05.10.2009

IMMOBILIENEine Familie geht stiften

Es klingt nach Steuersparmodell, soll aber nur die Zukunft sichern: Das Schloss der Familie Guttenberg wird neuerdings von einer österreichischen Stiftung verwaltet.
Die drei dunklen Limousinen rollten in der Morgendämmerung über den Kies der Schlossallee. Vorbei an der blau-gelben Schranke und dem Feuerwehrhaus machte sich der Konvoi von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Montag vergangener Woche auf den Weg zurück nach Berlin.
Der Baron hatte gemeinsam mit seiner Frau und den zwei Kindern den Wahlsonntag in seiner oberfränkischen Heimatgemeinde Guttenberg verbracht. Die Dorfbewohner dankten es ihm mit einem rekordverdächtigen Wahlergebnis: Fast 80 Prozent gaben ihre Stimme für den CSU-immernoch-Jungstar im Gemeindebüro ab.
Dort sitzt am einzigen Schreibtisch der Zweite Bürgermeister Ulrich Rogen und schwärmt, wie "einzigartig und harmonisch" das Verhältnis zum Clan oben auf dem Berg sei: Das Trinkwasser darf die Gemeinde kostenlos von einer Quelle der Familie beziehen. Der Kindergarten steht kostenlos auf einem Grundstück der Guttenbergs. Das neue Löschfahrzeug verdankt man unter anderem einer Spende des Patriarchen Enoch zu Guttenberg - international angesehener Dirigent, Schlossherr und Papa des Ministers.
Da schmerzt es besonders, dass ausgerechnet das herrschaftliche Wahrzeichen hoch droben über den Dächern des Dorfs rein juristisch anderswo verwaltet wird, weil das Schloss der Guttenbergs sich seit kurzem im Eigentum einer österreichischen Privatstiftung befindet. "Davon habe ich noch nie gehört, das kann ich nicht glauben", sagt der Erste Bürgermeister Eugen Hain beinahe entsetzt.
"Mit dieser Stiftung haben wir uns selber enteignet", so erklärt Ministerbruder Philipp zu Guttenberg die Existenz der Freiherrlich von und zu Guttenberg'schen Privatstiftung. Das Schloss als Kulturgut solle durch den Schritt "vor den erbrechtlichen Unwägbarkeiten in Deutschland geschützt werden". Mit solchen Stiftungslösungen soll in der Regel sichergestellt werden, dass der Kern eines Vermögens auch bei eventuellen Erbschaftsstreitigkeiten erhalten bleibt. Im Fall Guttenberg soll wohl zudem gewährleistet werden, dass das Schloss nicht mal in fremde Hände kommt.
Ende Oktober 2008 gründete Philipp an seinem Wohnort im österreichischen Radmer die Stiftung. Deren Zweck orientiert sich laut Gründungsurkunde "am Leitbild des Mitstifters Georg Enoch Freiherrn von und zu Guttenberg und dessen Begriff von Kunst, Kultur und christlicher Guttenberg'scher Familientradition". Das Hauptaugenmerk legt das neue Konstrukt indes auf profane Vermögenswerte "wie insbesondere etwa das Schloss Guttenberg samt Inventar".
Das imposante Anwesen liegt schwer einsehbar hoch überm Ort. Mitten im Wald umfasst die denkmalgeschützte Anlage mehrere Gebäude. Das Haupthaus brannte 1908 bis auf die Grundmauern ab und musste neu aufgebaut werden.
Die Dorfbevölkerung wird freilich nur ausnahmsweise in die Gemäuer vorgelassen. Bei Weihnachtsfeiern für Senioren und Kinder sowie Festsitzungen der Gemeinde öffnet sich das schwere Holztor. Den Rest des Jahres gelten unmissverständliche Warntafeln wie "Privatgrundstück - das Ausführen von Hunden im Bereich der Schlossallee ist verboten".
Als Objekt des Neids eignet sich die vornehme Behausung dennoch nicht, glaubt man Philipp zu Guttenberg. "Ein Schloss ist eine reine finanzielle Belastung und kein wirtschaftlicher Reichtum."
Um die Unterhaltung des Gemäuers zu sichern, befänden sich auch die familieneigenen Forstbetriebe mittlerweile im Eigentum der Stiftung.
Was wie ein Steuersparmodell aussieht, dient im Fall der fränkischen Familie aber offenbar nur dem Substanzerhalt. Das historische Erbe soll gesichert werden, eine künftige Verteilung des Erbes unter Philipps Kindern könnte die Zukunft gefährden. "Erbschaftsteuerliche Überlegungen spielen dabei keine Rolle", versichert er.
Den Minister im fernen Berlin betrifft die Stiftung ohnehin nicht. Er hat mit der Immobilie nichts mehr zu tun. Schon vor Jahren wurden offenbar Teile des Vermögens, zu dem einst auch 26,5 Prozent der Rhön-Kliniken und ein Weingut gehörten, unter den Brüdern aufgeteilt. Schloss, Immobilien und Unternehmen gingen an Philipp.
Dazu heißt es im Wirtschaftsministerium: "Die Stiftungserrichtung hat auf die Höhe der von Karl-Theodor zu Guttenberg - in welchem Erbfall auch immer - zu leistenden Erbschaftsteuern in keinster Weise Einfluss." Auf Vermögenswerte, die sein Vater einbringt, habe er bereits "vorweg verzichtet".
Dass die Guttenbergs stiften gehen, dürfte ihrem guten Ruf in der Heimat kaum schaden. Patriarch Enoch ist seit 1997 Ehrenbürger des Dorfs. Sohn Karl-Theodor gilt bereits jetzt als heißer Anwärter auf den Zusatztitel. Ein paar Monate als Wirtschaftsminister genügen als Leistungsausweis indes noch nicht. "Warten wir ab, bis er Kanzler ist", grinst Bürgermeister Hain. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 41/2009
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