31.08.2009

MIGRANTEN „Schlechtes Blut“

Für viele ihrer Landsleute ist Inzest ein Tabuthema - im Ruhrgebiet kämpft eine junge Türkin allen Anfeindungen zum Trotz gegen die Eheschließung unter Verwandten.
Kürzlich war Yasemin Yadigaroglu in Duisburg unterwegs, um einem türkischen Ehepaar die Hochzeitspläne für seine Tochter auszureden. Das Mädchen hatte seinem Lehrer anvertraut, dass es eine arrangierte Ehe mit einem Cousin in der Türkei eingehen solle. Yadigaroglu war kurz zuvor an der Schule gewesen, um über die Probleme einer solchen Ehe mit einem nahen Verwandten aufzuklären, die 28-jährige Sozialwissenschaftlerin ist eine gefragte Expertin zum Thema.
Das Gespräch mit dem Vater lief so, wie diese Begegnungen leider oft verlaufen. Er sagte, man habe "die beiden von klein auf einander versprochen". Sie redeten über Stellen im Koran, die gegen Ehen unter Blutsverwandten sprechen, worauf der Mann das Beispiel der Tochter Mohammeds nannte, die einen Vetter geheiratet habe. Ob er denn auch über die gesundheitlichen Risiken nachgedacht habe, fragte die junge Wissenschaftlerin. Da starrte der Vater nur noch vor sich hin und murmelte: "Ich komme da aber nicht raus."
Seit drei Jahren versucht Yadigaroglu, gegen die Eheschließung unter Verwandten mit Aufklärung anzugehen - es ist ein aufreibender und schwieriger Kampf. Denn die junge Frau rührt an ein Tabu: Viele arrangierte Ehen, die in traditionellen türkischen Haushalten noch immer hoch im Kurs stehen, finden innerhalb der eigenen Familie statt. Oft sind es Verwandte wie Cousin und Cousine, die miteinander vermählt werden. Das Risiko, ein krankes Kind zur Welt zu bringen, ist bei solchen Verbindungen signifikant erhöht, belegen einzelne Studien.
In der öffentlichen Debatte spielen die möglichen medizinischen Folgen der arrangierten Ehen bislang kaum eine Rolle. Wenn die sogenannten Zwangsehen zum Thema werden, geht es fast ausschließlich um die Freiheitsrechte der jungen Frauen, was unbestritten wichtig ist; dass den Kindern aus solchen Verbindungen ernste Gesundheitsrisiken drohen können, wird hingegen bestenfalls am Rande erwähnt. Auch deutsche Politiker und Behörden schweigen sich über den Inzest unter Migranten lieber aus, zu groß scheint die Angst vor dem Vorwurf, ausländerfeindliche Ressentiments zu schüren, dabei sind die Risiken durchaus dokumentiert.
Gesetzlich verboten sind zwar in Deutschland, wie in vielen Ländern der Welt, nur geschlechtliche Beziehungen zwischen leiblichen Verwandten ersten und zweiten Grades, also zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern. Aber selbst bei wissenschaftlich als "konsanguin" bezeichneten Beziehungen dritten Grades, die gesetzlich in Deutschland und der Türkei erlaubt sind, kann es zu gesundheitlichen Problemen kommen. Manche Kinder leiden an seltenen Erbkrankheiten, an Schwerhörigkeit, Epilepsie oder Muskelschwund, oder die Lebenserwartung sinkt. Das Risiko, dass die Ehepartner ein genetisch geschädigtes Kind zur Welt bringen, kann bei einem engen familiären Band bis zu dreimal so hoch sein wie bei Eltern, die nicht miteinander verwandt sind.
Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Migranten einen Cousin oder eine Cousine heiraten. Aber es gibt erstaunlich hohe Zahlen aus den Herkunftsländern. Der langjährige Leiter der genetischen Beratungsstelle der Berliner Charité, Jürgen Kunze, hat im Nahen Osten Regionen mit bis zu 80 Prozent Verwandtenehen gefunden. In der Türkei werden, je nach Landstrich, 20 bis 30 Prozent der Ehen innerhalb der Familie arrangiert.
In Deutschland deuten Einzeluntersuchungen von genetischen Beratungsstellen oder türkischen Kinderärzten auf eine besorgniserregend hohe Zahl arrangierter Ehen unter Verwandten hin. Die Berliner Professoren Rolf Becker und Rolf-Dieter Wegner, ausgewiesene Experten der Pränataldiagnostik mit einer führenden Praxis in Berlin, diagnostizierten bei 500 Verwandtenehen 35 schwere Krankheitsfälle. Bei Verwandtenehen über mehrere Generationen steige das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen, im Einzelfall mitunter auf 25 Prozent.
"Wir sehen hier viele seltene Fälle, schwere Extremitätenanomalien, Hautdefekte, komplexe Herzfehler", sagt Becker und verweist auf seine jahrelange Statistik. "Man muss darüber sprechen, nicht aus falsch verstandener Political Correctness schweigen." Eine britische Studie der Universität Birmingham mit 5000 Müttern kam in den neunziger Jahren zu dem Schluss, dass rund 60 Prozent der Todesfälle und schweren Erkrankungen bei ihren Kindern hätten verhindert werden können, wenn es keinen Inzest unter den Migranten gegeben hätte.
Der Duisburger Sozialwissenschaftlerin Yadigaroglu, die jetzt auf eigene Faust Aufklärung betreibt, war bei einem Praktikum in einem Duisburger Kindergarten die hohe Zahl von Kindern mit Hör- und Sprachproblemen aufgefallen. Nachfragen ergaben, dass in einer Förderschule für Hörgeschädigte im benachbarten Essen unter den 400 betreuten Kindern auffällig viele Schwerstbehinderte aus Migrantenfamilien waren. Lehrer berichteten von jungen Familien, nicht nur Türken, sondern auch Tamilen, Libanesen und Russlanddeutschen, die zwei oder gleich mehrere behinderte Kinder hatten: "Sie können nicht laufen, ihren Kopf nicht halten, sie kommen nur im Rollstuhl zur Schule."
Yadigaroglu ist selbst in Duisburg geboren und im Stadtteil Meiderich aufgewachsen. "Schon als Kind, bei unseren Reisen zu Verwandten in die ländliche Türkei, habe ich nicht verstanden, warum man am liebsten in der eigenen Familie heiratet", sagt sie. "Mein Onkel hat zwei behinderte Kinder." Ihre Eltern waren 1972 eingewandert. Der Vater - ein Schlosser - wollte, dass seine drei Kinder studieren. In der Familie wurde entweder Deutsch oder Türkisch gesprochen, man sah deutsches Fernsehen und pflegte Kontakt mit den deutschen Nachbarn.
Die Aufklärerin ist einfallsreich. Im Stil einer Werbekampagne hat sie eine Postkartenserie entworfen, die sie in türkischen Eltern-, Sport- oder Heimatvereinen verteilt. Die Karten zeigen Fotos von Türkinnen und Türken, die eine Ehe unter Verwandten vehement ablehnen. "Heiraten ja. Aber nicht meinen Cousin!", heißt dazu ein Slogan. Immer wieder gelingt es ihr so, Diskussionen auszulösen, doch sie spürt auch, welche zähe Überzeugungskraft nach wie vor die anatolischen Überzeugungen aus der alten Heimat haben: "Gute Mädchen heiraten Verwandte, schlechte Mädchen gibt man Fremden", heißt es da. Oder: "Mein Sohn ist verloren, wenn er eine Fremde heiratet."
Als junge Frau hat Yadigaroglu es besonders schwer. "In manche Moscheevereine komme ich nicht einmal zur Tür rein", sagt sie. "So etwas" sei unerwünscht, hieß es in der Gemeinde der Großmoschee in Duisburg-Marxloh, als sie mit ihrem Anliegen vorstellig wurde. Sie solle aufhören, Migranten zu "stigmatisieren" und das eigene Nest zu "beschmutzen". Auch von deutscher Seite ist wenig Hilfe zu erwarten. Mehrere Projektanträge in Sachen Inzestaufklärung wurden abgelehnt. Aus dem Hause des NRW-Integrationsministers Armin Laschet (CDU) wurde die Abfuhr damit begründet, es lägen keine Erkenntnisse zum Thema vor.
Kommt ein behindertes Kind zur Welt, wird meist der Frau die Schuld daran gegeben: Sie habe "schlechtes Blut", heißt es dann schnell. "Die Aufklärung muss früher, bei der jungen Generation, ansetzen", fordert Yadigaroglu. "Genetische Informationen darüber gehören in den Unterricht." Sie selbst hält gern Vorträge an Gesamtschulen. Einige Schulleiter wollten das nicht, denn sie befürchten "Schwierigkeiten mit den Eltern", aber wo sie auftritt, ist die Reaktion nicht schlecht.
Zu Beginn der Veranstaltungen stößt sie oft auf empörte Abwehr. Die Jugendlichen rufen: "Damit haben wir nichts zu tun." Kommt es dann zur Diskussion, heißt es schnell: "Bei mir zu Hause ist es ganz genauso!" In Duisburg-Rheinhausen gaben kürzlich gleich fünf Schüler in den von ihr ausgeteilten Fragebögen zu: "Ja, ich selbst soll meine Cousine heiraten."
Auf den Elternabenden, so berichten die Lehrer, ist Inzest aber kein Thema. Wagt es eine der Lehrkräfte einmal im persönlichen Gespräch mit türkischen Eltern, auf die Heiratspläne zu sprechen zu kommen, heißt es schnell: "Das versteht ihr nicht. Wir haben da eine andere Mentalität." Einmal, so hat es Yadigaroglu gehört, sagte eine Mutter: "So bleibt das Geld in der Familie, und alle kennen sich." Kaum ein Lehrer traut sich weiterzubohren.
Um das Risiko zu senken, ein behindertes Kind zu bekommen, sinnen manche Migranten auf Abhilfe. Wer es sich leisten kann, fährt nach Großbritannien, in die Niederlande oder nach Belgien und lässt seine Eizellen dort künstlich befruchten. Dann werden die achtzelligen Embryonen so lange selektiert, bis ein gesundes Kind trotz Inzest dabei ist. In Deutschland ist das verboten.
Gynäkologen berichten auch von konsanguinen Ehepaaren, die trotz mehrerer behinderter Kinder immer neue Schwangerschaften zulassen, so lange, bis ein gesunder männlicher Stammhalter da ist. Yasemin Yadigaroglu ist manchmal fassungslos, wie zementiert die Verhältnisse erscheinen. "Es wäre einfach schon viel gewonnen, wenn sich endlich auch die deutsche Gesellschaft trauen würde, ohne Scheu darüber zu reden." PETER WENSIERSKI
Von Wensierski, Peter

DER SPIEGEL 36/2009
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