14.09.2009

TIERE Missionar in der Blutbucht

Einst richtete Richard O'Barry Delphine für die Fernsehserie „Flipper“ ab. Heute versucht der amerikanische Tierschützer japanische Fischer daran zu hindern, jedes Jahr Tausende der Meeressäuger abzuschlachten. Doch sein beharrlicher Kampf erscheint aussichtslos.
Von Sicheltannen bewachsene Hügel umrahmen das Fischerdorf Taiji im Süden Japans. Palmen wiegen sanft im Wind. Der Pazifik glitzert in der Sonne. Richard O'Barry hätte sich kaum ein perfekteres Reiseziel aussuchen können - wenn nur die Einwohner nicht wären.
"Es gibt in Taiji Leute, die würden mich am liebsten totschlagen", erzählt der Amerikaner. Der Bürgermeister warnte ihn unverhohlen: "Sie könnten getötet werden."
Ein paar Kilometer vor der Gemeindegrenze betet O'Barry in einem Schinto-Schrein für ein Wunder, "was in meinem Fall bedeuten würde, nicht verhaftet zu werden". Was ist das für ein Gast, der eine derartige Abwehr provoziert? Andererseits: Was ist das für ein Ort, der einen Besucher derart in Furcht versetzt?
Das kleine Küstendorf besitzt offenkundig zwei Gesichter. Die dunkle Seite liegt hinter dicken Felswänden verborgen. Wie jedes Jahr um diese Zeit hat in Taiji die Treibjagd auf Delphine begonnen, die stets in einem Blutbad endet. Die Fischer des Dorfs treiben ihre Beute in eine kleine Bucht wie in einen Suppenkessel. Mit lanzenartigem Gerät hacken die Jäger dann auf die Tiere ein, bis diese ausgeblutet an der Wasseroberfläche treiben. Anschließend werden die Kadaver zu Dosenfleisch verarbeitet. Über 2000 der Meeressäuger werden auf diese Weise jedes Jahr getötet.
Eine Dokumentation dieses abstoßenden Gemetzels wird ab dem 22. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen sein ("Die Bucht - The Cove"). Das Publikum erwarten drastische Bilder, die in dieser Form kaum je gezeigt wurden. Das Werk setzt Richard O'Barry ein filmisches Denkmal, der die Massenschlachtung für alle Zeiten stoppen will. Sein unverwüstlicher Tatendrang speist sich aus seiner eigenen Geschichte: Einst verdiente O'Barry selbst sein Geld damit, Delphine zu fangen und abzurichten.
In den sechziger Jahren drillte O'Barry jene Delphine zur Fernsehtauglichkeit, die abwechselnd den beliebten Tümmler der TV-Serie "Flipper" verkörperten. Der Erfolg seiner Methode basierte auf einer schlichten Beobachtung: Für einen leckeren Hering tut ein hungriger Delphin fast alles.
Dann starb O'Barrys Lieblingsexemplar, und der Zuchtmeister konvertierte zum Tieraktivisten. Das war Anfang 1970.
Seitdem versuchte der Bekehrte unter anderem, die Tiere aus Delphinarien zu befreien. Häufig landete er daraufhin selbst im Gefängnis. Schließlich entdeckte O'Barry die Bucht von Taiji - eine Art Hölle auf Erden für Delphine.
Die Fischer haben den Zugang zur Bucht abgeriegelt wie den Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Überdies kommt den Delphinkillern die Lage der Bucht zugute, die lediglich von einem benachbarten Felsplateau aus einsehbar ist. Die Fischer versperren die Sicht mit großen Zeltplanen und postieren Wachen davor.
Der Aufwand geschieht aus Kalkül. "Wenn rauskommt, was wir hier tun, können wir einpacken", räumt einer der Beteiligten ein.
Die meisten Walfänger sind weniger offenherzig. Während eines Versuchs, mit den Delphinjägern zu sprechen, werden O'Barry und seine Frau vom Bürgersteig geschubst. Es sind einige furchterregende Gesellen unter den Fischern, stiernackig und mit kahlgeschorenem Kopf. Andere haben sich die Augenbrauen rasiert.
O'Barry ist inzwischen ein alter Herr von 70 Jahren. Seine Gefolgschaft rühmt ihn, weil er angeblich noch immer Bäume hochklettert wie ein 20-Jähriger. Doch ein Blick in sein Gesicht erzählt eine andere Geschichte. Müde blickt er drein aus blutunterlaufenen Augen. Seine Gesichtshaut wirkt trotz der Sonnenbräune fahl.
Fahrig fischt der alte Kämpe mit der Hand in einer Plastiktüte. "Wo sind meine Vitamintabletten? Die darf ich nicht vergessen." O'Barrys Nähe zu Hollywood, die Prominenz aus alten "Flipper"-Tagen lassen einen gewissen Reichtum vermuten. Doch verfügte der Rastlose stets über mehr Wagemut als Geschäftssinn. Verträge besiegelte er häufig nur per Handschlag. Und so besitzt er in seiner Heimat Florida nicht einmal eine Krankenversicherung.
Neu belebt wurde sein Kampfesmut jüngst durch die Begegnung mit dem Fotografen und Umweltaktivisten Louie Psihoyos. Der US-Amerikaner verfügt über eine Ressource, die für O'Barry allzu knapp ist: Geld. Denn Psihoyos' Projekte werden von dem Netscape-Mitgründer und Milliardär James Clark unterstützt.
O'Barry wiederum besitzt nach jahrzehntelangem Ringen für die Intelligenzbestien aus dem Meer einen untrüglichen Sinn für subversive Aktionen.
Wann immer O'Barry in Taiji auftaucht, wird er allerdings auf Schritt und Tritt von der Polizei beschattet. Erfolg versprach daher nur eine geheime Nacht-und-Nebel-Aktion. Zu diesem Zweck stellten O'Barry und Psihoyos eine stressbewährte Truppe aus Extremtauchern, Kletterkünstlern und einem Effektspezialisten aus Hollywood zusammen.
Um den Schrecken der Blutbucht zu dokumentieren, war auch eine Begegnung der Crew mit den zornigen Fischern unvermeidlich. O'Barry und sein Gefolge trafen auf die Einheimischen an einem Strandabschnitt unweit der Bucht nach einem blutigen Morgen auf See. Der frische Fang lag noch ausgebreitet in den Booten.
Die Fischer zischten Drohungen in gebrochenem Englisch: "Kommt doch her!" Dann beugte sich einer der Seeleute zu einem noch lebenden Delphin hinunter und schnitt dem zappelnden Geschöpf mit einem Messer die Luftröhre durch.
O'Barry gerät immer noch in eine Art Schnappatmung, wenn er an diesen Horrormoment denkt: "Ich schwöre, ich war so kurz davor, ihm meine Faust ins Gesicht zu rammen."
Umso entschlossener ging der Trupp der Delphinfreunde nach dieser Machtdemonstration ans Werk. Psihoyos' Spezialist aus Hollywood fertigte in einer aufwendigen Prozedur kleine, von innen hohle Felsattrappen aus einer speziellen Knetmasse. Das künstliche Geröll wurde mit Kameras bestückt. Nachts seilte sich das Kletterteam an den steilen Wänden der Bucht ab und installierte die Felskameras im Hang.
Um das zu erwartende Gemetzel auch unter Wasser aufzeichnen zu können, engagierte Psihoyos zwei sogenannte Apnoetaucher, die auch ohne schwere Pressluftflaschen minutenlang unter Wasser bleiben können. Unbehelligt gelang es ihnen, in der Bucht Unterwasserkameras und Mikrofone zu platzieren.
Nur einige hundert Meter Luftlinie von der Bucht entfernt hockte O'Barry derweil in seinem Hotelzimmer. Die Polizei hatte ihn zuvor ausführlich vernommen. Dank der Hilfe etlicher Spezialisten drehte O'Barry den Spieß nun um: Jetzt beschattete er seine Gegner und verfolgte in Bild und Ton, was in der Bucht vor sich ging.
Am folgenden Tag fuhren die Fischer frühmorgens um fünf Uhr hinaus auf See. Mit kleinen, schnellen Booten kesselten sie ihre Beute ein und trieben sie in die Bucht. Nach stundenlanger Jagd riegelten die Jäger das Terrain mit Netzen ab. Die Delphine hätten diese Barrieren mühelos überspringen und entkommen können, aber sie unternahmen nichts dergleichen. Stattdessen dümpelten die Zahnwale schnalzend und fiepend ihrem Schicksal entgegen.
O'Barry überraschte diese Passivität nicht: "Wilde Delphine sind nicht darauf trainiert, Netze zu überspringen, die es im Ozean nun mal nicht gibt. Außerdem verlassen sie ihre Familie nicht." Getötet wurden die Tiere erst im folgenden Morgengrauen - wahrscheinlich damit das Blut aus der Bucht wieder abfließen kann, ehe die ersten Touristen erscheinen, wie Beobachter des Treibens vermuten.
Mit leerem Blick verfolgte O'Barry von seiner Kommandozentrale aus, wie die Mordmaschinerie von Taiji in Gang kam. Mit ganzer Wucht rammten die Fischer ihre archaischen Lanzen in die Tümmler.
Biologen gehen davon aus, dass Delphine sehr rege mit ihren Artgenossen kommunizieren. Es bleibt einstweilen Spekulation, welcher Inhalt durch jenes spitze Sirren übermittelt wird, das die Tiere in höchster Not und Qual ausstoßen.
Nach einem solchen Gemetzel sieht die Bucht jedes Mal aus, als hätte jemand eine riesige Flasche Tomatenketchup hineingekippt. Die Fischer stehen nach Verrichtung der Arbeit beisammen, ein wenig erschöpft. Zigaretten werden geraucht, weggeschnipst. Eine Stimmung seltsamer Normalität herrscht, ganz so, als hätten sie gerade die Straße geteert.
Bislang hat O'Barrys Feldzug weder zu einem Verbot des Delphinschlachtens durch die japanischen Behörden geführt, noch die Fischer Taijis zum Umdenken bewegt. Unter Japanern und insbesondere in Taiji stößt sein Einsatz vielmehr auf völliges Unverständnis. Die Einwohner können nicht begreifen, warum sie ablassen sollen von der Waljagd, einer über 400 Jahre mit Stolz betriebenen Tradition.
Der ganze Ort hat dichtgemacht seit der Ankunft des Fremden mit dem zauseligen weißen Haar, der immer wieder wie ein Missionar durch das Dorf zieht. Niemand will mit ihm reden. Die Gesichter der Fischer sind zu eisigen Masken erstarrt. Und auch der Bürgermeister schweigt beharrlich. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.
Der greise Tierschützer hat inzwischen seine Strategie verändert und sich mit einer Reihe von Dokumenten bewaffnet, in denen vor den gesundheitlichen Gefahren durch den Verzehr von Delphinfleisch gewarnt wird. Die Tiere sind schwimmende Endlager für Quecksilber und andere Schadstoffe.
Ein Foto in der Materialsammlung zeigt eine Mutter mit einem missgebildeten Kind. O'Barry hält sich das Bild vor die Brust und zeigt es Passanten: "Das kommt davon, wenn man Delphinfleisch isst." Die Einheimischen gucken verwirrt.
Als Nächstes will O'Barry in den örtlichen Supermarkt ziehen, wo Pakete mit Delphinfleisch in der Kühltruhe lagern. Er redet sich in Rage: "Du kannst da Zigaretten kaufen, die als ungesund gekennzeichnet sind, aber auf dem Fleisch gibt es überhaupt keinen Hinweis!"
Doch der Tross aus Amerika dringt noch nicht mal bis zur Schwelle des Ladens vor. Der Leiter des Supermarkts kommt herausgestürmt, gestikuliert wild, ruft immer wieder "Haut ab" und hantiert hektisch mit seinem Handy. Ein paar Momente später sind die Rollläden am Eingang heruntergelassen worden, das Geschäft ist geschlossen - am helllichten Tag.
Vor zwei Jahren schien unverhofft Bewegung in die Sache zu kommen. Zwei Vertreter aus dem Gemeinderat von Taiji setzten überraschend durch, dass zumindest den Schulkindern des Bezirks kein Delphinfleisch mehr zum Mittagessen serviert werden darf. Nun will O'Barry sich mit den beiden Lokalpolitikern treffen, aber erneut läuft er gegen die Wand: Der eine Stadtrat fährt inzwischen Taxi in Tokio, und sein Kollege hat die Seiten gewechselt und fungiert jetzt als Sprecher des Bürgermeisters.
"Save Japan Dolphins" (Rettet die Delphine Japans) steht auf dem Langarmshirt, das O'Barry trägt. Doch kaum einer nimmt davon Notiz. Die Botschaft stößt bei den Bürgern von Taiji ins Leere. Selbst die jungen Leute sprechen in der japanischen Provinz nur ein sehr sparsames Englisch.
FRANK THADEUSZ
Von Thadeusz, Frank

DER SPIEGEL 38/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.