07.09.2009

RAFOperation Zauber

Wer tötete Generalbundesanwalt Buback? Innenminister Schäuble will Teile der Verfassungsschutz-Akte über die Kooperation mit Verena Becker freigeben. Doch für wilde Spekulationen, die Terroristin sei nach dem Attentat vom Staat geschützt worden, taugt der Vorgang nicht.
Berlin-Zehlendorf, Bergengruen-Straße, das Berlin für Besserverdiener. Hinter Alleebäumen stehen sanierte Altbauten, solche mit Stuckdecke oben und polierten Holzdielen unten. Menschen leben hier, die es gern ruhig haben, den Rasen kurz, den Volvo gewaschen, die Hecke auf Augenhöhe. Oder eine weiße Holzbank im Garten. So wie bei dem Häuschen in zweiter Reihe, hellverputzt, tipptopp gepflegt. Das Haus, in dem Verena Becker wohnte.
In diesem Idyll hat die Ex-Terroristin also versucht, sich selbst auszuhalten, ihre Erinnerungen an die blutige Zeit der RAF. Jahrelang hat sie hier eine Normalität gesucht, die es für eine wie sie kaum geben kann, ein Leben danach ohne ihr Leben davor.
Dann fing sie an, mit sich selbst zu reden, in sich hineinzuhorchen, über sich selbst zu schreiben. Und vielleicht nicht nur über sich selbst zu schreiben, sondern ein Stück deutscher Geschichte neu zu schreiben: Die Geschichte des Attentats auf Siegfried Buback, den Generalbundesanwalt, 1977. Becker, heute 57, hat mehr mit dem Attentat zu tun als bisher bekannt. Wie viel, das ist nun die Frage, seit die Bundesanwaltschaft die Notizen beschlagnahmt hat, ihre Computer auswertet und Becker dorthin gebracht hat, wo sie schon 15 Jahre lebte: hinter Gitter.
Anfang dieser Woche soll Becker ins Frauengefängnis Berlin-Pankow verlegt werden. Im nächsten Jahr, davon gehen die Ermittler aus, wird sie angeklagt und vor Gericht gestellt, wegen Beteiligung am Buback-Mord. Es wäre ein einmaliges Verfahren: ein RAF-Prozess mit den Mitteln und nach den Maßstäben des 21. Jahrhunderts, weit weg vom vergifteten Klima der siebziger und achtziger Jahre.
Dabei ist keineswegs ausgemacht, dass am Ende nur Becker auf der Anklagebank sitzen würde: Haben die Ermittler damals Beweise übersehen, sogar weggedrückt, wie das Michael Buback, der Sohn des Mordopfers, seit zwei Jahren vermutet? War Becker nicht nur Anfang der achtziger Jahre eine Quelle des Verfassungsschutzes, wie der SPIEGEL schon 2007 aufdeckte, sondern - der ungeheuerlichste aller Vorwürfe - bereits früher, vor Bubacks Tod? Und sollte eine Beteiligung von Becker vertuscht, die Terroristin deshalb nie dafür vor Gericht gestellt werden, obwohl es schon 1977 viele Indizien für ihre Tatbeteiligung gab? Zwei Jahre, allerdings erst von 1981 bis 1983, lieferte Becker dem Verfassungsschutz in einer Geheimoperation "Zauber" Interna der RAF; voraussichtlich diese Woche will Innenminister Wolfgang Schäuble die bisher gesperrte Akte dazu in Teilen freigeben.
Der Kampf der RAF gegen den Staat ist zwar zu Ende, der Kampf um die Geschichte dieses Kampfes aber geht weiter. Es gibt immer noch viele Geheimnisse, denn die Alten schweigen, wollen ihre Ex-Kampfgenossen nicht belasten, sich selbst erst recht nicht. Sicher, schon bevor 1998 die Terrorgruppe erklärte, sie habe sich aufgelöst, hatten viele Mitglieder der frühen Jahre mit der RAF abgeschlossen. Aber nur wenige wollten auspacken und schon gar nicht über die Morde: Wer Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer erschossen hat oder an den letzten, bis heute völlig ungeklärten Attentaten beteiligt war, etwa 1989 auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen oder 1991 auf Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder.
Ein Prozess gegen Verena Becker, so die Hoffnung, könnte jetzt zumindest ein Geheimnis aufdecken: Wer erschoss Buback am 7. April 1977 vom Soziussitz einer 750er Suzuki, wer saß vorn, wer im Fluchtwagen? Und welche Rolle spielte Becker?
Manche Rätsel lassen sich heute besser lösen als damals. Wie ein DNA-Gutachten vom 27. Februar feststellt, hatte Becker die in Düsseldorf und Duisburg aufgegebenen Bekennerschreiben in der Hand, leckte die Laschen an und klebte die Briefmarken auf die Kuverts; das ist ein schlagendes Indiz dafür, dass sie in die RAF-Maschinerie für den Anschlag eingebunden war. Das Gutachten führte dazu, dass die Bundesanwälte seit diesem Frühjahr Beckers Telefon überwachten. Bei anderen Fragen aber verstellt der Zeitabstand eher den Blick, etwa auf Motive der Justiz, die aus heutiger Sicht schwer vorstellbar sind, aus damaliger aber sehr wohl. Billige Opportunität zum Beispiel: Becker hatte schon lebenslang bekommen. Warum also den Aufwand leisten, sie wegen Buback noch mal vor Gericht zu stellen?
Möglich, dass damit das Recht gebogen oder sogar gebeugt, im Fall Buback nicht nach Beweislage, sondern Staatsräson angeklagt wurde. Eines Rechtsstaats wäre das sicher unwürdig gewesen. Aber eine Verschwörung zugunsten der Staatsfeindin Becker war das dann sicher nicht. Und für solch eine Verschwörung gibt es bisher auch sonst keinen Beweis.
Der lange Weg der Verena Christiane Becker in die Finsternis der RAF begann schon mit 19 Jahren. Mit Inge Viett, ihrer Freundin, warf sie nachts in Berlin die Scheiben von Sexshops und Brautgeschäften ein, hinterließ als Denkzettel einen Aufkleber: "Die schwarze Braut kommt".
Kurz darauf gingen beide in den Untergrund, zur "Bewegung 2. Juni", der Gruppe um Michael "Bommi" Baumann. Der erste Mensch, den Becker mit auf dem Gewissen hatte, war ein Bootsbauer. Er hatte im Februar 1972 im britischen Yachtclub von Berlin mit einem Apparat hantiert, den er dort gefunden hatte. Es war eine Bombe. Beckers Zelle hatte sie in der Nacht vorher hochgehen lassen wollen, als Aktion gegen den brutalen Einsatz der Briten in Nordirland. Erst jetzt explodierte der Sprengsatz; der Mann verblutete.
Im Prozess verhängte das Berliner Landgericht 1974 sechs Jahre Jugendhaft. Aber zwei Monate später wurde Peter Lorenz, der CDU-Spitzenkandidat, kurz vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus entführt. Und Becker gehörte zu den Anarchisten, die die "Bewegung 2. Juni" damit aus dem Knast freipresste.
Mit vier weiteren Gefangenen landete sie im Südjemen, in einem Terror-Camp der Palästinensertruppe PFLP. Auch RAF-Mitglieder trudelten dort ein, um die Gruppe nach der Verhaftung von Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin wiederaufzubauen. Ihr Führer: RAF-Anwalt Siegfried Haag. Becker wechselte zur RAF, an Haags Seite, und das nicht nur im Kampf gegen das "Schweinesystem" BRD, sondern auch als Freundin.
Schon im Jemen fiel für Buback das Todesurteil. Der Anschlag sollte der Auftakt für die "Offensive 77" sein, die im Laufe des Jahres in der gescheiterten Freipressung der Stammheimer Häftlinge gipfelte, mit der Schleyer-Entführung und dem Drama um den Lufthansa-Jet "Landshut".
Als Haags Vertraute war Becker Kern der zweiten RAF-Generation, Hardcore-RAF. "Beinhart ist die gewesen", erinnern sich Ex-Genossen, ihre Stellung war stärker als die der Neulinge, Knut Folkerts, Günter Sonnenberg, Christian Klar.
Am 7. April starb Buback, morgens kurz nach neun, an einer roten Ampel in Karlsruhe. Mindestens 15-mal hatte der Mörder auf der Suzuki mit einem Heckler & Koch-Selbstlader in den Dienst-Mercedes gefeuert. Mit Buback kamen sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft, Georg Wurster, ums Leben.
Noch am selben Tag hatte ein Polizeisprecher erklärt, als Schütze komme auch eine Frau in Frage. Vielleicht Becker mit ihren 1,64 Metern? Drei Zeugen wollten hinten auf der Suzuki eine zierliche Person gesehen haben. Doch ihre Aussagen nahmen die Ermittler nicht ernst. Stattdessen legte sich das Bundeskriminalamt (BKA) einen Tag später auf drei Männer fest: Klar, Folkerts, Sonnenberg. Alle großgewachsen.
Dass Becker aber zumindest ganz nah dran war an den Buback-Attentätern, stand drei Wochen später außer Frage: Bei ihrer Festnahme in Singen war sie mit Sonnenberg zusammen. Die beiden hatten einen Rucksack bei sich. Und im Rucksack: das Heckler & Koch-Gewehr HK 43, mit drei Magazinen, 97 Schuss. Das Oberlandesgericht Stuttgart urteilte Ende 1977: Becker wusste, dass es die Tatwaffe war.
Später argumentierten die Fahnder, das Gewehr habe sich ihr nicht zuordnen lassen, als Eigentümer des Rucksacks vermuteten sie Sonnenberg. Allerdings: Als größeres Gepäckstück gab es nur diesen einen Rucksack, Becker hatte keinen eigenen. Außerdem trugen beide noch eine Umhängetasche. Und in Beckers Tasche, so steht es im Urteil, lagen noch zwei einzelne Patronen - für die HK 43.
Bei der Flucht schoss Sonnenberg seine Pistole auf einen am Boden liegenden Polizisten leer; auch Becker hatte auf einen wehrlosen Beamten gefeuert - beide Opfer hatten Glück und überlebten. Als dann Sonnenberg mit einem gekaperten Auto davonjagen wollte, riss Becker das Buback-Gewehr aus dem Rucksack, um vom Beifahrersitz aus zu schießen. Doch es ließ sich nicht durchladen - ob ihr die Kraft fehlte oder es im Auto zu eng dafür war, blieb für das Gericht offen. Warum aber nahm sie in der Hektik statt ihrer zwei geladenen Revolver und einer Pistole überhaupt die Heckler & Koch, wenn sie sich damit nicht ausgekannt hätte?
Fragen, Spekulationen, wie so oft in diesem Fall. Doch so viel ist sicher: Im Haftbefehl vom 10. Mai 1977 stand noch, dass beide, Becker und Sonnenberg, des Mordes an Buback dringend verdächtig waren. Sieben Monate später bekam Becker wegen sechsfachen Mordversuchs lebenslang, weil sie in Singen auf ihre Verfolger geschossen hatte. Die Beweislage war überwältigend. Die Buback-Ermittlungen gegen Becker aber wurden abgetrennt - und wie bei Sonnenberg eingestellt.
Diese Genügsamkeit der Ermittler ist erstaunlich. Ein Mysterium auch für Michael Buback, das nun in seiner Beweisführung zum Mythos aufgebaut wird. Sollte Becker geschützt werden?
Doch die Bundesanwälte wollten offenbar gar nicht in erster Linie die Verbrechen lückenlos aufklären. Der zähe Stammheim-Prozess gegen Baader, Meinhof und Ensslin hatte auch Wunden bei der Justiz geschlagen. Jetzt ging es den Ermittlern vor allem darum, jedem RAF-Mitglied eine lebenslange Freiheitsstrafe zu verpassen. Becker und Sonnenberg waren da schon abgehakt. So lassen sich die müden Ermittlungen gegen sie erklären.
Etwa nach dem RAF-Überfall auf eine Dresdner-Bank-Filiale am 12. April 1977 in Köln. Eine zierliche Person sprang über den Tresen, doch die Bundesanwaltschaft ließ 22 Monate verstreichen, bis sie eine Gegenüberstellung mit Becker und den Zeugen machte. Und für den Buback-Mord klagten die Bundesanwälte lieber Knut Folkerts an. Ob er auf der Suzuki saß oder im Fluchtauto wartete, blieb für die Richter 1980 zwar ungeklärt. Doch egal: "Sicher ist, dass er das eine oder das andere tat", das reichte für lebenslang.
Folkerts schwieg zur Sache. Erst vor zwei Jahren sagte er, dass er eine Bank in Köln ausbaldowert habe, am Morgen, als Buback starb. Abends kutschierte er für die RAF noch einen Neuling in Holland herum, Silke Maier-Witt, die das heute bestätigt. Damit scheidet Folkerts wohl als Täter in Karlsruhe aus.
Saß also doch Becker auf dem Soziussitz? Es spricht viel dafür, dass Sonnenberg die Maschine fuhr. Er kannte sich in Karlsruhe aus, hatte die schwere Maschine gemietet, konnte damit umgehen. Klar kommt als Schütze kaum in Frage - er hatte nicht mit Automatik-Waffen trainiert -, wohl aber als Fahrer des Fluchtautos; auch er hatte gute Ortskenntnisse.
Aber der Schütze? Sowohl Ex-RAF-Mann Peter-Jürgen Boock als auch Becker haben Stefan Wisniewski genannt, gegen den die Bundesanwaltschaft nun auch im Buback-Fall ermittelt. Er gehörte zu den Dienstältesten im Untergrund, konnte mit dem Gewehr umgehen. Oder hat Becker ihn nur an den Verfassungsschutz verzinkt, um sich zu entlasten?
Seit Beckers Festnahme gibt es wilde Spekulationen darüber, ob sie schon vor dem Anschlag mit dem Verfassungsschutz kungelte. Den Beweis liefert angeblich ein Stasi-Dokument: "Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B. seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird."
Das aber bedeutet wohl nur, dass der Verfassungsschutz sie im Visier hatte. Kein Wunder. In einer "Kurzauskunft" der Stasi heißt es dagegen eindeutig: "Über Kontakte zu gegnerischen Geheimdiensten wurden keine Hinweise bekannt."
"Wenn irgendein Nachrichtendienst Becker schon damals als Quelle gewonnen hätte, hätten wir das auf jeden Fall gewusst", bestätigt Winfried Ridder, früher RAF-Chefauswerter beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Zum selben Ergebnis kommt eine interne Untersuchung der Bundesregierung. Tatsächlich begann Becker dann erst im Herbst 1981 zu reden.
Anders als bisher bekannt, endete diese geheime Zusammenarbeit nicht nach ein paar Tagen. Die Beichte lief über mehr als zwei Jahre. Und nicht der Geheimdienst hatte Becker weichgeklopft. Sie selbst hatte sich an die verhasste Staatsmacht gewandt. Becker stand wegen der harten Haftbedingungen in Köln-Ossendorf kurz vor einem Zusammenbruch, war am Ende mit der Kraft und der RAF. Auch der Verfassungsschutz merkte das, war "wie elektrisiert", wie sich ein Beamter erinnert. Noch nie hatte der Dienst einen RAF-Veteranen geknackt. Mit Zivilwagen holte er Becker im Knast ab. Die verabschiedete sich mit einer Legende: nur ein Klinikaufenthalt.
In einer Kölner Wohnung, gemietet vom Amt, packte sie aus, verriet Details aus dem Innenleben der RAF. Die wichtigste Neuigkeit: Wisniewski habe Buback erschossen. "Becker wollte Hafterleichterungen und einen Strafnachlass", sagt ein Ermittler. Um genug Geld für ein neues Leben ging es dagegen nicht. Becker bekam keine 100 000 Mark, wie die "Bild"-Zeitung nun verbreitete. Die Summe lag unter 5000 Mark, Becker bezahlte damit einen Sprachkurs.
Gut zwei Wochen dauerte die erste Fragerunde. Das Ergebnis: ein 82-Seiten-Vermerk vom 4. März 1982. Außerdem gibt es in Köln noch eine Fallakte, gut 200 Seiten, mit den Originalaussagen. Beides trägt seit 27 Jahren den Stempel "Geheim".
Denn beim Verfassungsschutz sitzen keine Strafermittler; Hinweise auf Verbrechen können sie für sich behalten, um Quellen zu schützen. Die Beamten wollten lieber wissen, wer in der RAF an welcher Stelle saß - weniger, wer auf einem Krad hinten oder vorn gesessen hatte. "Becker wusste viel über die Innereien der RAF, darum ging es", sagt ein Insider heute. Darüber redete sie so lange, bis die Geheimen Ende 1983 meinten, dass die Quelle ausgeschöpft sei.
Die Akte wurde danach im Staatsapparat wie verbotene Bückware behandelt. Immerhin, die Bundesanwaltschaft bekam drei Kopien, eine für den Chef, Kurt Rebmann. Doch RAF-Ermittler blieben so papier- wie ahnungslos.
Im März 1982 wurde das Innenministerium mündlich informiert, auch die BKA-Spitze wusste Bescheid. Ein exklusiver Club von RAF-Jägern also, der nach Pannen und Rückschlägen wie eine Loge zusammenhielt, bloß keine unnötigen Angriffsflächen bieten wollte. Auch in den Prozess gegen Klar und Brigitte Mohnhaupt, der erst 1985 endete, flossen die brisanten Aussagen nicht ein - beide kassierten für die Beteiligung am Buback-Mord und andere Taten lebenslang.
Kurt Rebmann aber vergaß die Überläuferin nicht. 1989 empfahl der Generalbundesanwalt die Begnadigung, und so kam es. Am Ende hatte sich die Zusammenarbeit für Becker also gelohnt. Und was sie für die Freilassung nach nur zwölf Jahren getan hatte, blieb geheim, bis zur SPIEGEL-Enthüllung im April 2007.
Seitdem sah es so aus, als ob der Verfassungsschutz die Becker-Aussage bunkert und mit Hilfe von Innenminister Schäuble, der die Akte gesperrt hielt, die Ermittlungen behindert hätte. Doch schon im Juli 2007 durften Bundesanwälte das gut 200 Seiten starke Originaldossier lesen. Vom 82-Seiten-Extrakt nahmen sie sogar eine Kopie mit. Auch danach, im Dezember 2008, erklärte Behördenchefin Monika Harms noch, dass gegen Becker kein Tatverdacht bestehe. Für eine Verwertung vor Gericht blieb die Akte aber gesperrt.
Nun hat sich die Lage geändert: Die neuen DNA-Spuren, dazu Beckers Notizen, werden wohl zu einem Prozess gegen sie führen. Auf einem krakelig beschriebenem Zettel, den die Ermittler in ihrer Wohnung fanden und der auf den 7. April 2009, den 32. Todestag Bubacks, datiert ist, fragt sie sich, "wie ich für Herrn Buback beten soll". Ein paar Zeilen später heißt es: "Ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld." Während die Bundesanwälte das als Eingeständnis interpretieren, erklärte Becker die Sätze nach ihrer Festnahme anders. Gemeint sei Michael Buback, der Sohn, für den sie beten wolle, und mit dem Thema Schuld befasse sie sich, weil man sie permanent als Mitverantwortliche nenne. Gegen Becker führen die Ermittler zudem ins Feld, dass sie im April 2007 während einer Zugfahrt notierte, sie meditiere für "einen Neuanfang". "Die Beweislage halte ich für völlig unzureichend", sagt ihr Anwalt Walter Venedey.
Vergangene Woche beantragte die Bundesanwaltschaft die Freigabe des 82-Seiten-Vermerks. Schäuble hat innerhalb der Bundesregierung inzwischen signalisiert, er werde die Akte entsperren. Er will nicht aussehen wie einer, der etwas zu verbergen hat, noch dazu im Wahlkampf, für eine Zeit, für die er nicht verantwortlich ist.
Dass sich Becker im Prozess als Buback-Schützin entpuppen wird, erscheint allerdings fraglich, dasselbe gilt für Wisniewski. Kriminaltechniker haben bisher keine Spur gefunden, die zu ihm führt.
Für Michael Buback, den Getriebenen, wird es dann keine Erlösung geben, für Becker sowieso nicht. Ob Zelle oder Zehlendorf: Auf sie wartet eine drückende Stille, die keine Ruhe lässt.
JÜRGEN DAHLKAMP, CARSTEN HOLM, SVEN RÖBEL,
MICHAEL SONTHEIMER, HOLGER STARK
Von Jürgen Dahlkamp, Carsten Holm, Sven Röbel, Michael Sontheimer und Holger Stark

DER SPIEGEL 37/2009
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