14.09.2009

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEVöllig losgelöst

Wie zwei Amerikaner ihre Ehe auf dem Kopf stehend schlossen
Die Boeing 727 fliegt siebentausend Meter über Florida, als sie die Gurte lösen, ihre Schuhe ausziehen und in einen Raum gehen, der mit Gymnastikmatten gepolstert ist. Die letzten Schritte gehen sie auf Socken, die Braut trägt Weiß, der Bräutigam Schwarz.
Erin Finnegan und Noah Fulmor, seit sieben Jahren ein Paar, wollen heiraten, so leicht, wie es nur geht. Auf so vielen Hochzeiten, sagen sie, hätten sie etwas Schweres gespürt, einen merkwürdigen Druck, auf Brautpaaren und Gästen.
Erin trägt ein Designerkleid, Noah hat sich einen Smoking schneidern lassen, würdig und erwachsen sehen sie aus, aber eigentlich sind sie zwei Kinder, die träumen. Sie wollten nie eine normale Hochzeit. Wer findet eine normale Hochzeit noch aufregend? Jawort, Torte, Sekt? In China gibt es jetzt Paare, die bei ihrer Hochzeit Krieg spielen wollen. Erin und Noah wollen Weltall spielen.
Einen gepolsterten Raum in einer umgebauten Boeing 727 zu mieten, die eine halbe Stunde lang Achterbahnkurven fliegt, kostet etwa 45 000 Euro. Man kann viele sinnvolle Dinge tun mit 45 000 Euro, man kann sich aber auch "Parabelflüge" dafür kaufen, wie es in der Fachsprache heißt. Das Flugzeug steigt schnell und steil von sieben- auf zehntausend Meter, stürzt schnell und steil wieder auf siebentausend herab, 15-mal hintereinander, an der Spitze jeder Parabel verliert alles im Flugzeug sein Gewicht.
15-mal für jeweils etwa 30 Sekunden, macht siebeneinhalb Minuten Schwerelosigkeit, wenn man Glück hat acht. Macht 6000 Euro pro Minute, aber wer so rechnet, glauben die beiden, kennt keine großen Träume.
Erins Mutter sammelte vor langer Zeit Unterschriften, als die Serie "Raumschiff Enterprise" in den USA im Fernsehen beendet werden sollte. Noahs Eltern waren ein paar Stunden vor seiner Geburt noch im Kino, "Krieg der Sterne". Weltraumzentren, Weltraumausstellungen, Weltraumferienlager, so verbrachte Erin ihre Sommer, und Noah las Science-Fiction-Bücher.
Irgendwann zogen beide nach New York, Erin studierte Kunst, Noah Film. An ihren Universitäten meldeten sie sich beim Science-Fiction-Club an, so lernten sie sich kennen.
Nach dem Studium fing Erin an, Animationsfilme zu produzieren. Noah nahm einen Job in einer Anwaltskanzlei an. Nichts Aufregendes, aber er hatte pünktlich Feierabend, hatte Geld und Zeit für seine Träume und für die von Erin, sagt er.
Im Januar vor einem Jahr hielt Noah um Erins Hand an, er schenkte ihr einen Hochzeitsring aus dem 15. Jahrhundert.
Fünf Tage vor dem großen Tag fliegen sie nach Orlando, sie brauchen eine Heiratserlaubnis für Florida, wohnen bei Freunden, um Geld zu sparen. Am Hochzeitstag stehen sie um drei auf, um halb fünf lässt Erin sich die Haare hochstecken, ihre Locken müssen am Kopf liegen wie Blätter an der Artischocke, wegen der Schwerelosigkeit. Kurz nach acht sind sie am Flughafen. Sie treffen vier weitere Science-Fiction-Fans, Erins Familie, den Kameramann, die Fotografen und den Mann, der sie trauen wird, Richard Garriott.
Garriott wollte Astronaut werden, das ging nicht, weil seine Augen nicht gut genug waren; er verdiente mit Fantasy-Computerspielen Millionen und flog als Tourist ins All. Garriott ist der perfekte Standesbeamte für Erin und Noah, der König der Träumer.
Das Hochzeitsmahl besteht aus Muffins, Brot, Kuchen, wer Kohlenhydrate isst, dem wird nicht so schnell schlecht. Erin zieht ihr Kleid an, in Japan für Weltraumhochzeiten entworfen, es hat eine eingearbeitete Hose und Schichten, die schweben sollen. Noah bittet einen Mitarbeiter der Fluggesellschaft, ihm seine Fliege zu binden.
Nach 20 Minuten ist das Flugzeug auf siebentausend Metern, sie hüpfen auf den Gymnastikmatten umher.
In der vierten Parabel sagt Garriott: "Wir haben uns heute hier in Schwerelosigkeit versammelt, um die Hochzeit von Noah und Erin zu bezeugen." Erins Kleid sieht aus wie eine Blume, deren Blütenblätter im Wind flattern, ihre Frisur hält, sie lacht die ganze Zeit. Sie fühlt sich, als hätte sie eine Glückspille geschluckt.
In der fünften Parabel sagt Noah: "Ich will." Schwerelos sein, wird er später sagen, fühlte sich an wie Verliebtsein. Dieselbe Euphorie.
In der sechsten Parabel sagt Erin: "Ich will." In der siebten und achten tauschen sie Ringe, in denen Meteoritenteilchen stecken, Kurve neun und zehn: Garriott erklärt sie zu Mann und Frau, elf: Hochzeitsfoto, zwölf: Kuss, dreizehn, vierzehn, fünfzehn: Erin wirft ihren Brautstrauß. Dann küssen sie sich mit den Füßen nach oben.
Nach der Landung gibt es Torte, Erdbeeren in Schokolade und Champagner, dann fährt Erins Bruder das Ehepaar nach Disney World.
Wer kann schon sagen, dass er seine Frau kopfunter in der Luft geküsst hat?, fragt Noah ein paar Tage später. Erins Weltraumhochzeitskleid hängt in einer Plastikfolie über der Tür in ihrer winzigen Wohnung, sie haben mehr als 20 000 Euro Schulden, sie versuchen jetzt, ihr Hochzeitsvideo zu verkaufen.
Sie haben sich in ihrer Ehe einmal ganz leicht gefühlt. Es war ein guter Anfang, sagt Noah. WIEBKE HOLLERSEN
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 38/2009
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