26.09.2009

THEATER

Spielen oder sein

Von Dürr, Anke

Auf der Suche nach neuen Stoffen landen die deutschen Bühnen immer öfter in der Realität. In München spielt nun eine außergewöhnliche Familie sich selbst.

Ein großbürgerliches Haus in einem Vorort von München, im Garten ein zugewachsener Teich, Liegestühle stehen herum, eine Schaukel. Ein Idyll wie auf einem Plakat der CSU. Hier wohnt die Familie Bächli-Bürkle-Huber.

Lena Huber, die zehnjährige Tochter, ist gerade im Nachbarort aufs Gymnasium gekommen. Zur Einschulung brachte sie nicht nur ihre Mutter Katja, ihren Vater Florian und ihren kleinen Bruder Moses mit, sondern auch Silja, ihre andere Mutter.

"Wir sind schon immer offen mit unserer Geschichte umgegangen", sagt Katja Bürkle, 31, die eine Mutter von Lena, "damit haben wir die besten Erfahrungen gemacht."

Aus der Geschichte der Familie Bächli-Bürkle-Huber mit den zwei Müttern und einem Vater ist nun ein Theaterprojekt geworden: Gerade hatten die "Familienbande" ihre Uraufführung an den Münchner Kammerspielen, auf die Bühne gebracht von der argentinischen Regisseurin Lola Arias, 33.

Die Story aus dem wahren Leben geht so: Im Alter von 19 Jahren verliebt sich die Stuttgarter Schauspielschülerin Katja Bürkle in ihren Mitschüler Florian Huber. Sie bekommen eine Tochter, Lena. Knapp zwei Jahre später, bei Proben am Stuttgarter Staatstheater, lernt Bürkle ihre Kollegin Silja Bächli kennen. Sie werden ein Paar und leben seitdem zusammen. So wird Bächli, heute 35, Lenas zweite Mutter; der Vater besucht sie regelmäßig, und auch Weihnachten feiern alle zusammen.

Als sich die Frauen noch ein Kind wünschen, fragen sie Florian Huber, ob er bereit wäre, auch diesmal der Vater zu sein. Er sagt ja, und mit ärztlicher Hilfe wird Silja Bächli schließlich schwanger. Ihr Sohn Moses ist gerade ein Jahr alt geworden.

Die Regisseurin Lola Arias lernte diese ungewöhnliche und zugleich so harmonische Familie vor rund einem Jahr kennen - und war so fasziniert, dass sie beschloss, die fünf auf die Bühne zu stellen, jeden als Darsteller seiner selbst. Gemeinsam entwickelten sie über Monate hinweg das Stück.

"Es geht mir nicht um das Private im Sinne von Klatsch", sagt Arias, "sondern um ein Nachdenken über Familienleben: Woher kommen eigentlich diese Familienbande? Haben sie mit dem gemeinsamen Blut zu tun, oder ist es eine Wahl? Und welche Rollen spielen wir eigentlich, als Vater oder Mutter?"

Arias zeigt Eltern und Kinder im Alltag, beim Frühstücken, beim Singen, beim Kaninchenfüttern und wie Florian der Silja das Boxen beibringt - fast wie in einer Doku-Soap im Fernsehen.

Die Sehnsucht nach Authentischem scheint derzeit groß zu sein im Theater. In Wien sitzt der Schauspieler Joachim Meyerhoff, 42, stundenlang allein im Sessel und erzählt Anekdoten aus seinem Leben. Die Theatertruppe Rimini Protokoll stellt sorgfältig gecastete Laien auf die Bühne, die sich zu ihren jeweiligen Wissensgebieten äußern. Der Regisseur Volker Lösch sucht sich bei seinen Inszenierungen jeweils zum Thema passend einen Chor aus Betroffenen zusammen. Und Arias ließ schon in ihrem Stück "Mi vida después" argentinische Schauspieler von ihrer Kindheit zu Zeiten der Diktatur erzählen.

Der Effekt dieser Versuche ist immer der gleiche: Es geht um die Faszination des Echten und Wahren, beglaubigt durch lebendige Menschen, die sich selbst offenbaren. Es ist die Urform des Erzählens.

Arias ist überzeugt, dass man die tatsächlich bestehenden Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern auf der Bühne spürt. Aber wie geht das, sich selbst zu spielen? "Man darf nicht zu viel machen, sonst wird es künstlich", sagt Bürkle. "Am anstrengendsten ist es, nicht zu spielen, sondern nur zu sein."

Auch vom Zuschauer wird Umdenken gefordert. Das Regietheater hat ihn daran gewöhnt, sich die Inszenierungen zu übersetzen. Othello muss schon lange nicht mehr schwarz sein, um verstanden zu werden. Authentisches Theater wie "Familienbande" dagegen lebt davon, dass der Zuschauer glaubt, dass alles genauso ist, wie er es sieht.

Es erfordert einigen Mut, sein Leben so auf der Bühne auszustellen. "Natürlich wollten wir keinen Zoo darstellen", sagt Silja Bächli, "aber durch die gemeinsame Arbeit am Stück konnten wir ja immer selbst entscheiden, wie viel wir von uns preisgeben."

"Es ist anders als bei einer Fernsehdokumentation", so Arias, "wo es ja tatsächlich um ,taking pictures' geht, also darum, jemandem das eigene Bild abzunehmen."

Immer wieder hätten sie die Regisseurin gefragt, ob sie sicher sei, dass das, was für die Familie Alltag ist, interessant genug für die Bühne ist, sagt Bächli.

Aber Arias will genau das, sie sucht das Unspektakuläre. Die Probleme und Vorurteile, auf die diese nicht ganz so gewöhnliche Familie immer wieder stößt, kommen deshalb bei ihr nur am Rande vor. Dazu gehört auch, dass einige Verwandte bis heute die Lebensform der beiden Frauen nicht akzeptiert haben.

ANKE DÜRR


DER SPIEGEL 40/2009
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