05.10.2009

FRANKREICHKampf der Egos

Im Prozess um die „Clearstream-Affäre“ geht es um Schwarzgeld und Spionage - in Wahrheit aber um das Duell zwischen Nicolas Sarkozy und Dominique de Villepin, den beiden Erzrivalen.
Es sollte aussehen wie eine freundschaftliche Plauderei auf der Terrasse eines Cafés im Badeort La Baule: Nicolas Sarkozy und Dominique de Villepin waren an einem Septembermorgen 2005 verabredet zu Kaffee, Croissants und Orangensaft. Doch de Villepin ließ auf sich warten, weil er scheinbar spontan zur kurzen Abkühlung in den Atlantik abtauchte. Fotografen waren zur Stelle, als der damalige Premierminister den Fluten entstieg: groß, gebräunt, muskulös, in Heldenpose.
Was aussah wie ein Paparazzo-Treffer, war in Wirklichkeit sorgsam inszeniert. Denn in ähnlich sportivem Habitus hatte sich auch Nicolas Sarkozy im Jahr zuvor ablichten lassen, hier, am längsten Strand Frankreichs. Beim Jogging-Auftritt in blauen Shorts wollte sich der damalige Innenminister als jugendlicher Macher darstellen - und als Nachfolger für den im Amt verstaubten Staatschef Jacques Chirac.
Das politische Frankreich verstand sofort, was de Villepins Wellenbad bezweckte: Die Darbietung signalisierte, dass auch der Premier Anspruch auf das höchste Amt der Republik erhob.
Sarkozy und de Villepin - seit Jahren unterminieren die beiden Gegenspieler die Karrierepläne des jeweils anderen. Jetzt nähert sich das Duell einem Höhepunkt: Kampfarena ist ein Pariser Gericht, das die sogenannte Clearstream-Affäre aufklären soll.
Das Spektakel gilt als Jahrhundertprozess, in dem Politiker, ehemalige Industriekapitäne und Strippenzieher aus dem Geheimdienstmilieu auftreten. Es geht um illegale Auslandskonten, um Spionage, Korruption, Verleumdung, Rufmord.
Das Verfahren ist auch die persönliche Abrechnung zwischen zwei machtbesessenen Männern, die dasselbe Ziel verfolgten - Frankreich zu regieren.
Der Kampf der Egos begann vor eineinhalb Jahrzehnten. Je mehr sich die beiden Männer dem Zentrum der Herrschaft näherten, umso deutlicher schlug der politische Wettlauf um in bittere persönliche Rivalität, in blanken Hass.
Verschiedener könnten zwei Politiker nicht sein: Auf der einen Seite Dominique Marie François René Galouzeau de Villepin, 55, kultivierter Spross einer noblen Familie, mit dem Gardemaß von 1,93 Meter, seit 24 Jahren verheiratet, Vater von drei erfolgreichen Sprösslingen. Auf der anderen Seite der polternde Immigrantensohn Sarkozy, der mit Plateausohlen über mangelnde Körpergröße hinwegtäuschen will, ein instinktgetriebener Volkstribun, nach zweimaliger Scheidung im Eiltempo mit Schlagersängerin Carla Bruni vermählt - die leiblichen Kinder zurücklassend in Patchworkfamilien.
Diese Lebensläufe haben sie geprägt: De Villepin, der intellektuelle Feingeist, der in seiner Freizeit Gedichte schreibt, hatte schon als Kind die Welt kennengelernt, bevor er als Absolvent der Elitehochschule Ena in den diplomatischen Dienst ging und dann geradlinig emporstieg - Kabinettschef des Außenministers, dann des Präsidenten, schließlich brillanter Außenminister.
Die Biografie von Nicolas Sarkozy, 54, zeigt dagegen das mühevolle Buhlen eines gesellschaftlichen Emporkömmlings um Anerkennung. Sein Vater war ein ungarischer Aristokrat, der vor den Kommunisten floh, als Fremdenlegionär in Frankreich Fuß fasste und schließlich standesgemäß heiratete. Nach der Geburt von drei Söhnen wurde die Ehe geschieden, der fünfjährige Nicolas erlebte eine "nicht wirklich glückliche Kindheit".
Nach einem Jurastudium misslang Sarkozy der Abschluss an einer Pariser Eliteuniversität - es mangelte am Englischen. Er wurde Anwalt und profilierte sich nebenbei als Nachwuchstalent der Gaullisten; schon mit 28 Jahren eroberte er in Neuilly-sur-Seine das Amt des Bürgermeisters. In dem Reichen-Vorort von Paris schuf der politische Autodidakt Seilschaften, die seine Karriere beförderten.
Sarkozy geriet erstmals 1995, mittlerweile Haushaltsminister, mit de Villepin in Konflikt: Im Wahlkampf stand der hinter Chirac, während Sarkozy zum parteiinternen Konkurrenten Edouard Balladur überlief. "Verrat", wetterte de Villepin über den Parvenü aus Neuilly.
Das Zerwürfnis bildete den Auftakt einer Fehde, geprägt von Eifersucht und Bosheit. Und dabei wissen die Polit-Profis durchaus um die Stärken ihres Gegners: "Mittelmäßigkeit deprimiert ihn, Widrigkeiten beflügeln ihn", meint Nicolas Sarkozy über de Villepin, während der "seine Energie" lobt.
Diese Energie freilich sorgte dafür, dass Chirac an dem umtriebigen Sarkozy am Ende nicht vorbeikonnte. Der damalige Präsident kürte den Abgeordneten erst zum Innenminister, dann zum Chef des Wirtschafts- und Finanzressorts. Bald darauf wechselte Sarkozy an die Spitze der gaullistischen UMP und machte den schlafmützigen Honoratiorenverein zur Präsidentenwahlmaschine.
Im Juni 2005 erhielt der UMP-Boss obendrein sein Amt als Innenminister zurück - und saß fortan in der Kabinettsrunde seinem Erzrivalen de Villepin gegenüber, den Chirac inzwischen zum Regierungschef befördert hatte.
Damals dräute bereits die Affäre um das Luxemburger Finanzinstitut Clearstream: Der Justiz zugespielte Namenslisten suggerierten, dass viele von Frankreichs Top-Politikern Schwarzgeldkonten bei dem Tochterunternehmen der Deutschen Börse führten - darunter auch Sarkozy. De Villepin wurde informiert, aber obgleich sich die anonymen Vorwürfe bald als plumpe Fälschungen erwiesen, unterschlug er gegenüber den Kabinettskollegen, dass er bereits einen Ex-Geheimdienstgeneral auf den Fall angesetzt hatte. Pech für de Villepin: Sarkozy hatte von den Manipulationen des Kontrahenten Wind bekommen.
So konnte er, als das Komplott ab Juli 2004 stückweise ans Tageslicht kam, in die
Rolle des Opfers schlüpfen; Sarkozy erhob Zivilklage und schwor Rache: "Ich werde das Schwein finden, das diese Affäre eingefädelt hat, und es wird enden, aufgehängt an einem Fleischerhaken."
Heute hat Sarkozy mit dem Einzug in den Elysée nicht nur seinen Erzrivalen überflügelt, jetzt steht mit de Villepin eben auch jener Mann vor Gericht, den der jetzige Staatspräsident mit einer Verbalattacke als Drahtzieher geoutet hat. Unvermindert ist der Groll Sarkozys - am Rand der Uno-Vollversammlung in New York zum Auftakt des Verfahrens befragt, redete er sich in Rage: "Zwei unabhängige Richter haben nach zweijährigen Ermittlungen festgestellt, dass die Schuldigen vor Gericht gestellt werden müssen", giftete der Staatschef.
De Villepin, der alle Vorwürfe weit von sich weist, nutzte prompt die Gelegenheit, sich seinerseits als Justizopfer darzustellen. Schon beim ersten Erscheinen vor Gericht erhob er sich mit großer Geste zum Wahrer republikanischer Werte, beklagte die "Instrumentalisierung der Justiz".
Aber erst Sarkozys Entgleisung bot dem Aristokraten auf der Anklagebank die Vorlage, sich als Objekt präsidialer Rachsucht darzustellen: Der Staatschef habe mit seiner Vorverurteilung in New York das Recht gebrochen, beanstanden die Anwälte de Villepins. Seine Gefolgsleute fordern die Einstellung des Verfahrens, und selbst Abgeordnete des Regierungslagers sind über den "Lapsus" des Juristen Sarkozy entsetzt - der ja nicht nur Nebenkläger im Verfahren ist, sondern als Staatspräsident auch Hüter einer unabhängigen Justiz.
"Sarkozy ist zutiefst überzeugt davon, dass man ihn politisch erledigen wollte", versuchte ein Minister vergangene Woche seinen Präsidenten zu entschuldigen. Zudem sei er "eben nachtragend".
Nach dem Ausfall des Präsidenten haben de Villepins Anwälte im Namen ihres Mandanten Beschwerde gegen den Staatschef erhoben, wegen "Verstoßes gegen die Unschuldsvermutung". Rechtliche Folgen muss der Präsident aber nicht befürchten: Bis zum Ende seines Mandats genießt Sarkozy Immunität. Zudem spielt der Mann im Elysée bereits mit dem Gedanken an eine zweite Amtszeit. STEFAN SIMONS
* Am Strand von La Baule vor dem Treffen mit Nicolas Sarkozy am 3. September 2005.
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 41/2009
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