05.10.2009

Ärger mit der ollen DDR

Nr. 39/2009, Linke: Neue Aktenfunde zeigen, wie Gregor Gysi als DDR-Anwalt für die SED tätig war
Als langjähriger SPIEGEL-Abonnent weiß ich natürlich, welche Art von Zeitschrift ich lese, und vermag mir über deren Inhalte ein eigenes Bild zu machen. Ihr Bericht über Gregor Gysi ist für mich eine Ausnahme, denn mir liegen sowohl Ihre Fragen als auch Gysis Antworten vor. Eine so offensichtliche Hasskampagne habe ich nicht erwartet. Ich habe ja Verständnis dafür, dass es ärgerlich ist, wenn man einem von Ihnen ungeliebten Politiker einfach nichts am Zeug flicken kann. Aber die Methode "Ich schreib mal was, und dann schauen wir mal; irgendwas wird schon hängenbleiben" entspricht doch eigentlich mehr einer großen Tageszeitung mit vier Buchstaben.
PEITING (BAYERN) HANS HAHN
Die Vorstellung einer unabhängigen Justiz galt in der DDR als Verschleierungstaktik der bürgerlichen Gesellschaft. Es gehört zu den herausragenden Verschleierungsleistungen ehemaliger DDR-Anwälte nach der Wende, sich als unabhängige Interessenvertreter von erklärten Staatsfeinden darzustellen. Ein Anwalt, der die Interessen eines Staatsfeindes vertritt, wäre in einem kommunistischen Staat selbst ein Staatsfeind.
ALTJEßNITZ (SACHS.-ANH.) DR. FRED WALKOW
"Eine Wahlempfehlung gibt der SPIEGEL nicht ab", loben Sie sich in der Hausmitteilung. Doch schon wenige Seiten später darf man ein langes Pamphlet bewundern, in dem Linken-Chef Gysi als "treuer SED-Funktionär" denunziert wird. Eine Woche vor der Bundestagswahl werden Belanglosigkeiten zu einem Skandal aufgeblasen, der keiner ist.
AHRENSHOOP (MECKL.-VORP.) PAUL SCHREYER
Was genau wird Gysi eigentlich vorgeworfen? Erstens: Er wollte einen Republikflüchtling zurückholen. Zweitens: Er hat Hilde Benjamin gehuldigt. Das war Usus, ständig musste man die Oberen loben. Sich zu wehren wäre lächerlich gewesen. Was zu Vorwurf Nummer drei führt: Jeder Mensch, der in der DDR aufgewachsen ist, sog das Wissen um die Grenzen des Erlaubten quasi mit der Muttermilch auf und bildete gute Antennen dafür aus, wann und wo man was sagen konnte, ohne anzuecken. Wer hätte das gedacht: Nun muss ich mich - 20 Jahre nach ihrem Ende - immer noch mit der ollen DDR herumärgern. Weil es immer noch Leute gibt, die denken, dass dort alles bloß schwarz-weiß war.
FLORENZ MARY LANGE

DER SPIEGEL 41/2009
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