE FORUM

Im Informationszeitalter (many-to-many) haben die alten Regulierungsregeln des Medienzeitalters (one-to-many) ausgedient, und die gute alte Regierung kann es ohnehin nicht mehr richten. Was es braucht, ist nicht die alte wohlmeinende oder fürsorgliche Bevormundung der Regierenden, sondern Empowerment - sprich Befähigung - der Internetnutzenden. Selbstbewusste und kritische Netizens und Konsumenten sind wirksamer gegen Schund und Zumutungen im Netz als staatliche Eingriffe, die für Rechtsstaaten schlicht unwürdig sind.

NEUCHâTEL (SCHWEIZ) WOLF LUDWIG


DER SPIEGEL 34/2009
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