07.09.2009

SCHIFFBAUGrotesk wie bei Gogol

Der neue Eigentümer der Wadan-Werften ist eng mit dem alten verbandelt. Und seine Absichten sind genauso undurchsichtig wie die seines windigen Vorgängers.
Hinter verschlossenen Türen kann Angela Merkel sehr direkt werden, wenn ihr die Sache nur wichtig genug ist - wie jüngst, als sie mit dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew über die insolventen Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde sprach. Sie liegen in der Nähe des Wahlkreises der Kanzlerin in Mecklenburg-Vorpommern. Noch arbeiten dort 2400 Menschen.
Ob Gerüchte denn stimmten, dass der windige Vorbesitzer der Werften Andrej Burlakow Verbindungen "zu dir und Putin" habe, fragte Merkel den Kreml-Herrn im Juli in München. Burlakow hatte die Betriebe entgegen vollmundiger Auftragsversprechen in den Bankrott geführt. Medwedew beteuerte, den Moskauer Geschäftsmann nie getroffen zu haben und nannte die Verdächtigung ein "gogolsches Sujet", eine groteske Erfindung wie aus einem Roman des Schriftstellers ("Die toten Seelen").
Die Übernahme der ostdeutschen Werften gerät zur Farce. Nach Burlakows Pleite stieg für 40 Millionen Euro ein anderer Russe bei Wadan ein: Igor Jussufow - und der ist entgegen seinen eigenen Aussagen eng mit seinem Vorgänger verbandelt.
Mitte August beim Gipfel von Merkel und Medwedew im Schwarzmeerkurort Sotschi äußerte die Kanzlerin vor laufenden Kameras die Hoffnung, dass die Dinge bei Wadan mit dem neuen Investor besser laufen als mit Burlakow.
Jussufow, Sonderbeauftragter des Präsidenten für Energiezusammenarbeit, hatte gegenüber Vertretern der Bundes- und Landesregierung mit dem angeblich hohen Bedarf an Spezialschiffen in seiner Heimat geworben. Und er hatte jede Gelegenheit genutzt, schlecht über Burlakow zu reden und so zu tun, als hätte er mit diesem nie etwas zu schaffen gehabt.
Tatsächlich aber hatten die beiden die Werften gemeinsam besucht. Außerdem sprach Burlakow im Frühjahr von Jussufow als seinem "guten Freund, älteren Kameraden und persönlichen Berater". Schon damals erschien Jussufow, Ex-Energieminister und heute Gazprom-Vorstand, wie der Hintermann von Burlakows Werftenkauf im Sommer 2008. Dabei waren womöglich mehr als hundert Millionen Euro eines russischen Staatsunternehmens zweckentfremdet und gleichsam privatisiert worden (SPIEGEL 13/2009). Inzwischen ermittelt die Moskauer Staatsanwaltschaft.
Jussufow schickte seinen Sohn Witalij zur Unterzeichnung der Kaufverträge, die aus den Wadan- nun die Nordic-Werften machen. Witalij Jussufow, 29, zu Karrierebeginn Mitarbeiter des Gazprom-Vizes Alexander Medwedew, war bis zur vergangenen Woche Moskauer Büroleiter des Ostsee-Pipeline-Konsortiums Nordstream. Wenn Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Gazprom-Boss Alexej Miller im Nordstream-Aktionärsausschuss zusammentrafen, führte der smarte Aufsteiger Protokoll. Die Werftenverträge unterschrieb er nun als Geschäftsführer der Briefkastenfirma Gevor IV AG in der schweizerischen Steueroase Zug.
Burlakow kennt auch den jungen Jussufow von Kindesbeinen an. Dieser rede ihn mit "Onkel Andrej" an, sagte er im Frühjahr.
Dennoch versuchten Burlakow und Jussufow von Anfang an, ihre Beziehung zu vertuschen. Man habe bei der Übernahme der Wadan-Werften "besonders vorsichtig gehandelt" und darauf geachtet, dass Jussufow "nirgendwo als Mitarbeiter auftaucht und kein Honorar bezieht", gestand Burlakow ein.
Einblicke in den Masterplan der Seilschaft gibt eine vor dem Kauf der deutschen Werften in Auftrag gegebene, "streng vertrauliche" Marktuntersuchung. Sie trägt den ehrgeizigen Titel "Projekt zur Schaffung eines Europäischen Schiffbauunternehmens unter russischer Kontrolle".
Technik und Management der deutschen Werften erlaubten den Bau eines 50 000-Tonnen-Tankers innerhalb von acht Monaten mit 230 000 Arbeitsstunden. Eine der besten russischen Werften in Sankt Petersburg brauche dagegen "zwischen 18 und 20 Monaten und eine Million Stunden", heißt es.
Dmitrij Baranow, Schiffsindustrie-Analyst der Moskauer Bank Finam sagt: "Russland schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Es hilft Merkel vor den Wahlen und verschafft sich Zugang zu deutscher Hochtechnologie." Aufträge aus dem Osten aber konnten bisher weder Burlakow noch die Jussufows liefern. Die Schiffbauer in Mecklenburg beantragten Kurzarbeit. In der vergangenen Woche weigerte sich die schwedische Stena-Reederei, trotz einer weiteren 120-Millionen-Euro-Bürgschaftszusage der Schweriner Landesregierung, zwei beinahe fertig gebaute 400-Millionen-Euro-Fähren abzunehmen.
Derweil schmiss Burlakow Ende August seine Geburtstagsparty im Nobelhotel "De Paris" in Monaco. Einen Ehrengast hielten Hotelbesucher zunächst für ein Double. "Aber Elton John war echt. Wenn man ihm Millionen bietet, kommt er gern", behauptete die Moskauer Tageszeitung "Iswestija". "Offenkundig hat das Wadan-Geschäft für Herrn Burlakow Gewinn gebracht."
Jussufow Senior und Junior wurden diesmal nicht unter den Gästen gesichtet.
MATTHIAS SCHEPP
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 37/2009
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