07.09.2009

RELIGIONEN Allahs rosa Söhne

In den meisten islamischen Ländern werden Homosexuelle geächtet, verfolgt und manchmal sogar getötet. Repressive Regime fachen den Hass auf die „verweiblichten Männer“ an.
Die bärtigen Männer kidnappten ihn mitten in Bagdad, sie warfen ihn in ein dunkles Loch, ketteten ihn an, sie urinierten auf ihn und prügelten mit einem Eisenrohr auf ihn ein. Aber der schlimmste Moment für Hischam, 40, kam, als seine Entführer am vierten Tag seine Familie anriefen. Er bekam Angst, sie würden seiner Mutter erzählen, dass er homosexuell sei und dass sie ihn deswegen entführt hätten. Dann würde er seine Familie nie wiedersehen. Die Schande wäre unerträglich für sie.
"Macht mit mir, was ihr wollt, aber sagt es ihnen nicht", schrie er.
Anstatt ihn vor seiner Familie zu demütigen, verlangten die Entführer 50 000 Dollar Lösegeld, eine gewaltige Summe für eine normal verdienende irakische Familie. Die Eltern mussten sich Geld leihen und den gesamten Besitz ihres Sohnes verkaufen. Kurze Zeit später warfen die Entführer Hischam im Norden Bagdads aus dem Auto. Sie erschossen ihn nicht, sie ließen ihn laufen, aber sie riefen ihm hinterher: "Das ist deine letzte Chance. Wenn wir dich noch einmal sehen, töten wir dich."
Vier Monate ist das nun her, Hischam ist in den Libanon gegangen. Seiner Familie lügt er vor, er sei vor der Gewalt und dem Terror geflohen und habe Arbeit in Beirut gefunden. Dass er als Schwuler nicht im Irak bleiben konnte wegen der Todesschwadronen, die Jagd auf "verweiblichte" Männer machen, behielt er für sich.
Anfang des Jahres begann in Bagdad eine neue Serie von Morden an Männern, die der Homosexualität verdächtigt werden. Sie werden oft vergewaltigt, ihnen werden die Genitalien abgeschnitten, der Anus wird mit Klebstoff verschlossen. Ihre Leichen landen auf Müllkippen oder auf der Straße. Von einer "systematischen Kampagne" mit Hunderten Ermordeten spricht die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die diese Gewaltserie dokumentiert hat.
Als Auslöser der Morde, Vergewaltigungen und Entführungen gilt das Video einer Party in Bagdad im Sommer 2008, bei der Männer miteinander tanzten. Tausendfach wurde es per Handy und im Internet verbreitet. Islamistische Prediger hetzten daraufhin gegen die sich ausbreitende Gefahr eines "dritten Geschlechts", das die amerikanischen Soldaten eingeschleppt hätten. Vor allem Anhänger des radikalen Schiitenführers Muktada al-Sadr fühlen sich seither berufen, die "religiöse Moral" wiederherzustellen. In ihrer Hochburg, dem Stadtteil Sadr City in Bagdad, patrouillieren ihre schwarzgekleideten Milizionäre und lauern allen auf, die ihnen durch "unmännliches Verhalten" auffallen. Lange Haare, enge T-Shirts und Hosen, ein stolzierender Gang - oft genug ein Todesurteil.
Nicht nur die Mahdi-Armee, auch andere Gruppen sollen an den Schwulen-Morden beteiligt sein: sunnitische Milizen etwa, die al-Qaida nahestehen, aber auch irakische Sicherheitsdienste.
Im Irak ist das Leben von Homosexuellen momentan besonders bedroht, aber verfemt sind sie fast in der gesamten islamischen Welt. Mehr als 100 000 Frauen und Männer werden diskriminiert oder bedroht, so schätzen Schwulen-Verbände. Tausende begehen Selbstmord, landen in Gefängnissen oder sind auf der Flucht.
Mehr als 30 islamische Länder verbieten Homosexualität per Gesetz. Die Strafen reichen von Peitschenhieben bis zu lebenslänglicher Haft. In Mauretanien, Bangladesch, im Jemen, in Teilen Nigerias und des Sudan, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Iran droht Schwulen sogar die Todesstrafe.
Aber auch in Ländern, in denen Homosexualität gesetzlich nicht verboten ist, werden Schwule verfolgt, verhaftet, manchmal ermordet. Besonders hart geht jetzt Ägypten vor, obwohl das Land lange für seine offene Schwulen-Szene bekannt war. Homosexuelle werden von einer Moralpolizei verfolgt, die Telefone abhört und Informanten rekrutiert. Angeklagt werden sie dann wegen "Ausschweifungen".
In Malaysia wird Homosexualität sogar als politische Waffe eingesetzt: Im Jahr 2000 wurde der bekannte Politiker Anwar Ibrahim wegen "unnatürlichen Geschlechtsverkehrs" mit seinem Fahrer und einem Redenschreiber zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, 2004 im Revisionsverfahren dann aber freigesprochen. Im Sommer 2008 wiederholte sich das makabre Spiel. Anklage wegen "homosexuellen Geschlechtsverkehrs", der Prozess läuft noch.
Anwar war einst der Schützling von Mahathir Mohamad. Er sollte ihm als Premier nachfolgen, bis ihn Mahathir 1998 schasste. Zehn Jahre später gewann Anwar wieder einen Parlamentssitz - weiter ist sein Comeback noch nicht gediehen.
Sogar im weltoffenen Libanon droht Homosexuellen ein Jahr Haft. Trotzdem befindet sich in Beirut die einzige Schwulen- und Lesben-Organisation in der arabischen Welt, genannt "Helem" (Traum). Im Büro mitten in der Stadt hängen Plakate über Aids-Aufklärung und Tipps gegen Homophobie. Helem ist nur geduldet, das Innenministerium hat der Organisation noch keine offizielle Genehmigung erteilt. "Und es ist kaum denkbar, dass wir sie jemals bekommen", sagt Georges Azzi, der Geschäftsführer.
In Istanbul gibt es eine freie Homosexuellen-Szene, einen Christopher Street Day, und selbst Fromme schwärmen für die transsexuelle Pop-Diva Bülent Ersoy oder den schwulen Sänger Zeki Müren. Doch jenseits der Laufstege und Showbühnen gilt es als Schande, als Krankheit ein "götveren" zu sein, eine "Schwuchtel". In der Armee ist Homosexualität ein Ausmusterungsgrund. Um Simulanten zu entlarven, verlangen die Militärärzte Beweisfotos oder Videos, die den Rekruten beim Sex mit einem Mann zeigen - "passiv" selbstverständlich, denn der Aktive zu sein geht in der Türkei als männlich genug durch.
Es sieht so aus, als habe eine Welle der Homophobie die islamische Welt ergriffen, die doch einst bekannt war für ihre Offenheit. Hier war homoerotische Literatur weit verbreitet, Geschlechterrollen wurden weniger eng definiert, und die Männer ließen sich, wie die alten Griechen, von tanzenden Jünglingen unterhalten.
Doch nun haben die Islamisten die kulturelle Hegemonie übernommen. Dazu gehören Männer wie der populäre ägyptische Fernsehprediger Jussuf al-Karadawi, der Schwule als Perverse verteufelt. Der schiitische Großajatollah Ali al-Sistani veröffentlichte vor vier Jahren eine Fatwa, in der er zur möglichst brutalen Ermordung von Schwulen aufrief. Diese Meinungsführer begründen ihre Abneigung mit der Geschichte von Lot im Koran: "Ihr geht in Begierde zu den Männern statt zu den Frauen. Ihr seid maßlose Leute." Das Volk Lot geht für diese Sünden mitsamt seinen Städten Sodom und Gomorra unter. Darüber hinaus finden sich einige Aussprüche Mohammeds, in denen er den "Akt des Volkes Lot" verdammt, dabei fordert er einmal sogar die Todesstrafe.
Die Lot-Erzählung und andere Koranverse seien allerdings erst im 20. Jahrhundert eindeutig auf homosexuellen Geschlechtsverkehr bezogen worden, sagt der New Yorker Professor Everett Rowson. Diese Umdeutung sei ausgerechnet vom Westen ausgegangen - durch die Prüderie der europäischen Kolonialherren, die ihre Sexualmoral in der neueroberten Welt verbreiteten.
Tatsächlich geht die Hälfte der weltweit noch bestehenden Verbote der Homosexualität auf ein einziges Gesetz zurück, das die Briten 1860 in Indien erließen. "Viele Einstellungen bezüglich der Sexualmoral, von denen es heißt, sie seien identisch mit dem Islam, verdanken Königin Viktoria mehr als dem Koran", meint Rowson.
Zur heutigen Schwulen-Verfolgung hat vor allem
die Politisierung des Islam geführt, denn seither ist die Sexualmoral nicht länger privat, sondern wird staatlich reglementiert und instrumentalisiert.
"Am repressivsten sind säkulare Regime wie in Ägypten, Marokko und der Türkei, die unter dem Druck von Islamisten stehen und daher versuchen, sie in puncto Moral noch zu übertrumpfen", sagt Scott Long von Human Rights Watch. "Außerdem zeigt die Verfolgung von Homosexuellen, dass ein Regime die Kontrolle über das Privatleben der Bürger hat - das ist ein Zeichen von Macht und Autorität." So gebe es seit einigen Jahren eine gezielt geschürte "moralische Panik" in vielen Ländern.
Etwa in Iran. Seit der islamischen Revolution werden Homosexuelle verfolgt, mal mehr, mal weniger - eher mehr, seit Präsident Mahmud Ahmadinedschad regiert, der nicht müde wird zu betonen, dass es Schwule in seinem Land gar nicht gibt.
Schon der Verdacht "unnatürlicher" Handlungen reicht, um ausgepeitscht zu werden. Wer mehrmals ertappt wird, dem droht die Todesstrafe. 148 Schwule wurden bisher offiziell hingerichtet, vermutlich sind es viel mehr. Zuletzt erregte der Fall des 21-jährigen Makwan Moludsade Aufsehen, der im Dezember 2007 gehängt wurde. Er soll Jahre zuvor drei Jungen vergewaltigt haben. Fast immer werden den Homosexuellen zusätzlich andere Verbrechen wie Vergewaltigung, Betrug oder Raub zur Last gelegt, um die Exekution zu rechtfertigen.
Tausende Schwule und Lesben sind deshalb aus Iran geflohen, für die meisten ist die erste Station die Türkei. "Es gab für mich keine Alternative zur Flucht", sagt Ali, ein 32-jähriger Arzt. "Wäre ich geblieben, hätten sie mich umgebracht."
Ali war vorsichtig. Er ging nur selten zu Partys, benutzte verschiedene Internetcafés zum Chatten, nicht einmal seiner Familie verriet er sein Geheimnis. Das ging gut, bis der Vater seines Freundes die beiden beim Küssen überraschte. Zwei Tage später verlor Ali seinen Job im Krankenhaus, dann fuhr ihn ein Auto an, offenbar absichtlich, kurz darauf bekam er einen Anruf: "Wir wollen dich hängen sehen."
Was er nicht gewusst hatte: Der Vater seines Freundes war ein hochrangiges Mitglied der Revolutionswächter.
Ali hob seine Ersparnisse vom Konto ab und nahm einen Zug in die Türkei, wo er Asyl beantragte. Seitdem lebt er in einer winzigen Wohnung im zentralanatolischen Kayseri - einer von 35 schwulen Exil-Iranern in dieser Stadt.
Auch Arsham Parsi, 29, ist vor vier Jahren aus Schiras geflohen. Der zierliche Mann mit Bartflaum und Brille gehörte zu den meistgesuchten Männern in Iran, denn er hat 2001 das erste Schwulen-Netzwerk des Landes gegründet. Nur über E-Mail kommunizierten sie, wenige kannten seinen echten Namen, trotzdem flog er auf. Den Sittenwächtern konnte Parsi in letzter Sekunde entkommen. Er bekam ein Visum für Kanada, wo er die "Iranian Queer Organization" gründete, die jetzt 6000 Mitglieder in Iran hat. Unter ihnen sind viele Transsexuelle - oder solche, die sich dafür halten. Denn, so schätzt Parsi: "Fast die Hälfte aller Geschlechtsumwandlungen lassen Schwule machen."
Die Schwulen-Verfolgung hat zu einem Boom an Geschlechtsumwandlungen geführt, und so gibt es ausgerechnet in der Islamischen Republik Iran mehr Operationen als anderswo in der Welt, Thailand ausgenommen. Erlaubt wurden sie 1983 von Ajatollah Chomeini selbst, der Transsexualität als Krankheit definierte, die durch eine Operation geheilt werden könne. Seither ließen sich Tausende behandeln, ein Teil der Kosten wird vom Staat übernommen.
"Verwandte und Ärzte drängen Schwule zu Operationen, um die falsche sexuelle Orientierung zu normalisieren", sagt Parsi. So kann auch der hochrangige schiitische Religionsgelehrte seinem Sekretär einen Frauenkörper finanzieren und ihn danach heiraten.
Das stockkonservative Königreich Saudi-Arabien ist das einzige arabische Land, in dem ausschließlich die Scharia angewandt wird, Homosexuelle werden ausgepeitscht oder hingerichtet. "Trotzdem sind Schwule hier viel freier als in Iran", sagt Afdhere Jama, der für sein Buch "Illegal Citizens" sieben Jahre durch die islamische Welt gereist ist.
Das Königreich lässt den Schwulen im Alltag erstaunlich großen Freiraum. Zeitungen berichten über lesbischen Sex auf Schultoiletten. Bestimmte Einkaufszentren, Restaurants und Bars in Dschidda und Riad gelten als Schwulen-Treffpunkte, was ein offenes Geheimnis ist.
"Es gibt viele Saudi-Araber, die sich Jungen als Geliebte nehmen, weil sie unverheiratet sind oder weil ihre Frau gerade schwanger ist", sagt Jama. Gleichgeschlechtlicher Sex ist oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Sex zu haben - außereheliche Affären mit Frauen sind nahezu unmöglich. "Bei uns im Westen gälte ein Mann dann als schwul, aber in Ländern wie Saudi-Arabien ist die Einordnung schwieriger", meint Jama. Die meisten Muslime können mit der westlichen Vorstellung von "schwuler Identität" wenig anfangen - es gibt hier keinen schwulen Lebensstil und keine Schwulen-Bewegung.
Daayiee Abdullah, 55, ist Imam, er trägt Gebetskappe und Bart - und er ist gay. Damit ist er einer von nur zwei Imamen weltweit, die sich offen zur Homosexualität bekennen. Er hat sich freiwillig für den Islam entschieden, denn aufgewachsen ist er als Baptist in Detroit. Während seines Studiums in Peking lernte er chinesische Muslime kennen und konvertierte zum Islam. "Sie sagten mir, es sei kein Problem, als Schwuler ein guter Muslim zu sein."
Der Imam - und nicht nur er - legt die Geschichte von Lot anders aus: Es habe sich bei den von Gott Verdammten nicht um Homosexuelle gehandelt, sondern um Vergewaltiger und Räuber. Nicht Homosexualität, sondern Vergewaltigung werde vom Koran geächtet. "Die Ablehnung von Schwulen ist kulturell und politisch bedingt", sagt er. "Genauso wie Ehrenmorde und arrangierte Ehen, die stehen ja auch nicht im Koran."
Abdullah lebt in der US-Hauptstadt Washington und spricht bei Beerdigungen Homosexueller das Gebet, vor allem, wenn sie an Aids gestorben sind, denn dazu ist kein anderer Imam bereit. Er schließt gleichgeschlechtliche Ehen und berät seit elf Jahren fromme Schwule in seinem Internetforum "Muslim Gay Men".
Immer wieder bekommt er Todesdrohungen, aber inzwischen lacht der Imam darüber und sagt: "Wie können zwei liebende Schwule die Fundamente Gottes erschüttern?" JULIANE VON MITTELSTAEDT,
DANIEL STEINVORTH
* Nach seiner Festnahme 1998.
Von Mittelstaedt, Juliane von, Steinvorth, Daniel

DER SPIEGEL 37/2009
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