DER SPIEGEL



UMWELT

Strom in die falsche Richtung

Von Shafy, Samiha

Australischer Wein, Orangen aus Israel: Die Supermärkte sind voller Produkte aus Regionen mit Wassernot - ein Unsinn, den Umweltforscher beenden wollen.

Arjen Hoekstra, 42, fällt nicht weiter auf in der Masse der 2400 Forscher, Aktivisten, Industrievertreter und Politiker, die sich in den Stockholmer Messehallen versammelt haben. Es schlendern hier, auf der Weltwasserwoche, weitaus schillerndere Figuren umher als der hagere Niederländer mit der Drahtgestellbrille: die asiatischen Delegierten in ihren leuchtenden Saris etwa oder der indische Unternehmer Bindeshwar Pathak, der stets von Kameras und Mikrofonen verfolgt wird, weil er ein Klo für Slumbewohner erfunden und dafür den "Stockholm Water Prize" gewonnen hat.

Hoekstra hält sich dezent im Hintergrund. Er muss nichts beweisen; über seine Erfindung reden und streiten sie hier ohnehin alle. Der Wasserbauingenieur von der Universität Twente hat eine Formel erdacht, den "Water Footprint". Eigentlich sind es nur ein paar Zahlen: Der "Wasser-Fußabdruck" eines beliebigen Produkts entspricht der Menge an Wasser, die verbraucht oder verschmutzt wird, um es herzustellen.

Der Wasser-Fußabdruck eines Menschen errechnet sich aus seinem direkten Wasserverbrauch und dem "virtuellen Wasser", das für sämtliche Güter aufgewendet wurde, die er konsumiert. Im globalen Durchschnitt verbraucht ein Mensch demnach 1243 Kubikmeter Wasser pro Jahr, in den USA 2483, in Deutschland 1545, in China 702.

Hoekstras Wasser-Fußabdrücke haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt - 140 Liter Wasser für eine Tasse Kaffee! 2400 Liter für einen Hamburger! 10 000 Liter für eine Jeans! -, und nun, in den Paneldiskussionen und Workshops, geht es darum, was aus seinen Zahlen folgt. Zuerst erkannte der WWF das Konzept an; dann folgten weitere Umweltschutzverbände, Institute, die Uno und die Weltbank - und schließlich auch Großkonzerne wie Nestlé, Unilever, Coca-Cola und Pepsi.

Sie alle scheinen einig, dass Hoekstras Zahlen Zündstoff bergen; denn diese offenbaren, wie töricht vielerorts mit der kostbarsten aller Ressourcen umgegangen wird. "Durch den globalen Handel mit wasserintensiven Produkten fließen gewaltige Ströme virtuellen Wassers um die Welt", sagt Hoekstra, "und ein großer Teil strömt in die falsche Richtung, aus wasserarmen Regionen in wasserreiche." Vor allem geht es um Lebensmittel, Biosprit und Baumwolle; denn 70 bis 80 Prozent des Wassers, das weltweit verbraucht wird, versickert in der Landwirtschaft.

So trägt die Europäische Union etwa 20 Prozent zum Austrocknen des Aralsees bei, indem sie Baumwolle aus jener Region importiert. Und wenn die Deutschen Schinken aus Spanien oder Orangen aus Israel kaufen, verschlimmern sie die dortige Wasserknappheit. Überhaupt gehört Deutschland, ein Land mit reichlichen Wasserressourcen, zu den großen Importeuren virtuellen Wassers auf der Welt.

Schon heute leben 1,4 Milliarden Menschen in Gebieten mit Wassermangel. Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und der virtuelle Wasserstrom verschärfen dieses Problem noch: "Wir stehen vor der paradoxen Situation, dass wir bis 2050 mit deutlich weniger Wasser zusätzliche 2,5 Milliarden Menschen ernähren müssen", sagt Colin Chartres, Generaldirektor des International Water Management Institute.

Angesichts dieser Not debattieren die Delegierten in Stockholm, wie realistisch Hoekstras radikale Vorschläge sind: "In trockenen Regionen", so fordert der Niederländer, "sollte es keine Landwirtschaft mehr geben." Die Menschen müssten den virtuellen Wasserhandel dazu nutzen, den gestörten Wasserhaushalt der Erde auszugleichen. Ägypten etwa solle statt Wasser für seine Wüstenfelder lieber gleich Bohnen oder Hirse aus Äthiopien importieren. Und Australien, dessen Inland zu den trockensten Zonen der Welt gehört, müsse am besten ganz aufhören, virtuelles Wasser in Form von Fleisch, Obst und Wein zu exportieren.

Ähnliches gelte für den gesamten Nahen Osten, den Norden Chinas, den Nordwesten Indiens, den Süden Kaliforniens und all die anderen Trockengebiete der Erde, sagt Hoekstra - sie alle könnten ihre Wassernot lindern, indem sie ihre Felder verdörren lassen und stattdessen mehr virtuelles Wasser importieren. "Wie die Ölstaaten, denen das Öl ausgeht, müssen auch die wasserarmen Regionen eine neue Zukunftsvision entwickeln."

Doch was könnte Staaten bewegen, ganz oder teilweise auf Landwirtschaft zu verzichten? Der britische Umweltforscher Tony Allan, 72, der in den neunziger Jahren den Begriff "virtuelles Wasser" prägte, teilt Hoekstras Ansicht: "Singapur zum Beispiel ist ein interessantes Modell", sagt er. "Die haben weder Wasserquellen noch Landwirtschaft im Land. 90 Prozent ihres Wasserbedarfs decken sie über den Import von virtuellem Wasser. Der Rest kommt aus Entsalzungs- und Recyclinganlagen."

Zwar weiß auch Allan, dass Singapur nicht als Modell für die Welt taugt. Kein Land der Welt, so räumt er ein, werde wohl in absehbarer Zeit freiwillig seine Landwirtschaft abschaffen. "Aber immerhin ist es heute kein Tabu mehr, darüber zu diskutieren."

Bei den Workshops in Stockholm sind sich die Experten schnell einig darüber, dass angemessene Preise für Wasser den Handel in die richtige Richtung steuern würden. Doch die werden verfälscht, weil viele Regierungen das Wasser für ihre Bauern subventionieren; täten sie das nicht, würden sich Ackerbau und Viehzucht in vielen Trockenregionen nicht mehr lohnen.

Staaten wie China und Saudi-Arabien kaufen unterdessen statt Nahrungsmitteln lieber gleich große fruchtbare Flächen in Afrika, Asien und Lateinamerika - und sichern sich so den Zugriff auf die Wasservorkommen. Dabei konkurrieren sie mit Lebensmittelgiganten wie Nestlé und Coca-Cola, die seit Jahren ebenfalls Nutzungsrechte für Wasserreservoirs auf der ganzen Welt erwerben.

Die Debatte um den Wasser-Fußabdruck ist diesen Konzernen durchaus willkommen. Denn sie bietet ihnen Gelegenheit, etwas fürs Image zu tun. Einige Unternehmen haben ganze Delegationen nach Stockholm entsandt, die auf verschiedenen Workshops stets dasselbe beteuern: dass ihr Arbeitgeber sehr darum bemüht sei, kleinere Wasser-Fußstapfen zu hinterlassen. SAMIHA SHAFY


DER SPIEGEL 35/2009
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