26.09.2009

HANDEL

Wie teuer ist billig?

Von Klawitter, Nils

Die Textilkette Kik boomt auch in der Krise - mit konkurrenzlos niedrigen Preisen. Doch die Zeche zahlen junge Näherinnen in Bangladesch, unterbezahlte Beschäftigte und oft auch die Kunden.

Vor 15 Jahren gründete Stefan Heinig den Textildiscounter Kik. Seither arbeitet der ehemalige Handelsassistent daran, die Preise zu drücken. Er verkauft den Deutschen die billigsten Klamotten, die es gibt. Heißt es.

Jeans kosten bei Kik mitunter nur 2,99 Euro. Mit Hilfe der "Bild"-Zeitung deckte Heinig die Nation im Frühjahr mit "Volks-T-Shirts" ein, für 1,99 Euro. Und seit einigen Wochen wirbt Verona Pooth, gegen die wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt wird, für Jacken in "Lederoptik" zu 19,99 Euro ("Besser als wie man denkt!").

Hauptsache billig - mit dieser simplen Idee hat Heinig ein Geschäftsimperium aufgebaut, das trotz Krise immer weiter wächst. Selbst auf Sylt finden sich zwei Geschäfte der Billigkette, 2800 Filialen in sechs Ländern gibt es mittlerweile, und es werden immer mehr. Der Umsatz des Unternehmens, das zum Tengelmann-Konzern gehört, lag im abgelaufenen Geschäftsjahr bei 1,1 Milliarden Euro.

Doch der Erfolg beruht auf einer Täuschung. Genau genommen sind Kiks Preise nicht billig - sie kommen Mitarbeiter, Zulieferer und oft auch Kunden teuer zu stehen. Den höchsten Preis für den hiesigen Geiz zahlen die Näherinnen in den Fabriken in Bangladesch. Fast die Hälfte der Waren stammt von dort.

Es sind Mädchen wie Sathi Akhter, die für Heinigs vermeintliche "Volks"-Preise sorgen. Sathi Akhter ist 16 Jahre alt. Sie arbeitete in einer Kik-Zulieferfabrik in der Hauptstadt Dhaka, 10, 12, manchmal 16 Stunden pro Tag - für umgerechnet 25 Euro im Monat. Mit ihren Eltern und ihrem Bruder teilt sie sich einen knapp sechs Quadratmeter großen Verschlag als Wohnung. Frisches Wasser, erzählt Sathi Akhter, gebe es in der Fabrik nicht, oft nicht mal Spülwasser in den dreckigen Toiletten.

Zusammen mit zwei Kolleginnen berichtet sie vom Fabrikmanager, der "regelmäßig zuschlage", zu spät bezahle und Überstunden oft gar nicht vergüte. Und davon, dass in der Fabrik Kinder unter 14 Jahren beschäftigt würden, was auch in Bangladesch verboten ist.

Und dennoch: Selbst für solche Jobs findet sich immer irgendwer in diesem Land, in dem 156 Millionen Menschen leben und 35 Millionen hungern.

Wenn es brenzlig wird, verweist Kik gern auf den eigenen "Code of Conduct", eine Art Sozialversicherung des Unternehmens, der solche Zustände eigentlich verhindern soll. Seit Ende 2006 lässt sich der Discounter diesen Kodex von den gut hundert Lieferanten in Bangladesch unterschreiben. Er soll Dinge wie Vereinigungsfreiheit, Mindestlohn und das Verbot von Kinderarbeit garantieren.

Vorsorglich regelt der Kodex gleich die Fälle, wo doch mal Kinder für Kik-Klamotten schuften - dann müssten "geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation" getroffen werden, so die schwammige Konsequenz.

"Kik stiehlt sich aus der Verantwortung", sagt Gisela Burckhardt von der Kampagne für saubere Kleidung (CCC). Der Discounter wisse, dass seine Standards nicht eingehalten werden, sage es bloß nicht öffentlich.

"Nur wenige Lieferanten erfüllen den vergleichsweise laschen Kodex", so Burckhardt, die gerade drei Wochen in Bangladesch war. Auf Nachfrage räumt Kik ein, dass nicht einmal 25 Prozent der Lieferanten die nötige Kodex-Qualifizierung abgeschlossen haben.

Die Einhaltung wird auch nicht unabhängig überprüft, wie von Kik behauptet. Die Kontrollgesellschaften werden direkt von Kik bezahlt und binden grundsätzlich keine lokalen Gewerkschaften ein. Von neuer Offenheit, die der Kik-Chef im Frühjahr via "Welt" verkünden ließ, ist nichts zu spüren: Die Untersuchungsberichte sind geheim, genauso wie die Namen und Standorte der Lieferanten.

Sicher, auch vermeintliche Edelmarken wie Joop und Pierre Cardin nutzen die Frondienste der Bangladescher - obwohl die Lohnkosten nur etwa ein Prozent des Preises ausmachen. Verantwortlich für das System der Preisdrückerei seien jedoch Discounter wie Kik und Lidl, so Burckhardt. Sie spielen die Produzenten mit ihren Massenaufträgen gegeneinander aus und machen die Näherinnen zu Getriebenen, gehetzt von immer schneller wechselnden Modetrends.

Die Konsequenzen sind fatal: Im Dezember brach eine 18-jährige Näherin an ihrem Arbeitsplatz in Chittagong zusammen. Sie starb an Dehydrierung. Auch für den deutschen Metro-Konzern hatte sie gearbeitet, in der Jeans-Produktion (SPIEGEL 20/2009). Ihr Arbeitgeber war die Firmengruppe Jeans Express. Sie gehört dem Unternehmer Ratan Datta, dessen Vorarbeiter - so berichten es Dutzende Näher - gern mal zuschlagen.

Auch Kik lässt bei Datta seine Jeans produzieren. Die dort festgestellten Mängel, so habe sie die "Social Compliance Managerin" von Kik vor kurzem zu beruhigen versucht, seien doch für das Land angemessen, berichtet Burckhardt. Als sie die Fabriken jetzt besuchte, schien die internationale Empörung allerdings noch nachzuwirken - es sah annehmbar aus, die Löhne kamen pünktlich.

Kik kontert Vorwürfe stets nach demselben Kalkül: Wenn Missstände öffentlich werden, inszeniert man Hilfsaktionen - zuletzt bei einer Fabrik in Dhaka, wo ein paar tausend Euro ausstehende Löhne überwiesen wurden. Die ethische Achillesferse seines Systems scheint Heinig zu ahnen. Seit einiger Zeit versucht er deshalb, das Image des Billighändlers zu polieren: mit angeblich fair gehandelten Flickenteppichen etwa, die er seit vergangenem Jahr im Sortiment hat. Für zwei Euro. Er ist stolz, mit den Einnahmen "ein Projekt zur Versorgung der Textilarbeiterinnen mit Monatsbinden" zu finanzieren.

Doch Heinig hat auch ein Herz für Deutschland. In Pressemitteilungen betont er, wie gern er die Jugend und Gesellschaft "an unserem unternehmerischen Erfolg teilhaben lassen" will. Erst im Juni suchte Heinig 500 neue Auszubildende. Er braucht ständig Personal, weil er dauernd neue Filialen eröffnet. Und er beschäftigt gern Azubis und Aushilfen.

Wer in Kiks Billigsystem arbeitet, muss - von der geschätzten Millionengage für Verona Pooth mal abgesehen - eine Menge Leidensfähigkeit mitbringen. Im März wurde der Discounter in zweiter Instanz wegen Lohn-Dumpings zur Nachzahlung einiger tausend Euro verurteilt. Zwei seiner 3500 angeblich "fair" bezahlten 400-Euro-Kräfte hatten es gewagt, zu klagen - und gewannen. Mit 5,20 Euro seien sie unangemessen niedrig entlohnt worden, entschied das Landesarbeitsgericht Hamm - und setzte den Lohn nachträglich auf 8,21 Euro rauf.

Ehemalige Kik-Azubis berichten von Ansprachen Heinigs, die einen "Sekten-Touch" hätten. Jeder sei austauschbar, so seine Botschaft, mit der Druck aufgebaut werde. Auszubildende müssen bei Kik auch Toiletten putzen und nach Ladenschluss staubsaugen, hält eine Studie der CCC fest. Um Fachkräfte zu sparen, würden Lehrlinge mitunter schon nach einem Jahr als Filialleiter eingesetzt - für 750 Euro im Monat.

Zur Dumping-Doktrin kommt eine morbide Ungemütlichkeit: Die Personalräume sehen bei Kik noch prekärer aus als die Verkaufsräume. Die Fenster darin, berichten Mitarbeiter, seien oft vergittert und ließen sich nur einen Spalt öffnen. Für eine längere Verweildauer im Unternehmen sei auch hilfreich, das Wort Gewerkschaft nicht in den Mund zu nehmen.

Im Frühjahr 2007 gelang in Österreich dennoch die Wahl eines Betriebsrats. Davor jedoch, so Walter Steidl von der österreichischen Gewerkschaft der Privatangestellten, hätten die entsprechenden Kik-Mitarbeiter erlebt, was Stasi-Methoden seien. "Kik hat die Leute bespitzelt, fotografiert und verfolgt", sagt Steidl. Eine solche Einschüchterung habe er in den 32 Jahren seiner Arbeit nie erlebt.

Bevor der Betriebsrat aktiv wurde, waren Arbeitszeiten und Überstunden nicht ordnungsgemäß registriert und Zuschläge, so die Gewerkschaft, unterschlagen worden. Das, immerhin, habe sich nun geändert.

In Deutschland sind die Mitarbeiter noch nicht so weit. Zwar gelang mit viel Mühe im Frühjahr die Wahl eines Betriebsrats im Logistikbereich in der Kik-Zentrale in Bönen (NRW), doch nicht einmal die örtliche Ver.di-Vertretung in Unna scheint einen so tragfähigen Kontakt zu dem Gremium zu unterhalten, dass sie einen Vertreter benennen kann.

Direkt kontaktieren kann man den Betriebsrat sowieso nicht. Anfragen, so heißt es bei Kik, liefen über die Kommunikationsabteilung. Kaum verwunderlich, dass eine derart zurechtgestutzte Mitarbeitervertretung auch den Überwachungsbedarf ihres Arbeitgebers nicht bremsen kann.

Noch immer nämlich schnüffelt Kik über die Auskunftei Creditreform die Bonität seiner Mitarbeiter aus. Die Praxis des Discounters war im Mai bekannt geworden.

Inzwischen, so eine Kik-Sprecherin, erhebe das Unternehmen keine regelmäßigen Auskünfte mehr, sondern nur noch in Fällen eines berechtigten Interesses. Doch ob das bei Kik überhaupt vorliegt, schien der NRW-Datenschutzbeauftragten so konstruiert, dass sie Anzeige erstattete. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft.

In einer internen E-Mail vom Mai rechtfertigte der Konzern die Abfragen, schließlich würden sie dem "Schutz der Mitarbeiter/innen" dienen. In sensiblen Bereichen wie etwa Kassen sollten Leute mit negativen Einträgen nicht eingesetzt werden können. Mit Blick auf die Spähaktionen bei Lidl und Bahn distanzierte sich Kik empört "von den Skandalen des Wettbewerbs". Eine pauschale, in regelmäßigen Abständen durchgeführte Abfrage aller Mitarbeiter finde sowieso nicht statt.

Das las sich in einem internen Schreiben an alle Bezirks- und Verkaufsleiter vom 4. Januar 2008 noch anders. Dort hieß es, Creditreform biete Datenabgleiche an, mit denen Kik "jeden aktiven Mitarbeiter abfragen und somit auch bei langjährigen Mitarbeitern evt. negative Merkmale herausfinden" könne. Das klingt eher wie die Suche nach Entlassungsgründen.

Vom 7. Januar 2008 an, heißt es weiter, würden daher "alle Bestandsmitarbeiter automatisch" viermal im Jahr abgefragt. Aus dem Schreiben geht ebenfalls hervor, dass zumindest bis Anfang 2008 auch Bewerber vor ihrer Einstellung durchleuchtet wurden. 49 000 Bonitätsauskünfte über Mitarbeiter holte Kik über Creditreform in den vergangenen rund eineinhalb Jahren ein. Das Unternehmen wollte sich hierzu wie zu vielen anderen Fragen nicht äußern.

Im Internet berichten Dutzende Mitarbeiter von Kik und dessen Ableger Tedi, einem ebenfalls von Heinig gegründeten Ramschwarenverwerter, über Verhöre durch Vorgesetzte, unbezahlte nächtliche Inventuren und psychische Zermürbung.

Und über unerträgliche Arbeitsbedingungen: So ist Heinig stolz darauf, dass es in seinen Läden nicht mal Klimaanlagen gebe - alles viel zu teuer. An manchen Tagen im Sommer habe sie kaum atmen können, wenn sie morgens in die Filiale gekommen sei, sagt etwa eine Tedi-Teamleiterin aus dem Raum Aachen. Dann stehe die Luft und rieche leicht süßlich. Sie wuchte dann zuerst die Ständer mit den Plastik-Clogs vor die Tür. Wie gefährlich hoch die Weichmacher-Konzentration in vielen solcher Produkte ist, wies "Öko-Test" bereits vor einem Jahr nach. Auch bei Kik gab es Massen davon.

Bei Zweifeln an der Qualität der Produkte verweist die Firma gern auf die eigene Qualitätskontrolle in Bönen. Dort sollen 30 Leute beweisen, wie ernst es Heinig mit seinem Versprechen nimmt - Kik steht schließlich für "Kunde ist König". Doch für die Kunden ist bei Kik nicht klar, ob der Preis, den sie zahlen, am Ende nicht viel höher ist als das, was sie im Laden auf den Tisch legen.

Die Qualitätssicherung, berichtet eine Ex-Mitarbeiterin, sei ihr wie eine "Alibi-Abteilung" vorgekommen. Zwar würden dort Produkte auf Reißfestigkeit und Farbechtheit getestet. Manchmal werde aber extra nicht geprüft - wie etwa bei den roten Mitarbeiter-Shirts, die bei einigen Kollegen zu Ausschlag geführt hätten.

Produkte von Kik finden sich auch auf der Rapex-Liste, eine Art Schnellwarnsystem der EU. Im August erst wurde vor Damen-Jeans gewarnt, die zu viel Chemikalien abbekommen hatten. Eine Woche davor ging es um benzolbelastete Filzstifte. Im Februar rief Kik Babylätzchen zurück, die zu "gesundheitlichen Beeinträchtigungen" führen könnten.

Viel lieber nutzt die Firma bei Pannen aber den kleinen Dienstweg. Ist mal wieder Gefahr im Verzug, werden die Filialmitarbeiter morgens über das Kassensystem gewarnt. "Achtung!!! Achtung!!!" steht dann oben auf den Kassenzetteln. Es folgen knappe Anweisungen im Kik-Kommandoton. Mal geht es um mangelhafte Buntstifte, mal um eine BH-Perle. Manchmal müssen nur Einzelteile, oft ganze Produkte sofort aus den Regalen entfernt werden. Meist folgt die Aufforderung, diesen Sondermüll "zwingend außerhalb ihrer Filiale" zu entsorgen. Laut einer Ex-Mitarbeiterin versucht Kik so, "problematischen" Abfall der sachgemäßen Entsorgung zu entziehen.

Eine Warnung betraf etwa mangelhaftes Tierfutter für Wellensittiche und Zwergkaninchen. Hier war offenbar Eile geboten: "Diese Anweisung muss sofort und zu 100 Prozent umgesetzt werden." Kik selbst weist den Verdacht der unsachgemäßen Entsorgung zurück. Es gebe kein Müll- und Qualitätsproblem, man wälze auch nichts auf die Mitarbeiter ab.

Dass aber irgendwas im eigenen Billigsystem nicht rund läuft, scheinen auch Kiks Führungskräfte zu ahnen. Die Sache mit dem Tierfutter, hieß es auf dem Kassenzettel, sei dringend, "da wir mit Kontrollen rechnen müssen". NILS KLAWITTER


DER SPIEGEL 40/2009
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