21.09.2009

AMOKTATENGedichte, Gewaltvideos und ein Testament

Der 18-jährige Georg R., der vergangenen Donnerstag im fränkischen Ansbach mit einem Beil, vier Messern und fünf Molotowcocktails bewaffnet das Gymnasium Carolinum stürmte und zehn Menschen zum Teil schwer verletzte, ging offenbar davon aus, bei seinem Amoklauf selbst getötet zu werden. R., der mit Schussverletzungen noch im Krankenhaus liegt, hinterließ zu Hause entsprechende Dokumente. Auf anderthalb engbeschriebenen Seiten im DIN-A4-Format erklärt der Schüler mit kantiger Handschrift, was nach seinem Tod mit seinem Leichnam und seinen Besitztümern geschehen solle. Unter anderem gibt er an, für wen seine selbstverfassten Gedichte und Geschichten bestimmt seien. Die erste Seite trägt das Datum "11.9.2009", die zweite das Datum "9/11/2009". Laut den Ermittlern enthalten die Blätter jedoch keinen Hinweis auf die Tat oder einen geplanten Suizid: "Es ist ein Testament im klassischen Sinne." In seinem Zimmer fand die Polizei auch einen linierten Schülerkalender im DIN-A5-Format, in dem Georg R. für den "17.9." die Worte "Apocalypse Today" eingetragen hat; zudem stellten die Beamten einen PC und einen Laptop sicher sowie eine Menge DVDs und CDs, darunter Gewaltvideos. Die Auswertung der Festplatten war am vergangenen Freitag noch nicht abgeschlossen. Georg R. befand sich in psychotherapeutischer Behandlung bei einem Psychologen, der in Ansbach praktiziert. Den angehenden Abiturienten plagten wohl Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen. Zudem gehen die Ermittler Hinweisen nach, dass er in den Tagen vor der Tat Medikamente eingenommen habe.
Die Tat des Einzelgängers R. hat die Diskussion über Präventionsmaßnahmen neu entflammt. Viele der Anregungen - von festangestellten Psychologen an jeder Schule bis zu besseren Türsicherungen - seien zwar sinnvoll, meint Jens Hoffmann vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, die entscheidende Frage sei aber: "Haben Schulen ausgebildete Krisenteams?" Um die Warnsignale zu erkennen, die es vor jedem Amoklauf gebe, müssten Lehrer geschult und mit Polizei und Psychologen vernetzt werden. Oft würden die Warnsignale nicht ernst genommen, oder es sei nicht klar, an wen man sie weitergeben solle.
Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer warnt hingegen davor, eine Liste mit Risikofaktoren aufzustellen: "Die Folgekosten für das soziale Zusammenleben sind immens." Alle Amokläufer litten unter Anerkennungsverlusten, deshalb müsste sich an den Schulen "eine neue Anerkennungskultur entwickeln". Es dürfe nicht nur auf die Leistungen in Mathematik oder Deutsch ankommen, es müssten auch andere Präsentationsmöglichkeiten gegeben sein. Die Schule solle die Persönlichkeitsentwicklung fördern, nicht zerstören. "Gewaltexplosionen finden wir vor allem an weiterführenden Schulen", sagt Heitmeyer, hinter diesem Phänomen stecke vermutlich ein strukturelles Problem.

DER SPIEGEL 39/2009
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