17.08.2009

AFGHANISTAN„Der Einsatz ist ein Desaster“

Der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU), 66, über die richtige Strategie am Hindukusch und die Fehler seiner Nachfolger
SPIEGEL: Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) betrachtet den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan als Erfolg. Stimmen Sie ihm da zu?
Rühe: Dieser Einsatz ist ein Desaster. Für die Nato, für Deutschland und für die Soldaten, die am Hindukusch sterben. Wenn Verteidigungsminister Jung und SPD-Fraktionschef Peter Struck noch zehn Jahre in Afghanistan bleiben wollen, dann ist das ein Alptraum.
SPIEGEL: Was empfehlen Sie?
Rühe: Wir sollten uns dort in den kommenden zwei Jahren mit voller Kraft engagieren und dann den Abzug einleiten. Die Amerikaner werden es doch genauso machen, Obama will schließlich wiedergewählt werden. Aber in Deutschland gibt es ja nicht einmal im Wahlkampf eine ernsthafte Debatte darüber.
SPIEGEL: Halten Sie Afghanistan für ein geeignetes Wahlkampfthema?
Rühe: Wozu sind denn Wahlkämpfe da? Die Parteien sollten sich endlich präzise zu Afghanistan äußern, aber allen fehlt der Mut. Deshalb muss der Wähler sich zwischen absurden Extremen entscheiden: zwischen Regierungsparteien, die noch zehn Jahre in Afghanistan bleiben wollen, und den Linken, die am liebsten schon in zehn Tagen dort raus wären. Aber eine wirkliche Strategie entwickelt keiner. Ein Armutszeugnis.
SPIEGEL: Es gibt doch eine Strategie: Die Nato zieht ab, sobald die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen können.
Rühe: Wenn wir sagen, wir bleiben noch zehn Jahre, werden die Afghanen sich nicht besonders beeilen, auf eigenen Füßen zu stehen.
SPIEGEL: Im Kosovo sind wir auch seit zehn Jahren.
Rühe: Auf dem Balkan geht es um Demokratien in Europa. In Afghanistan wird ein solches Nation-Building nicht funktionieren. Wenn Sie am Hindukusch jemandem erzählen, Sie wollen in Afghanistan die Demokratie einführen, dann werden Sie ausgelacht.
SPIEGEL: Sie wollen Afghanistan aufgeben?
Rühe: Nein, aber Afghanistan ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Es liegt weder im Interesse Deutschlands noch der Nato, sich für zehn Jahre dort zu binden. Das Bündnis muss sich wieder auf seine Aufgaben im europäischen Umfeld besinnen. Den Nahen Osten zum Beispiel.
SPIEGEL: Am Hindukusch wird aber Deutschlands Sicherheit verteidigt. Das sagt Ihr Nachfolger Peter Struck.
Rühe: Im Jahr 2002 mag das so gewesen sein. Heute liegt dieser Endloseinsatz mit Sicherheit nicht in unserem Interesse.
SPIEGEL: Was bedeutet es, wenn Sie für zwei Jahre "die volle Kraft" fordern?
Rühe: Wir sollten über bessere Ausrüstung nachdenken. Wir können doch nicht auf Waffen verzichten, nur weil sie zu kriegerisch aussehen. Vor allem aber müssen wir größere Verantwortung übernehmen. Wenn die Franzosen oder die Engländer in Gefahr geraten, dann müssen wir helfen, auch im umkämpften Süden. Das erfordert die Bündnistreue.
SPIEGEL: Was wird aus dem zivilen Wiederaufbau?
Rühe: Den muss man fortsetzen. Aber wir befinden uns in einem militärischen Konflikt. Unsere Soldaten sind keine bewaffneten Entwicklungshelfer.

DER SPIEGEL 34/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 34/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFGHANISTAN:
„Der Einsatz ist ein Desaster“

Video 01:12

Klopp und Guardiola huldigen Wenger "Heute würde man ihn Influencer nennen"

  • Video "Angriff auf 17-Jährige in Essen: Polizei sucht Täter mit Fotos und Video" Video 00:40
    Angriff auf 17-Jährige in Essen: Polizei sucht Täter mit Fotos und Video
  • Video "Queen Elizabeth 2 im Ruhestand: Schwimmendes Luxushotel" Video 00:50
    "Queen Elizabeth 2" im Ruhestand: Schwimmendes Luxushotel
  • Video "Filmstarts der Woche: Terror im Zug" Video 09:13
    Filmstarts der Woche: Terror im Zug
  • Video "Strafstoß-Farce in Argentinien: Drei Elfmeter, zwei Geschenke, ein Tor" Video 00:57
    Strafstoß-Farce in Argentinien: Drei Elfmeter, zwei Geschenke, ein Tor
  • Video "Delta Airlines: Airbus muss mit brennendem Triebwerk notlanden" Video 00:47
    Delta Airlines: Airbus muss mit brennendem Triebwerk notlanden
  • Video "Luftschläge in Syrien: Irakische Kampfjets bombardieren IS-Stützpunkte" Video 00:34
    Luftschläge in Syrien: Irakische Kampfjets bombardieren IS-Stützpunkte
  • Video "Virales Militärvideo: Fahneneid mit Dino-Handpuppe" Video 00:51
    Virales Militärvideo: Fahneneid mit Dino-Handpuppe
  • Video "Funksprüche vor Boeing-Notlandung: Entschuldigung, Sie sagten, es gebe ein Loch?" Video 02:04
    Funksprüche vor Boeing-Notlandung: "Entschuldigung, Sie sagten, es gebe ein Loch?"
  • Video "Telefon unterbricht Chelsea-Trainer: Sorry. Das ist meine Frau." Video 00:47
    Telefon unterbricht Chelsea-Trainer: "Sorry. Das ist meine Frau."
  • Video "Neuwahlen in der Türkei: Erdogan will einer Krise zuvorkommen" Video 02:45
    Neuwahlen in der Türkei: "Erdogan will einer Krise zuvorkommen"
  • Video "Freestyle-Premiere: Auf Skiern durch den Looping - rückwärts" Video 01:13
    Freestyle-Premiere: Auf Skiern durch den Looping - rückwärts
  • Video "Dashcam-Video: Polizei filmt Gas-Explosion" Video 00:32
    Dashcam-Video: Polizei filmt Gas-Explosion
  • Video "Amateurvideo aus Iran: Riesiger Sandsturm trifft auf Wohngebiet" Video 00:49
    Amateurvideo aus Iran: Riesiger Sandsturm trifft auf Wohngebiet
  • Video "Müll-Problem: Forscher entdecken Plastik-fressendes Enzym" Video 01:44
    Müll-Problem: Forscher entdecken Plastik-fressendes Enzym
  • Video "Triebwerksexplosion bei Boeing-Flugzeug: Passagier filmt Notlandung" Video 01:28
    Triebwerksexplosion bei Boeing-Flugzeug: Passagier filmt Notlandung
  • Video "Klopp und Guardiola huldigen Wenger: Heute würde man ihn Influencer nennen" Video 01:12
    Klopp und Guardiola huldigen Wenger: "Heute würde man ihn Influencer nennen"