07.09.2009

NAHOST

Für die Freiheit geboren

Von Schult, Christoph und Stark, Holger

Seit 23 Jahren ist der israelische Soldat Ron Arad vermisst. Der Fall wuchs sich aus zum Politikum - nun scheint er geklärt zu sein.

Das Baby trägt einen hellen Strampelanzug und sitzt auf den Schultern seines Vaters. Mit seinen kleinen Fingern hält es sich am schwarzen Haarschopf des Vaters fest und schaut mit großen dunklen Augen in die Kamera.

24 Jahre ist das Foto alt. Heute ist Juval eine junge Frau mit langen braunen Haaren. "Ich kann meinen Blick noch immer nicht auf dieses Foto richten", sagt sie. Kurz nach der Aufnahme, am 16. Oktober 1986, stürzte der Navigator der israelischen Armee zusammen mit seinem Piloten in einem "Phantom"-Kampfjet über libanesischem Territorium ab. Der Pilot wurde gerettet, der Navigator aber gilt seither als vermisst. Sein Name: Ron Arad.

Der Fall Arad ist eines der großen Rätsel im Nahen Osten. Sein Schicksal beschäftigte nicht nur etliche israelische Regierungen, sondern auch die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Seit mehr als 15 Jahren beteiligt sich der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) an der Lösung des Falls. Bis heute durchforstet ein Agent aus Berlin alte Dokumente, befragt Zeugen und reist im Auftrag der Vereinten Nationen in der Region umher, um das Rätsel zu lösen.

Jetzt scheint es gelöst zu sein. In einem neuen Buch enthüllt Ronen Bergman, der Geheimdienstexperte der israelischen Tageszeitung "Jediot Acharonot", dass Arad seit Mitte der neunziger Jahre tot ist. Zu dieser Einschätzung kam eine Kommission des Militärs schon im Jahr 2005. Der damalige Premierminister Ariel Scharon weigerte sich jedoch, die Ergebnisse zu veröffentlichen, ebenso wie seine Nachfolger Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu. "Nur weil ich mit einer Klage vor dem Obersten Gerichtshof gedroht habe", sagt Bergman, "gab die Militärzensur die Arad-Geschichte frei."

Anfangs gerät Arad in die Hände der libanesischen Amal-Miliz in Beirut, die öffentlich Geld, Waffen und einen Häftlingsaustausch fordert. Dann entführt der Libanese Mustafa al-Dirani den Israeli und versteckt ihn im Bekaa-Tal. Mit seinem Gefangenen läuft Dirani von der Amal-Miliz zur Hisbollah über. Aus jener Zeit, Ende 1987, gibt es ein Video, das Arad zeigt.

Anfang 1988 wird Arad im Bekaa-Tal in einem kleinen Dorf namens Nabi Schith versteckt, der Schukur-Clan bewacht ihn. Doch als die israelische Luftwaffe in der Nacht zum 5. Mai das Gebiet bombardiert, flüchten die Wachen. Arad ist in einem Verhau versteckt. Am nächsten Morgen, als der Schukur-Clan zurückkehrt, ist der Gefangene verschwunden.

Mustafa al-Dirani, den ein israelisches Geheimkommando 1994 aus dem Südlibanon entführt, sagt damals aus, er habe sich mit einem Anführer der Revolutionswächter aus Teheran beraten. Er vermutet, dass die Milizen Arad abgeholt und nach Teheran gebracht haben. Davon geht auch die Hisbollah in Beirut aus.

Arad ist Mitte der neunziger Jahre zum internationalen Politikum geworden. Wer den Fall löst, dem winkt Renommee. Damit liebäugelt auch die DDR, die konsultiert wird, als die Israelis zwei mutmaßliche KGB-Spione in Tel Aviv verhaften. Wolfgang Vogel, der Chefunterhändler Ost-Berlins, wird mit dem Fall betraut. Auch die Stasi schaltet sich ein und bittet sogar den KGB zu prüfen, welche Möglichkeiten es für einen Austausch mit Arad gibt.

Am 28. Mai 1989 reist Vogel mit seiner Frau nach Tel Aviv, als offizieller Gast des israelischen Außenministeriums. Sogar ein Abkommen unterzeichnet Vogel im Namen der DDR mit einem Anwalt, der für die israelische Regierung verhandelt. Danach soll Arad gegen einen der vermeintlichen KGB-Spione ausgetauscht werden. Die Israelis würden gern über weitere Häftlinge reden, aber Vogel ist zurückhaltend. "Zurzeit kann jedoch nur die Freilassung von Ron Arad in Erwägung gezogen und verhandelt werden", heißt es in dem Abkommen. Vogel schwärmt von dem "sehr einflussreichen Weg". Ein halbes Jahr später fällt die Mauer.

Der Fall bleibt ein deutsches Thema. In Bonn verhandelt der damalige Staatsminister im Kanzleramt, Bernd Schmidbauer, mit dem iranischen Botschafter Hossein Mussawian. Der erweckt den Eindruck, er könne über Arad verfügen. Die Gespräche brechen 1995 ab, als sich abzeichnet, dass das Berliner Kammergericht einen iranischen Geheimdienstagenten zu lebenslanger Haft wegen Beteiligung an dem Mord an vier iranischen Exilpolitikern im Berliner Restaurant "Mykonos" verurteilen wird.

Die Bundesregierung unterstützt die Suche nach Arad auf mehreren Ebenen. Weil ein Teil der Schukur-Familie mittlerweile in Berlin lebt, bitten die Israelis den BND, den libanesischen Clan über Arads Schicksal zu befragen. Später passen israelische Nachrichtendienstler einen der Libanesen ab, der sich auf Auslandsreise befindet, und unterziehen ihn einem Test mit dem Lügendetektor. Dabei kommt allerdings nichts Handfestes heraus.

Jahrelang geht nichts voran. Erst 2004, als der BND einen neuen großen Gefangenenaustausch auf den Weg gebracht hatte, scheint die Hisbollah bereit, das Rätsel zu lüften und bietet Informationen über den Verbleib des Navigators an, falls im Gegenzug mehrere hundert arabische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freikommen. Hassan Nasrallah, der Führer der "Partei Gottes", weist seine Leute an, Arad zu suchen. Aus Teheran reist ein Kommandeur der Revolutionswächter an, der rund zehn Jahre zuvor mit dem Fall betraut war.

Die Schiiten suchen mehrere Stellen im Bekaa-Tal ab. Detektoren kommen zum Einsatz. Es wird gegraben, und schließlich übergibt die Hisbollah einem BND-Vermittler Anfang 2005 mehrere Knochen, die er an die israelische Regierung weiterleitet.

Ein DNA-Test in Tel Aviv ergibt: Die Knochen stammen nicht von Arad.

Die Erfolglosigkeit der Schiiten-Miliz führt auch in Tel Aviv zu Konsequenzen. Der Leiter des Militärgeheimdienstes, Generalmajor Aharon Farkasch, ruft ein geheimes Komitee ins Leben, das im Auftrag des Militärgeheimdienstes sämtliche Informationen zu Arad zusammentragen und bewerten soll. Eine Inventur.

Farkasch ist ein wuchtiger Mann, ein Veteran des israelischen Militärs. Er trägt ein kurzärmeliges weißes Hemd und sitzt hinter einem aufgeräumten Schreibtisch im Stadtzentrum von Tel Aviv. 2006 hat er sich mit einer privaten Sicherheitsfirma selbständig gemacht, nach 30 Jahren im Staatsdienst. Ron Arad war sein letzter großer Fall.

Farkasch hat oft mit dem BND zusammengearbeitet. Er schätzt die Hilfe aus Berlin: "Wenn jemand in einem Fall wie Ron Arad helfen kann, dann sind es die Deutschen", sagt er.

Sein Komitee, das aus drei erfahrenen Geheimdienstleuten besteht, rekonstruiert die Stationen der Gefangenschaft. Die Experten lesen noch einmal die Aussagen Diranis, sie überprüfen die Ergebnisse des Lügendetektortests, sie sichten abgefangene Kassiber und sämtliches Material, das der Mossad und das Militär über die Hisbollah zusammengetragen haben, darunter auch die Informationen aus dem Jahr 2004, die Nasrallahs Nachforschungen ergeben haben.

Die Indizien sind erdrückend: Arad, so heißt es in dem bis heute geheim gehaltenen Bericht des Militärkomitees, sei zwischen 1993 und 1997 gestorben. Seit 1995 habe es kein einziges Anzeichen mehr gegeben, dass Arad am Leben sein könnte. Auch die Hisbollah geht davon aus, dass er seitdem tot ist.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass Arad 1995 schwer krank zurück in das Bekaa-Tal geschafft wurde. Die Revolutionswächter wollten ihn anscheinend loswerden, weil er krank war und die "Mykonos"-Gespräche mit der deutschen Regierung gescheitert waren. Im Bekaa-Tal soll er nach Angaben der Hisbollah gestorben sein. Seine Leiche hätten Mitglieder der Miliz verscharrt.

Der tragische Befund steht niedergeschrieben in dem Abschlussbericht des Komitees. Generalmajor Farkasch bat um einen Termin bei Ariel Scharon. "Herr Premierminister, wir können den Fall abschließen", sagte der Geheimdienstmann. Scharon zögerte, dann sagte er: "Aharon, lass es."

Der Beschluss, den Report nicht zu veröffentlichen, ist aus israelischer Sicht leicht zu verstehen. Eine der Grundregeln des Militärs lautet, dass ein Jude nicht auf feindlichem Terrain zurückgelassen wird, ob tot oder lebendig. Deshalb kam es nicht in Frage, Arad für tot zu erklären, ohne seine Leiche gefunden zu haben oder sein Grab zu kennen. Auch 23 Jahre nach seinem Absturz klebt auf vielen israelischen Autos ein Sticker mit dem Spruch: "Ron Arad - la-Chofesch nolad" - "Ron Arad - für die Freiheit geboren".

Ron Arads Frau Tami kennt den geheimen Militärbericht. Dennoch will sie nicht aufgeben, bis sie einen DNA-Beweis für den Tod ihres Mannes erhält.

In Givat Ela, einem kleinen Dorf im Norden Israels, hatte Ron Arad vor 24 Jahren angefangen, für seine Familie ein Haus zu bauen. Seine Frau hat es fertiggestellt. Sie will aber erst einziehen, wenn Ron zurückkommt. CHRISTOPH SCHULT,

HOLGER STARK


DER SPIEGEL 37/2009
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