07.09.2009

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer unsterbliche Doktor K.

Wie ein toter Arzt den Frieden in einem Dorf zerstörte
Sie war ein wenig nervös, als sie zu diesem Arzt ging; ein Arzt ist jemand, dem man vertrauen soll, aber manchmal ist das sehr schwer. Ob sie Drogen nehme, fragte also dieser Arzt vom Gesundheitsamt, oder tätowiert sei. Und wie halte sie es mit wechselndem Geschlechtsverkehr?
Sie saß da im Sprechzimmer, klein, stämmig, mit Brille, das teils dunkle, teils graue Haar zu einem Knoten gedreht. Hausfrau ist sie, fast 50 Jahre verheiratet, drei Kinder, fünf Enkel, sie will nicht überregional bekannt werden und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, fast ihr ganzes Leben hat sie in Katzwinkel verbracht. Sie ist 70 Jahre alt.
Und krank, deshalb diese Fragen und das Getuschel im Dorf, und sie ist nicht die Einzige, wie man jetzt weiß. Sie soll nicht Nestbeschmutzerin sein, aber sie will nicht schweigen. Will nicht vergessen, was in Katzwinkel nicht stimmt, schon seit 20, 30, vielleicht 50 Jahren nicht.
Katzwinkel, 2000 Einwohner, ist eine Durchgangsstraße mit Häusern rechts und links und sonst nicht viel, eine ehemalige Bergarbeitersiedlung im Westerwald. Man hatte sich an Leberschäden gewöhnt, es gab immer wieder Fälle im Dorf. Man dachte an die "Grubenkrankheit", die vom schlechten Grundwasser kommt. Man dachte lange nicht an den Dorfarzt Dr. K.
Obwohl er merkwürdig war. Ziemlich merkwürdig sogar.
Ein Kriegskind, Jahrgang 1917, er war Truppenarzt an der Ostfront gewesen und dann Lagerarzt in russischer Gefangenschaft, das spielte später eine Rolle in seinem Prozess. Dr. K. habe eben helfen müssen, sagte sein Verteidiger. Er habe nicht mitansehen können, wie sich jemand quält.
In den fünfziger Jahren kam er nach Katzwinkel, und anfangs, sagt die Frau, die nicht schweigen will, war er ein sehr guter Arzt. Manche fanden das noch immer, als er 1980 vor Gericht stand wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Er hatte Schmerzmittel, Opiate verschrieben an Drogensüchtige, an die diskret Süchtigen im Dorf und die anderen, die von weit her kamen, weil seine Adresse bekannt und Drogensubstitution damals noch selten war.
Vor Gericht sagten die einen, dass er sich kümmere, immer da sei. Großzügig gab er "Aufbauspritzen", mit Kalzium, mit Vitamin C. Die anderen dachten an die Schnapsflasche. An die Frauengeschichten. An die Suchtkranken, die bei ihm ein und aus gingen, und an die Spritzen, die man bei ihm bekam und die er nur unter dem Wasserhahn auswusch. An seine tabletten- und alkoholsüchtige Frau, die er mit Medikamenten versorgt hatte, damit sie im Alltag funktionierte, und die dann nach einer Injektion mit Methadon verstarb.
Ein Arzt war jemand, dem man vertrauen musste, und man tat es in Katzwinkel, immer noch. Obwohl es kein diskret gehütetes Geheimnis mehr war, dass er in späteren Jahren selten nüchtern war. Aber er war der Dorfarzt und blieb es, bis zu seinem Prozess 1980, bei dem er zwei Jahre auf Bewährung bekam. 1983 starb Dr. K.
Der Frau, die nicht schweigen will, ging es nicht schlecht in den folgenden Jahren, sie versorgte die Kinder, die Enkel, fühlte sich nicht krank. Dann, es war 2001, saß sie beim Nachfolger von Dr. K. in der Praxis und hörte die Diagnose: Hepatitis C. "Das regeln wir unter uns", sagte der Arzt. Meldung ans Gesundheitsamt machte er nicht. Hepatitis C ist die gefährlichste Variante der drei Gelbsuchttypen, erst seit den späten Achtzigern diagnostizierbar, man kann daran sterben, einen Impfstoff gibt es nicht. Behandeln kann man sie nur mit einer einjährigen, harten Medikamententherapie mit einer Erfolgschance von 50 Prozent. Es ist eine Virusinfektion, die über das Blut übertragen wird, beim Tätowieren etwa oder beim Spritzentausch, und die zu Leberzirrhose und zu Krebs führen kann.
Man wundert sich, wenn alte Damen diese Krankheit haben. Die Ärztin Eva Wichtmann, die jetzt seit zwei Jahren Patientin aus Katzwinkel betreut, wunderte sich sehr. In ihrer Praxis, und auch in der Umgebung, wurden immer mehr Fälle bekannt. Sie gab die Information ans Gesundheitsamt weiter.
Bei einem Massentest an 344 Menschen fand man weitere 10 Träger von Hepatitis-C-Antikörpern, 5 davon sind chronisch krank. Insgesamt sind es jetzt 20, alles ältere Leute.
Es gab keine Patientenunterlagen mehr, aber jetzt erinnerten sich die alten Leute an die Zustände in Dr. K.s Praxis, den Schnaps, die Süchtigen, die Spritzen. Man kann sich jetzt erklären, wo es herkommt, aber man will lieber nicht über die Krankheit reden. Erst recht nicht, seit es in den überregionalen Zeitungen stand.
Die alte Dame sitzt in der Praxis ihrer neuen Ärztin und hält sich nicht daran. Es ist nicht vorbei, das weiß sie. Die Therapie musste sie nach einem halben Jahr abbrechen, zu heftig waren die Nebenwirkungen. Es geht ihr nicht schlecht jetzt. Sie versucht es mit Naturmedizin. Sie achtet darauf, dass niemand aus ihrer Familie ihre Nagelschere benutzt oder ihr zu nahe kommt, wenn sie blutet. Sie freut sich, dass ihr Mann, ihre Kinder nie von Dr. K. behandelt wurden.
Sie geht nicht mehr zum Handarbeitskreis. Die anderen dort haben, wie sie gehört hat, in ihrer Abwesenheit so über sie geschimpft. JÖRG BÖCKEM
Von Jörg Böckem

DER SPIEGEL 37/2009
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