31.08.2009

Titel„Der Tod, mein Lebensbegleiter“

Was passiert, wenn der Krebs einen Menschen aus dem gewohnten Leben reißt? Fast eine halbe Million Deutsche erleben es jedes Jahr. Jürgen Leinemann, jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter, blickte mit Schärfe auf die Politiker des Landes - nun blickt er mit derselben Unbarmherzigkeit auf seine Krankheit.
Es ist Dienstag, der 14. August 2007, gegen 14.30 Uhr, als die Assistentin Sedi ruft: "So, Herr Leinemann, es geht los." Zum letzten Mal höre ich das Scheppern, Rasseln, Kreischen der Strahlenkanone, sehe sie links und rechts über mich wegschwenken, verharren, einrasten und warte dann auf diesen singenden Sägeton. Und schließlich das herbeigefieberte: "So, das war's. Ich nehme Ihnen jetzt Ihre Maske ab." Alle sind sie da - die Iranerin, die Polin und die junge Deutsche. Gratulieren mir dazu, dass ich Bestrahlung und Chemo hinter mir habe, und Sedi sagt: "Nehmen Sie es nicht persönlich. Aber ich will Sie hier nie wiedersehen."
Immer habe ich gesagt, ich glaube erst, dass es vorbei ist, wenn ich die Charité im Rückspiegel meines Taxis nicht mehr sehe. Kurz nach fünf Uhr ist es so weit. Nach 44 Tagen Klinik bin ich wieder ein halbwegs freier Mensch. Aber als Fall Nummer 302670317 bin ich noch längst nicht erledigt.
Drei Monate vorher, am 8. Mai, war bei mir Krebs entdeckt worden, ein Zungengrund-Karzinom. Gespürt, dass etwas nicht stimmte, hatte ich schon Monate zuvor. Immer wieder Schwierigkeiten mit der Stimme. Lag es am Reflux, an dem ich litt? Hatte die zurückfließende Magensäure die Stimmbänder angefressen? Ich ließ den Magen untersuchen, die Speiseröhre, dann das Lymphsystem, die Schilddrüse, endlich Zähne und Kiefer. In dem von unserem Supergesundheitssystem sorgfältig nach Facharztzuständigkeiten aufgeteilten Körper arbeitete ich mich erst nach oben, dann wieder nach unten. Keiner fand was. Nur die Schmerzen nahmen zu, das Schlucken wurde schwieriger.
Nun der Befund, die Bestätigung dunkler Ahnungen. Und bald war klar: Durch eine Operation würde meine Zunge unbeweglich, ich könnte dann nicht mehr sprechen und schlucken.
Fast sechs Wochen lang hatten die Ärzte deshalb mit Strahlen- und Chemotherapie den tückischen Tumor in meinem Hals auszumerzen versucht. Ob sie erfolgreich waren, würde ich erst im November erfahren, frühestens.
Meine Heimkehr aus der Klinik erlebte ich als positiven Kulturschock. Die Vertrautheit umhüllte mich wie ein warmes Bad. Immer wieder wanderte ich langsam durch die Wohnung, von hinten nach vorn, von vorn nach hinten. Ich fläzte mich in meinen Lieblingssessel, legte mich auf alle Sofas und Liegen, stand minutenlang vor den Bücherwänden, zog vertraute Bände heraus und las ein paar Zeilen, schaltete den Fernseher an, nur um das schöne Bild zu sehen, und posierte gedankenleer, aber zufrieden an meinem Schreibtisch.
An einem Ständer neben meinem Schreibtisch hingen jeweils ein Beutel mit gelblicher Astronautenpampe und ein Sack mit Wasser. Das alles war, was Kalorien und Vitamine betraf, aufs Genaueste berechnet, kleckerte mir aber tropfenweise so langsam über ein Schlauchsystem in den Magen, dass ich täglich bis zu sechs Stunden an meinen Schreibtischstuhl gefesselt war. Wegen meines Diabetes musste ich die Nahrung regelmäßig zu mir nehmen, konnte die Sondenkost deshalb nicht nachts im Schlaf in mich reinlaufen lassen. So mussten meine Frau Rosemarie und ich täglich zur selben Zeit aufstehen, um alles für die vier freundlichen, einander ablösenden Pflegerinnen vorzubereiten.
Ich raffte derweil alle meine verbliebenen schwachen Kräfte zusammen, um mir selbst und meiner Umwelt so viele Signale der Normalität zu liefern wie möglich. Dabei war mir die Unnormalität ins Gesicht geschrieben. "Du hast grau ausgesehen damals", erzählte mir später eine Freundin, "unlebendig. Als ob unter der Oberfläche etwas fehlte." Über 20 Kilogramm hatte ich abgenommen. Obwohl meine Stimmkraft nicht ausreichte, um länger zu sprechen, empfing ich täglich Besucher. Und Weihnachten, nahmen wir uns vor, würden wir wie immer nach Sylt reisen. Das wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schafften.
Ich ging sogar ins Theater, in die nur wenige hundert Meter entfernte Schaubühne, wo sich die Berliner Bühnengemeinde mit einer ergreifenden Trauerfeier von dem an Krebs gestorbenen Schauspieler Ulrich Mühe verabschiedete. Noch einmal sah ich, nun als Filmdokumentation, seinen unvergesslichen "Hamlet", den er in der Inszenierung von Heiner Müller in den Monaten der Wende 1989/90 am Deutschen Theater geprobt und gespielt hatte. Nie vorher und auch nicht danach habe ich politische Machtkämpfe so eindrucksvoll und lebensnah auf der Bühne erlebt wie damals. Und nun bekam ich - sozusagen als Abschiedsgeschenk - die Entstehungsgeschichte dieser legendären Aufführung samt tagespolitischem Kontext nachgeliefert.
Ich habe den Schauspieler Ulrich Mühe, dem ich nach dem Mauerfall persönlich einmal begegnet bin, schon zu seinen Lebzeiten bewundert. Jetzt berührte mich die Tatsache, dass ich mit dem Verstorbenen das bedrohliche Krebsschicksal teilte, stark und brachte mich dem großartigen Darsteller und seinen tragischen Lebensumständen auch menschlich nahe. Nach dieser Feier, die gut drei Stunden dauerte, war ich zwar vollkommen erschöpft, aber während der Reden und der Vorführung saß ich wie gebannt da und spürte nichts von meiner Krankheit. Allerdings war das eben die Ausnahme, nicht die Normalität. Obwohl mir alle Freunde und auch die Ärzte bestätigten, dass ich sozusagen täglich besser aussähe, wusste ich selbst genau, wie sehr dieser Anblick täuschte.
Denn in Wahrheit fühlte ich mich oft sterbensmüde und verzweifelt. Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich lange Zeit grübelnd vor mich hin stierte. So hatte auch mein Vater in seinen letzten Lebensjahren oft dagesessen, in sich versunken, unzugänglich und todtraurig. Resigniert winkte er ab, wenn ich ihn fragte, ob er Schmerzen oder Sorgen habe. "Woran denkst du, Vater?" - "An gar nichts." Nie erklärte er sich. War ich jetzt auch schon am Ende?
Eine Freundin fragte mich kurz nach meiner Rückkehr aus der Klinik, ob mir beim Nachdenken über mein Leben bewusst geworden sei, dass ich irgendetwas Entscheidendes versäumt hätte. "Nein", sagte ich entschieden, "ganz und gar nicht." Als Mensch bin ich glücklich über meine kleine Familie, als Journalist habe ich ein spannendes Stück Geschichte persönlich miterlebt. Dass ich womöglich von der Welt genug gesehen haben könnte, schwante mir spätestens, als ich eines Tages vor einer neuen Reise neben meinem halbgepackten Koffer eingeschlafen war.
Nein, 70 Jahre lang gab es an meinem Leben nichts zu meckern, wie der Berliner zu sagen pflegt. Ich hatte auch keine bestimmten Wünsche an das, was noch hätte kommen sollen. Nur was dann wirklich kam im 71., dem Jahr des Krebses, darauf hätte ich gern verzichtet.
Ich wusste, dass weit über 400 000 Männer, Frauen und Kinder in Deutschland jährlich an Krebs erkranken und dass inzwischen die Hälfte von ihnen mit dem Leben davonkommt. Warum also nicht ich? Und ich kannte natürlich die Warnung der Amerikanerin Susan Sontag, sich nicht durch die Dämonisierung dieser Krankheit verrückt machen zu lassen. "Weitverbreitete psychologische Krankheitstheorien sprechen dem glücklosen Kranken letztendlich die Verantwortung sowohl für die Erkrankung als auch für die Gesundung zu", hat sie in ihrem berühmten Essay "Krankheit als Metapher" geschrieben.
Nein, das wollte ich für mich nicht einfach so akzeptieren. Es sollte mich andererseits aber auch nicht davon abhalten, in meinem eigenen Leben nach möglichen Ursachen für meinen maroden Zustand zu suchen. Nicht, weil ich den Krebs als Schande oder gar als Strafe betrachtete, sondern, weil ich neben den oft genannten Gründen für die tückische Krankheit - wie Umweltschäden und genetische Anlagen - ein persönliches Mitverschulden durch meine Lebensführung nicht ausschließen wollte.
Es war Zeit, einen prüfenden Blick auf mein ganzes Leben zu werfen, vor allem auf meine Krankengeschichte. In meiner flüchtigen Erinnerung hatte ich alles in allem ein ziemlich gesundes Leben geführt. Doch dieser Eindruck entpuppte sich bei näherer Betrachtung als falsch. Tatsächlich war ich erschrocken über die Liste schwerer Krankheiten und über die Leichtfertigkeit, mit der ich, vor allem in den letzten 15 Jahren, alle Warnsignale missachtet hatte, die mich zu Veränderungen meines Lebensstils, insbesondere meiner Arbeitsbesessenheit, hätten veranlassen sollen.
*
Es sollte sein wie früher. Ich schob meinen Presseausweis durch den Schlitz unter dem Panzerglas und sagte betont lässig: "Ich habe einen Termin beim Minister." Der Beamte an der Pforte des Bundesarbeitsministeriums rief im Vorzimmer an, nickte und winkte mich durch zum Fahrstuhl: "Sie werden oben erwartet."
Das war Ende November 2007. Gut drei Monate war es nun her, seit mich die Ärzte aus der Berliner Charité entlassen hatten. Jetzt wollte der SPIEGEL, mein früherer Arbeitgeber, für das Jahresheft von mir eine Geschichte über Franz Müntefering, der plötzlich zurückgetreten war. Ohne zu zögern, sagte ich zu.
Doch während ich auf den ehemaligen Minister wartete, wurde mir einmal mehr deutlich, wie unsinnig es war zu glauben, irgendetwas könnte so sein wie früher. Ich kannte Müntefering nun schon über 30 Jahre. Sogar Fußball gespielt hatten wir mal zusammen. Und interviewt hatte ich ihn natürlich auch schon. Und trotzdem war diesmal alles anders: er und ich und unsere Lebensumstände.
Das Bürozimmer, in dem ich wartete, sah leer geräumt aus, so als hätte "Münte" schon all seine Sachen gepackt. Erst vor gut einer Woche, am 13. November, hatte der Vizekanzler völlig überraschend der Kanzlerin mitgeteilt, dass er - bis auf sein Bundestagsmandat - alle seine Ämter aufgeben werde. "Ich möchte jetzt bei meiner Frau sein", sagte er. Münteferings hatten erfahren müssen, dass ein schon besiegt geglaubter Krebs bei seiner Frau Ankepetra wieder aufgetaucht war. Sie hatte sich in die private Wohnung nach Bonn zurückgezogen, ihr Mann wollte sie dort betreuen.
Als er zu mir ins Zimmer trat, wirkte Franz Müntefering fast wie befreit. Gerade hatte er sich von den Genossen in der Fraktion verabschiedet, alle respektierten seinen Schritt. Müntefering sprach offen über die Schwierigkeiten seiner SPD und die Krankheit seiner Frau. Jeder wusste, dass es Krebs war, aber keiner nannte die Krankheit öffentlich beim Namen. Auch in unserem Dialog fiel das Wort nicht, obwohl Müntefering von meinem Tumor wusste. Trotzdem hatte die Begegnung eine menschliche Offenheit und Wärme, die normalerweise solchen Gesprächen fehlt. Nein, so vertrauensvoll hätten der Minister und der SPIEGEL-Reporter früher - vor meinem und dem Krebs seiner Frau - nicht miteinander geredet. Ich fühlte mich fast beschenkt von seiner Herzlichkeit.
In dieser Zeit strapazierte ich meine Kräfte. Am 3. Oktober folgten wir einer Einladung zur Verleihung des Quadriga-Preises in der Komischen Oper. Es war mir wichtig, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Joschka Fischer und mein ehemaliger Chefredakteur Stefan Aust mir die Hand schüttelten. Und es war mir noch wichtiger, von vielen zu hören, dass ich fast schon wieder der Alte sei. "Du hast nach Bestätigung gehechelt wie ein Verdurstender nach Wasser", sagte meine Tochter Susanne später.
In den langen Phasen nächtlicher Einsamkeit überwältigten mich oft Erinnerungen. Episoden der Vergangenheit tauchten empor, manche bewusst heraufbeschworen, andere blitzten auf wie aus dem Nichts.
Es waren nicht so sehr konkrete Ereignisse als vielmehr Bilder und Gefühle, die durch gegenwärtige Umstände oder Gespräche ausgelöst worden waren.
Aus solchen Impressionen, solchen emotionalen Ausschnitten aus dem Leben, die Spuren in unserem Gehirn hinterlassen haben, basteln wir uns unsere Biografien. Habe ich mir so eine Identität erfunden? "Jeder Mensch, nicht nur der Schriftsteller", behauptet der Schriftsteller Max Frisch, "erfindet seine Geschichten - nur dass er sie, im Gegensatz zum Schriftsteller, für sein Leben hält." Habe ich also - auch das eine Frisch-Formulierung - Geschichten anprobiert wie Kleider? Und wenn ja - wäre es dann nach der Schreckenserfahrung meiner Krebserkrankung nicht Zeit für eine neue Anprobe? Was stimmte denn noch an meinem alten Selbstverständnis?
Während ich über mich und meine geschrumpfte Rolle im Leben grübelte, wurde mir klar, dass mein Selbstbild nahezu vollständig durch meinen Beruf geprägt war. Wenn ich meinen Lebensweg beschrieb, dann schien von Kindheit an alles zwangsläufig auf den Journalismus zuzulaufen. Richtig ist, dass Zeit und Lebensumstände nach 1945 mein Interesse an Politik und Geschichte geweckt haben, aber viele Zufälle hatten mitgespielt, bis ich "der Leinemann vom SPIEGEL" geworden war. Und mindestens viermal musste ich mich schmerzhaft von gesellschaftlichen Träumen trennen und mein Selbstverständnis gründlich korrigieren.
Ich ahnte, dass die von vielen Leidensgenossen beschriebene Fatigue auf mich lauerte, wenn sie nicht schon in mir saß. Es war keine richtige Depression, kein schwarzes Loch, das allen Lebensmut verschlang, aber eine deutliche Eintrübung meines Gemüts. Ich wurde langsam, mit Beinen und Armen, aber auch im Kopf. Oft vergaß ich Dinge, wusste nicht mehr, wer angerufen hatte, verpasste Termine. Entscheidungen zu treffen fiel mir ungeheuer schwer.
Je länger ich wieder zu Hause war, desto labiler wurde mein Selbstwertgefühl. Obwohl ich es noch nicht zugeben mochte, klaffte die Schere zwischen meinem Anspruch auf die alte Normalität und der Wirklichkeit immer weiter auseinander. Ich hatte Angst vor den Computerbildern von meinem Tumor und vor dem Urteil des Strahlenprofessors. Und obwohl eine Überprüfung meines Gewichts und meiner Kräfte in der Charité ergab, dass beides noch auf dem gleichen Stand war wie im Juli, als die Krankenhausbehandlung begann, fühlte ich mich sehr viel schwächer als damals.
Die Angst färbte alles ein. Was wäre, wenn der Professor sagte, wir müssten alles noch einmal machen? Und was, wenn ich nicht wollte? Rosemarie versuchte solche Gespräche schon im Ansatz zu beenden: "Jetzt wird nicht aufgegeben, das kommt nicht in Frage." Das war auch nicht ernsthaft meine Absicht, doch die Hoffnung drohte zu erlöschen. Ich fühlte mich immer einsamer, glaubte auch zu merken, wie enttäuscht meine Freunde waren, wenn ich ihnen keine rosigen Aussichten anbot. Und dann kam ich mir wie ein Versager vor.
Wie so oft, wenn man ein Ereignis im Voraus dramatisiert und mit Bedeutung auflädt, war die Realität vergleichsweise banal. Der Grund: Schleimfetzen verhinderten noch immer einen klaren Blick auf den Ort im Rachen, wo einmal der Tumor sich ausgebreitet hatte. Die Radiologen wollten dennoch eine leichte Schwellung entdeckt haben, aber der Professor wischte diese Diagnose beiseite. "Da wollen wir mal nichts draus machen", beruhigte er mich. Wenn da überhaupt was sei, dann allenfalls eine kleine Delle als Folge der Bestrahlung. Ich solle im Februar wiederkommen, dann würde man klarer sehen.
So weit der positive Teil des Gesprächs. Weniger erfreulich fand ich, dass nun auch dieser Experte anfing, von Jahren statt von Monaten zu reden, von Monaten statt von Wochen, wenn es um zu erwartende Fortschritte ging. Glaubte er, dass ich je wieder normal etwas würde essen können? Das sei schwer zu sagen, weil individuell sehr verschieden, aber möglich sei es durchaus - allerdings bestimmt nicht vor Weihnachten im nächsten Jahr. Wann würden die Schmerzen im Mund verschwinden? Schwer zu sagen, bei manchen dauere es ein paar Wochen, bei anderen länger als ein Jahr.
Natürlich hätte ich mich freuen sollen über den verschwundenen Tumor. Aber ich traute dem Frieden nicht. Außerdem war ich tief deprimiert über den Stillstand, so sehr, dass ich fast einen Monat lang keine Aufzeichnungen in meinem Tagebuch machte. Als ich dann Ende November wieder anfing, Eindrücke zu notieren, war die Lage nicht nur psychisch schlecht, sondern auch physisch. Mein Kreislauf, ohnehin immer ziemlich lahm, wurde immer labiler. Beim Aufstehen packte mich häufig Schwindel, mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen.
Als wir am letzten November-Sonntag die Winterkleidung aus dem oberen Kleiderschrank holten und gegen die Sommersachen austauschten, spürte ich meine Schwäche mit brutaler Deutlichkeit. Wegen meines Schwindels konnte ich nicht mehr auf die Leiter steigen, wegen nachlassender Kräfte saß ich nach kürzester Zeit auf dem Bett und rang nach Atem. "Mein Gott", stöhnte ich, ohnmächtig vor Wut und Enttäuschung, "was bin ich für ein Wrack geworden." Von wegen Normalität - dreieinhalb Monate nach meiner Entlassung aus der Charité war ich real am Boden.
Umso mehr Zeit hatte ich, weiter über mein "Lebenswerk" nachzudenken. Ich versuchte immer, so sorgfältig wie möglich zu recherchieren, präzise zu formulieren und Kritik an Verhaltensweisen so zu fassen, dass sie den Betroffenen nicht persönlich verletzte.
Sonderbarerweise gelang mir das bei rechten Politikern, deren Denken mir fremd war, besser als bei linken, deren Auffassungen ich teilte. So verblüffte mich der CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann nach einer nicht sonderlich freundlichen Geschichte über ihn mit einem Anruf, um sich zu bedanken. "Die Geschichte war lang", sagte er, "das heißt, ich war Ihnen wichtig. Sie war gut geschrieben, also haben Sie mich ernst genommen. Und sie war fair. Dass Sie meine politischen Ansichten teilen, kann ich ja nun wirklich nicht erwarten."
Zu meiner Verwunderung reagierten aber selbst mediengehärtete Politiker wie Franz Josef Strauß besonders empfindlich auf die öffentliche Beschreibung von persönlichen Eigenheiten, die jeder sehen konnte, wenn er wollte. Dass er im Fernsehen schwitzte, blieb keinem unter den Millionen Zuschauern verborgen. Doch wenn man es beschrieb, war es ein Eingriff in die Intimsphäre. Umgekehrt verstellten unverbindliche Standardfloskeln nach jahrzehntelangen öffentlichen Auftritten oft den genauen Blick auf die Heroen der politischen Bühne.
Wurde der CSU-Chef nicht immer als Kraftkerl beschrieben, ein monolithischer Block bayerischer Urwüchsigkeit, der wie ein Panzer durchs politische Unterholz bricht und zermalmt, was ihm auf seinem Marsch im Wege ist? Was für ein Irrtum. "Man muss ihn nur gehen sehen", schrieb ich über den Wahlkämpfer Strauß im März 1980: "Er marschiert ja auch nicht, wie das Klischee weismachen will, walzt oder schiebt sich schon gar nicht vorwärts. Vielmehr hastet er in weicher Eile, verfällt fast ständig in einen unprägnanten Trippeltrab. Sein Gang hat kein Gewicht." Bestimmt hätte er sich - nach Lektüre des Textes, was eher unwahrscheinlich war - als Machtmensch in solchen Passagen schonungsloser bloßgestellt gesehen, als wenn ich ihm monarchische Attitüden unterstellt hätte.
Auch Helmut Kohl, über den ich so viele Geschichten schrieb, dass am Ende ein kleines Buch daraus wurde, rühmte sich, davon keine Zeile gelesen zu haben. "Sie haben doch schon ganz kurze Finger", verhöhnte er mich bei einer der wenigen direkten Begegnungen, "weil Sie sich Ihre sogenannten Fakten daraus saugen." Wenn es ihm aber nützlich erschien, drängte er sich skrupellos in meine Angelegenheiten. So nutzte er die Vorstellung meiner Biografie über den legendären Fußballtrainer Sepp Herberger 1997 im Mannheimer Schloss, um sich selbst zum Laudator zu ernennen. Der Deutsche Fußball-Bund als Mitveranstalter gab bereitwillig nach. Auch dem Verlag war Kohls Auftritt als PR-Gag natürlich recht.
Der Kanzler saß direkt vor dem Podium, auf dem ich stand, und ich sah staunend, wie sehr er sich mit dem Bundes-Sepp, wie die Fans den alten Fuchs Herberger nannten, identifizierte. Hinterher flüsterte er mir zu: "Ich hab's schon gelesen, ist ein exzellentes Buch." Ich konnte dieses Lob kaum glauben. Hatte Kohl nicht in der Politik nur abschätzig über mich und den SPIEGEL geredet? Eigenhändig strich er mich vor Auslandsreisen beinahe jedes Mal von der Liste der mitfliegenden Journalisten. Jetzt aber fragte mich Gerhard Schröder - damals noch Ministerpräsident in Niedersachsen - nach einem Treffen mit Kohl auf der Hannover-Messe: "Was hast du denn mit dem Dicken gemacht? Der preist überall dein Buch an."
Solche Sinneswandel, die - wie im Falle Kohl - oft auch schnell wieder umschlagen konnten, waren keine Ausnahme. Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte sieben Jahre lang meinen Gruß nicht erwidert, nachdem ich ihn vor seinem Wechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl als ängstlichen Zauderer porträtiert hatte. "So muss man sich Hans-Dietrich Genscher wohl vorstellen bei der Überlegung, ob er springen soll zur CDU oder nicht", hatte ich geschrieben, "als einen Mann, der den Finger in die Luft streckt, um zu sehen, woher der Wind weht, den er selber macht."
Nach sieben Jahren Funkstille versicherte er mir dann aber plötzlich, dass er mit Interesse und Vergnügen meine Geschichten über seine Kollegen lese. Warum er denn an der über sich selbst so wenig Vergnügen gehabt habe, fragte ich ihn. Weil ich ihn so dargestellt hätte, als wäre ihm seine verzwickte Situation damals nicht bewusst gewesen, antwortete er. Ich glaube aber, ihn ärgerte vor allem, dass ich mit meiner kritischen Geschichte den Startschuss für eine Serie negativer Berichte über ihn in vielen Zeitungen gegeben hatte.
In meinem Klinikbett fielen mir Dutzende solcher Anekdoten ein, aus einer Zeit, die ich genossen hatte, nicht nur, weil ich immer neugierig auf Menschen gewesen war, sondern auch, weil mir ohne Frage die Nähe zu den Mächtigen - das Wissen um ihr Gerangel um Vorteile, die Kenntnis ihrer Ängste und Triumphe - ein Vergnügen war. Ich genoss die klammheimliche Lust des Mitwissers. Zwar gehörte ich nicht dazu, was ganz gut war, aber ich war nahe dran. Und manchmal bewirkte ich sogar etwas Positives.
Ich wusste schon längst nicht mehr, wo ich stand und wohin mein Weg mich noch führen würde. "Kämpfen, Herr Leinemann, kämpfen", hatte mir der Italiener Giorgio nach einem Restaurantbesuch ins Ohr geflüstert, "das Leben ist Kampf, jeden Tag." Kämpfen, also gut, aber gegen wen oder was? In der Charité, während meiner gruseligen Bestrahlungszeit, hatte der Tumor für ein klares Feindbild gesorgt. Aber jetzt?
Allein im Februar war ich bei sieben Ärzten gewesen, die alle an mir herumgedoktert hatten. Da waren zunächst einmal die beiden Hausärztinnen, dann meine Diabetologin, die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin, der Kardiologe, der Schmerzexperte, der Strahlenpapst der Charité, der Hals-Nasen-Ohren-Experte und - demnächst - der Herzspezialist. Dazu kamen die Logopädin, die Physiotherapeutin sowie, als medizinische Privatberater, mein Neffe und meine Frau. Manchmal kam ich mir vor wie ein sterbender Monarch, um den Kapazitäten aller Fachrichtungen kreisen, zu dessen Staatsbegräbnis aber trotzdem bald die Einladungen verschickt werden.
Längst hatte ich begonnen, von einem Augenblick zum anderen zu leben. Also bat ich auf dem Rückweg den Taxifahrer, durchs Regierungsviertel und über den Potsdamer Platz zu fahren, weil ich an diesen Stätten meines früheren Arbeitsalltags lange nicht gewesen war. Ich empfand diese Umwege als Abschiedsfahrten. "Das sehe ich jetzt zum letzten Mal", dachte ich. Der Gedanke an den Tod war mir schon recht nahe gerückt.
Normalerweise ist der Tod kein Thema in unserer Spaßgesellschaft. Um ihn kümmern sich Fachleute - Mediziner, Geistliche, Bestattungsunternehmer. Haben die Normalmenschen nicht genug mit dem Leben zu tun? Dass dieser Spruch ein Irrtum ist, haben unsere Altvordern immer gewusst. Heute wissen es vor allem die Menschen, die durch eine Krankheit gezwungen sind, dem Tod ins Auge zu sehen. "Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet", hat der Schweizer Jurist und Schriftsteller Peter Noll wenige Monate vor seinem Tod geschrieben.
In seinem postum erschienenen Buch "Diktate über Sterben & Tod" heißt es weiter: "Nicht nur die Christen, sondern besonders die Nichtchristen, von Seneca und Montaigne bis, wenn Sie wollen, Heidegger, waren der Meinung, dass das Leben mehr Sinn habe, wenn man an den Tod denkt, als wenn man den Gedanken an ihn beiseiteschiebt, verdrängt. Sie sagten auch, es sei leichter zu sterben, wenn man sich sein ganzes Leben lang mit dem Tod beschäftigt habe, als wenn man von ihm überrascht werde. Ich habe erfahren, dass das alles stimmt. Ich hatte Zeit, den Tod kennenzulernen. Das ist das Gute am Krebstod, den alle so fürchten."
Spätestens seit dem 8. Mai 2007, dem Tag, an dem ich von meinem Tumor im Hals erfuhr, gehörte der Tod auch zu meinen ständigen Begleitern. Aber ich musste die gedankliche Nähe zu "Freund Hein" nur erneuern, nicht neu knüpfen. Denn von meiner Kindheit an, über die Pubertät und Studentenzeit bis zu meiner Alkoholkrise in der Lebensmitte, war mir in depressiven Phasen oder in Druck- und Krisensituationen der Gedanke an eine Flucht aus dem Leben durch Selbstmord immer geläufig, allzu geläufig, wie ich heute finde.
Der Grund ist wohl, dass der Tod für mich nichts Bedrohliches hatte. Schon als Kind empfand ich eher Ehrfurcht als Angst vor dem Ende.
Der Schrecken beschränkte sich auf das Sterben, vor Siechtum habe ich mich gefürchtet. Ich hatte immer Angst davor, am Ende meines Lebens an Schläuche und Maschinen gehängt, künstlich ernährt und entwürdigt zu werden. Inzwischen habe ich ja reichlich Vorgeschmack auf so eine Situation bekommen.
Dass ich früh eine Art zeremonielle Hochachtung vor der Majestät des Todes empfunden habe, betrachte ich heute als ein Erbe des Nationalsozialismus. Die pathetischen Heldengedenktage, die heroischen Staatsbegräbnisse und der weihevolle Totenkult der Nazis beeindruckten mich schon im Vorschulalter. Tagelang kommandierte ich auf unserem Hinterhof eine Schar vier- bis fünfjähriger Mädchen aus der Nachbarschaft, ließ sie vor einem "Ehrengrab" antreten, das ich in der Ecke unter einer jungen Kastanie gebaut hatte. Aus Zaunlatten hatte ich ein Kreuz zusammengenagelt und darauf einen Stahlhelm gehängt, den ich irgendwo im Straßengraben gefunden hatte. Die Mädchen hatten das "Grab" für meinen unbekannten Helden, der in meinen Träumen natürlich ich selbst war, mit Blumen bepflanzt, die wir aus Gärten geklaut hatten. Erst auf Protest von Nachbarn hin machte mein Vater diesem makabren Spiel ein Ende.
Noch viele Jahrzehnte sollten vergehen, bis ich selbst erstmals einen Toten zu sehen bekam. 1985 starb mein Vater und 1997 meine Mutter. Mein 86-jähriger Vater verschied friedlich schlafend im häuslichen Bett, meine 91-jährige Mutter nicht ganz so friedvoll in einem Pflegeheim. Mit meinem Vater habe ich eine Woche vor seinem Tod noch ein langes, sehr versöhnliches und herzliches Gespräch geführt, das ein richtiger Abschied war. Aufgebahrt sah er so freundlich aus wie im Leben.
Der Todeskampf meiner Mutter begann, während ich in Rom meinen 60. Geburtstag feierte. Am Tag nach der Feier erreichte mich ein dringlicher Anruf eines Vetters aus Burgdorf, der mir sagte, es gehe mit meiner Mutter zu Ende, ich solle sofort kommen. Da es schon Abend war, buchte ich für den frühen nächsten Morgen einen Flug nach Hannover. Das dauerte lange, ich musste in Mailand und in Frankfurt umsteigen. Von Mailand aus rief ich meine Verwandten an. Der Vetter sagte: "Deine Mutter ist in der Nacht verstorben."
Wie betäubt legte ich den restlichen Weg zurück, am frühen Nachmittag kam ich in dem Altenheim an, in dem Mutter die letzten Jahre verbracht hatte. Noch war ihr Leichnam im Hause, wenn auch versteckt, um unter den anderen alten Heimbewohnern keine Aufregung auszulösen. Etwas verlegen und Entschuldigungen murmelnd, führte eine Pflegerin mich in einen kleinen Raum, der nichts anderes war als eine Abstellkammer mit allerlei Gerümpel.
Dort lag die Tote aufgebahrt.
Ich war gebannt von ihrem Anblick. Mutters Gesicht wirkte streng, ja herrisch. Von ihren fahlen Zügen ging eine alttestamentarische Hoheit, eine Würde aus, die mich auf Abstand hielt. Erst nach einer Weile wagte ich, die Hände zu berühren, die man ihr über dem Leib gefaltet hatte. Meine Mutter war immer eine machtbewusste Frau gewesen, doch hatte sie ihren Einfluss bei Lebzeiten eher manipulativ entfaltet. Erst im Tode offenbarte sie sich als strenge Gebieterin. Ich habe diesen Eindruck nie vergessen, er hat sich mir untilgbar eingeprägt, mehr als alle Bilder von ihr zu Lebzeiten.
Mir wurde es nach dem Tod meiner Mutter wichtig, eine eigene letzte Ruhestätte zu finden. Und so haben wir, meine Frau und ich, seit vielen Jahren nach einem Friedhof gesucht, der uns gefiel. Keitum auf Sylt wäre so ein Platz gewesen oder Positano am Golf von Salerno in Italien. Aber letztlich entschieden wir uns dafür, die Suche auf Berlin zu beschränken. Dort wollten wir den Rest unseres Lebens verbringen, dann könnten wir da auch begraben sein.
Meine Todesahnungen verdichteten sich. In meinem Zimmer wollte ich keine Blumen mehr haben, denn die erinnerten mich plötzlich an Grabgestecke. Ich quälte mich durch wüste, bedrohliche Träume, in denen es immer um mein Leben ging. Wieder fürchtete ich, verrückt zu werden. Nachts bäumte ich mich auf, in Atemnot und mit irren Gedanken. Schmerzen schossen mir bis in die Haarwurzeln und durch jede Faser meines Körpers. Mir war, als wäre ich gefangen in einer Hauthülle, die zu knapp geraten war für meinen Körper.
Tagsüber war ich dann müde und zermürbt von all den Kämpfen, die mir jetzt aussichtslos erschienen. Freunde erlebten erschrocken, wie ich mitten im Gespräch einschlief oder dass meine Sätze wirr verläpperten. Vor meiner Frau und meiner Tochter heuchelte ich nicht einmal mehr Lebenswillen. Susanne erinnerte sich später mit Schrecken daran, und doch empfand sie diese Zeit auch als einen Gewinn. Dass der Abschied so lang sei, habe auch sein Gutes, sagte sie. Man lerne sich noch einmal neu und anders kennen. "Solange es auch dauert, ich weiß das zu schätzen."
Meine eigenen Überlegungen, über die ich mich damals freilich ausschwieg, bekamen wahnhafte Züge. Ich wusste, der Rest meines Lebens hatte begonnen. Das Ende war nicht weit, und es war mir willkommen. Für die Bemühungen der Ärzte hatte ich nur noch ein Achselzucken. Sie punktierten einen Erguss in der linken Rippenfellgegend, diagnostizierten bronchitische Rasselgeräusche und "eine schwere restriktive Ventilationsstörung". Sie überprüften meinen Herzschrittmacher und fanden "beste Werte". Aber das Vorhofflattern blieb.
Vor allem aber, das war meine feste Überzeugung, blieb auch der Tumor, wenn er sich auch nicht zeigte. Ich glaubte einfach zu spüren, dass das Andere, das Fremde, das Böse, das in mir wucherte, nicht verschwunden war. Nein, diese Krankheit war keine "Episode", wie mir in den ersten Wochen in der Charité eine junge Ärztin tröstend versichert hatte. Im Gegenteil - ich war sicher, dass all die anderen Baustellen, an denen die Mediziner sich abarbeiteten, in Wahrheit nur Nebenkriegsschauplätze waren, wenn nicht gar Fallen, die der Dämon, der in mir fraß, den oberklugen Doktores stellte, um sie lächerlich zu machen.
Lange schon hatte die Krankheit eine Distanz zwischen mir und meiner Umwelt geschaffen. Jetzt fühlte ich sie wachsen. Ich spürte die Liebe meiner engsten Angehörigen, die Zuneigung meiner Freunde, aber ich erlebte alle Zuwendungen so, als würden sie mir über einen Graben hinweg gereicht. Ich fühlte mich als Sterbender, und damit war ich allein. Die Gemeinsamkeiten waren mehr Vergangenheit als Gegenwart. Ich las nichts mehr. Und ich schaute auch nicht mehr in den Spiegel. Mein Spiegel waren die Gesichter der Freunde, die ihr Erschrecken zu verbergen suchten, wenn sie mich sahen. Und sah ich denn nicht auch anders aus als früher? Und hörte mich anders an? Mit meinen von der Lymphe aufgequollenen Gesichtszügen, meinen schwankenden Bewegungen und den röchelnden Lauten?
"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", mahnt die Bibel, Psalm 90, Vers 12. Aber klug im Sinne der Bibel fühlte ich mich ganz und gar nicht. Der Schweizer Peter Noll hat in seinen Notaten geschrieben, dass er sich frei fühle als Sterbender. Denn niemand, so argumentierte er, könne uns mehr nehmen als das Leben, und das werde uns ohnehin genommen: "Dieser Gedanke gibt Freiheit, gibt geradezu frische Luft."
Warum konnte ich Nolls Freiheit nicht empfinden? Ich glaube, mir fehlte das unerschütterliche Gottvertrauen, das Noll zu besitzen schien. Noll: "Man muss nur endlich sich einmal lösen von der blödsinnigen Vorstellung eines bärtigen Opas ... Es ist einfach lächerlich anzunehmen, das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, sei alles. Natürlich ist es nicht logisch, aber naheliegend, dass es einen Geist gibt, der das alles gemacht hat, der noch unendlich viele weitere Welten geschaffen hat und der uns - und das ist das Entscheidende - mit dem Gehirn den Zwang eingepflanzt hat, ihn sich zu denken. Was heißt da schon Glauben?"
Dass es einen solchen Gott gibt, "eine Macht, größer als wir selbst", das hatte ich in meiner Alkoholiker-Selbsthilfegruppe gelernt, wenn auch zögernd und immer wieder zweifelnd. Nachdem ich jahrelang mit meinen Versuchen gescheitert war, als der kleine Gott meines eigenen Lebens die Dinge in den Griff zu kriegen, akzeptierte ich den Rat meiner Freundinnen und Freunde, mich bei Dingen, die ich nicht ändern kann, einer höheren Macht zu unterwerfen, die ich natürlich auch Gott nennen konnte. Eine Vater- oder gar Opa-Figur mit Rauschebart war dieser Gott freilich nicht, eher ein allumfassendes Prinzip der Solidarität oder der Liebe.
War ich nun gläubig? Die Frage würde ich verneinen, weil sie mir zu christlich klingt, und an eine Auferstehung und ein ewiges Leben glaube ich eben nicht. Mit Franz Beckenbauer habe ich einmal ein sehr ernsthaftes Gespräch über das Leben nach dem Tode geführt, von dem er fest überzeugt ist. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass nach dem Sterben alles vorbei sein soll, und er war deshalb richtig erschrocken, als ich auf seine Frage, was ich mir denn erhoffte, lapidar antwortete: "Nichts. Nur Ruhe." Ich denke mir Totsein wie Schlafen, allerdings ohne Träume.
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Ostern 2008, als ich mich mit Gedanken über meinen Tod herumschlug, hatte ich fast 32 Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken. Man könnte glauben, dass mir nach so langer Zeit meine Trockenheit nicht mehr so wichtig sein müsste. Doch das Gegenteil war der Fall. Noch immer war ich tief dankbar für dieses Geschenk, und das kann wohl nur verstehen, wer selbst einmal mit einer Sucht zu kämpfen hatte, die ja auch eine tödliche Krankheit ist. Dass es mir missglückt war, mir 1976 das Leben zu nehmen, empfand ich als eine bindende Verpflichtung, es jetzt nicht noch einmal zu versuchen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar? Wie sollte ich das denn einklagen, wenn ich unfähig war, einen klaren Satz zu artikulieren? Sie standen vor mir, die Ärzte in ihren weißen Kitteln, und redeten auf mich ein, junge Schnösel zum Teil, aber auch fremde Frauen, immer von ganz oben nach ganz unten. Vielleicht waren die meisten auch nur hilflos, konnten überhaupt nicht einschätzen, was sich da vor ihnen abspielte, obwohl es ja in der Krankenakte stand. Auf jeden Fall traten sie arrogant auf, es war ihnen völlig egal, dass ich offensichtlich nur die Hälfte verstand von dem, was sie mir erzählten. Und jeder von ihnen machte mir Angst, Angst, Angst.
Noch nie hatte ich mich so ohnmächtig gefühlt. Dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin, hatte ich gelernt und akzeptiert. Aber machtlos gegenüber Menschen? Das war mir neu, in dieser Form war es mir neu. Ich kannte ihre Statussymbole und ihre Herrschaftsgesten, und dennoch war ich ihnen ausgeliefert, ihrer Jovialität so gut wie ihrer teilnahmslosen Kälte. Plötzlich wusste ich, was die berühmte "Dialektik der Macht" ist - meine Wehrlosigkeit als Kranker machte sie stark.
Bei jeder Visite konnte ich beobachten, wie sich die rangniederen Ärzte und das Pflegepersonal um die Aufmerksamkeit ihrer Chefs bemühten. Wie sie seine Nähe suchten, ihm gefällig waren, ihm nach dem Munde redeten. Und wenn sie mit der geliehenen Macht des Stellvertreters allein vor meinem Bett standen, spielten sie sich bisweilen auf wie der Chef persönlich.
So trat eines Tages ein junger, smarter Doktor in mein Zimmer, um mir mit lässiger Beiläufigkeit zu erklären, dass es mit meiner Lebenserwartung ja ohnehin nicht mehr weit her sei und sich besonderer medizinischer Aufwand deshalb nicht mehr lohne. Natürlich drückte er sich anders aus. Er sagte, dass bei einer am 28. März durchgeführten Computertomografie des Hals-Lungen-Bereichs metastasenverdächtige Herde in beiden Lungenflügeln festgestellt worden seien. Der Experte für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen habe deshalb "vor allem bei Progress der malignen Grunderkrankung" - bei Ausbreitung meines bis dahin als verschwunden geltenden Tumors also - einen operativen Eingriff "im Bereich der Nekrosehöhle" - also der Hauttasche im Halsbereich, die als Herd für die Lungenentzündung angesehen wurde - nicht für angesagt erklärt.
Dass ich bei der Behauptung, da seien Metastasen in meinem Hals, nicht zu Tode erschrocken auffuhr, lag allein an meinem desaströsen Zustand. Ich war so schwach und müde, geistig so weggetreten, dass ich die Botschaft gar nicht wahrnahm. Zum Glück war aber meine Frau bei mir, die zornbebend ins Stationszimmer stürmte, wo eine Reihe von Schwestern, Pflegern und Medizinern beisammensaßen, und den jungen Arzt anpfiff: "Sie können doch nicht einfach vor einen ahnungslosen Patienten treten und ihm unvorbereitet und quasi nebenbei Metastasen anhängen." Zumal diese Diagnose mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch falsch sei. Es handele sich bei dem verdächtigen Befund nämlich in Wahrheit um Bestrahlungsnarben, wie schon bei früheren CT-Aufnahmen von dem Strahlenexperten der Charité und dem HNO-Chef des Sankt-Gertrauden-Krankenhauses, festgestellt worden sei.
Die Beispiele meiner Verwirrung, die mir Freunde und meine Tochter Susanne nachträglich und erst auf Nachfrage erzählten, schockierten mich. Schon seit Wochen hatte ich immer mal gefürchtet, dass meine bizarren und monströsen Träume Anzeichen einer beginnenden Geisteskrankheit sein könnten. Aber meine Angehörigen hatten mich jedes Mal beruhigt, wenn ich ihnen von diesen Ängsten erzählte. Sie fänden angesichts der Krankheit und der damit verbundenen Aufregungen die wilden Traumreaktionen nicht verwunderlich. Auch gelang es mir meist, sprachliche Ausuferungen ins Wahnhafte zu unterdrücken, bevor sie meine Gesprächspartner verwundern konnten.
Auf einem Zettel, den ich später wiederfand, hatte ich am 31. März mit mir fast fremder Schrift hingekritzelt, was ich nachts geträumt hatte: "Unruhen in der ungarischen Botschaft sollen zu mehreren Toten geführt haben. In einem Geheimbericht aus der Botschaft Libyens heißt es, es habe brutale Vernehmungen, Folter und Erpressungen gegeben. Der Betrieb wird als Notladen fortgeführt. Viel Hektik und Angst. Mein ungarischer Gewährsmann beschließt, nicht über Fußball auszusagen."
Es kam vor, dass ich Personen sah, die gar nicht anwesend waren. Einmal teilte ich mit, dass ich in den Jemen eingeladen worden sei, für einen Spionageauftrag. Den hätte ich aber abgelehnt, weil der deutsche Nachrichtendienst da unten keine guten Agenten habe.
Solche Berichte aus diesen schrecklichen Tagen empfand ich als gruselig. Mit Entsetzen erkannte ich, wie schmal der Grat war, der mich vom Abdriften in den Irrsinn trennte. Eines Nachts hatte ich - daran kann ich mich sehr wohl erinnern - in meiner schrecklichen Angst die Schläuche für eine Infusion zerschnitten. "Da haben wir den Salat", schimpfte der Pfleger, von dem ich mich sowieso verfolgt wähnte, "ich hab es kommen sehen." Ich fürchtete eine gnadenlose Bestrafung, wobei ich nicht wusste, worin die bestehen könnte.
Erst nachträglich wurde mir klar, wie wichtig in diesen Tagen der Schutz durch meine Angehörigen war, die inzwischen den Pflegekräften gegenüber längst nicht mehr so handzahm waren wie zu Beginn meiner Krankenhauskarriere, sondern raubeinig und direkt. Ich brauchte nicht viel Phantasie, um mir auszumalen, dass ich ohne sie auch schnell in irgendeiner Psychiatrie hätte landen können.
Mich trafen diese Erkenntnisse auch deshalb so hart, weil sie Erinnerungen an meine Saufzeit wachriefen. War ich nicht wieder dieselbe hilflose Person geworden wie damals? Hatte ich nicht wieder völlig die Kontrolle über mein Leben verloren? Der brutale soziale Absturz von einem, der im Hubschrauber mit dem Kanzler auf Reisen gegangen war, im gepanzerten Dienstwagen des Innenministers von einer Polizeieskorte in wildem Tempo über eine völlig verstopfte Autobahn ins Fußballstadion geleitet wurde, zu einem geistigen und körperlichen Wrack, das niemand mehr ernst nimmt?
Das war das eine. Das andere war meine Hilflosigkeit. "Besonders schlimm war es", sagte meine Tochter, "wenn dein früherer Charme durchschien, wenn du versuchtest, eine lustige Bemerkung zu machen, und nichts kam an - du brachtest deine Pointe sprachlich nicht rüber, das Timing stimmte nicht, und du hattest auch nicht die körperliche Präsenz, um deinen Worten Gewicht zu geben."
Das war traurig, und es ängstigte mich. Aber tiefer traf mich der Verdacht, dass sich meine Hoffnung, jederzeit ein bewusstes, selbstverantwortliches Leben führen zu können, als Illusion zu erweisen schien.
Gewiss, ich hatte meine Bereitschaft erklärt, mich einer "Macht, größer als ich selbst", zu unterwerfen. Aber mein Körper, der jetzt auch meine geistigen Gebrechen verursachte, konnte doch nicht jene höhere Macht sein, die andere Gott nannten.
So sah es für mich auf den ersten Blick aber aus. Denn es war mein Körper, der durch einen noch nicht entdeckten Defekt mein Gehirn so verwirrte, dass ich fürchtete, verrückt geworden zu sein. Wo waren denn meine Seele und mein Ich, während ich irres Zeug redete und Wahnvorstellungen hatte, die mich zu Tode ängstigten? Hatte ich nicht immer geglaubt, dass mein Ich über eine immaterielle Seele verfügte, die mein materielles Gehirn und den Körper steuerte? Aber nun hatte ich am eigenen Leibe erlebt, was die moderne Hirnforschung schon seit 30 Jahren behauptet, dass nämlich das Gehirn in Wahrheit mein Schöpfer ist, der meine Gedanken und Gefühle und das, was ich für meine Seele halte, hervorbringt, letztlich also mein gesamtes Ich. War dieses Ich damit entzaubert?
Denn wo blieb dann mein freier Wille? Woher stammte die Moral, wenn ich als Mensch nichts wäre als ein Evolutionsprodukt im Sinne Charles Darwins? Wer hat mir die Fähigkeit eingepflanzt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden? War mein Gewissen nur ein Produkt der Anpassung an eine sozial komplexe Umwelt? Lauter Fragen, die sich mir mit zunehmendem Alter womöglich sowieso neu gestellt hätten. Doch nun bewirkte dieses immer unüberschaubarer werdende Geflecht von Krankheiten, das mir das Leben abschnürte, dass sie mir dringlicher erschienen, existentiell zwingender, als ich mir das früher in meinen gelegentlichen Phantasien über ein behagliches Rentnerdasein ausgemalt hatte.
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Als ich erwachte, war ich sprachlos. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Vergebens versuchte ich Sätze hervorzubringen - mit einem Keuchen entwich die Atemluft, ohne dass ich mich sinnvoll artikulieren konnte. Meine Lippen formten lautlose Hilfeschreie. Erschrocken griff ich mir an den Hals, spürte einen Verband und erkannte die furchtbare Wahrheit: Sie hatten mir die Luftröhre aufgeschnitten.
Wenn ich sagen würde, dass ich geschockt war, wäre das eine grobe Untertreibung. Ich war entsetzt, überwältigt. Hätte ich noch reden können, wären mir die Worte versiegt. Ich fühlte mich, als hätte man versucht, mich umzubringen. Eine hallende, weite Leere breitete sich in mir aus. Nicht mehr reden können, das erschien mir im ersten Augenblick so schlimm, als könnte ich nicht mehr sehen.
"Wörter machen Leute" heißt ein von Wolf Schneider verfasstes Standardwerk zu Magie und Macht der Sprache. Ich sah mich als einen dieser Leute, die durch Wörter zu dem wurden, was sie sind. Nicht nur Schreiben, auch Reden war mein Beruf. "Du bist ja ein homme de lettres", hatte Rudolf Augstein einmal zu mir gesagt, das empfand ich, als hätte er mir einen Orden an die Brust geheftet. Und jetzt war ich stumm.
Wie konnte das geschehen? Ein knappes Jahr zuvor hatte ich mit dem Professor in Nürnberg vereinbart, dass er den Tumor in meinem Zungengrund nicht operieren solle, wenn dabei meine Fähigkeit zu schlucken oder zu sprechen zerstört würde. Er hatte sich daran gehalten. Mit massiver Bestrahlung und Chemotherapie war man anschließend in der Berliner Charité der Krebsgeschwulst zu Leibe gerückt. Das Ergebnis: Der Tumor war weg, doch Nahrung schlucken konnte ich nicht mehr. Meine Stimme aber blieb intakt.
Und jetzt dieser Eingriff ohne Vorankündigung, der in einem eklatanten Widerspruch stand zu dem Anspruch, den die Klinik selbst propagierte. Träger des Hauses war eine Gemeinnützige Gesellschaft der Katharinenschwestern mbH aus Münster, ein 1571 gegründeter Frauenorden, der die Leitlinien der Pflege in die Wartezimmer hängte: "Christliche Nächstenliebe und die Achtung vor dem Leben bilden im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus die Basis pflegerischen Handelns." Die Patienten sollen sich "geborgen und in ihren individuellen Belangen verstanden fühlen", heißt es weiter im Text, "sie haben ein Recht auf Freundlichkeit, Selbstbestimmung, Information, Taktgefühl und persönliche Zuwendung. Ihre Angehörigen beziehen wir in die Pflege ein."
Umso unverständlicher erschien mir dieser massive unangekündigte Eingriff. War damit nicht auch die zweite, noch entscheidendere Voraussetzung zunichtegemacht worden, unter der ich bereit gewesen war, die ganze Quälerei der Tumorbekämpfung auf mich zu nehmen? Ich kam mir betrogen vor, hilflos medizinischen Falschspielern ausgeliefert. Wütend und verzweifelt ballte ich die Fäuste und schüttelte wild den Kopf. Tränen liefen mir über die Wangen. Nein, nein, nein, flüsterten meine Lippen lautlos, immer wieder: nein, nein, nein. Meine Ohnmacht machte mich aggressiv, meine Verzweiflung lebensüberdrüssig.
Dann saß der Professor an meinem Bett, der die Operation durchgeführt hatte. Widerwillig hörte ich ihm zu, als er mit ruhigen, klaren Worten erläuterte, wie geschwollen und vernarbt die Umgebung des früheren Tumors im Hals durch die Bestrahlung sei. Luft- und Speiseröhre seien so verengt, dass er den Entlastungsschnitt für unumgänglich gehalten habe. Denn die Enge sei auch der Grund für meine körperliche Schwäche und meine geistige Desorientierung gewesen, weil mein Hirn nur unzureichend mit Sauerstoff versorgt worden sei.
Im Übrigen sei die Sprachlosigkeit nur eine Angelegenheit von Tagen, dann werde mir eine Sprachkanüle eingesetzt, und ich würde neu sprechen lernen.
Die Nächte waren noch immer furchtbar. "Angst. Angst, Panik", schrieb ich auf. Oder: "Erst um sechs Uhr morgens eingeschlafen. Davor Angst." In einer Nacht stritt ich mich heftig mit einer Schwester, die mir kein zusätzliches Schlafmittel geben wollte. Ich glaube, ich habe noch nie einer Frau eine solche Szene geliefert wie dieser armen Nachtschwester. Ich gestikulierte wild, warf mich im Bett hin und her, raufte mir die Haare und grunzte aggressiv. Dass ich mich aufführte wie ein Stummfilmmime, war mir im Hinterkopf bewusst. Aber die Not war echt. "Entweder Sie sind ein grandioser Schauspieler", sagte sie am Ende erschöpft, "oder in Ihnen gehen furchtbare Dinge vor." So war es: Mir kam es vor, als löste sich mein Körper in lauter wunde Einzelteile auf. Und Schreckensbilder jagten durch meinen Schädel.
Einzig die Angst vor einem Leben ohne Sprache trieb mich um. Meine ganze Existenz reduzierte sich in meinen halbwachen Alpträumen auf diesen Zustand. Wer wäre ich denn, wenn ich nicht mehr reden könnte? Die tröstenden Versprechungen des Professors am Tage halfen mir nachts überhaupt nicht. Hatte ich nicht - bei aller Furcht vor dem Tumor - insgeheim immer noch gehofft, dass ich mein altes Leben in Teilen würde fortsetzen können?
In diesen sprachlosen Nächten im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus wurde mir bewusst, dass der Rest meines Lebens, wie knapp oder großzügig er auch bemessen sein mochte, grundlegend anders ablaufen würde als die ersten 70 Jahre. Plötzlich wusste ich, dass die wirklichen Konsequenzen meiner Krankheit noch gar nicht eingetreten waren, sondern dass mir Veränderungen bevorstanden, die ich bis jetzt nicht einmal ahnte. Das machte mir Angst, wahnsinnige Angst.
Am Tage freute ich mich über jeden, der mich besuchte. Aber nachts bezweifelte ich, dass er wiederkommen würde. Wer würde auf Abstand gehen oder einfach den Kontakt einschlafen lassen? Auf meine nächsten Angehörigen konnte ich mich verlassen, da war ich ganz sicher. Aber wie sollte ich die Beziehung zu meinen Freunden aufrechterhalten, wenn ich nicht mehr sprechen konnte?
Meine Angst minderte sich am Dienstag, dem 8. April, als eine Sprachkanüle - ein hornförmiges Plastikteil mit aufgesetzter Luftschleuse, das sinnigerweise "Seele" heißt und in den aufgeschnittenen Luftröhrenkanal eingeführt wird - meiner stummen Zeit ein Ende machte. Zu meiner Erleichterung war das Einsetzen überhaupt nicht schmerzhaft, es verlief auch ohne Zwischenfälle.
"Das war ein großer Augenblick, ein glücklicher Moment. Du hast gleich drauflosgeredet", erinnert sich meine Tochter. Für Susanne und Rosemarie musste es eine ziemliche Überraschung gewesen sein, denn Ärzte und Schwestern hatten sie darauf vorbereitet, dass ich erst langsam lernen und lange würde üben müssen, mit der Kanüle umzugehen. "Es war auch deine Stimme. Vielleicht ein bisschen belegt und tiefer, aber unzweifelhaft deine Stimme. Das und die Schnelligkeit haben uns überrumpelt. Wir hatten auch mit so einer quäkenden Stimme gerechnet, wie von einem Automaten." Ich vernahm das alles, als wäre ich nicht dabei gewesen. "Und was habe ich gesagt?", fragte ich. "Na ja, was du so sagst - ,hallo, Schätzchen', oder so was."
Dass ich auch an diesen erfreulichen Augenblick keine Erinnerung habe, zeigt mir, wie angstbesetzt das Thema Sprache damals für mich war. Auch von dieser Kanüle war ich keineswegs entzückt, dafür war das Reden doch zu eingeschränkt. Oft war ich schwer zu verstehen, weil meine Stimmbänder mit Schleim bedeckt waren. Die Zunge hatte keine Kraft, und die Kiefer waren ziemlich unbeweglich. Das Sprechen kostete mich viel Anstrengung und Konzentration. Auch klang meine Stimme in der eigenen Wahrnehmung reichlich knarrend und tief. Aber wenigstens die Freunde erkannten sie deutlich als meine.
Ich habe diese persönliche Krise durchaus auch als eine politische und journalistische Krise erlebt. Und während ich gezwungen war, mich intensiv mit mir selbst zu befassen, habe ich viel über andere und über das Leben gelernt. Das hat nicht nur mein Schreiben verändert, sondern auch meinen Blick auf die Politik und meine Profession. Ich habe mir so etwas wie ein inneres Geländer gezimmert.
Für mich war der Journalismus auch eine Lebensschule. In welchem Beruf kommt man schon mit so viel unterschiedlichen Menschen in Kontakt und gerät in so verschiedenartige Situationen? Das stellt hohe Anforderungen an die Fähigkeit, Nähe zuzulassen und doch Distanz zu wahren. Ich habe ja nicht nur über Politik geschrieben, sondern auch über Fußball und Theater, über Gerichtsverfahren, Mondlandungen und Krankheiten. Wer sich als Journalist den aufrechten Gang erhalten will, habe ich dabei gelernt, der braucht ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und seinem Beruf, einen bewussten Umgang mit der eigenen Subjektivität. Das ist die wichtigste Erfahrung meines beruflichen Lebens: Für jeden Journalisten sollte es selbstauferlegte Pflicht sein, sich durch reflektierte Erinnerung eine Haltung zu erwerben, eine für ihn ganz persönlich charakteristische, bewegliche Beharrlichkeit im Umgang mit dem Leben.
In seiner Haltung hat die Freiheit des Journalisten ihren Rückhalt. Wie er auf Ereignisse und auf Menschen reagiert, wie er sich zur Macht und gegenüber Mächtigen verhält, das ist nicht nur individuell relevant, sondern das hat auch politische Folgen. Für mich sind zwei Sätze als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: "Bleib erschütterbar und widersteh."
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Schwach hatte ich mich schon seit Tagen gefühlt. Aber an diesem Freitagmorgen, am 26. September 2008, waren mir schon beim Waschen einfach die Beine weggeknickt. Ich rang nach Luft, fürchtete mich vor dem Ersticken. Wir beschlossen, so schnell wie möglich ein EKG und eine Blutuntersuchung machen zu lassen, allerdings hatte ich um zehn Uhr einen Termin für eine Computertomografie zur Kontrolle des Tumors. Die Angst vor dessen Wiederauftauchen überlagerte noch immer alle anderen Nöte. Also fuhren wir erst zum Röntgenologen. Halb ohnmächtig vor Schwäche, lag ich auf der Untersuchungsbank vor der Röhre und ließ alles über mich ergehen. Dann ging es im Taxi direkt zu den Hausärztinnen.
Die waren von meinem Zustand höchst alarmiert. Doch das EKG zeigte keine besonderen Abweichungen. Also musste ein Blutbild gemacht werden, dessen Ergebnis uns am Nachmittag nach Hause gefaxt wurde. Schon vorher aber war klar, dass ich wieder in einer Klinik landen würde. "Nein, ich will nicht ins Krankenhaus", versuchte ich mich zu sträuben, "nicht schon wieder." Aber ich wusste, dass ich keine Chance hatte.
Wie immer, wenn es ernst wurde, funktionierte meine Frau mit cooler Entschiedenheit. Sie rief mehrere bekannte Ärzte an, um sich Rat zu holen, erreichte schließlich die Chefin des Evangelischen Geriatriezentrums bei einem Kongress in der Schweiz. Deren Überlegungen stimmten mit unseren überein - entweder Krebsmetastasen oder ein Magen- oder Darmgeschwür. Sie organisierte mir für den Abend ein Bett in ihrem Haus.
Gegen fünf Uhr nachmittags kam das Ergebnis der Blutuntersuchung, der Hämoglobinwert, der anzeigt, ob man genügend sauerstofftransportierendes Eiweiß im Blut hat, war von 10,6 g/dl auf 7,1 g/dl gefallen - normal wären 14 bis 18 g/dl. Zwei andere Werte signalisierten ebenfalls, dass ich viel Blut verloren haben musste.
Am nächsten Morgen saß ich allein vor dem Spiegel am Waschbecken und blickte mir resigniert in die Augen. Gestern hatte ich wieder einmal nur noch sterben wollen, das Elend sollte endlich vorbei sein. Ich versuchte zu beten, aber es blieb bei einem leeren Ritual.
Mein Hämoglobinwert war nach einer Transfusion von 7,1 auf 9,3 g/dl gestiegen, aber Hoffnung verschaffte mir diese Nachricht nicht. Statt Glaube wuchs Zweifel in mir. Wenn die Diagnose "Magengeschwür" lautete, dann würde ich - nahm ich mir vor - so schnell wie möglich mein Buch zu Ende schreiben. Und wenn sie nun "Metastasen" hieße? Ich wusste nicht, was dann sein würde.
Der Strahlenpapst war erst einmal erschrocken über den Umfang, den meine Krankenakte inzwischen angenommen hatte. "Mein Gott", sagte er, "die wird ja immer dicker." Lange betrachtete er dann die CT-Bilder, die sich sein Kollege aus dem Sankt-Gertrauden-Krankenhaus gar nicht angesehen hatte. Im Vergleich mit den Aufnahmen vom März entdeckte er ein "Wachstum" im Zungengrund von ungefähr vier Zentimeter Tiefe. Das gefiel ihm überhaupt nicht. "Da wollen wir nicht drum herumreden - das kann Vernarbung sein oder ein Rezidiv", also die Wiederkehr des bisher verschwundenen Tumors. Der Professor sprach in einem deutlich alarmierten Tonfall von einem "dringenden Verdacht, den wir schnell ausräumen sollten". Entweder mit einer PET-CT, einer verfeinerten Computeruntersuchung, oder einer normalen CT, was auch der Kollege vorgeschlagen hatte. Aber im Gegensatz zu ihm hielt der Strahlenpapst das Ganze offenbar für sehr viel dringlicher.
Natürlich beunruhigte mich die offenkundige Sorge des Spezialisten, der bisher immer so ruhig und optimistisch geklungen hatte. "Und was ist, wenn es tatsächlich ein Rezidiv wäre?", fragte ich. Der Professor sah mich an. "Das wäre eine Katastrophe", sagte er dann. "Das würde heißen, dass wir es mit unserem Programm nicht geschafft hätten." "Und dann?", bohrte ich nach. Er zögerte einen Augenblick, bevor er resigniert sagte: "Wir sind dann zwar noch nicht am Ende unserer Palette, aber viel bliebe nicht." Wie um sich selbst Mut zu machen, tastete er nach meinem Hals und fühlte, dass der sehr verhärtet war. "Das ist eine harte Narbenbank", murmelte er, "das könnte bedeuten, dass es doch nur eine Vernarbung ist."
Sonderbarerweise schien mir, dass der Professor mehr Ermutigung brauchte als ich. Sein leidenschaftliches Engagement, das die hoheitliche Distanz zu seiner Chefposition wohltuend brach, berührte mich. Ich fühlte mich als Mensch behandelt, nicht nur als Fall im Untersuchungsprogramm des Wissenschaftlers. Der Professor war erschrocken über mein Schicksal, er fühlte sich verantwortlich.
Mich hatte die niederschmetternde Botschaft zwar auch erschreckt, aber sie warf mich nicht um. Das vermittelte ich auch meiner Frau, die ziemlich deprimiert war: "Das neue Blut hat mich gekräftigt, körperlich und seelisch." - "Und wenn es doch ein Rezidiv ist?", fragte sie mich. "Dann wäre das Leben eben früher vorbei." Auf jeden Fall wollte ich das Buch zu Ende schreiben.
Der Arzt brachte das Ergebnis. Er machte ein bedenkliches Gesicht und tuschelte mit meiner Frau, die er als Medizinerin wohl für den angemesseneren Ansprechpartner hielt. Ich schnappte das Wort "enhancement" auf, was, wie ich wusste, "Anreicherung" hieß. Das langte mir als Information. Mir war klar: Der Tumor ist wieder da. Über ein Jahr hatte er sich arglistig verkrochen, um mich in falscher Sicherheit zu wiegen, was ihm aber nicht gelungen war. Ich hatte immer mit seiner Wiederkehr gerechnet, und nun war es so weit.
In mir war absolute Leere. Die Menschen und ihre Stimmen waren in weite Ferne gerückt. Vor dem Fenster schien die Sonne auf buntes Herbstlaub, eine Straßenbahn fuhr vorbei. Ging mich das alles noch etwas an? Rosemarie umarmte mich. Auch sie war stumm.
Erst draußen, als wir im Taxi saßen, fand ich wieder Worte, die mir aber, als ich sie aussprach, vorkamen, als stammten sie aus einem schlechten Film. "Jetzt habe ich also mein Todesurteil", sagte ich. Aber damit kam ich bei Rosemarie, die sich wieder gefasst hatte, schlecht an. "Ach was", fuhr sie mich an, "unser Todesurteil haben wir alle. Es kommt aber darauf an, wann es vollstreckt wird. Und so weit sind wir noch lange nicht."
Sie plante schon die nächsten Schritte: Wer ist anzurufen? Wann kriegen wir Termine bei den Professoren in der Charité und im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus, um deren Einschätzung zu hören? Sollten wir eine Antikörpertherapie versuchen? Und was uns zwei betraf: "Wir müssen jetzt noch mehr miteinander reden." Das Tumor-Spiel ging also weiter.
Am Montag stürmte Rosemarie plötzlich glückstrahlend in mein Zimmer. "Vielleicht bleiben uns ja doch noch ein paar glückliche Jahre", jubelte sie. Der Professor aus der Charité hatte ihr Fax erhalten und gleich angerufen: "Wir können Entwarnung geben." Er hielt die "Anreicherung" für Narbengewebe oder eine Entzündung, nicht für den wiedergekehrten Tumor. "Ein Tumor würde das Kontrastmittel viel intensiver anreichern", sagte er meiner Frau am Telefon. Ich freute mich auch, blieb aber skeptisch. Einerseits ging mir das ständige Hin und Her auf die Nerven, andererseits hatte der Professor das Bild gar nicht gesehen, sondern nur den schriftlichen Bericht gelesen. Allerdings sollte ein so erfahrener Mann seine Gründe haben für die positive Einschätzung, sagte ich mir. Immerhin war er es ja gewesen, der auf Klärung durch die PET-CT bestanden hatte. Jetzt schlug er vor, diese Untersuchung im Januar noch einmal zu wiederholen. Um ganz sicherzugehen, könnte man allerdings auch eine Gewebeentnahme veranlassen.
Und je länger ich mich mit meinem Tumor herumschlug, je rätselhafter mir seine Existenz nach dem Verschwinden wurde, desto verständlicher erschienen mir die vielen mystifizierenden Erklärungsversuche. Wer wie ich die Behandlung des Tumors und die Folgen dieser Behandlung als monatelanges, qualvolles Dahinsiechen erlebt hatte, für den bekam der Krebs geradezu zwangsläufig etwas Unheimliches, Hinterlistiges und Böses. Gedanken an Schuld, Strafe und Sühne stellten sich dann von selbst ein. Zeitlebens hatte ich mich unter einen mächtigen Erwartungsdruck gesetzt. Kein Wunder, dass ich jetzt - schwach und ohnmächtig, wie ich zuletzt war - den Krebs auch als Versagen erfuhr. Er degradierte mich zu jemandem, der nichts mehr wert war und den anderen zur Last wurde.
Die mit der Krankheit verbundenen Zellwachstumsprozesse werden beim Krebs quasi personifiziert. "Sie gelten, wie Krebstiere, als meist unsichtbare Lebewesen der Nacht, die sich in unberechenbarem Krebsgang scheinbar widersinnig fortbewegen", heißt es in einer Einführung in die Psycho-Onkologie von Fritz Meerwein. "Wie durch Schalen geschützte Krebse sind auch die Krankheiten Krebs, dieser Metapher folgend, zupackend, mit starrem Blick verfolgend, unersättlich Qualen bereitend und den Tod des Opfers zum Ziel habend."
Hartnäckig hält sich in der Öffentlichkeit die These, dass bestimmte Personen besonders anfällig für diese Erkrankung sind, sogenannte Krebspersönlichkeiten. Typisch für diesen Persönlichkeitstypus ist angeblich, dass er durch Unsicherheit, Unterdrückung negativer Emotionen - Ärger vor allem - und eine angepasste, sich unterordnende Attitüde auffällt.
Sollte ich mich also als "Krebspersönlichkeit" betrachten? Das erschien mir viel zu simpel. Niemals hatte ich, wann immer ich über einen möglichen eigenen Beitrag zur Produktion des Tumors in meinem Hals grübelte, eine spezifische, monokausale Erklärung im Sinn, sondern immer dachte ich an unterschiedliche psychische und soziale Faktoren und fehlerhafte Verhaltensweisen, die langfristig bei der Auslösung der Krankheit zusammenwirkten. Der Alkohol, das Rauchen, sicher auch mein besessener Arbeitsstil auf der einen, Stress, unzureichende Bewegung und falsche Ernährung auf der anderen Seite fielen mir als mögliche Risikofaktoren ein. Dass dahinter neben unheilvollen Umwelteinflüssen natürlich auch psychische Faktoren gestanden haben mochten, musste ich für wahrscheinlich halten.
Viel Stoff zum Nachdenken also, und im Übrigen ging das Leiden an der Heilung ja weiter. So ließ es der Professor, wie ich es nun schon gewohnt war seit Beginn meiner Krankheit, nicht bei der guten Nachricht bewenden. Die Untersuchung habe ergeben, dass meine Luft- und Speiseröhren durch die massive Bestrahlung derart verhärtet und verengt seien, dass mit einem Verzicht auf das Tracheostoma nicht zu rechnen sei. Falls ich also gehofft haben sollte, am Ende doch noch einmal wieder normal essen, trinken und atmen zu können, sollte ich diese Hoffnung aufgeben.
Das war zwar eine Enttäuschung, aber anders als meine Frau hatte ich im Ernst nie mit etwas anderem gerechnet. Die Magensonde und der Galgen für die Astronautenkost würden also für den Rest meines Lebens meine ständigen Gefährten sein. Weihnachten sollten sie mich auch nach Sylt begleiten. Das immerhin hatten wir geschafft. Und das war meine größte Freude. Ein Jahr zuvor hätte ich auch das nicht für möglich gehalten.
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Drei, fünf, zwölf ... mein Atem ging schneller, als ich das letzte Stück des Holzsteges emporhastete. Es waren nur 18 Stufen bis zum Kamm der Dünen, dann lag es vor mir - das Meer vor Sylt. Fast unbeweglich und silbern gleißend im kalten, weißen Licht der Sonne, erstreckte es sich bis zum Horizont, sanfte Wellen leckten am hellen Strand.
"Siehst du, Mann", flüsterte Rosemarie, "das hätten wir noch vor einem Monat nicht für möglich gehalten, dass du das noch einmal erlebst. Du hast eben eine unverwüstliche Grundnatur." Und trotzig fügte sie hinzu: "Nein, wir lassen uns nicht alles kaputtmachen, was schön war in unserem Leben." Ich nickte stumm.
Für mich gehört die Insel seit 1956 zum festen Bestand meines Lebens. In diesem Sommer, ein Jahr vor dem Abitur, hatte ich zusammen mit drei Klassenkameraden und dem Bruder des einen ein Häuschen in Westerland gemietet und zwei zauberhafte Sommerwochen am Strand verbracht. Wir pubertierten heftig, ich verliebte mich auch unglücklich in eine wunderschöne, sehr viel ältere Chilenin namens Helga, doch im Grunde waren diese Tage die letzten unbeschwerten Kinderferien. Für immer aber hatte sich damals das Meer in meine Seelenlandschaft eingegraben, als Kraftquelle und als Element der Sehnsucht.
Unvergesslich der dramatische Winter 1994/95: Einen Tag nach Weihnachten klingelte in unserer Ferienwohnung das Telefon: Hanns Joachim Friedrichs ließ uns wissen, dass er erst einen Tag später als sonst nach Sylt kommen werde. "Und ich bringe News mit", sagte er lakonisch, "ich habe Krebs." Das war ein Schlag. Der immer frohgemute Fernsehstar war von der Nachricht genauso überrascht worden wie seine Freunde, aber er trug sie mit bewundernswerter Gelassenheit: "Wer wird schon 68 ...?", tröstete er sich und uns. Er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit haben würde, zielstrebig traf er seine letzten Lebensentscheidungen. Uns überraschte er mit der Bitte, seine Trauzeugen zu sein, denn er wollte seine Lebensgefährtin Ilse so schnell und so heimlich wie möglich heiraten. Wir mochten Ilse sehr und fühlten uns natürlich geehrt. Zwar kannte ich Hajo, wie ihn seine Freunde nannten, als Kollegen schon seit vielen Jahren, aber besonders eng war unser Verhältnis nie.
Seine Krankheit änderte alles. Er öffnete sich mir und Rosemarie in langen Gesprächen, in wenigen Wochen wuchs eine intensive Freundschaft. Mit spitzbübischer Freude genossen wir zusammen die höchst private standesamtliche Trauung in Westerland, an der neben dem Brautpaar nur Ilses Bruder mit seiner Frau und wir teilnahmen. Der Boulevardpresse war das Ereignis verborgen geblieben. Nach der schlichten Trauungszeremonie hatte Hanns gerade noch genügend Kraft, mit uns anzustoßen, dann sank er erschöpft ins Bett in seiner Wohnung in Munkmarsch.
Ihm blieben nur noch drei Monate, bis er am 28. März 1995 starb, aber er haderte nicht. Geborgen im Kreise der Familie, in die er hineingeheiratet hatte, reflektierte er sein erfülltes und erfolgreiches Leben. Er wollte reden, bis zuletzt. Zusammen mit Cordt Schnibben interviewte ich ihn auf seinen Wunsch hin eine Woche vor seinem Tod für den SPIEGEL. Er war schon so schwach, dass er das Mikrofon nicht mehr halten konnte, flüsternd gab er Antwort. Und doch fügten sich seine Sätze zu einem makellosen, druckreifen Text, gelassen, ja heiter und ausgefeilt bis zur feinsten Pointe. Hajo blieb ein Profi bis zu seinem Ende.
Für mich war es ein Geschenk, ihn in dieser letzten Lebensphase begleiten zu dürfen. Sein Sterben hat mir manche Ängste vor dem Tod genommen. Ich nahm teil an der Erfahrung, um die wir uns sonst gern herumdrücken: dass das Sterben zum Leben gehört. Gewusst hatte ich es ja, aber jetzt durfte ich miterleben, dass das Leben eine Grenze hat. Und Hanns Joachim Friedrichs bewies mir, dass man sein Leben stil- und würdevoll zu Ende bringen kann. Dass er mich bat, an seinem Sarg die Totenrede zu halten, war eine Bürde, die ich gern auf mich genommen habe.
Der traditionelle Bilanzspaziergang zum Jahreswechsel wurde in diesem Krankheitsjahr den veränderten Verhältnissen angepasst und zerfiel in zwei Teile - erst der Spaziergang, dann, in der warmen Stube sitzend, die Bilanz. Meine beschäftigte sich nach den vielen Zusammenbrüchen mit der Frage, ob ich denn wohl noch der Jürgen Leinemann bin, der ich vorher war. Natürlich hieß die Antwort: ja und nein.
Jahrzehntelang habe ich mich um meinen Platz in der Welt gekümmert, habe meine Erfolge dort gesucht, auf Anstöße von außen geantwortet. Lob war mir wichtig, auf Kritik reagierte ich empfindlich. Ich war stolz darauf, mir in meinem Beruf einen Namen gemacht zu haben. Auch heute ist mir mein Ansehen keineswegs gleichgültig, doch habe ich aufgehört, mir die Erwartungen anderer zu eigen zu machen und danach zu leben.
Schließlich musste ich mich daran gewöhnen, dass es auf mich ohnehin nicht mehr ankommt. Die Krankheit hat mich mit Situationen des Scheiterns konfrontiert und mich verzichten gelehrt. Erst notgedrungen, allmählich mit Einsicht, lernte ich mich zu bescheiden, ohne zu resignieren.
Kann ich denn letztlich nicht auf ein erfülltes Dasein zurückblicken? Die Abgründe des Lebens und des eigenen Wesens kenne ich nicht mehr nur aus den Schicksalen anderer oder aus Romanen, ich habe sie selbst erfahren. Das sollte mich vor Illusionen schützen. Noch immer sehne ich mich zwar nach Harmonie und Klarheit, aber das können nur Ergebnisse einer Balance von Gegensätzen sein, von Trauer und Freude. Erst die Akzeptanz von gemischten Gefühlen ermöglicht mir ein halbwegs stabiles Bild der Realität.
Habe ich den Sinn meines Lebens gefunden? Gesucht und gezweifelt habe ich genug in den Monaten meiner Not. Jetzt weiß ich, dass ich Sinn nicht in irgendwelchen Theorien oder esoterischen Glaubenssätzen finden kann, auch nicht in religiösen. Sinn muss ich meinem Leben selbst geben - durch eigenes Nachdenken darüber, wofür ich leben will, durch eine bestimmte, mir allein eigene Lebensweise. "Der Sinn des Lebens", schreibt der Professor für englische Literatur Terry Eagleton in seinem klugen Essay, der ein Bestseller wurde, sei "nichts vom Leben Losgelöstes", sondern das, was das Leben lebenswert mache - das heißt eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle, Intensität des Lebens: "In diesem Sinne ist der Sinn des Lebens das Leben selbst."
So einfach und so klar hätte ich es nicht ausdrücken können, aber das Ergebnis entspricht meinem Erleben. Wobei die Begriffe Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität für mich Inhalte erhalten durch geliebte Menschen um mich herum - es waren meine Familie, meine Freundinnen und Freunde und anteilnehmende Mitmenschen, die mir in meiner Krisenzeit die Kraft zum Überleben schenkten und die Überzeugung, dass es Sinn macht, mit ihnen und für sie weiterzuleben. Denkend, fühlend und deutend verknüpfte ich ihre Gegenwart in einem viele, viele Stunden währenden inneren Monolog mit den wichtigsten Erfahrungen und Erinnerungen meiner Vergangenheit zu einem Gesamtgemälde meines Lebens.
Das Wunderbarste waren die täglichen kurzen Spaziergänge am Meer. Am letzten Tag hing ein dünner Wolkenschleier über dem trägen Wasser, am Horizont im Südwesten leuchtete ein schmaler heller Streifen. Ich spürte, wie ich sentimental wurde, die Abschiedsstimmung und der flirrende Glanz des Meeres bewegten mich. Doch die Mühsal des Gehens im feuchten Sand ließ kitschige Weihegefühle nicht wirklich aufkommen. Schwer atmend blieb ich stehen und sah in die Ferne. Und ganz unvermittelt durchflutete mich eine warme Welle der Dankbarkeit - ich freute mich, dass ich lebte.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 36/2009
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