07.09.2009

Blüten des Wahnsinns

Von Jenny, Urs

Ein wie sanfter, wie bewegend zärtlicher Kinoerzähler er sein kann, wenn er nur will, führt der gefürchtete dänische Grobian Lars von Trier im Prolog zu seinem neuen Film "Antichrist" vor: Ein schwarzweißes Stück Stummfilm in extremer Zeitlupe, die das Geschehen in träumerische Trance versetzt, zeigt - von der schmerzlich süßen Klage-Arie aus Händels "Rinaldo" untermalt - die "Urszene", wie Freud sie sich vorgestellt hat.

Ein kleiner Junge, der schlaftrunken aus seinem Bettchen gestiegen ist, erblickt durch die offene Badezimmertür Vater und Mutter in wilder Umarmung. Er flieht, er klettert auf seinen Tisch, Spielsachen purzeln, und durchs Fenster, das ein Windstoß aufgedrückt hat, tut der Junge den Schritt hinaus in die Winternacht, wo Schneeflocken tanzen. Einen endlosen Moment lang sieht es aus, als würde er nicht in die Tiefe stürzen, sondern fliegen; dann das Entsetzen im Auge der Mutter.

Was dieser märchenhaften Ouvertüre folgt, ist, in vier Kapitel gegliedert, ein Exerzitium des Schmerzes, streng und düster erzählt. Der Sturz der Eltern in Ohnmacht, Untröstlichkeit, Verzweiflung, ihr Kampf gegeneinander bis in die tiefsten Tiefen der Selbstzerfleischung: Dafür ist Trauerarbeit kein Wort. Nie hat sich ein Kinofilm so ausschließlich, so obsessiv und so klaustrophobisch der zerfetzenden Qual einer Unglückspaarbeziehung bemächtigt. Lars von Trier gibt keine Ruhe und kein Pardon, bis die ekstatische Umarmung des Prologs ihr Gegenbild gefunden hat: zwei panisch ineinander verkrallte Körper, zwei hassverzerrte Fratzen, zwei erschöpfte, leblose Märtyrer des Geschlechterkriegs.

Lars von Triers letzte Filme gaben sich durch die gewollt theaterhafte Konstruktion und Stilisierung nüchterner und rationaler, als sie wohl tatsächlich waren. Auch "Antichrist" geht von einer sehr absichtlichen und schematischen Versuchsanordnung aus: Der Mann ist Psychotherapeut und beschließt, gegen alle Regeln des Metiers, seine Frau selbst zu behandeln. Indem er sie mit ihren Urängsten konfrontiert, will er sie aus ihrer Depression erlösen. In der Frau jedoch, die sich als Historikerin mit Formen der Gewalt gegen Frauen und besonders mit Hexenverfolgungen befasst hat, wächst der Widerstand gegen die therapeutische Bevormundung durch den Mann.

Aus solchen Vorgaben hätte sich, in anderen Händen, ein unerträglich redliches Psychopalaverstück entwickeln können; Lars von Trier aber hält sich nicht mit Diskursen auf, er zielt auf Lebendige, er schneidet sich, wenn er Blut sehen will, auch ins eigene Fleisch. Ein bekennendes Opfer auffälliger Phobien und Obsessionen war er schon immer, und als 50-Jährigen hat ihn, nach dem Scheitern seines Bayreuther "Ring"-Projekts, eine schwere Depression hinterrücks in seiner umtriebigen Karriere zu Fall gebracht.

Der Regisseur vergleicht seine Erfahrung selbstbewusst mit dem psychischen Zusammenbruch August Strindbergs in der sogenannten "Inferno"-Krise. Das Schreiben des Drehbuchs zu "Antichrist" war, so sagt er, ein erster Versuch, nach der Krise wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Lars von Trier hat dieses Drehbuch mit den Ängsten und Alpträumen der eigenen Kindheit gefüttert, mit den wildesten Blüten des Wahnsinns, aus dem seine Kunst lebt. Kein anderer Filmemacher seines Ranges setzt Film um Film so ungeschützt, so kamikazemäßig alles aufs Spiel für seine Vision. Wenn es sein müsste, würde er sich selbst kreuzigen.

Aber was wäre aus diesem Drehbuch geworden ohne Charlotte Gainsbourg, die scharfe Kleine mit dem Körper eines ewigen Kindes, und ohne Willem Dafoe, den sehnigen Knochenmann, der für Scorsese den Jesus gespielt hat? Die beiden schlagen sich für Triers Sache mit einer realistischen Kraft und Inbrunst, die gängige Schauspielerei weit hinter sich lässt. Durch ihre Schonungslosigkeit ist "Antichrist" ein Film geworden, der unter die Haut geht, in den Magen und an die Nieren - um von Herzklopfen nicht zu reden.

Doch es ist kein realistischer Film. Der heimlichunheimliche Schauplatz, an den die beiden sich zu dieser Schockkur zurückgezogen haben - eine sehr karge und sehr einsame Hütte in einem sehr finsteren Wald -, entwickelt seine eigene Dynamik. Beim grellsten Schmerzensschrei der Frau springt Trier, ganz kurz, in dem Wald auf die Großaufnahme eines Rehs, das die Ohren spitzt.

Der große dunkle Wald ist von jeher der exempla- rische Angstort aller Märchen; er drängt sich in die Filmgegenwart aus einer Zeit, als man die Natur noch gefürchtet hat; der Wald, sagt die hexenkundige Frau, sei "die Kirche Satans".

Selbst Trier erfindet sich als Erzählrahmen ein Märchen von drei Bettlern namens Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Im Prolog sind die drei als Spielfiguren auf dem Tisch des kleinen Jungen zu sehen, dann als Sternbild, und später im Wald tauchen sie als Tiere verkörpert wieder auf, als Reh, als Rabe und, besonders erschreckend, als sich selbst zerfleischender Fuchs, der den Rachen aufreißt und ruft: "Chaos regiert!"

Dieser rätselvolle, von Untröstlichkeit schwere Film mit dem Nietzsche-Titel ist dem Gedenken des letzten großen Kino-Gottsuchers Andrej Tarkowski gewidmet, und er hat einen seltsam hellen, strahlenden, geradezu auferstehungssüchtigen Epilog. Aber der sieht nicht aus, als würde Trier daran glauben. URS JENNY

Filmkritik: Lars von Triers Psychodrama "Antichrist"


DER SPIEGEL 37/2009
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