14.09.2009

NACHTLEBENJahrmarkt der späten Stunden

Nach der 250 Stunden langen Abschlussparty: In Berlin wird um den Fortbestand des legendären Techno-Clubs Bar 25 gerangelt.
Als es dann vorbei war, war es auch genug. Tatsächlich sagenhafte 250 Stunden hatte die Abschiedsparty der Bar 25 gedauert. Selbst für einen Laden, der auf der ganzen Welt für entgrenztes Feiern bekannt ist, war das ganz schön lang. Es war Mitternacht am letzten Augustmontag, die Musik ging aus. So mancher Gast weinte, viele lagen sich in den Armen, am Spreeufer zwischen Friedrichshain und Kreuzberg schauten verfeierte Gesichter in den Sternenhimmel, eine mit grünen Laserstrahlen in einen Baum am anderen Ufer projizierte Pille drehte sich noch ein paar Mal, zeigte ihre beiden Seiten "Bar 25" und "Bye Bye", und schließlich verlosch auch sie.
Eine Ära hatte ihr Ende gefunden, die Nullerjahre des hauptstädtischen Nachtlebens waren vorbei, und alle gingen nach Hause. Endlich. Der Arzt, der sich tagelang Sorgen um seine Doktorarbeit gemacht hatte und doch nicht nach Hause ging. Der Ex-Dealer, der zu Allah gefunden hat und trotzdem immer weiterfeierte. Die Surfertypen, die ziemlich betrunken in die Spree gesprungen waren und danach in Unterhose an einer Theke standen und weitertranken. Der Künstler, der nach tagelanger Feierei in den Fotoautomaten gestiegen war, um die Bilder für sein China-Visum zu machen. Die Touristen, die Feiernasen, die Mädchen mit der Glitzerschminke im Gesicht.
Berlin hat in dem vergangenen Jahrzehnt zwei stilprägende Clubs von internationalem Ruhm hervorgebracht, das Berghain und die Bar 25. Sie bilden ein verwandtes Gegensatzpaar. Das Berghain ist ein schwuler, preußisch-reduzierter Feiertempel aus Beton und Schweiß, das Sparta des Techno, jedes Wochenende feiert dort eine Armee von Liebenden. Die Bar 25 entspricht eher dem athenischen Ideal des philosophischen Wandelns im Freien. Zweckfrei, grenzenlos, berauscht. Sie ist Techno-Club, Strand-Bar, Restaurant, Zirkus, Theater, Hostel, Wagenburg, Kommune, Promi-Treff, Jahrmarkt, Spielplatz, Uferparadies, mit Bretterzaun gesicherte Festung, Berlin-Ikone, Szene-Touristen-Anlaufstelle und Politikum.
Jetzt hat die Bar 25 erst einmal geschlossen, und die Betreiber erholen sich. Eigentlich sollte das Grundstück zum 1. September geräumt und "besenrein" der Eigentümerin übergeben werden, der stadteigenen Berliner Stadtreinigung (BSR). Sie räumte den Machern eine Zusatzfrist von vier Wochen ein. Sie soll für Verhandlungen genutzt werden. Denn die Bar 25 möchte weitermachen.
Mit der BSR hatten die Betreiber schon einigen Streit. Es gab eine Räumungsklage, man traf sich vor Gericht. Ein bekanntes Bild: die Subkultur-Aktivisten im Kampf gegen die übermächtigen Handlanger des Kapitals, David gegen Goliath.
Doch nun scheint alles anders zu sein: Erstaunlicherweise gibt es nämlich fast keinen Widerstand mehr gegen das bunte Treiben am Spreeufer. Berlin, eine Stadt, in der die Musikclubs laut Senatsangaben zusammengenommen genug Menschen beschäftigen, dass sie zu den größten Arbeitgebern der Stadt gezählt werden können, entdeckt das Nachtleben als Wirtschaftsfaktor. Eigentlich will niemand mehr, dass die Bar 25 für immer schließt, ob und wie es weitergeht, ist allerdings noch unklar.
Die Geschichte der Bar 25 beginnt im Sommer 2004, mit einer Party, die rund sechs Wochen dauerte. Außer einer Anlage und dem Thekenwagen, aus dem heraus das Bier verkauft wurde, gab es nicht viel auf dem Grundstück, das die Betreiber zu günstigen Konditionen gemietet hatten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Macher auch noch keine großen Pläne, nur den wilden Wunsch, hier an der Spree kompromisslos feiern zu wollen - und das Vertrauen, dass sich der Rest schon ergeben werde.
Mit von umliegenden Baustellen entwendeten Brettern wurde die Freiluftbar zusammengezimmert, dazu kam das Restaurant. Ein Paradies, mitten in der Stadt und doch im Wald. Aus gebraucht gekauften Bauwagen und kleinen Holzhäuschen entstanden die Wagenburg und das Hostel, in denen die Betreiber bis heute wohnen. Nach und nach kamen eine Zirkusarena dazu, eine Imbissbude, der Wellness-Bereich. Alles selbstgebaut. Dazwischen: eine Schaukel, Autoscooter zum drin sitzen, eine Feuerstelle, ein Fotoautomat.
Im Grunde eine unmögliche Kombination, ein bunt zusammengewürfelter Techno-Jahrmarkt an der Spree, eine liebevoll zusammengesammelte Resterampe urbaner Überbleibsel - keine Bank hätte für so einen Geschäftsplan jemals einen Cent gegeben.
Eine Kommune von rund einem Dutzend Leuten sammelte sich rund um den Fotografen Christoph Klenzendorf, 35, und den Koch Juval Dieziger, 35, den beiden Zentralfiguren. Die Bar wurde zum Anlaufpunkt für all diejenigen, die am Sonntagnachmittag weiterfeiern wollen, dann, wenn alle anderen Partys vorbei sind. Die sogenannte Afterhour-Szene hatte ihren Ort gefunden. Die Partys gingen regelmäßig bis Montagmorgen. Die Musik war Minimal Techno, ein Stil, der ohne große Dramaturgie auskommt, mit der Bassdrum als stetem Puls.
Die Gäste, an einem Wochenende waren es bis zu 4000, kamen von überall her. Quentin Tarantino feierte mehrmals hier, er schlief sogar im Hostel. Auch die BSR-Chefin Vera Gäde-Butzlaff, die Vermieterin des Grundstücks, wurde zu ihrer Überraschung im Indien-Urlaub auf die Bar 25 angesprochen.
In einer guten Nacht war Berlin in der Bar 25 genau die Modemetropole, die es sonst zu sein nur behauptet. Nicht weil das Publikum sonderlich elegant wäre. Aber Berlin ist auch keine elegante Stadt. Hier kleidete man sich genauso improvisiert und durcheinander, wie die Hauptstadt in ihren besten Momenten immer wieder ist. Nur hier liefen Leute herum, die sich für den Sonntagabend in einen grünen Frotteebademantel schmissen und dazu nichts trugen als braune Cowboy-Stiefel. Eine Nacht in der Bar 25 hatte auch etwas von einem überdrehten Kostümball.
Das Berliner Nachtleben der vergangenen 20 Jahre war fast immer provisorisch. Die Clubs machten in einem leerstehenden Gebäude auf, blieben ein paar Monate und zogen dann weiter. Zwischennutzung nannte sich dieses Konzept. Auch die Bar 25 war von Anfang an als Provisorium gedacht.
Das Grundstück selbst war vorgesehen als ein Filetteil des Bauprojekts Mediaspree, eines riesigen Entwicklungsgebiets entlang der Spree, in dem sich nach den Bezirksplänen Medienfirmen ansiedeln sollen. Im Sommer 2008 gab es einen kommunalen Bürgerentscheid, der die Pläne mit großer Mehrheit ablehnte und ein öffentlich zugängliches Ufergebiet forderte. Rechtlich ist es allerdings nicht bindend.
Der Streit um Mediaspree wurde in scharfen Tönen geführt, entlang der gerade in Friedrichshain und Kreuzberg so beliebten Frontlinie Kiez und Kultur versus Staat und Kapital.
Mittendrin die Bar 25. Mittlerweile selbst ein mittelständischer Betrieb, der diesen Sommer über 140 Beschäftigte hat, war die Bar ein Hindernis für etwaige Investorenpläne und dabei selbst längst ein wichtiger Standortfaktor für die Stadt Berlin - nicht nur für das Image.
Einige der führenden Musiksoftware-Firmen haben hier ihren Sitz. Gerade haben sie in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit darauf hingewiesen, dass solche Clubs Argumente sind, Software-Entwickler zum Umzug an die Spree zu bewegen. Wowereit hat die Bar-Betreiber vergangene Woche auf sein Hoffest eingeladen.
Tatsächlich gibt es gar keine Investoren, die an dem Grundstück interessiert wären. Es ist wie so oft im Berlin des vergangenen Jahrzehnts: Ein Investorentraum ist in der Hauptstadt ja meistens kein Hochhaus-Plan eines vermögendenden Bauherrn als vielmehr der Wunsch von Politikern, dass ein Investor auftauchen möge.
Schwieriger für die Bar 25: Das Erdreich unter dem Club ist ab einer gewissen Tiefe verseucht. Auf dem Gelände stand vor Jahrzehnten ein Gaswerk, dann eine Tankstelle. Um herauszufinden, wie viel Erde ausgebaggert werden muss, um das Grundstück zu sanieren, sind noch genauere Bohrungen nötig; und um zu sanieren, müsste es geräumt werden. Die Umweltbehörde hat dafür Gelder vorgesehen. Bisher ein Grund für die BSR, auf der Räumung des Geländes zu bestehen. Die Gelder verfallen nämlich zum Ende des Jahres.
Doch es sieht gut aus für die Betreiber. Eine Sprecherin sagt, dass man die Gelder weiter zurückhalten könne, um einen weiteren Betrieb der Bar zu ermöglichen. Auch die BSR hat nichts mehr gegen einen weiteren Betrieb der Bar, der Wert des Grundstücks dürfe nur nicht sinken. Für die BSR sinkt dieser Wert, sollte die Umweltbehörde die Sanierungskosten nicht übernehmen.
Auch in Berlin ist Wahlkampf. Mit der Bar 25 kann man punkten. Der grüne Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, ist vorgeprescht und hat pünktlich zur Abschlussparty seine Pläne für die Bar 25 vorgestellt. Björn Böhning, einer der Berliner SPD-Direktkandidaten für den Bundestag, hat sich als Vermittler angeboten. Er gilt als Wowereit-Zögling. Die Betreiber der Bar 25 selbst können sich vorstellen, das Konzept ihres Ladens zu verändern. Nach fünf Jahren sind sie der Techno-Ausschweifungen ein wenig müde geworden. TOBIAS RAPP
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 38/2009
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