26.09.2009

MEDIKAMENTE„Gehirnwäsche bei der Ärzteschaft“

Der Psychopharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen, 73, ehemaliger Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, über den unnötigen Einsatz von Neuroleptika
SPIEGEL: Sie haben, gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, ein Memorandum verfasst, in dem Sie kritisieren, dass viel zu viele Neuroleptika verschrieben würden.
Müller-Oerlinghausen: In der Tat. Neuroleptika wurden ja vor allem für die Behandlung von Schizophrenen entwickelt. Heute sind sie Blockbuster, echte Verkaufsschlager. Seroquel, das beliebteste dieser Medikamente, steht auf der Liste der am häufigsten verschriebenen Arzneimittel bereits auf Platz elf - und zudem ist der Umsatz von Seroquel im Vergleich zum Vorjahr um ganze 30 Prozent gestiegen.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Müller-Oerlinghausen: Einerseits werden heute in den Krankenhäusern so gut wie alle Schizophrenen mit Neuroleptika behandelt, oft mit extrem hohen Dosen; dabei werden nicht selten sogar auf gefährliche Weise verschiedene Präparate kombiniert. Andererseits kriegen inzwischen auch alte Menschen häufig Neuroleptika, etwa wenn ihr Verhalten zu Problemen in der Pflege führt. Das Gleiche gilt für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, Manisch-Depressive und Menschen mit einer Angst-, Zwangs- oder Persönlichkeitsstörung.
SPIEGEL: Wie groß ist die Gefahr von Nebenwirkungen?
Müller-Oerlinghausen: Erheblich! Bei den alten, sogenannten typischen Neuroleptika sind vor allem die unangenehmen Bewegungsstörungen gefürchtet. Bei den neuen, "atypischen" Neuroleptika ist es besonders die extreme Gewichtszunahme. Außerdem kann es selten sogar zum plötzlichen Herztod kommen.
SPIEGEL: Gibt es denn Alternativen?
Müller-Oerlinghausen: In vielen Fällen ja. Gerade bei Depressionen und Manien gibt es einige altbewährte Medikamente und zudem die Psychotherapie. Auch bei der Schizophrenie gibt es gute Studien, die zeigen, dass eine langfristige Behandlung mit Neuroleptika nicht unbedingt notwendig ist, dass eine sozial- und psychotherapeutische Behandlung für den Patienten sogar von Vorteil ist. Und in der akuten psychotischen Erregung kann man zur Einsparung von Neuroleptika auch Beruhigungsmittel geben.
SPIEGEL: Und warum steigt die Verordnung der Neuroleptika dann weiter an?
Müller-Oerlinghausen: Dahinter steckt eine gigantische Marketing-Maschinerie der Pharmaindustrie, die eine wahre Gehirnwäsche bei der Ärzteschaft bewirkt hat.

DER SPIEGEL 40/2009
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