26.09.2009

DEUTSCHE EINHEIT Der Grenzverletzer

Ein Künstler aus Hamburg baut im mecklenburgischen Schönberg eine Gedenkmauer auf und provoziert damit die Altkader. Die verteidigen sich gegen den Eindringling.
Helmut Preller hat einen weißen Overall an, wie ihn Maler tragen. Er sitzt in Zimmer Nummer 3 im zweiten Stock des früheren Gasthofs Stadt Lübeck. Auf dem Tisch steht sein Laptop, auf dem Fensterbrett ein Bildschirm, den er an eine Videokamera angeschlossen hat. Tag und Nacht überwacht er die Mauer neben seinem Haus.
Preller spult die Videoaufzeichnung auf dem Laptop zurück. "Der muss drauf sein", zischt er. Jemand hat sich an seiner Mauer zu schaffen gemacht. Preller sucht nach dem Täter. Es dauert nicht lange, da hat er ihn. Der Bildschirm zeigt die Tatzeit an: 15.15 Uhr. Ein roter Kombi ist zu erkennen, der am rechten Straßenrand hält, ein Mann steigt aus, in der linken Hand ein Werkzeug, in der rechten eine Spraydose. Er schaut sich um, dann läuft er zur Mauer, hämmert dagegen, sprüht, geht, fährt wieder ab. Ein Loch hat er am 27. August in die Wand geschlagen, ein Schwein dazu gemalt und einen Kreis um das Loch gezogen. "Ein Arschloch", sagt Preller, "damit bin ich gemeint."
Am 13. August 2009 hat Preller, 58, im mecklenburgischen Schönberg, wenige Kilometer von der früheren deutsch-deutschen Grenze entfernt, eine Mauer aufgebaut: dicke weiße Spanplatten mit Stacheldraht drauf, unmittelbar an der Durchfahrtstraße. Eine Kunstaktion. Preller, Maler und Dichter, wollte an die Menschen erinnern, die zwischen Schönberg und Lübeck im Todesstreifen starben.
Zwei Wochen später beschlich den gebürtigen Hamburger das ungute Gefühl, selbst in Gefahr zu sein. Er rief die Polizei. Ein Streifenwagen fuhr auf seinen Hof, ein Beamter nahm die Anzeige auf, fotografierte die Schäden. Gegenüber vom früheren Hotel Stadt Lübeck, an der Laterne vor der Apotheke, hing ein Schild mit der Aufschrift "PRELLER GO HOME".
Aus Schönberg, einer Stadt mit 4500 Einwohnern, ist 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ein deutsch-deutsches Grenzgefecht zu vermelden. Es gibt anonyme Anrufe, offene Beschimpfungen, noch mehr Strafanzeigen und die unsanfte Aufforderung, Preller zu erledigen.
Schönberg ist eine idyllische Stadt. Vom wuchtigen Kirchturm aus kann man den alten Grenzverlauf nicht mehr erkennen, man sieht auf eine blühende Landschaft, viel Grün, einen See, neugedeckte Dächer, ein Fußballstadion, eine neue, große Sporthalle, eine moderne Möbelfabrik.
Auch Preller muss dieses Idyll angezogen haben. 2004 suchte er eine große Scheune für sein Atelier, für eine Kunstakademie. Er war begeistert vom Gasthof Stadt Lübeck, der seit Jahren leer stand. Der große alte Tanzsaal gefiel ihm, so wie der See mitten in der Stadt. Preller wusste nichts von der Geschichte des Ortes, in dem das Grenzregiment 6 der DDR-Grenztruppen stationiert war, in der Hunderte Offiziere wohnten, Grenzer, Zöllner, Mitarbeiter der Staatssicherheit, dazu kamen freiwillige Helfer der Grenztruppen.
Schönberg war früher ein rotes Nest und ist es heute wieder. 1990 wählten die Einwohner den alten DDR-Bürgermeister, 2004 kürten sie den letzten Kommandeur der Grenztruppen, Michael Heinze von der PDS, zum Stadtoberhaupt, 2009 wählten ihn 72 Prozent wieder.
In diese Welt war nun ein Fremder eingebrochen, einer "von drüben", wie sie in Schönberg bis heute sagen, ein Grenzverletzer, wie viele früher gesagt hätten.
Am Anfang wunderte sich Preller nur. Er ging in einen Ausschuss der Stadtvertretung. Es wurde über Geld für die Jugendweihe geredet, Preller fragte: "Bekommt die Kirche was für die Konfirmation?" Die anderen murrten. Der Mann aus Hamburg merkte, dass hier eine andere Sprache gesprochen wurde. Er störte.
Preller läuft im früheren Tanzsaal des alten Gasthofs hin und her, die Dielen knarren unter seinen Schritten. Auf den Tischen liegen Bücher von Günter Grass und Akten über die Grenze und über Grenzsoldaten. Preller redet viel, laut und gern von sich. Auf seiner Homepage nennt er sich einen "Querdenker". Preller bekommt jetzt Anrufe von Journalisten und Historikern. Er genießt die Aufmerksamkeit. Hier, in der Provinz, fällt er mehr auf als in Hamburg. Er ist so ganz anders als die wortkargen Mecklenburger, die ihre Ruhe haben wollen.
Er habe sich eingelesen in die Geschichte des Ortes und für die Stadtvertretung kandidiert. "Ich wollte hier alles ein bisschen aufmischen", sagt Preller. Er redet von Freunden, die nach Fluchtversuchen im Knast landeten. Nun lebt er in einem Ort der Täter und Mitläufer. Und einer von ihnen war ausgerechnet sein Bürgermeister. Preller nahm also Heinze ins Visier: "Ich habe ihn aus dem Amt gekegelt."
Sein Gegner will eigentlich nicht reden. Sein Anwalt habe ihm abgeraten. Heinze will keine weitere Angriffsfläche bieten, nicht jetzt, wo Preller ihn so aufs Korn genommen hat. Heinze wurde auf Prellers Betreiben des Amtes enthoben, vorläufig zumindest, weil Heinze nicht rechtzeitig offengelegt hatte, dass er Inoffizieller Mitarbeiter war. Preller nennt Heinze einen "Täter" und "Lügner". Heinze klagt gegen seine Amtsenthebung vor Gericht.
Heinze, 53, ist ein drahtiger Typ, fester Händedruck, schmale Lippen. Sein Blick weicht aus. Heinzes Vater war Volkspolizist, seine Mutter Kaderchefin in einem Betrieb. Sein Leben verlief nach einem Kaderperspektivplan. Er wurde Soldat bei den Grenztruppen, Offizier, in Salzwedel Stabs-Vize. Er machte Verbesserungsvorschläge für die "Abwehr von Grenzdurchbrüchen" und rügte die "inkonsequente Einstellung zur Erfüllung erteilter Befehle". 1989 wurde er zum Kommandeur in Schönberg befördert.
Heinze hat alle Fakten parat, die Truppenstärke, die alten Kürzel, die Dienstgrade, das Technokratendeutsch des Todesstreifens. "Ich war glücklich in der DDR", sagt er. Die fernbeheizte Wohnung, die Geselligkeit unter den Hausbewohnern. Aber Schuld? Oder der Gedanke, mit den Opfern des Grenzregimes ins Gespräch zu kommen? "Ich wüsste nicht, zu wem ich da gehen sollte", sagt er.
Heinze und seine Genossen hielten auch nach 1989 zusammen. Heinze zog 1994 für die PDS ins Stadtparlament, er und seine Leute studierten die neuen Gesetze, die Geschäftsordnungen, sie warteten, bis die Erinnerung an die DDR verblasst war und die anderen sich heillos zerstritten hatten, erst die CDU, dann die SPD. In der Union beharkten sich Blockflöten und Zugezogene aus dem Westen. Die Sozialdemokraten stritten über den Umgang mit der PDS.
1998 protestierte der Schönberger SPD-Ortsverein gegen die Pläne, in Mecklenburg-Vorpommern ein rot-rotes Bündnis zu schmieden. Das sei "angesichts der Zwangsvereinigung ein historischer Fehler", schrieben sie an den Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine. Rot-Rot kam trotzdem, 10 von 13 Mitgliedern des Ortsvereins verließen darauf die SPD. Irgendwann, sagen auch seine Kritiker, war Heinze der Einzige im Ort, dem man noch das Amt des Bürgermeisters zutraute.
Gras schien über die alten Geschichten gewachsen zu sein, so wie über den Grenzstreifen. Aus der SED war die PDS geworden, aus der PDS wurde Die Linke. Heinze, 2009 wiedergewählt, fühlte sich also sicher. Als Bürgermeister veröffentlichte er in einem Buch seine Erinnerungen an die "Staatsgrenze": "Die Grenze war ein tief gestaffeltes System. Im Prinzip hat die Transportpolizei die Leute schon in Cottbus weggefangen. Das waren Spezialisten, die haben schon am Blick erkannt, der oder der könnte ..." Der Text empörte kaum jemanden in einer Gegend, in der die alte Ordnung wiederhergestellt ist.
Selbst in das "Grenzhus" ist der alte Geist zurückgekehrt. Ein Herr mit erstaunlicher Detailkenntnis von Sperr- und Selbstschussanlagen führt durch das "Museum zum Leben an der innerdeutschen Grenze". Am Ende des Rundgangs sitzt er allein in einem der Räume. Früher, erzählt er, sei er Offizier der Grenztruppen gewesen. Nein, er habe nicht geschossen, zum Glück. Bloß ein paar Festnahmen. "Aber, ich bin so ehrlich. Hätte ich schießen müssen, ich hätte es getan."
Preller war neu in dieser Recycling-DDR. Er fand die Ruhe unerträglich. Es gab noch Schönberger, die sich daran stießen, dass alles wieder seinen sozialistischen Gang ging. Aber sie hatten nicht mehr die Kraft, etwas gegen die alte neue Übermacht zu tun.
Preller hatte nun eine Mission. Er forschte immer weiter nach Akten, nach Schießbefehl, Todesfällen, IM-Verpflichtungen, Gerichtsunterlagen. Einer von Heinzes Vorgängern als Kommandeur war zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Preller beschloss, die Grenztruppen noch mehr aus der Reserve zu locken, mit dem Bau einer Mauer vor ihrer Nase.
Es ging schneller, als er dachte. Die Mauer war noch nicht fertig, da stand schon ein wütender Mann vor dem Gerüst. "Der Wessi soll abhauen", brüllte er. "Der hat hier nichts zu suchen." Wenig später fuhr ein Mann vom Landratsamt vor, vom Bauamt. Schönberger hatten Meldung gemacht, "in Denunziantenmanier", sagt Preller.
So eine Mauer sei eine Gefahr für die Sicherheit, hatte jemand gegenüber dem Bauamt behauptet. Statiker erschienen. Erst wurde das Gerüst geprüft, dann die Mauer begutachtet. Preller bekam Auflagen. Ein Absperrgitter wurde von Amts wegen um die Mauer gezogen. Ein Schild wurde angebracht: "Fußgänger bitte die andere Straßenseite benutzen."
Schönberg war inzwischen im Zustand der Mobilmachung. Und die Herzen der Genossen schlugen kräftig für Demokratie und Menschenrechte. Zählten 72 Prozent etwa nicht? Sollten das freie Wahlen sein?, fragten sie.
Der Arzt Hans-Peter Aurich, 73, ist der Kopf des Heinze-Solidaritätskomitees. "Wir wollen unsere Bürgerrechte gesichert wissen", schrieb er auf ein Flugblatt. Er organisiert Demonstrationen und kämpft für den "Respekt vor den Bürgern". 1975 unterschrieb Aurich eine Verpflichtungserklärung. Als IM "Reinhard Kusitzki" erhielt er Auszeichnungen und Geschenke.
Ein guter Chirurg sei er gewesen, sagen die Leute über Aurich, früher mit SED-Parteibuch, heute Mitglied der Linken. Er leitete einst das Krankenhaus und operierte Grenzopfer. Im OP stand dann meist ein Stasi-Mann. Für den Fall, dass der "Grenzverletzer" unter Narkose redete. Aurich kann sich an solche Operationen erinnern.
Es habe doch jeder gewusst, dass an der Grenze geschossen wurde, sagt er. Er habe sich zum Wohle der Patienten auf die Zusammenarbeit mit der Stasi eingelassen. Und dann fragt er, wie lange denn noch von der Vergangenheit geredet werden solle. "Irgendwann muss doch Schluss sein. Wir wollen doch die deutsche Einheit gestalten."
Aurich nahm direkt neben Heinze Platz, als die Stadtvertreter den Fall des geschassten Bürgermeisters berieten. Vorn saß Preller. Er hatte einen Fotoapparat mit und wollte die Versammlung dokumentieren, er forderte ein Wortprotokoll. Er versteht es, die Leute zu reizen.
"Herr Preller, geben Sie die Kamera ab", rief eine Frau aus dem Heinze-Block. "Herr Preller, ich habe gerne gelebt in der DDR", rief eine andere. "Herr Preller, wann kommt Ihre Mauer wieder weg?" Preller lehnte sich zurück. "So ein arroganter Kerl", schimpfte eine Frau.
Preller zitierte aus einem Leserbrief, den ein früherer NVA-Offizier zu seiner Mauer geschrieben hatte. Der Mann saß Preller gegenüber, es war ein Stadtverordneter in den Reihen der Linken. "Ob sich das die sonst relativ ruhigen Bürger bis zum 9. November gefallen lassen?", las Preller vor. Ist das ein Aufruf zur Gewalt, fragte er den Ex-Offizier. Rufe im Saal. Einer sagte: "Uffn Kopf kloppen müsste man dem." Eine Frau: "Da wird sich schon jemand finden."
Preller will die Mauer bis zum 9. November stehen lassen. Aber sie wird nun immer häufiger attackiert. In einer Nacht wurde das Absperrgitter umgeworfen, in einer anderen wurden Bananen geworfen, dann wurden an Prellers Mauer Blumenkübel zertrümmert. Preller holte immer wieder die Polizei.
Er schrieb ans Innenministerium in Schwerin, er stellte Strafanzeige gegen den Mann, der das Loch in die Mauer schlug. Der Erste, der seine Mauer beschmierte, wollte noch anonym bleiben. Der Mann aber, der am 27. August zuschlug, outete sich nun in einem Leserbrief: "Ich habe das Loch in die Mauer reingehauen; auf jeder weiteren Fahrt durch Schönberg habe ich meine Spitzhacke dabei."
Grenzverletzer Preller weiß inzwischen, dass dies hier kein Spaß mehr ist. Die Einheit ist in Schönberg zum Ernstfall geworden. Aber er trotzt den Angriffen. Rückzug ausgeschlossen. Er forscht weiter. Er liest Richtlinien der Stasi. Das laufe alles genauso wie früher, sagt er. Die hätten sich eine Zersetzungsmaßnahme ausgedacht gegen ihn. Aber er werde sie alle auffliegen lassen. Preller klingt inzwischen sehr verbissen. Aber vielleicht brauchte die Gegend einen Getriebenen, einen von außen, der es mit den Genossen aufnimmt.
Preller hatte eine neue Idee, um seine Mauer sicher zu machen. Er baute sie aus. Er orderte Betonplatten, Originalteile aus dem früheren Sperrgebiet, tonnenschwer. Die Installation wurde dem Original so wieder etwas ähnlicher.
Die Stimmung ist ohnehin schon so wie früher. STEFAN BERG
Von Berg, Stefan

DER SPIEGEL 40/2009
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