14.09.2009

INTELLEKTUELLEGedichte für Steinmeier

Seit Günter Grass gilt: Schriftsteller mit Herz und Verstand engagieren sich in Wahlkämpfen für die SPD. Warum eigentlich?
Zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Wahlkampfs, ja, zu seinen offenkundig unveränderlichen Wesensmerkmalen gehört der Schulterschluss zwischen sogenannter Intelligenz und dem jeweiligen Kandidaten der SPD. Seit Günter Grass 1965 das "Loblied auf Willy" anstimmte und dann das "Wahlkontor deutscher Schriftsteller" ins Leben rief, gehört es zum Selbstverständnis deutscher Kulturschaffender, rechtzeitig vor dem Wahltag mit Aufrufen und Herzenserklärungen aus dem Dunkel ihrer Schreibstuben zu treten und ihr "Engagement" unter Beweis zu stellen, wie diese Übung unter den Beteiligten heißt.
Dieses Jahr sind es die Schriftsteller Sten Nadolny und Tilman Spengler, die den Kreis der Lobredner anführen, nach eigenem Bekenntnis aus aufrichtigem Entzücken über die Beredsamkeit und zugleich duldsame Zuhörbefähigung des SPD-Spitzenmannes. In einem Blog, den die beiden ins Leben gerufen haben, spinnen sie schon einmal die ersten 100 Tage eines Kanzlers Steinmeier aus. Erste utopische Großtat nach dem 27. September: "Abschaffung aller militärischen Zeremonien beim Empfang ausländischer Staatsgäste".
Der Bühnenautor Moritz Rinke und die Schriftstellerin Julia Franck haben sich mit der Initiative "Steinmeier wird Kanzler" in die Öffentlichkeit gewagt, wo sie in kurzen Testimonials von schönen Begegnungen mit
dem Noch-Außenminister berichten. Man konnte dabei zum Beispiel erfahren, dass Frau Franck schon deshalb von einer Kanzlerschaft Steinmeiers nur das Beste erwartet, weil der Sozialdemokrat Gedichte mag; das schließt sie jedenfalls aus der Tatsache, dass er sich von ihr einen Gedichtband hat schenken lassen. Es ist verblüffend, mit welchem Elan sich Kulturleute auch den Machtmenschen nach dem eigenen Bilde malen, also sensibel, feingeistig und enorm kulturinteressiert, als gälte es, ab Herbst eine Kunsthalle zu führen und nicht die viertgrößte Industrienation der Welt.
Keine Frage, Schriftsteller haben wie jedermann ein gutes Recht, sich politisch zu betätigen, selbst wenn die eher naiv vorgetragene Parteinahme bei Leuten, die sich ansonsten auf ihre Unbestechlichkeit und kritische Weltbeobachtung so viel zugutehalten, naturgemäß etwas kurios wirkt. Lassen wir für einen Moment auch die auffällige Einseitigkeit des Engagements außer Acht, derzufolge es offenkundig als völlig ausgeschlossen zu gelten hat, dass man als Intellektueller, und sei es ausnahmsweise, Gefallen an einem Konservativen finden könnte.
Man darf allerdings in aller Unschuld fragen, was die braven Kulturmenschen bewegt, sich jedes Mal aufs Neue in den Wahlkampf zu werfen. Ist es der Glaube an die zwingende Macht des poetischen Wortes, die Hoffnung auf ein zu erneuerndes, zartes Band zu den werktätigen Massen oder einfach die tiefe Liebe zur deutschen Sozialdemokratie?
Aufschlussreich mag in diesem Zusammenhang ein Rückblick auf Günter Grass sein, der den Einsatz für die linke Sache unter Intellektuellen zur Frage des guten Tons machte und seine moralische Sonderstellung aus der scheinbaren Selbstlosigkeit des Engagements bezog.
Ein hilfreiches Zeitdokument sind dabei die Erinnerungen des Publizisten Klaus Harpprecht an seine Zeit im Kanzleramt, in denen gleich an mehreren Stellen von dem berühmten Literaten die Rede ist beziehungsweise seinen Vorstellungen einer herausgehobenen politischen Rolle.
So lässt sich bei Harpprecht nachlesen, wie eine kleine Runde nach dem Wahlsieg 1972 mit Willy Brandt die Einrichtung einer Nationalstiftung erörterte, dabei auch eine Position für Grass, der für seinen Wahleinsatz eine offizielle Anerkennung erwartete. Brandt stand der Idee deutlich skeptisch gegenüber, Grass verrenne sich "immer wieder in die Illusion, dass er die Wähler unmittelbarer repräsentiere als die Partei", heißt es in Harpprechts Aufzeichnungen mit kühlem Blick auf die schon damals hochausgebildete Selbstwertschätzung des späteren Nobelpreisträgers.
Notiz vom 9. März 1973: "BK (Bundeskanzler) ist auch nicht ganz sicher, ob G. G. nicht eine seiner absurden Ideen einbringen werde, wie damals beim Mauerbau, als er vorschlug, man solle alle Zigeuner Europas nach Berlin rufen, weil die Zigeuner bekanntlich jede Grenze durchlässig machten." Als Harpprecht den Dichter wenig später in seinem Haus in Norddeutschland aufsuchte, konstatierte er bei Grass eine "gewisse Bitterkeit", dass man ihn in Bonn nicht so zu benötigen schien, wie er sich gedacht hatte, dass man ihn benötigen würde.
"Er scheint darauf gewartet zu haben (und noch darauf zu warten), dass man ihm ein konkretes Arbeitsangebot macht", heißt es in einem anschließenden Gesprächsvermerk an Brandt: "Es bedrückt ihn, dass er den Bundeskanzler so wenig sieht. Mit Ein-Stunden-Terminen dann und wann will er sich nicht begnügen."
Immerhin: Anders als viele seiner jüngeren Kollegen, die sich gleich wieder in die Büsche schlagen, wenn sich die Hoffnungen auf eine sozialdemokratische Regentschaft nicht erfüllen, ist auf Grass bis heute Verlass, allen Enttäuschungen zum Trotz. Seit vergangener Woche tourt er auf Lesereise durch ostdeutsche Lande, wo er zusammen mit SPD-Politikern und Schriftstellern wie Steffen Kopetzky oder Michael Kumpfmüller auftritt. Grass gehört einer Generation an, für die Treue noch ein Begriff der Ehre ist, damals wie heute.
JAN FLEISCHHAUER
* Links: mit Kanzlerkandidat Willy Brandt, 1969; rechts: mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, 2009.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 38/2009
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