14.09.2009

TitelDer Erreger lebt weiter

Ein Jahr nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers streiten die Regierungen der Welt über die richtigen Lehren aus der Krise. Doch je mehr sich die Wirtschaft erholt, desto mehr erlahmt der Wille zu tiefgreifenden Reformen. Viele Banker machen schon wieder weiter wie zuvor.
An der Wall Street geht alles schneller. Das Gewinnen, das Verlieren und auch das Vergessen.
An der Seventh Avenue in New York, zwischen der 49. und 50. Straße, deutet heute nichts mehr darauf hin, dass hier bis vor einem Jahr die Investmentbank Lehman Brothers ihre Geschäfte betrieb.
Das digitale Laufband, das die Hausfassade noch immer umschlungen hält, wurde umprogrammiert, von Vergangenheit auf Zukunft, von grün auf blau, von Lehman Brothers auf Barclays Capital, wie der neue Eigentümer heißt. Die Finanzwelt hasst Verlierer.
158 Jahre lang hatte das von drei deutschen Auswanderern gegründete Geldhaus existiert. Es überlebte den amerikanischen Bürgerkrieg, zwei Weltkriege, die Große Depression und den Terroranschlag vom 11. September 2001.
Die Bank war von klein auf groß emporgeschossen und dann in wilden Schüben von groß auf zu groß. In der Nacht von Sonntag auf Montag, den 15. September, brach das Traditionshaus zusammen.
Zum Schluss fanden sich in den Büchern mehr Risiken als Vermögenswerte. Die Gier der Banker war größer als ihr Verstand. Die branchenübliche Mischung aus Brillanz und Arroganz, aus Ehrgeiz und Größenwahn erwies sich als tödlich.
Investmentbanker sind bekannt für ihre verrückten Ideen. So glaubten die Mitarbeiter bis zum Schluss an das Unmögliche, weshalb sie in jener dramatischen Nacht George Walker bestürmten, den Präsidenten im Weißen Haus anzurufen.
Walker ist nicht nur ein Lehman-Veteran, damals Chef der Vermögensverwaltung, sondern vor allem der Cousin von Präsident George W. Bush. "Du musst ihm klarmachen, was passiert, wenn sechs Billionen Dollar in CDS, 30 Milliarden an Hebelkrediten, 40 bis 60 Milliarden an Hypothekenpapieren auf Wohnimmobilien und noch mal 30 bis 40 in Papieren auf Gewerbeimmobilien mit einem Schlag in die Luft fliegen", beschwor ihn ein Kollege.
Walker griff zum Hörer. Er rief im Weißen Haus an und sagte: Ich muss den Präsidenten sprechen, ich bin sein Cousin.
Die Telefonistin bat um Geduld, der Cousin und seine Kollegen fieberten am anderen Ende der Leitung. Die Telefonistin meldete sich schließlich zurück. Sie klang freundlich. Der Präsident sei im Moment nicht zu sprechen, sagte sie.
Damit war auch die letzte verrückte Idee von Lehman Brothers gescheitert. Aus einer Immobilienkrise wurde über Nacht ein Weltfinanzbeben.
Der Tod einer Investmentbank galt bis zu jener Morgenstunde des 15. September 2008 als undenkbar. Götter sterben nicht.
So wirkte die Pleite von Lehman Brothers für alle im Finanzdistrikt wie ein Schock. Die Herren des Geldes erstarrten, der Geldfluss geriet ins Stocken. Im Zentrum der Weltfinanz begann ein Herzflimmern, das die Beteiligten allein nicht mehr unter Kontrolle bringen konnten. Die Gier hatte sich in Angst verwandelt. Den eben noch Leichtsinnigen zitterten plötzlich die Hände.
Es zeigte sich, dass die Mächtigen der Finanzwelt die Risiken, die sich aufgetürmt hatten, nicht tragen konnten. Es zeigte sich vor allem, dass sie keine realistische Einschätzung dieser Risiken besaßen.
"Bear Stearns' Bilanz, Liquidität und Kapitallage sind weiterhin stark", sagte Alan Schwartz, der Vorstandschef der Bank, 2008, anderslautende Gerüchte seien "absolut lachhaft", versicherte auch Bear-Stearns-Aufsichtsrat Alan Greenberg.
Rund eine Woche später musste die Investmentbank mit Hilfe üppiger Staatshilfen an den Konkurrenten JPMorgan Chase verkauft werden.
Es gebe keine systemischen Risiken im Weltfinanzsystem, sagte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zuletzt im Sommer 2008. Wenig später implodierte Lehman.
Selbst der Chef von Lehman Brothers spürte offenbar bis zuletzt nicht den inneren Druckabfall in seinem Unternehmen. Noch gut eine Woche vor der Pleite lehnte er den Einstieg einer koreanischen Bank ab - das Angebot schien ihm zu niedrig.
Ein Jahr ist seit jener dramatischen Nacht im September vergangen, als Lehman Brothers endgültig zusammenbrach. Die Beteiligten haben Geschichte geschrieben - und zwar das düsterste Kapitel der Wirtschaftsgeschichte seit der Großen Depression vor 80 Jahren.
Die Welt erlitt seither einen Wohlstandsverlust in Höhe von geschätzten mindestens 15 Billionen Dollar, das entspricht in etwa dem 35fachen des deutschen Bundeshaushalts. Ganze Staaten - vorweg Island, aber auch Ungarn und Lettland - standen vor dem Zusammenbruch. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat notleidenden Ländern mittlerweile doppelt so viel Geld zugesagt wie in der Asien-Krise Mitte der neunziger Jahre.
Die soziale Krise setzte mit Verzögerung ein, dann aber mit umso größerer Unbarmherzigkeit. Weltweit verloren 59 Millionen Beschäftigte ihren Job, allein in den USA waren es bis zu 850 000 pro Monat. Auch in Deutschland wird - wenn nach der Abwrackprämie auch das Kurzarbeitergeld ausläuft - mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit gerechnet.
Die unterlassene Hilfeleistung für Lehman Brothers gilt heute gemeinhin als letzter schwerer Fehler der an Fehlern reichen Ära von George W. Bush. Danach aber wurden Regierung und Notenbank hyperaktiv. Sie verstaatlichten Banken, sie übernahmen wertlose Immobilien, sie pumpten so viel Geld in ihre Volkswirtschaft wie nie zuvor in der Geschichte. Allein in Amerika stellten Notenbank und Regierung bislang zur Rettung der Volkswirtschaft rund elf Billionen Dollar bereit, das entspricht etwa dem Wert aller US-Unternehmensgewinne in diesem Jahrhundert.
Die Schockwellen des Weltfinanzbebens sind auch deshalb in den vergangenen Monaten schwächer geworden. Es grummelt zwar weiter im Innern der Weltwirtschaft. Aber der Zusammenbruch jeglicher Wertschöpfung konnte verhindert werden. Bislang jedenfalls.
Die entscheidenden Fragen aber lassen sich nach den hektischen Monaten des Krisenmanagements noch nicht abschließend beantworten. Welche Lehre hat die Welt aus dem Beinahekollaps der Finanzmärkte gezogen? Ist der Kapitalismus nicht bloß ein störanfälliges, sondern auch ein lernfähiges System?
Die Lehman-Pleite wirkte ja gerade deshalb so schockierend auf das Finanzsystem, weil hier das weiße und nicht das schwarze Schaf der Übeltäter war. Lehman war das Symbol für den Standard, war Regel und nicht Ausnahme im amerikanischen Casino-Kapitalismus.
Deshalb ist die Frage nach den Spielregeln so bedeutsam. Werden sie nicht grundlegend geändert, kann die Welt schon morgen wieder am Abgrund stehen. Ein zweites Beben, eine erneute Druckwelle aus dem Innern der Finanzindustrie würde vieles dahinraffen, womöglich auch den Glauben an die Durchsetzungskraft gewählter Politiker gegenüber mächtigen Wirtschaftsinteressen.
Über die Krisenursachen besteht ein Jahr danach weitgehend Einigkeit: Zu große Banken bekamen zu leicht zu viel Geld, mit dem sie zu sorglos umgingen. Und deshalb wissen die Regierungen auch genau, was zu tun wäre: Die Banken brauchen mehr Eigenkapital, ihre Geschäfte müssen transparent sein, diese dürfen nicht außerhalb der Bilanz in sogenannten Zweckgesellschaften versteckt werden.
Und dann sollen auch noch die Boni der Banker begrenzt und an den langfristigen Erfolg gekoppelt werden. Bisher belohnen sie den kurzfristigen Gewinn und fördern damit ein extrem risikoreiches Verhalten.
Doch wie diese Erkenntnisse in konkrete Vorschriften umgesetzt werden sollen, darüber wird derzeit heftig gerungen. Die Vertreter der 20 wichtigsten Volkswirtschaften suchen nach Kompromissen, bevor sich ihre Regierungschefs in der nächsten Woche im amerikanischen Pittsburgh treffen. Dort wird sich zeigen, wie ernst es den Regierungen mit der Neuordnung der Finanzmärkte tatsächlich ist. Und ob die Eliten in New York und Washington, wo man traditionell von hochbezahlten Bankjobs in Regierungsämter wechseln kann, wirklich mitmachen.
Die Amerikaner haben von jeher eine natürliche Aversion gegen jede Form der Regulierung. Unter ihrem Präsidenten Barack Obama zeigen sie sich in den Verhandlungen jedoch außergewöhnlich kooperativ. Er und sein Finanzminister Timothy Geithner stehen allerdings unter massivem Druck der Wall-Street-Lobby. Und auch die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) unter ihrem Chef Ben Bernanke ist keineswegs begeistert von vielen Regulierungsvorschlägen.
Seit vergangener Woche gibt es noch einen mehr. Da schlug Finanzminister Peer Steinbrück zusammen mit SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier überraschend vor, eine globale Finanzmarktsteuer einzuführen. Damit sollen alle Transaktionen auf den weltweiten Finanzmärkten belegt werden, Devisenumsätze genauso wie der Handel mit Derivaten oder Wertpapieren. Steinbrück erhofft sich daraus weltweite Einnahmen in dreistelliger Milliardenhöhe.
Auf diese Weise sollen nach den Vorstellungen der beiden SPD-Politiker auch Banken, Versicherungen und Fonds einen Beitrag leisten, um die Folgen der internationalen Finanzkrise zu bewältigen. "Die Kosten der Krise dürfen am Ende nicht allein bei kleinen und mittleren Steuerzahlern hängenbleiben", sagte Steinmeier der "Süddeutschen Zeitung", und Steinbrück ergänzte, das "Komasaufen" auf den Finanzmärkten müsse ein Ende haben.
Der Finanzminister kündigte zudem an, sich für diese sogenannte Tobin-Steuer in in Pittsburgh einzusetzen. Das ist insofern überraschend, als dieser Vorschlag in den bisherigen Sitzungen zur Vorbereitung des G-20-Treffens mit keinem Wort erwähnt wurde.
Steinbrück war in der Vergangenheit stets gegen eine solche Steuer. Sie gilt als wachstumsfeindlich, weil sie alle Finanztransaktionen gleichermaßen verteuert - auch solche, die volkswirtschaftlich unverzichtbar und überhaupt nicht spekulativ sind. Außerdem macht die Steuer nur Sinn, wenn sie überall auf der Welt eingeführt wird, weil sonst der komplette Handel mit Finanzprodukten abwandern würde.
Die Chancen für eine Umsetzung sind deshalb gleich null - als Wahlkampfthema könnte der Vorschlag dennoch zünden. Und so ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel prompt erklären, sie werde prüfen, ob die Spekulationssteuer international eine Chance habe.
Für Pittsburgh kommt der Vorschlag aber auf jeden Fall zu spät.
Was dort tatsächlich beschlossen wird, bleibt abzuwarten. Ob die Maßnahmen allerdings ausreichen, erscheint fraglich. Zentrale Ursachen der Krise sind bislang völlig tabu.
Die Geldpolitik beispielsweise spielt in den bisherigen Vorschlägen keine Rolle - obwohl die Überschwemmung der Märkte mit billigem Geld durch die Notenbanken in den vergangenen 15 bis 20 Jahren dazu geführt hat, dass eine Blase nach der anderen entstehen und platzen konnte.
Und auch die Frage, wie man mit Banken umgeht, die so groß sind, dass sie nicht untergehen dürfen, wird erst seit wenigen Wochen diskutiert. Viele Banken sind durch Zusammenschlüsse nach der Lehman-Pleite sogar größer als zuvor - und damit noch systemrelevanter.
Dabei hat es am guten Willen nicht gemangelt - zumindest nicht in den ersten Monaten nach der Lehman-Pleite.
Er wolle mithelfen, dass sich "die womöglich schlimmste Krise in der Geschichte des Finanzkapitalismus" nicht wiederhole, sagte Lord Adair Turner, der Chef der Londoner Börsenaufsicht. Die Wettbewerbsfähigkeit der City sei aus seiner Sicht "kein wichtiges Ziel", jedenfalls nicht wichtiger als die Rettung der Welt.
Selbst Amerika war für einige Momente demütig geworden. Viele der Absolventen der Harvard Business School, einer Kaderschmiede des Kapitalismus, legten öffentlich einen Ethik-Eid ab: Künftig wollten sie dem großen Ganzen dienen, nicht nur ihren eigenen Interessen.
Obama schien der richtige Präsident zur richtigen Zeit. "Der Kapitalismus wird sich ändern", versprach sein Finanzminister Geithner. Wir alle müssen uns ändern, ergänzte der Präsident: "Eine Kultur der Unverantwortlichkeit hat sich entwickelt, die von Wall Street über Washington bis in unser Alltagsleben reicht." Der Präsident entschuldigte sich im Frühjahr beim Finanzgipfel in London vor der Weltöffentlichkeit für Amerikas Fehler.
Bankenaufseher, Zentralbanker und Politiker machten sich in den Folgemonaten an die Arbeit, das Übel bei der Wurzel zu packen. Alle Finanzprodukte in allen Ländern sollten reguliert werden. Es sollte keine blinden Stellen im Finanzsystem mehr geben wie Tochtergesellschaften riesiger Banken auf den winzigen Bahamas. Frühwarnsysteme sollten installiert werden, eine weltweite Börsenaufsicht.
In Europa wünschte man sich gar einen Weltwirtschaftsrat, der, wie im Vorgriff auf die Weltregierung, das Geschehen der globalen Wirtschaft im Auge zu behalten habe.
Russlands Premier Wladimir Putin sprach aus, was auch viele Politiker im Westen denken: "Nicht einzelne Personen haben verantwortungslos gehandelt, sondern das System selbst ist verantwortungslos. Es darf keine Rückkehr zu den alten Zuständen geben."
So sehen es wohl 99 Prozent der Menschheit. Aber das wird nicht reichen, den Finanzkapitalismus zu zähmen. Jetzt müssen grundlegende Reformen umgesetzt werden, und das fällt umso schwerer, je mehr Zeit verstreicht. Vieles spricht dafür, dass die Welt durch die Finanzkrise zwar ärmer, aber nicht unbedingt klüger wurde.
Die Geschäfte im Finanzsektor laufen erneut rund, seit die Regierung für die hohen Risiken bürgt. Es gibt deshalb viele an der Wall Street, die am liebsten weitermachen würden wie bisher. Sie sehen keinen Reformbedarf mehr, schon gar nicht, wenn es um die Höhe der eigenen Bezahlung geht. Bab, rufen sich die Händler in New York augenzwinkernd zu: Bonuses are back!
Die Ampel für eine strenge Bankenregulierung ist von Grün auf Gelb umgesprungen. Der Schwung für einschneidende Maßnahmen ist dahin, fürchten ranghohe IWF-Mitarbeiter, darunter auch ihr Chef Dominique Strauss-Kahn (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 118).
In Pittsburgh wollten Amerikaner und Europäer ihren Bürgern im Jahr eins nach Lehman beweisen, was sie alles gemeinsam hinbekommen. Sie wollten zeigen, dass sie zu Schlussfolgerungen fähig sind, auch wenn sie für die Mächtigen im Finanzgewerbe unbequem sind.
Die Europäer jedenfalls werden mit den besten Absichten und dicken Vorschlagsmappen anreisen. Eifrig arbeiten Notenbankchefs und Finanzminister der europäischen Staaten seit Monaten an deutlich strengeren Regeln für die Weltfinanz.
Auch im Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, in dem mittlerweile 27 Länder vertreten sind, wurden Mitte Juli erstaunlich detaillierte Regeln verabschiedet, die bis Ende des Jahres 2010 in nationales Recht umgewandelt werden könnten. Insbesondere für riskante Finanzprodukte sollen die Banken demnach mehr Eigenkapital vorhalten. So soll die Verbriefung von Immobilienkrediten in unübersichtlichen Paketen, die in der Finanzkrise eine verhängnisvolle Rolle spielte, für die Finanzinstitute deutlich teurer und damit deutlich unattraktiver werden. In dem Ausschuss sitzen Vertreter der Bundesbank und der Bankenaufsicht BaFin. Dort ist man stolz auf die Fortschritte. Vor zwei Jahren, heißt es im Umfeld von Bundesbank-Präsident Axel Weber, wäre vieles davon undenkbar gewesen.
So könnten, wenn das Regulierungswerk Wirklichkeit wird, die Kreditinstitute gezwungen werden, in guten Zeiten Kapitalpolster anzulegen, von denen sie in schlechten Zeiten zehren können, ohne gleich dem Staat zur Last zu fallen.
In diesem Punkt ist auch Deutsche-Bank-Chef Ackermann auf der Seite der Reformer. "Die Bankenindustrie hatte zu wenig Kapital und einen zu hohen Verschuldungsgrad. Wir haben uns fast nackt ausgezogen, da waren kaum noch Reserven vorhanden", sagte er in der vergangenen Woche auf einem Bankenkongress in Frankfurt.
Doch werden die Vereinigten Staaten das mittragen? Den Experten im Berliner Bundesfinanzministerium ist nicht entgangen, dass die Bereitschaft zur Reform im Gleichschritt mit der wirtschaftlichen Erholung abnimmt. Angela Merkel weiß, dass ihre Erfolgsaussichten in Pittsburgh am größten sind, wenn ein vereintes Europa sich gegen die Amerikaner verbündet.
Ihr natürlicher Partner, beispielsweise bei der Begrenzung der Bonuszahlungen, heißt Nicolas Sarkozy. Zusammen mit dem französischen Präsidenten hat die Kanzlerin kurz vor dem G-20-Finanzministertreffen am vorvergangenen Wochenende einen Brief verfasst und auch den britischen Premier Gordon Brown als Unterzeichner gewonnen. Darin fordern sie, die Boni der Banker zu begrenzen.
Brown war bisher der größte Bremser der G-20-Staaten, wenn es um mehr Regulierung ging. Doch im gemeinsamen Brief, der sich formal an die schwedische EU-Ratspräsidentschaft, in Wahrheit aber an die Regierung Obama richtet, sind sich die Deutsche, der Brite und der Franzose einig: Sie verlangen ein Verbot von Garantiebonuszahlungen, mit denen sich die Investmentbanker selbst dann die Konten füllten, wenn sie ihre Banken an den Rand des Ruins spekuliert hatten.
Für Brown, dessen Volkswirtschaft wie kaum eine andere am Tropf der Banken hängt - und in den fetten Jahren davon reichlich profitierte -, sind das eigentlich ketzerische Ideen. Noch als Finanzminister hatte er die Londoner Investmentbanker als moderne Helden gefeiert.
An seiner Ernsthaftigkeit, sich wirklich in Pittsburgh für eine Reform der Bankgehälter einzusetzen, muss gezweifelt werden. Browns Finanzminister Alistair Darling hat bereits erste Bedenken gegen die Forderungen des eigenen Premiers erhoben. Eine "globale Gehaltspolitik" sei nicht umsetzbar, sagte er dem "Independent".
Es ist für die Briten - wie auch für die Amerikaner - nicht leicht, die Finanzarchitektur der Londoner City oder der Wall Street zu reformieren, ohne den Wohlstand zu riskieren, den diese Finanzzentren in besseren Tagen erzeugten. Noch 2008 war der US-Finanzsektor für rund 40 Prozent der amerikanischen Unternehmensgewinne verantwortlich. In der Londoner City werden 70 Prozent aller internationalen Anleihen gehandelt und knapp die Hälfte der Aktien. Im Jahr 2006 beschäftigte der Finanzsektor 6,5 Millionen Briten, sie erwirtschafteten 10,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei zu starker Regulierung, das ist jedenfalls die Befürchtung, könnte ein Teil des Geschäfts nach Shanghai, Hongkong oder sogar Moskau auswandern.
Wer die Reformverweigerer verstehen will, muss Lawrence McDonald sprechen. Der ehemalige leitende Lehman-Mann hat schon einen neuen Job, bei einer Investmentfirma mit schickem Büro direkt an der Madison Avenue.
Er will da weitermachen, wo er aufgehört hat. Aufhören musste! Denn in seiner Welt haben Lehman-Pleite, Bankenkrise und Massenarbeitslosigkeit mit ihm und seinen Kollegen nichts zu tun.
Wenn sie sich zur kleinen Alumnifeier treffen, werden sie Fragen wie diese besprechen: Wer hat ihnen das eingebrockt? Wieso hat man ihren Boss so lange gewähren lassen?
McDonald fragt nicht: Was haben wir getan? Er sagt "der", nicht "ich". Er klingt wie ein Überlebender, nicht wie ein Täter. "Fakt ist doch", sagt er, "acht Leute haben eine Einrichtung ruiniert, in der mehr als 20 000 Mitarbeiter gute Arbeit gemacht und Geld verdient haben."
Der 31. Stock war schuld, der meist unsichtbare Über-Boss, der seinen Fahrer kurz vor Ankunft im Hauptquartier anrufen ließ, damit der Fahrstuhl bereits gerufen und geöffnet werden konnte.
Die Händler hatten doch lange schon gewusst, dass der Immobilienboom auf Sand gebaut war. Spätestens als sie merkten, dass viele der neuen Kunden nicht einmal die erste Rate bedienen konnten, obwohl das Land boomte. Da wussten sie, dass die Vertreter draußen im Lande nur noch armen Schluckern Hypotheken aufschwatzten, die sich auch die günstigen Hauskredite niemals werden leisten können.
Aber haben er und seine Kollegen diese Kredite nicht in Wertpapiere verwandelt, das Risiko so lange gestückelt und neu verpackt, bis das Risiko nicht mehr wie ein Risiko aussah, sondern wie ein Schatzkästchen?
Na gut, sagt McDonald, ein paar mehr als die acht an der Spitze werden es wohl gewesen sein: "Lass es tausend Leute sein, aber es war eine kleine Gruppe."
Er und die meisten seien jeden Abend erschöpft von der Arbeit nach Hause gegangen. Und zu viel verdient hätten sie auch nicht. 500 000 Dollar plus Aktien ist für so einen die Regel. Das ist nicht viel in New York, finden die Banker.
Die Regierung Obama könnte McDonalds Verbündeter werden, wenn auch wider Willen. Der neue Präsident braucht seine Kräfte derzeit im Kampf für eine Gesundheitsreform. Er hat die Pharmalobby gegen sich, die Ärzte, die Republikaner und neuerdings auch eine Mehrheit der Wähler.
Einen zweiten Frontabschnitt in der Innenpolitik kann er sich derzeit nicht leisten. Ein weiterer Gegner mit wirtschaftlicher Durchschlagskraft ist ein Gegner zu viel. Zumal die Wall-Street-Größen einen Großteil seines Wahlkampfs finanziert haben. Und der nächste steht vor der Tür.
Obama versteht die Europäer und ihre Sorgen. Er redet zuweilen wie ein Europäer. Aber die Frage ist, ob er derzeit durchsetzen kann, was sie von ihm verlangen. Wahrscheinlich kann er nicht mal das durchsetzen, was er selbst von sich verlangt.
Er braucht neue Arbeitsplätze, neue Steuereinnahmen, neue Zuversicht, um seiner ins Stocken geratenen Präsidentschaft neuen Schwung zu verleihen. Neue Regeln für die Finanzindustrie sind von der Prioritätenliste des Weißen Hauses nicht verschwunden, aber nach hinten gerutscht.
Obamas Erklärung im Vorfeld des Gipfels klang, als wolle er in Pittsburgh das offizielle Ende der Finanzkrise erklären. Die Industrieproduktion überall in den 20 führenden Industriestaaten habe sich stabilisiert oder wachse sogar. Der Welthandel expandiere. Die Belastungen des Finanzsystems seien deutlich gesunken, die US-Banken würden wieder das nötige Kapital einsammeln. Die heimliche Überschrift der Erklärung, die am vergangenen Dienstag in Washington verteilt wurde, hieß: Entwarnung.
Dabei wurde die Krise bisher nur verlangsamt, nicht gestoppt. Der Krankheitserreger steckt weiter im System. Die staatlichen Hilfsgelder wirken wie Antibiotika. Sie unterdrücken die zerstörerische Wirkung des Erregers. Aber sie heilen nicht.
Die Notenbanker der Federal Reserve in Washington, der Fed, halten daher wenig von den Siegesfanfaren der Politiker. Es bestehe ein "erhebliches Risiko, dass es zu weiteren Kreditausfällen" komme, sagt einer aus dem obersten Führungskreis der Bank im Schutze der Anonymität. Der Chef der Federal Reserve Bank of Atlanta, Dennis Lockhart, mahnt sogar öffentlich zur Zurückhaltung. "Wir sollten darauf verzichten, jetzt schon den Sieg zu erklären."
Die Gefahr ist nicht vorbei, insistiert auch IWF-Chef Strauss-Kahn. Ein Stresstest des IWF, intern "Early Warning Exercise" genannt, hat in einer Computersimulation weitere Bankenpleiten und einen weiteren Wachstumseinbruch unterstellt.
Das Ergebnis fiel schockierend aus. Irland, viele Staaten Osteuropas und auch Großbritannien würden demnach eine zweite Welle im Weltwirtschaftsbeben nicht aus eigener Kraft überstehen. Sie müssten um internationale Hilfe bitten.
Für den ohnehin angeschlagenen Premier Gordon Brown wäre das das unrühmliche Ende seiner Amtszeit. Nun drängen die Briten innerhalb der Führungsgremien des IWF darauf, bei derartigen Stresstests nicht mehr einzelne Länder zu benennen.
Auch die US-Notenbank kennt den Ausgang dieses Tests. Die Experten wissen um die Labilität im Fundament der Finanzwelt. Auch deshalb versucht man den Eindruck zu entkräften, die Welt könne zur Normalität zurückkehren.
Aus der jüngsten Sitzung der amerikanischen Notenbanker drangen, wohl nicht ganz zufällig, alarmierende Sätze nach draußen: Die Volkswirtschaft der USA sei weiterhin durch Schocks verletzbar, hat einer gesagt. Bernanke und die anderen Notenbankgouverneure beschlossen, auf unbestimmte Zeit den Zinssatz bei 0,00 bis 0,25 Prozent zu belassen. Billiges Geld ist das Ersatzblut, falls es wieder zu Kreislauf-Störungen kommt.
Die staatliche Federal Deposit Insurance Corporation hat erklärt, dass sie inzwischen 416 Finanzinstitute, das sind 111 mehr als im Vorquartal, als "Problembanken" einschätze. Diese Zahl ist die höchste seit 15 Jahren, als in Amerika schon einmal eine Bankenkrise wütete.
Die bisherige Krisenbekämpfung, das zeigt sich zunehmend, hat enorme Nebenwirkungen. Sie verhinderte zwar den Zusammenbruch der Weltwirtschaft, aber zugleich hat sie neue Gefahren hervorgebracht und bestehende verstärkt. Womöglich wird es im historischen Rückblick heißen: Die Krise des Jahres 2008 wurde dadurch bekämpft, dass man die nächste Krise vorbereitete.
365 Tage nach der Lehman-Pleite ist die Welt noch immer ein gefährlicher Ort. Die Bankbilanzen sind weniger denn je ein Spiegel der Wirklichkeit.
Nach IWF-Berechnungen haben die Banken erst rund ein Drittel der wertlos gewordenen Werte aus den Bilanzen entfernt. Das Kursfeuerwerk an den Börsen beruht damit zum Teil auf Phantasiewerten.
Die Regierung unterstützt die Bilanzretusche. Die Finanzaufseher verzichten derzeit darauf, die gültigen Bilanzierungsregeln zu vollziehen. Vor allem die Auflage, möglichst alle Wertpapiere in der Bilanz mit aktuellen Marktpreisen zu bewerten, wurde stillschweigend suspendiert.
Denn die Preissenkungen durch die Krise führten in den ersten Monaten nach der Lehman-Pleite zu immer weiteren Wertberichtigungen in den Bilanzen, die ihrerseits weitere Verkäufe von Wertpapieren nach sich zogen.
Diese Todesspirale gefährdete immer mehr Banken. Erst als die Bilanzregeln de facto ausgesetzt wurden, entstand eine Art Stabilität - wenn auch eine trügerische.
Zurzeit können die Banken mit Unterstützung der Aufseher so kreativ wie selten zuvor ihre Risiken bilanzieren. "Die Feuerlöscher wirkten wie Brandbeschleuniger", urteilt Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut in Bonn.
Auch das Gewicht der einzelnen Großbanken ist im Zuge der Krise größer, nicht kleiner geworden. Viele Institute sind verschwunden, etliche schlüpften unter das Dach der Branchenriesen.
"Too big to fail", zu groß, um pleitegehen zu können, war vor Ausbruch der Krise ein Problem für die Stabilität der Weltfinanzarchitektur. Das Problem ist seither noch gewachsen. Die Krise hat die Großen größer gemacht.
Der Trend zur Konzentration hält an - ermuntert von der US-Regierung, die eigens Kartellvorschriften für Übernahmen aushebelte, um den Kauf kranker Institute zu ermöglichen.
Die Bank Wells Fargo erwarb das Institut Wachovia, bisher Nummer vier im US-Markt, und verwaltet damit 138 Prozent mehr Aktiva als vor der Krise. Nach der Übernahme von Bear Stearns und Washington Mutual hat JPMorgan Chase seine Bilanzsumme um 39 Prozent erhöht. Die Bank of America verdoppelte diese, indem sie sich Countrywide und Merrill Lynch einverleibte. "Das Oligopol hat sich verfestigt", sagt Mark Zandi, Chefökonom von Moody's Economy.com.
Damit haben die größten Geldhäuser der Welt mehr noch als vor der Krise jene kritische Masse erreicht, bei der es - wie in einem Atommeiler - zu unkontrollierten Kettenreaktionen kommen kann. Bricht eines dieser Geldhäuser zusammen, reißt es nicht nur den Finanzsektor in den Abgrund, sondern die Wirtschaft mehrerer Länder gleich mit. Kein Staat kann es sich leisten, solch einen Riesen stürzen zu lassen. Fed-Chef Bernanke weiß, warum: "Wenn der Elefant fällt, wird auch das Gras zerquetscht."
Werden die größer gewordenen Großen diesmal vorsichtiger sein? Haben sie aus der Krise gelernt?
Sie haben gelernt, aber die falsche Lektion. Der Fall Lehman Brothers wirkt für die Großen im Rückblick weniger erschreckend, fast sogar beruhigend. Einen zweiten Fall Lehman wird es nicht geben. Das wissen sie nun. Der Staat wird keinen mehr fallenlassen. Im Fall der Fälle hat eine große Wall-Street-Bank Zugriff auf die Staatskasse der USA. Voraussetzung ist, dass man als "systemisches Risiko" gilt.
Diese Erkenntnis ist für die Großbanken wie eine Lebensversicherung, zugleich aber auch eine Ermunterung zum Leichtsinn. "Moral hazard" nennen das die Experten, weil sich plötzlich derjenige rational verhält, der hohe Risiken eingeht. Der Gewinn ist immer der Gewinn der Bank. Existenzbedrohende Verluste aber werden von der Staatskasse beglichen. Genau darin bestand die Rettung der Banken in dieser Finanzkrise. Genau darin besteht aber auch das Risiko einer noch größeren Verwerfung.
Bundesbank-Präsident Weber würde die Großen daher gern verpflichten, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Sie wären gegenüber kleineren Banken damit benachteiligt, aber das scheint die einzige Möglichkeit, die Sehnsucht nach Größe im Zaum zu halten.
Der Weber-Vorschlag ist nicht revolutionär, aber vernünftig. Und dennoch stößt er auf massive Widerstände bei manchen Betroffenen. Die Wall Street hat ihre Lobbyisten bereits in Richtung Washington losgeschickt.
Die Einflüster-Industrie dürfte ohnehin als Gewinner aus dem Desaster an der Wall Street hervorgehen. 2008 haben Firmen in den USA 3,3 Milliarden Dollar für Lobbying ausgegeben, mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Besonders gut im Geschäft: Demokraten-nahe Lobbyingfirmen wie die von Tony Podesta, dem Bruder von John Podesta, der für Obama den Übergang ins Weiße Haus managte.
Geld und Politik sind in den USA eng verbandelt. Senator Chris Dodd aus Connecticut, der im Senat den für die Finanzregeln zuständigen Ausschuss leitet, hat allein im vorigen Jahr wieder eine Millionensumme an Wahlkampfzuwendungen eingesammelt - vor allem aus dem Finanz- und Bankensektor, den er nun an die Leine nehmen soll.
Die Beschränkung der Größe einer Bank wäre für die Wall Street genauso schmerzhaft wie das Kappen der Boni. Denn die Vorstandschefs sind auf Wachstum eingestellt. Ihr Ehrgeiz, ihr ganzes Denken und oft eben auch ihre Bezahlung sind auf Wachstum fixiert.
Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat sich in die Abwehr-Koalition gegen eine Größenbeschränkung für Banken eingereiht. "Große Banken sind nützlich für die Wirtschaft und die Unternehmen", schreibt er in einem Kommentar für die "Financial Times". Wie Deutschland, Europa oder die Weltwirtschaft den Ausfall eines großen Spielers verkraften können, schreibt Ackermann nicht.
Es muss zu denken geben, dass gerade die erfahrenen Finanzmarktexperten zu radikaleren Maßnahmen raten. Die Finanzgeschäfte seien über den Rahmen einer "sozial verantwortlichen Größe" hinaus gewachsen, mahnt Lord Adair Turner. Der Vorsitzende der britischen Finanzaufsicht kann sich sogar vorstellen, eine Sondersteuer auf Finanztransaktionen einzuführen. Das war schon immer eine Lieblingsidee von Oskar Lafontaine.
Idealerweise müssten die Großbanken entflochten werden, fordert beispielsweise der ehemalige Chefvolkswirt des IWF, Simon Johnson, der heute am Massachusetts Institute of Technology lehrt. "Alles, was zu groß ist bankrottzugehen", sagt er, "ist zu groß."
Der Hedgefonds-Guru George Soros hält es für nötig, bestimmte Geschäfte schlicht und einfach zu verbieten. Insbesondere die Kreditversicherungen, mit denen man im großen Stil gegen Unternehmen wetten kann, seien "giftig und dürften nur gegen Rezept genehmigt werden".
Obwohl der Markt für diese Kreditversicherungen schrumpft, stecken immer noch 27 Billionen Dollar in diesen hochriskanten Papieren. Die Regulatoren versuchen die Zähmung des Biests. Ob das gelingt, zeigt sich immer erst an dem Tag, an dem der Markt verrücktspielt.
Über eine Bank allerdings, die für das Entstehen der Krise maßgeblich verantwortlich war, wird unter Experten weltweit gesprochen. Diese Bank sitzt in Pittsburgh sogar mit am Tisch der Regierungschefs.
Ohne ihre Rolle ist die Finanzkrise nicht zu verstehen. Diese Bank firmiert nicht an der Wall Street, sondern in Washington. Die Federal Reserve, die amerikanische Notenbank, ist eine der großen und zweifellos mächtigsten Institutionen Amerikas mit zwölf Regionalbanken und mehr als 16 000 Mitarbeitern, nur drei Querstraßen vom Weißen Haus entfernt.
Sie bestimmt die Leitzinsen, macht Vorgaben für das Kreditgeschäft, beaufsichtigt die Banken und stellt sicher, dass das amerikanische Finanzsystem immer zahlungsfähig ist. Viele sehen in ihr den Retter in Zeiten des Weltwirtschaftsbebens, weil sie giftige Vermögenswerte aufkaufte, Banken Geld zur Verfügung stellt und die Zinsen niedrig hält, um Firmen das Investieren zu erleichtern.
Doch die Federal Reserve spielte vor allem bei der Entstehung der Krise die zentrale Rolle. Sie stellte das zusätzliche und vor allem billige Geld zur Verfügung, das die Phantasie der Wall-Street-Banker anregte. Ohne die ständige Ausweitung der Geldmenge des Dollar hätte eine Spekula-
tionswelle wie die im Immobilienmarkt der USA nicht entstehen können.
Damit ihr keiner so genau über die Schulter schaut, wird seit 2006 die Zahl der Geldmenge, unter Experten M3 genannt, geheim gehalten. Unabhängige Institute müssen sie seither mühsam schätzen.
Diese Schätzungen melden einen steilen Anstieg. Seit dem Beschluss zur Geheimhaltung hat sich die Wachstumsrate der Geldmenge zeitweise verdreifacht. Allein im vergangenen Jahr stieg sie um bis zu 17 Prozent. Zum Vergleich: Der Geldumlauf in Europa erhöhte sich im selben Zeitraum um nur sechs Prozent.
Die Fed ist damit in das Geschäft des "money creating" eingestiegen, der wundersamen Geldschöpfung. Dieses Geld landete schließlich im überhitzten Immobilienmarkt der USA. Die Fed hat die Krise, die sie heute bekämpft, mitverursacht.
Im Mittelpunkt der Anklage steht heute Alan Greenspan, der Mann, der die Notenbank über 18 Jahre lang führte. Er wurde der erste Popstar der Ökonomie, ein lebender Mythos, der erste Wirtschaftsfachmann, der es 1975 auf den Titel von "Newsweek" schaffte.
Greenspan wurde das Gesicht einer neuen Zeit, in der sich die Wirtschaft von den Regulierungen des Staats befreite. Greenspan schaffte es sogar, Präsident Bill Clinton dazu zu bewegen, das entscheidende Schutzgesetz für Sparer und kleine Firmen, den sogenannten Glass-Steagall-Act, abzuschaffen, der Geschäftsbanken und Investmentbanken voneinander trennen sollte, um eine allzu große Verflechtung der Branche zu verhindern. Damit riss er die bis dahin bestehende Mauer ein und beschleunigte die schicksalhafte Verflechtung der Banken, die ab 2007 in die Krise führte.
Beim Entstehen der Finanzkrise war vor allem Greenspans Niedrigzinspolitik entscheidend. Denn der wichtigste Preis einer jeden Marktwirtschaft ist der Preis des Geldes. Der Zins, der von den Notenbanken festgelegt wird, entscheidet, ob das Geld für die Kreditnehmer teuer, billig oder gar umsonst ist.
Greenspan machte niedrige Zinsen zu seinem Markenzeichen. Er senkte den Zinssatz von 8 Prozent im Jahre 1990 auf 3,5 im Jahr 2001, und als Terroristen am 11. September 2001 das World Trade Center in New York zum Einsturz brachten,
reduzierte er die Leihgebühr bis zum Jahr 2003 nochmals auf ein Prozent.
Angesichts einer Inflationsrate von zwei bis drei Prozent gab es Geld für die Banken damit kostenlos. Das war die Aufforderung zum Tanz. Die Geldverleiher ließen sich nicht zweimal bitten. Selbst das "Wall Street Journal" sprach von "stimulativem Overkill".
"Ninja-Kredit" haben die Banken ihre neuen Hauskredite in der Folgezeit genannt: Ninja stand für: No income, no job, no assets - kein Einkommen, kein Arbeitsplatz, keine Wertgegenstände beim Kreditnehmer. Der Anteil an Wackelkrediten - in den USA Subprime genannt - stieg von 5,4 Prozent in 2001 auf 20 Prozent in 2006.
Ein Jahr nach Greenspans Ablösung im Januar 2006 durch Ben Bernanke begann der Immobilienmarkt zusammenzubrechen, eine der größten Blasen der US-Geschichte platzte und mit ihr das Erbe einer Ära, an der Kritik bis heute nur zögerlich geübt wird.
Bernanke setzt im Zeichen der Krise dieselbe Niedrigzinspolitik fort, die sein Vorgänger in Zeiten des Booms propagierte. Und weil das nicht reicht, werden Staatsanleihen in Billionenhöhe ausgegeben. Und weil es dafür nicht genug Käufer gibt, kauft die Fed eben ihre eigenen Papiere. Damit ist die Notenbank eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen der USA, um sagenhafte 144 Prozent hat die Bilanzsumme 2008 zugelegt.
Bundeskanzlerin Merkel war bisher die einzige Regierungschefin, die es wagte, das Heiligtum der US-Politik an den Pranger zu stellen. Sie hatte in einer Rede in Berlin Kritik an der lockeren Geldpolitik und an den massiven Ankäufen eigener Staatsanleihen geübt, was ja nichts anderes bedeutet, als die Gelddruckmaschine anzuwerfen.
Die Kanzlerin mahnte die Rückkehr zu einer "unabhängigen Notenbankpolitik" und einer "Politik der Vernunft" an. Sie gab an, die Politik der Fed "mit großer Skepsis" zu betrachten.
Bernanke wies die Kritik aus Berlin kühl zurück; Merkel verstehe wohl das Ausmaß der Krise nicht so ganz.
Doch die Debatte wird nun auch in Pittsburgh geführt werden, freilich ohne die Fed beim Namen zu nennen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben sich darauf verständigt, von den Amerikanern eine "Ausstiegsstrategie" zu verlangen.
Europa will wissen, wann die USA aufhören, ihre Verschuldung in aberwitzige Höhen zu treiben. Europa will auch wissen, wann die Notenbank die Dollar-Flut wieder einzudämmen gedenkt. Denn die Krisenbekämpfer aus Washington sind drauf und dran, selbst zum systemischen Risiko zu werden.
Die deutsche Bundeskanzlerin bekommt in Kürze Verstärkung. Der Filmregisseur Oliver Stone will "Wall Street 2" drehen - erneut mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Diesmal will er die Fed ins Zentrum seines Kinofilms rücken. Die Banken seien wichtig, die Notenbank aber sei das "Bollwerk des Systems", sagte er in der vergangenen Woche bei einer Begehung der Drehorte.
Die, um die es im Film, in Pittsburgh und im wahren Leben geht, sind derweil zur Normalität zurückgekehrt, zu ihrer Normalität. Die Party an der Wall Street geht weiter. Der Bonus-Pool der US-Banken war 2008 so prall gefüllt, als wäre gar nichts passiert.
Neun der großen Boni-Zahler spendierten ihren vermeintlichen Leistungsträgern mehr als 32 Milliarden Dollar. Diese Banken erhielten gleichzeitig Hilfe vom Staat. Das Volk empfindet das als schamlos, die Investmentbanker nennen es "smart".
Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein hat seine Banker immerhin gebeten, beim Geldausgeben diskret vorzugehen. Doch so recht mag das nicht gelingen.
Kürzlich, bei einer "Fashion meets Finance"-Fete, bei der hübsche Mode-Mädchen sich reiche Banker angeln sollen, war die Schlange vor dem Club Nikki Beach in Midtown Manhattan wieder lang. Auf der Einladung stand triumphierend: Die Panik nach der Krise habe dazu geführt, dass ein heißes Mode-Girl auf einmal sogar mit einem Pharmavertreter liebäugelte. Aber das sei zum Glück wohl vorbei: Bald schon wieder kann ein Mädchen darauf hoffen, dass ein Finanzjongleur es zu einer "Tennis Mom" macht - die sich aufs Geldausgeben konzentrieren kann.
Der ehemalige Lehman-Banker Lawrence McDonald freut sich schon auf das Jahrestreffen mit den Ex-Kollegen. Dann wird er wohl auch ihnen seinen Reformvorschlag präsentieren, auf den er so stolz ist.
Er findet nämlich, es sollte mehr Bonuszahlungen geben, nicht weniger. "Man muss den Leuten in den staatlichen Aufsichtsbehörden auch Leistungsanreize zahlen", sagt er, "damit mal ein paar gute Jungs dahin gehen."
Bisher würden die Kontrolleure im Jahr nur rund 100 000 Dollar verdienen. "Manche Banker verdienen so viel in zwei Wochen. Da lachen die doch."
Da muss McDonald auch lachen. Seine Welt ist wieder in Ordnung. Wall Street ist groß im Vergessen. BEAT BALZLI,
SEBASTIAN BORGER, WOLFGANG HÖBEL, MARC HUJER, CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER, MATTHIAS SCHEPP, GREGOR PETER SCHMITZ, GABOR STEINGART

Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank
Josef Ackermann:
"Die Banken setzen die Lehren aus der Krise Schritt für Schritt um. Schwerpunkt dieser Reformen ist das Risikomanagement: Die gewohnten Modelle werden gründlich überarbeitet, Stresstests intensiver eingesetzt. Die Banken haben ihr Eigenkapital erhöht, die Fremdfinanzierung ihrer Geschäfte abgebaut, ihre Liquiditätspuffer verstärkt, die Abhängigkeit von kurzfristigen Geldern verringert und die Strukturen von Forderungen und Verbindlichkeiten noch mehr miteinander in Einklang gebracht. Überkomplexe Finanzprodukte sind zugunsten mehr standardisierter und transparenter Produkte aus dem Angebot verschwunden. Die Leitlinien für die Kundenberatung wurden überarbeitet, und besonders für Verbriefungen und Derivate entstehen derzeit übersichtlichere und solidere Marktinfrastrukturen. Nicht zuletzt passen die Banken aber auch ihre Vergütungsmodelle an. Ziel ist dabei, die Vergütung noch besser am nachhaltigen Erfolg und den längerfristigen Interessen der Aktionäre auszurichten."

Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs
Lloyd C. Blankfein:
"Die Bezahlung von Mitarbeitern sorgt für kontroverse Diskussionen. Anreize können zu Exzessen führen, wenn sie falsch gesetzt werden. Und es gibt wohl keine Rechtfertigung für die Zahlung überhöhter Boni, wenn eine Bank Verlust gemacht hat. Die notwendige Verbesserung von Anreizstrukturen ist allerdings kein Allheilmittel gegen unzureichendes Risikomanagement. Nicht wenige Finanzinstitute hatten Vermögenswerte in Milliardenhöhe in ihren Büchern. Oft behielten sie diese, weil sie nicht wussten, dass es sich um hochgefährliche Instrumente handelte. Diese Institute und ihre Mitarbeiter hatten die Folgen zu tragen. Nach solchen Schocks besteht verständlicherweise der Wunsch, unser Regulierungssystem zu reformieren. Wir sollten jedoch überlegen, was wir mit Regulation erreichen wollen. Es wird faktisch unmöglich und für die wirtschaftliche Entwicklung schädlich sein, jegliches Risiko zu eliminieren. Risikomanagement und Fair-Value-Bewertung sind wichtige Lehren aus der Krise."

Historiker an der Harvard-Universität und Autor
Niall Ferguson:
"Trotz vieler Diskussionen über Regulierung wird man sich dem größten Fehler in unserem Finanzsystem wohl nicht widmen. Er lässt sich in einem Satz ausdrücken: 'too big to fail' - die Banken sind zu groß, um unterzugehen. Leider gibt es keinen Hinweis darauf, dass Politiker in den USA oder Europa den ernsthaften Wunsch haben, das Existenzrecht dieser Institute in Frage zu stellen. Auch die Medien begreifen das Wesentliche nicht. Die Menschen beschäftigen sich lieber mit Gehältern von Bankern, weil es leicht zu verstehen ist, dass der Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein 2000-mal mehr verdient als der Durchschnittsbürger. Aber das ist nicht die Ursache des Problems. Die Banken, die zu groß sind, um unterzugehen, können wahnsinnige Summen zahlen, weil sie den Lohn der Risiken einheimsen, ohne die Kosten zu tragen: das Risiko pleitezugehen. Solange sie existieren, wird das internationale Finanzsystem nicht mehr sein als eine Parodie eines wirklich freien Marktes."

Präsident der Europäischen Zentralbank
Jean-Claude Trichet:
"Europa hat schnell und mutig auf die Krise reagiert. Die Europäische Zentralbank hat ihre Fähigkeit zu raschem und entschlossenem Handeln unter Beweis gestellt, in völligem Einklang mit ihrem vorrangigen Auftrag, Preisstabilität zu gewährleisten. Der Euro hat einen unverzichtbaren Beitrag geleistet, die Auswirkungen der Krise zu vermindern. Was das globale Finanzsystem betrifft, so müssen wir seine Widerstandsfähigkeit stärken, übermäßiges Kurzfristdenken abbauen und für volle Transparenz sorgen. Wir müssen insbesondere gegen solche Faktoren vorgehen, die übermäßige Schwankungen nach oben wie nach unten verstärken. Vergütungssysteme müssen längerfristigen Zielsetzungen Rechnung tragen und dürfen exzessive Risikobereitschaft nicht belohnen. Die allgemeine Wirtschaftspolitik sollte übergroße binnen- und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte, wie sie der Krise zugrunde lagen, vermeiden und sich auf die Förderung eines nachhaltigen Wohlstands ausrichten."
* Am 13. Januar.
* US-Präsident Barack Obama, Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi und der russische Präsident Dimitrij Medwedew am 2. April.
Von Beat Balzli, Sebastian Borger, Wolfgang Höbel, Marc Hujer, Christoph Pauly, Wolfgang Reuter, Matthias Schepp, Gregor Peter Schmitz und Gabor Steingart

DER SPIEGEL 38/2009
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