31.08.2009

GESCHICHTEKastanien statt Kuchen

Warum ist die Französische Revolution wirklich ausgebrochen? Ein Münchner Wissenschaftler legt Daten vor, die genau zeigen, wie sehr das Volk hungerte.
Ein Schuss fiel, ein Arbeiter wurde niedergestreckt. Doch die wütende Menge stürmte unbeirrt weiter über den Schlosshof von Versailles, die Haupttreppe hinauf, bis kurz vor die Gemächer der Königin. Es hatte kaum zu dämmern begonnen am Morgen des 6. Oktober 1789, und gewöhnlich erholte sich Marie-Antoinette zu solch früher Stunde noch von den Vergnügungen des Vorabends.
Nun aber flüchtete sie knapp bekleidet und in höchster Not durch ihr Ankleidezimmer ans Bett ihres Gatten, König Ludwigs XVI. Doch hatte das Herrscherpaar nicht selbst dazu beigetragen, durch lose Reden den Pöbel zur Raserei zu bringen?
"Soll es doch Kuchen essen", soll die Königin geraten haben, als ein Höfling berichtete, das Volk habe kein Brot. Ihr Ehemann Ludwig war kaum besser: "Majestät, das Volk verlangt nach Brot", warnte ein Ratgeber den König - "Bin ich Bäcker?", entgegnete der Herrscher.
Vielleicht sind die Bonmots zu schön, um wahr zu sein; gut möglich, dass sie der Phantasie eines Revolutionspropagandisten entsprungen sind. Gewiss aber ist: Am Vorabend der Revolution litt ein Großteil des französischen Volkes Not. In etlichen Landstrichen aßen die Einwohner statt Kuchen nur Kastanien. Die Zahl der von hungernden Eltern ausgesetzten Säuglinge war auf das Sechsfache gestiegen.
Wie drastisch sich die Zustände zugespitzt hatten, kann nun der Münchner Volkswirt Hermann Schubert präzise nachvollziehen. Im Militärarchiv des Château de Vincennes in Paris hat er beinahe zufällig einen bisher weitgehend ungesichteten Zahlenschatz gehoben. Über ein Jahr lang hackte der Wissenschaftler Daten aus 29 500 Registrationsakten von französischen Milizen und Soldaten aus einem Zeitraum vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis kurz nach der Revolution in seinen Laptop.
Demnach haben die Milizionärsjahrgänge im Laufe von gut 40 Jahren von ohnehin kurzen 165 Zentimetern im Durchschnitt nochmals knapp drei Zentimeter eingebüßt. Solch Schrumpfung eines ganzen Volkes gilt Anthropometrikern wie Schubert und seinem Doktorvater John Komlos von der Ludwig-Maximilians-Universität München als untrüglicher Hinweis auf eine desolate Versorgung. Ein besonderer Glücksfall für die heutige Forschung: Das Heer der kleinwüchsigen Krieger bietet einen durchaus repräsentativen Querschnitt der damaligen Bevölkerung Frankreichs, denn die Milizionäre waren per Losverfahren ausgewählt und zwangsrekrutiert worden.
Die Zahlen könnten helfen, eine Frage zu beantworten, die beinahe so alt ist wie die Französische Revolution selbst: War der Aufstand eine Hungerrevolte des verelendeten Volkes oder doch eher eine Erhebung des aufstrebenden Bürgertums?
Dass die Franzosen hungerten, ist den Historikern seit langem bekannt, über ein genaues Maß der Not im Land aber verfügten sie bisher nicht. Erst anhand der neu ausgewerteten Daten lässt sich jetzt ablesen, dass sich die Hungerkur des Volkes über mehrere Dekaden hinzog. In den letzten fünf Jahren vor der Revolution, so zeigt sich nun, hatte sie ihren absoluten Höhepunkt erreicht.
Dem Aufruhr im Land zum Trotz notierten Armeeangehörige eifrig Körpergröße, Augen- und Haarfarbe sowie weitere auffällige Merkmale der Rekruten. Die penible Buchführung sollte helfen, Fahnenflüchtige wieder einzufangen, die nach der Prämienzahlung desertierten. Nur aus diesem Grund sind die wertvollen Daten überhaupt vorhanden.
Und noch etwas fördern die Messdaten zutage: Für die Hungernden zahlte sich der blutige Aufstand aus. Dem Volk ging es anschließend besser. Schon ein Jahrzehnt nach der Revolution war der Durchschnittsrekrut wieder größer.
FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 36/2009
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