14.09.2009

RHEINLAND-PFALZMächtiger Wumms

Fragwürdige Transaktionen im Zusammenhang mit einem millionenteuren Freizeitzentrum am Nürburgring belasten die Landesregierung von Kurt Beck.
Die Druckwelle donnerte kilometerweit durch die Eifel. "Bei uns im Dorf schepperte das Geschirr in den Vitrinen", berichtet Reinhold Schüssler. Selbst in entfernten Tälern sei der Knall "noch laut zu hören" gewesen.
Der Ortsbürgermeister von Nürburg konnte an jenem 3. September unfreiwillig miterleben, wie sich das pneumatische Startkatapult einer gewagten Achterbahnkonstruktion mit einem mächtigen Wumms zerlegte. Und wie sich damit zugleich die Hoffnung der rheinland-pfälzischen Landesregierung in Luft auflöste, den Strom der schlechten Nachrichten vom Nürburgring endlich zu unterbrechen.
Allein die offizielle Bilanz des Unglücks ist unerfreulich: sieben verletzte Arbeiter, eine Reihe zerstörter Fenster und eine Achterbahn, die mindestens bis Ende des Jahres nicht in Gang kommen wird. Für Kurt Beck scheint die überdimensionierte "Erlebniswelt" der weitgehend landeseigenen Nürburgring GmbH ihrem Namen mehr und mehr gerecht zu werden. Es sind Erlebnisse und Welten, auf die der Mainzer Ministerpräsident indes gern verzichten würde. Zumal neue Unterlagen belegen, dass seine Landesgesellschaft länger in dubiose Geldtransfers verstrickt war, als die Beck-Regierung bisher zugegeben hat.
Nicht einmal die Einweihungsparty im Juli war vergnüglich für Beck. Sie musste zwischen Bauzäunen und Baggern stattfinden, weil die riesige Anlage mit Hotels, Kneipendorf und Vergnügungspark nicht fertig war. Und selbst Ehrengast Michael Schumacher konnte nicht verhindern, dass die "schnellste Achterbahn der Welt" allenfalls Gokart-Geschwindigkeit erreichte. Kurz nach der Premieren-Schleichfahrt wurde die Bahn nach einer ersten Katapult-Panne schon wieder stillgelegt.
Den nächsten Schaden hatte Beck zu beklagen, als das Projekt seinen Vertrauten Ingolf Deubel aus dem Kabinett katapultierte. Der Finanzminister hatte sich als Aufsichtsratschef der Nürburgring GmbH in einem Geflecht aus falschen Versprechungen und unklaren Geschäftsmodellen verstrickt und musste zurücktreten.
Schon im Frühjahr war bekanntgeworden, dass Pinebeck, eine Immobilien- und Finanzvermittlungsfirma mit Briefkastenadresse im hessischen Usingen, bis Ende 2008 allein für die erfolglose Suche nach Investoren etwa 700 000 Euro kassiert hat (SPIEGEL 11/2009). Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt inzwischen gegen zwei Pinebeck-Geschäftsführer und einen Schweizer Kreditvermittler wegen Betruges. Sie sollen sechsstellige Summen kassiert haben, ohne entsprechende Gegenleistung zu bieten - was sie bestreiten.
Deubel hatte im Frühjahr beteuert, Pinebeck arbeite inzwischen "honorarfrei" und erhalte nur noch dann Geld, wenn das Geschäft abgeschlossen werde. Tatsächlich flossen aber zwischen dem 30. April und dem 15. Juni drei weitere Zahlungen über insgesamt 300 000 Euro von der Nürburgring GmbH an die Vermittler. Pinebeck-Geschäftsführer Michael Merten bestätigt die Zahlungen. Er habe schließlich "Auslagen" gehabt und müsse zudem ja "von irgendwas leben".
Auch die Kosten des Großprojekts, das anfangs 215 Millionen Euro kosten sollte, steigen nach wie vor. Daraus sind inzwischen offiziell 300 Millionen Euro geworden. Intern rechnen Fachleute der Mainzer Landesregierung jedoch schon mit bis zu 320 Millionen Euro.
Anders als ursprünglich geplant, stammt das Geld fast komplett aus öffentlichen Kassen. Die Düsseldorfer Firma Mediinvest, von der Nürburgring GmbH als "Projektentwickler" ins Boot geholt, erhielt seit Mai 2008 mehr als 85 Millionen Euro von der rheinland-pfälzischen Förderbank RIM. So sollte offenbar der Eindruck erweckt werden, das Projekt stoße auch bei privaten Investoren auf Interesse.
Wenn es ums Geldausgeben ging, wollte sich die Nürburgring GmbH nur ungern übertreffen lassen. So soll sich der alternde Tennisstar Boris Becker für acht Kurzauftritte als "Nürburgring-Botschafter" ein Netto-Honorar von 450 000 Euro gesichert haben. Weder das Landesunternehmen noch Becker wollen dazu Stellung nehmen.
Auf der Einnahmenseite sieht es dagegen trist aus. In der Woche verirren sich die wenigen Besucher in den langen Gängen der "Erlebniswelt". Am Montag voriger Woche saß ein einsamer Gast im neuen "4-D-Kino", das für mehrere hundert Menschen ausgelegt ist. Becks Wirtschaftsminister Hendrik Hering, seit Deubels Abgang für die Nürburgring GmbH zuständig, schätzt den Umsatzausfall in diesem Jahr gegenüber den ursprünglichen Planungen bereits jetzt auf 600 000 Euro.
Auch als Infrastrukturmaßnahme scheine Becks Prestigeobjekt ein riesiger Flop zu werden, warnt der CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Licht. Gastronomen und Pensionswirte klagen, die Hotels und Kneipen der "Erlebniswelt" am Nürburgring machten den angestammten Betrieben im Umland die Kundschaft abspenstig. "Beck hat die Region über den Tisch gezogen", sagt Christdemokrat Licht.
MATTHIAS BARTSCH
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 38/2009
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