21.09.2009

TRENDSPORTIronie auf Asphalt

Polo auf Fahrrädern, Klettern an Autobrücken, Golf in der Fußgängerzone - immer neue Trends ersetzen in den Großstädten den traditionellen Sport.
Der Wassertorplatz in Berlin-Kreuzberg ist voll von schwarzen Fahrradbremsspuren. Und es kommen immer neue hinzu. Das Quietschen der Hinterräder wird begleitet vom Schienenlärm der vorbeiratternden U-Bahn und Punkrock aus einem alten Kassettenrecorder, der am Spielfeldrand steht.
Miguel lag im letzten Spiel zweimal unter seinem Rad auf dem harten Boden. Trotzdem hat "Mallet Force" mit 5:3 gewonnen - das ist der Name seiner Mannschaft, er bedeutet so viel wie "Schlägerkraft". Miguel nimmt seinen Helm ab. Seit einem Jahr spielt er Bikepolo. "Ich habe mich in diesen Sport verknallt", sagt er. Der Teamgedanke gefällt ihm - und dass es manchmal auch rau zugeht. Er guckt rüber zu Marc, der mit einem Gips heute nur Zuschauer ist. Mittelhandbruch.
Polo ist eine 2500 Jahre alte Sportart. Zwei Teams zu Pferd versuchen mit Schlägern den Ball ins Tor zu schießen. Die Berliner Nachfahren des elitären Traditionssports sitzen auf Fahrrädern, sie spielen auf Asphalt statt auf Gras. Die Schläger haben sich Miguel und seine Kollegen selbst gebastelt aus alten Skistöcken oder Bambusrohren, an die unten quer ein abgeschnittenes Plastikwasserrohr geschraubt ist.
Fahrradkuriere aus New York haben Bikepolo als Freizeitvergnügen für den urbanen Raum populär gemacht. Immer mehr solcher Trendsportarten, die die Stadt als Sportplatz nutzen, breiten sich in den Metropolen aus. Sie sprengen die Logik des Traditionssports, weil sie ohne Verbände und Organisationen auskommen - und sie sind deshalb für Jugendliche oft reizvoller.
Es ist eine verborgene, mitunter bizarre Sportwelt. Seit Ende der achtziger Jahre breitet sich in europäischen Metropolen Le Parkour aus, ein Geschicklichkeitslauf über Mauern, Zäune und Treppen. Die Weiterentwicklung nennt sich heute Freerunning. Noch immer werden Hindernisse überwunden, jetzt allerdings akrobatisch, mit Handstand-Überschlag oder einem Salto.
Beliebter Modesport in München und Hamburg ist das Crossgolf. Eine Etikette wie beim Vorbild gibt es nicht. Statt auf gepflegten Grünanlagen schlagen Stadtgolfer in Fußgängerzonen, Baugruben oder auf Hausdächern ab. Der skurrilste Trend in Berlin trägt den Namen Hockern. Die Akteure vollführen dabei Turnübungen auf Plastikschemeln und erinnern mit ihren Verrenkungen ein wenig an Breakdancer.
Vom organisierten Sport werden die Exoten kaum ernst genommen, dabei gibt es immer mehr Überläufer. Der Sportwissenschaftler Christian Wopp von der Universität Osnabrück behauptet, dass nur noch ein Viertel aller Sportarten an traditionellen Orten wie dem Stadion oder der Schwimmhalle stattfindet. In der Hinwendung zum Trendsport erkennt der Forscher "eine ironische Bewegung", Beton und Asphalt, sagt Wopp, "werden wieder lebenswert gemacht". Pädagogen wie Franz Bockrath vom Institut für Sportwissenschaft in Darmstadt sehen in der Ausbreitung immer neuer Sportformen eine Kritik an den immer enger werdenden Metropolen. Um noch Bewegungsmöglichkeiten zu finden, machten sich junge Trendsetter nun daran, den versiegelten Raum umzufunktionieren, sagt Bockrath.
So hat sich in Mainz, Frankfurt am Main und Köln eine ungewöhnliche Kletterszene entwickelt. Beim Buildering geht es darum, öffentliche Bauwerke wie Hallen, Mauern, Türme und Brücken zu erklimmen. Rund 2000 Großstadtkletterer sind bereits in Deutschland aktiv. Es gibt einen Buildering-Führer, in dem der Doktorand Tim Jacobs, 25, beschreibt, wie man sich am besten an der Mainzer Kaiserbrücke oder am Backstein einer Schwimmhalle hocharbeitet. "In der Stadt finde ich eine Vielfalt an Klettermöglichkeiten, die es sonst nur weit weg in den Bergen gibt", sagt Jacobs.
Ein wichtiges Motiv vieler Trendsportler ist die Selbstinszenierung. So entstand vor den Einkaufszentren in den USA das sogenannte Sign Spinning. Weil es menschlichen Werbeschildträgern irgendwann zu langweilig war, einfach nur rumzustehen, begannen sie mit ihren Werbetafeln zu jonglieren und die Passanten damit zu unterhalten. Auch diese Spielerei hat es nach Deutschland geschafft. Ein 17-jähriger Schüler aus Lübeck hat kürzlich eine Firma gegründet und verkauft 1,40 Meter lange, pfeilförmige Plastikschilder, die er beim Patentamt als Sportgeräte angemeldet hat.
In manchen Städten wird die Sportsubkultur bereits aus Imagegründen gefördert. In Berlin und Frankfurt am Main werden Trendsportfestivals veranstaltet. Das lange verbotene Surfen auf dem Münchner Eisbach wird jetzt von der Stadtverwaltung legalisiert, weil die Wassersportler längst zu einer Touristenattraktion geworden sind. Die Fürsorge findet indes nicht überall Anklang. Die Underground-Szene hat Angst vor der Vereinnahmung, lehnt straffe Organisationsstrukturen ab.
Man findet auch so zueinander. Im nächsten Jahr soll die zweite Europameisterschaft im Bikepolo ausgespielt werden. Aktivisten aus Berlin und Barcelona haben angeboten, das Turnier zu organisieren. Über den Austragungsort wird ganz unbürokratisch entschieden - durch Abstimmung im Internet.
LUKAS EBERLE
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 39/2009
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