14.09.2009

DEBATTEN„Das fällt auf die Gäste zurück“

Buchmesse-Chef Juergen Boos über den politischen Streit um das diesjährige Messe-Gastland China
Boos, 48, ist seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr China als Gastland präsentieren wird. Vergangene Woche wurden auf Intervention chinesischer Offizieller die Autoren Dai Qing und Bei Ling von einem Symposium ausgeladen, das die Buchmesse und andere Veranstalter organisiert hatten. Dies löste eine Debatte aus über die Sinnhaftigkeit, Länder als Ehrengast einzuladen, in denen es Menschenrechtsverletzungen gibt.
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SPIEGEL: Herr Boos, warum sind Sie vor den chinesischen Offiziellen in die Knie gegangen und haben zugelassen, dass die geladenen chinesischen Schriftsteller kurzfristig ausgeladen wurden?
Boos: Die Frankfurter Buchmesse ist keineswegs in die Knie gegangen. Wir haben dieses Symposium nicht allein angesetzt, sondern gemeinsam mit Partnern wie dem PEN-Club und dem chinesischen Organisationskomitee, bewusst im Vorfeld der Messe und wohl wissend, dass da absolut konträre Meinungen aufeinanderprallen werden. Und nun haben wir schon vor der Eröffnung des Symposiums genau das erreicht, was wir erreichen wollten: eine sehr große Aufmerksamkeit für dieses Thema.
SPIEGEL: War es nicht naiv zu glauben, offizielle chinesische Vertreter würden sich an einen Tisch setzen mit Umweltschützern und im Exil lebenden Autoren, die in China nicht verlegt werden?
Boos: Im Vorfeld haben die Veranstalter darüber diskutiert, wer eingeladen wird. Ich habe vor einer Woche noch in Peking mit Vertretern des Organisationskomitees gesprochen, da habe ich keinerlei Einwände gehört. Doch es hat bei der Absprache sicher Fehler gegeben.
SPIEGEL: Ist der Fehler auch, dass Sie zu blauäugig waren?
Boos: Nein. Man muss genau unterscheiden: Das Symposium war eine Veranstaltung mehrerer Partner, da gibt es manchmal Kompromisse. Während der Buchmesse aber wird etwa die Hälfte der rund 500 Veranstaltungen zum Gastland China von Nichtregierungsorganisationen durchgeführt - und da haben wir das Hausrecht. Wir reden dem Gastland nicht rein in seine Veranstaltungen, aber wir lassen uns auch nicht reinreden in unsere.
SPIEGEL: Auf der Pariser Buchmesse 2004 gab es Pressionen von chinesischer Seite gegen den Auftritt von Regimekritikern.
Boos: Frankfurt hat eine ganz andere Dimension. Wir sind ein Marktplatz der Freiheit. Da kann niemand Einfluss nehmen. Weil wir eine Plattform bieten für alle, die zum Thema China etwas zu sagen haben.
SPIEGEL: Einem der besten und etabliertesten Schriftsteller Chinas, Yan Lianke, wird trotzdem die Ausreise verweigert. Er hat ein Buch über Aids in China geschrieben.
Boos: Das können wir nicht verhindern, aber das fällt letztlich auf das Gastland zurück. Für Katalonien war die Weigerung, Spanisch schreibende Autoren einzuladen, auch ein Riesenfehler.
SPIEGEL: Dagegen haben die Medien eifrig protestiert, aber nicht die Buchmesse-Leitung. Trifft Sie der Vorwurf, Sie seien unfähig zur öffentlichen Gegenrede?
Boos: Es ist immer die Frage, was wirksamer ist: öffentliche medienwirksame Gegenrede über China oder das Gespräch mit China. Wenn es um den offiziellen Auftritt Chinas geht, berät die Buchmesse die Chinesen natürlich. Das betrifft auch die Auswahl der Autoren. Diesen Prozess öffentlich zu machen wäre jedoch nicht produktiv. Bei anderen Themen dagegen ist Frankfurt durchaus fähig und willig zur öffentlichen Gegenrede. Es gab im Jahr des Gastlands Katalonien klare Stellungnahmen gegen die Aussperrung der spanischsprachigen Autoren. Letztes Jahr, als die Türkei Gast war, gab es deutliche Aussagen über die Menschenrechtsverletzungen dort und ein Gespräch zwischen dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül und dem Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Die Messe hat also auch eine Brückenfunktion. Wir haben uns immer gewünscht, China in Frankfurt zu haben, gerade weil man hier eine Plattform hat, um über die brennenden Themen der chinesischen Gegenwart zu sprechen.
SPIEGEL: Ist es nicht eher so, dass Sie in Ihrem Programm auch ein paar kritische Themen verstecken?
Boos: Wir verstecken sie nicht. Sehen Sie sich die Veranstaltungen des Internationalen Zentrums an. Sie können sicher sein, dass viele kritische Stimmen zu Wort kommen. Auch Nobelpreisträger Gao Xingjiang, der nicht in China lebt, wird da sein.
SPIEGEL: Und wer garantiert, dass Ihre offiziellen chinesischen Gäste nicht zwangsläufig wieder Veranstaltungen verlassen und beleidigt spielen?
Boos: Das werden sie nicht tun. In dem Vertrag, den wir vor drei Jahren mit dem chinesischen Organisationskomitee geschlossen haben, steht ausdrücklich, dass sich die Buchmesse der Meinungsfreiheit verpflichtet sieht. Jede Meinung, die nicht gegen Gesetze der Bundesrepublik Deutschland verstößt, kann in Frankfurt artikuliert werden. Das haben die Chinesen auch verstanden. Schon weil wir immer wieder darüber gesprochen haben.
SPIEGEL: Die Olympischen Spiele zeigten, dass Chinas Machthaber in Fragen der Meinungsfreiheit trotz ihrer Absichtserklärungen stur sein können.
Boos: Das ist nicht vergleichbar. Die Buchmesse findet nicht in Peking statt. Würden wir uns von den Politikern eines Gastlandes reinreden lassen, könnten wir den Laden zumachen. Wir bieten ein Forum, sind aber nicht bereit, in unserem eigenen Programm Konzessionen zu machen.
SPIEGEL: Ist es vielleicht einfach noch zu früh, China zur Buchmesse einzuladen?
Boos: Eher zu spät. Wenn in einem Land ein so gewaltiger Wandel stattfindet, dann kann man gar nicht zu früh dran sein.
SPIEGEL: Heißt das, Sie erhoffen sich von Chinas Gastrolle ernsthaft mehr Freizügigkeit dort?
Boos: Ja. Dass sich die Weltöffentlichkeit in Frankfurt mit den kritischen Themen des Landes beschäftigt, wird einen positiven Effekt auf den Diskussionsspielraum in China haben. Natürlich geht es uns im Westen immer nicht schnell genug. Aber wir müssen jede Chance nutzen, uns ein kleines Stück, wenn es auch nur Millimeter sind, näherzukommen. Vor fünf Jahren gab es noch keinen unabhängigen Buchladen in Peking, jetzt gibt es ihn. Dort treffen sich Intellektuelle und Schriftsteller und reden über wirklich jedes Thema miteinander. Bei aller Kritik an der Geschwindigkeit des Wandels müssen wir doch feststellen: Es gibt ihn.
SPIEGEL: Die Messe beginnt in vier Wochen. War der Eklat um das Symposium nur der Auftakt für einen Dauerstreit?
Boos: Da bin ich ganz sicher. Frankfurt ist ein Ort der kritischen Stimmen. Die Chinesen haben die Öffentlichkeit gesucht. Und sie werden sie hier bekommen.
INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 38/2009
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