07.09.2009

MEDIZINMisshandelt im Mutterleib

Jedes Jahr kommen in Deutschland 4000 Babys auf die Welt, deren Gehirn durch Alkohol dauerhaft geschädigt ist. Ohne klare Diagnose werden viele von ihnen an Pflege- und Adoptiveltern vermittelt, die von den geistigen Behinderungen oft nichts wissen und an den Kindern verzweifeln.
Auf den ersten Blick gehen Heide und Lisa als Zwillinge durch. Sie tragen die braunen Haare nach hinten, haben blaugraue Augen und sind knapp 1,60 Meter groß.
Doch ansonsten haben die beiden Schwestern wenig gemein. Heide, 19, und Lisa, 20, sind nicht blutsverwandt und nur zufällig zusammen aufgewachsen. Jeweils wenige Wochen nach der Geburt wurden sie von einem Ehepaar im westfälischen Soest aufgenommen und adoptiert.
Maria, 56, und Gerhard, 58, die ihren Nachnamen lieber nicht öffentlich machen möchten, konnten keine eigenen Kinder kriegen; mit der Ankunft der beiden Adoptivbabys schien sich ein Traum zu erfüllen. "Endlich", sagt Maria, "hatten wir eine Familie." Sie führte den Haushalt im 200 Quadratmeter großen Eigenheim, er arbeitete als Professor für Maschinenbau.
Lisa, die Ältere, ist von Anfang an gediehen. Sie hat das Abitur bestanden und nimmt in diesen Tagen ein Studium der Medizin auf.
Ganz anders dagegen Heide. "Sie war ein ängstliches Baby und eckte schon im Kindergarten an", erzählt die Mutter. "Heide war unruhig und laut." Als Teenager kam sie im Unterricht kaum mit. Sie schwänzte die Schule, hing zwischenzeitlich mit Punkern am Bahnhof herum.
Heute besucht sie ein spezielles Kolleg für behinderte Menschen und rastet leicht aus, wenn ihr etwas nicht passt. "Du hast doch den Arsch auf", hat sie ihren Vater schon angebrüllt. Und ihre Mutter beschimpfte sie: "Du blöde Fotze!"
Das Verhalten brachte die Eltern zur Verzweiflung. Hatten sie Heide nicht genauso liebevoll wie Lisa aufgenommen? Zwar stammt Heide - wie auch Lisa - aus schwierigen Verhältnissen und war nur deshalb zur Adoption freigegeben worden. Zugleich aber hatten Mitarbeiter des Jugendamts beschwichtigt: Dem Säugling fehle nichts.
Doch nach einer jahrelangen Odyssee von Therapeut zu Therapeut haben die Eltern allen Grund, an den damaligen Aussagen zu zweifeln. Heide kam offenbar schwer behindert auf die Welt: Noch im Leib ihrer Mutter wurde ihr Gehirn durch Alkohol dauerhaft geschädigt. "Embryofetales Alkoholsyndrom" lautet die Diagnose, die ein Arzt vor zwei Jahren gestellt hat.
Als es darum ging, das Baby schnell zu vermitteln, haben Mitarbeiter des zuständigen Jugendamts Soest anscheinend nicht die ganze Wahrheit erzählt. Im Dezember 1989, nur einen Monat nach Heides Geburt, hatte eine Sachbearbeiterin in einer internen Aktennotiz ein heftiges Alkoholproblem vermerkt: Die Mutter habe die Schwangerschaft erst im vierten Monat festgestellt und "gab an, täglich betrunken gewesen zu sein, und deswegen erfolgte ihre Einweisung in das Landeskrankenhaus Eickelborn".
Von diesem brisanten Eintrag hätten die späteren Adoptiveltern damals kein Sterbenswörtchen zu hören bekommen, sagen Maria und Gerhard. Erst als sie nachforschten, habe man davon erfahren - da lebte Heide bereits 17 Jahre bei ihnen. Die zuständige Sachbearbeiterin wollte sich vorige Woche gegenüber dem SPIEGEL nicht zur Sache äußern.
"Wir fühlen uns betrogen", sagt Gerhard, der vollbärtige Vater, im Rückblick. Und Maria, seine zierliche Frau, fügt hinzu: "Wenn die uns damals ehrlich gesagt hätten, das Kind ist geistig behindert, dann hätten wir uns das nicht zugetraut. Wir hätten die Heide nicht adoptiert."
Es ist eine Familientragödie, wie sie sich erschreckend häufig abspielen dürfte. In Deutschland kommen jedes Jahr 4000 Babys auf die Welt, deren Gehirn durch Alkohol geschädigt ist. Und immer deutlicher erkennen Neurowissenschaftler, dass die Verwüstungen im Denkorgan dauerhaft sind - die Betroffenen bleiben für den Rest des Lebens gezeichnet.
Die meisten Säuferkinder bleiben zunächst ohne klare Diagnose und werden - weil die trunksüchtige Mutter sie nicht versorgen kann - von den Behörden rasch in Pflege- oder Adoptivfamilien gegeben, die häufig nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Erwartungsfreudige Eltern bekommen es mit unheilbar geistig behinderten Kindern zu tun, an deren Erziehung sie oftmals zerbrechen.
Doch weder das Schicksal der im Mutterleib misshandelten Kinder, von denen viele später im Knast, in der Irrenanstalt oder in der Gosse enden, noch dasjenige der ahnungslosen Ersatzfamilien hat bisher groß interessiert. Ganz im Gegenteil: Rund 14 Prozent aller schwangeren Frauen, so eine Umfrage des Robert Koch-Instituts, genehmigen sich Wein, Bier oder Schnaps.
Allerdings drängen Experten auf ein Umdenken. Ärzte und Psychologen, Erzieher und Eltern laden Mitte September an der Berliner Charité zu einer Tagung, die sich um embryonale und fetale Alkoholstörungen dreht. Zu den Initiatoren zählt der Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr, 69, der wie kein Zweiter vor den Gefahren warnt. In seine Sprechstunde an den DRK-Kliniken Berlin/Westend kommen verzweifelte Adoptiv- und Pflegeeltern und stellen ihr Kind vor; mehr als 500 Diagnosen hat der Professor bisher gestellt.
"Wenn bestimmte Strukturen im Gehirn zerstört sind, kommt da nichts Gescheites mehr heraus", sagt Spohr. "Ein Kind mit einem Alkoholsyndrom adoptieren? Davon rate ich ab!"
Das Urteil stützt sich auf Befunde, die zweierlei zeigen: Alkoholbedingte Schäden treten sogar schon bei scheinbar geringen Mengen auf. "Ein Vollrausch zur falschen Zeit", sagt Spohr, "kann zwischen Hauptschule und Gymnasium entscheiden."
Bereits in kleinsten Dosen entfaltet das Ethanol, so der chemische Begriff für den Trinkalkohol, sein verheerendes Werk. Es verändert die Arbeit bestimmter Gene in den Nervenzellen und stört die Übertragung molekularer Signale im wachsenden Gehirn: Dadurch kann dessen Heranreifen empfindlich gestört werden.
Die hirnorganischen Schäden machen sich in kognitiven Defekten bemerkbar. Dazu zählen Verluste der Impulskontrolle - wie bei Heide, die ihre Eltern urplötzlich auf das Übelste beschimpft. Aber auch Störungen der sogenannten Exekutivfunktionen treten auf: Die Betroffenen haben ein miserables Arbeitsgedächtnis, sie können nicht gezielt planen und handeln.
Noch ein Beispiel von Heide: Als sie sich kürzlich einen Fahrschein kaufen wollte, fragte sie der Mann am Schalter, ob sie eine Gruppenkarte oder ein "Single-Ticket" brauche. Wütend sei die Tochter nach Hause gekommen, erzählt die Mutter, und habe gerufen: "Was geht den Kerl an, ob ich einen Freund habe?"
Solche vermeintlich harmlosen Macken summieren sich im Alltag auf; Heide kann weder Rechnungen pünktlich begleichen noch mit Geld haushalten. Die Sissi-Filme, die sie so gern schaut, hält Heide für echt - und ist verwirrt, wenn sie die Darstellerin in einer anderen Rolle sieht.
Die Alkoholgeschädigten ecken auch deshalb andauernd an, weil man ihnen die geistige Behinderung zunächst kaum anmerkt. Die Psychologin Gela Becker-Klinger, die in Berlin die bundesweit einzige Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder eröffnet hat, erzählt das Beispiel eines jungen Mannes mit einem vorgeburtlichen Alkoholsyndrom. Der brach abends vor einem S-Bahnhof in Berlin ein Fahrradschloss auf, gleich unter der Straßenlaterne, um besser sehen zu können. Als ihn ein Polizist zur Rede stellte, antwortete der Halbwüchsige mit scheinbar kindlicher Unschuld: Er klaue doch niemandem etwas, sondern borge sich nur ein Rad für den Heimweg. "Der meinte das wirklich so", sagt Becker-Klinger. "Der Polizist kam sich natürlich veralbert vor."
Nicht nur Ordnungshüter tun sich schwer, die pränatal erworbenen Behinderungen anzuerkennen. Auch etlichen Mitarbeitern von Jugendämtern, so Spohr, sei das Problem noch viel zu wenig bekannt. "Selbst wenn die Mutter eine Alkoholikerin war, dokumentieren die Mitarbeiter der Jugendämter kaum deren Trinkgewohnheiten", kritisiert der Kinderarzt. "Die haben kein Interesse an der Diagnose, weil sie die Kinder dann möglicherweise nicht mehr vermitteln können."
Ähnlich sieht es der HNO-Arzt Volker Baschek, der in seiner Gelsenkirchener Praxis alkoholgeschädigte Kinder mit Hörschäden untersucht. "Die Jugendämter sind gar nicht über das Krankheitsbild informiert", sagt Baschek. Man könne sich nicht des Eindrucks erwehren, erregte der Doktor sich unlängst im "Deutschen Ärzteblatt", "der Staat und die Jugendämter versuchen ohne Berücksichtigung der möglichen gravierenden Folgen, das Risiko auf Adoptionsfamilien abzuwälzen".
Enttäuschte Eltern haben inzwischen bundesweit Selbsthilfegruppen gegründet und klagen über ihr Leid. Eine 47 Jahre alte Mutter aus dem Raum Soest etwa würde die Adoption ihres inzwischen wegen Körperverletzung und Vandalismus aktenkundigen Sohnes, 16, am liebsten rückgängig machen: "Wir wollten ein gesundes Kind, jetzt haben wir ein alkoholgeschädigtes Kind, mit dem wir nicht fertig werden." Derzeit liegt sie im Streit mit den Behörden: Wer bezahlt für den Sohn, der in einem speziellen Heim verwahrt werden muss?
130 Kilometer nördlich von Soest, im beschaulichen Bünde, findet der Maschinenschlosser Peter Schubert ebenfalls deutliche Worte. Zusätzlich zu zwei leiblichen Kindern nahmen seine Frau Marlene und er im August 1993 ein Baby zur Pflege, das sie für gesund hielten. Doch der Junge mit den kleinen graugrünen Augen versagte in Kindergarten und Schule und mischte seine Familie 13 Jahre lang auf.
Mittlerweile ist bei dem renitenten Pflegesohn ein vorgeburtlicher Alkoholschaden diagnostiziert; doch als er als Säugling zu den Schuberts kam, hätten die Mitarbeiter des Jugendamts die bereits bekannte Alkoholsucht der leiblichen Mutter als unerheblich abgetan: Mit Liebe könne man viel wiedergutmachen.
Jetzt ist der Spross 16 Jahre alt, kann dem Vater zufolge gerade mal von eins bis 20 zählen und wurde, nachdem er eine Betreuerin beinahe zu Tode gewürgt hätte, in einem Heim mit ständiger Rufbereitschaft aufgenommen. Rückblickend sagt Schubert: "So ein Kind hätte niemals in einer normalen Pflegefamilie untergebracht werden dürfen."
Zumindest der Landschaftsverband Westfalen-Lippe müht sich neuerdings um Abhilfe und versucht, alkoholgeschädigte Babys in spezielle Pflegefamilien zu geben, die im Umgang mit besonders bedürftigen Zöglingen geschult werden. Andere Jugendämter dagegen streiten das Syndrom ab - und unterstellen den Ersatzeltern sogar, sie redeten ihre Schutzbefohlenen bloß krank. Wie Lügenbaron Münchhausen erfänden sie die Symptome ihrer Kinder, um sich selbst zu erhöhen.
So geht es etwa aus einem Brief hervor, den eine Mitarbeiterin des Fachamts Jugend- und Familienhilfe des Bezirksamts Hamburg-Eimsbüttel im Mai über die Familie Rosenke und ihre alkoholgeschädigte Pflegetochter geschrieben hat: Aus dem Verhalten der Pflegeeltern ergebe sich "der Verdacht auf ein Münchhausen-by-proxy-Syndrom".
Die Ferndiagnose aus dem Jugendamt erscheint gewagt. Die Verfasserin des Briefs unterstellt mal eben ein psychiatrisches Syndrom, dessen Existenz medizinisch umstritten ist - und ignoriert ein Leiden, dessen Folgen unstrittig und eigentlich nicht zu übersehen sind.
Die Berlinerin Nicole Graf, 41, hat im eigenen Leib erfahren, was Alkohol einem ungeborenen Kind zufügen kann. Bis vor fünf Jahren hat die Frau immer wieder und zeitweise ausschweifend getrunken und in dieser Zeit zwei Söhne geboren: Patrick hat einen IQ von 85, er besuchte die Sonderschule; Leonard hat einen IQ von 111 und soll aufs Gymnasium kommen.
Obgleich die Söhne von verschiedenen Vätern stammen, gibt sich Graf, die jetzt trocken ist und aus ihrer Geschichte kein Hehl macht, keinen Illusionen hin, wo die Unterschiede herkommen: "Ein Teil von Patricks Defiziten rührt daher, dass ich während seiner Schwangerschaft wesentlich mehr getrunken habe als bei Leonard."
Patrick versucht gegenwärtig, eine Ausbildung als Teilfacharbeiter im Gartenbau zu schaffen. Er ist sich seiner Einschränkungen und Defizite bewusst und hat den Grund dafür von der Mutter erzählt bekommen. Aber er ist geistig nicht in der Lage, ihr das zum Vorwurf zu machen - die Räusche vor seiner Geburt waren einfach zu stark. JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 37/2009
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