05.10.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Gefährliches Spiel“

Hape Kerkeling über den Erfolg seiner Parteisatire „Isch kandidiere!“, flache Wahlkämpfe, die Abgründe mancher Politiker und die Idee, Horst Schlämmer jetzt zu beerdigen
Er ist der wandlungsfähigste Entertainer Deutschlands: Hape Kerkeling moderiert, singt, schauspielert, tourt, schreibt ... Sein Jakobsweg-Tagebuch "Ich bin dann mal weg" verkaufte sich bereits 3,8 Millionen Mal. Zuletzt war er wieder weg: Monate-
lang tauchte er ab in die Rolle des schmierigen Lokaljournalisten Horst Schlämmer, der in "Isch kandidiere!" Bundeskanzler werden will. 1,3 Millionen Menschen sahen den Film bislang. Nun ist Kerkeling, 44, wieder da und erzählt erstmals davon, was er auf seiner Reise ins Grenzland zwischen Politik und Showgeschäft erlebt hat.
SPIEGEL: Herr Kerkeling, haben Sie gewählt?
Kerkeling: Ja, natürlich. Zwar per Briefwahl, aber das macht im Ergebnis ja keinen Unterschied.
SPIEGEL: Welche Partei?
Kerkeling: Sagen wir mal so: Ich habe versucht, jener Volkspartei zu helfen, die sich gerade anschickt, komplett zu zerbröseln.
SPIEGEL: Sie kommen aus einer sozialdemokratischen Familie?
Kerkeling: Auf jeden Fall. Da gab es zwar auch immer ein paar Christdemokraten. Aber im Ruhrgebiet ist man nun mal sozialdemokratisch und katholisch zugleich. Das widerspricht sich nicht.
SPIEGEL: Ihre Stimme hat der SPD nicht viel genutzt.
Kerkeling: Immerhin ist sie nicht unter die 20 Prozent gerutscht. Das kann man mittlerweile schon eine Leistung nennen.
SPIEGEL: Fiel Ihnen die Wahl schwer?
Kerkeling: O ja. Dieses Mal besonders. Der Wahlkampf war nicht dazu geeignet, sich ein Bild davon zu machen, was die Parteien nach der Wahl überhaupt vorhaben. Nun bleibt es spannend zu sehen, was die neue schwarz-gelbe Regierung wirklich will. Das Interessanteste war für mich allerdings, dass sich eine Mehrheit der Bürger nicht einmal an dieser völligen Abstinenz von Wahlkampf gestört hat. Ich wollte ja auch nicht, dass sich unsere Politiker mit Lehm bewerfen. Aber eine schärfere inhaltliche Auseinandersetzung hätte ich mir doch gewünscht.
SPIEGEL: Von Phlegma und Langeweile des realen Wahlkampfs profitierte am Ende nur Ihr Film "Isch kandidiere!".
Kerkeling: Ich fürchte, Sie haben recht. Aber das konnten wir ja nicht ahnen, als wir im Februar die Idee zum Film hatten.
SPIEGEL: Ganz schön kurzfristig geplant.
Kerkeling: Im Nachhinein ein Ritt über den Bodensee. Normalerweise nehmen solche Projekte allein ein Jahr Anlauf. Wir haben im April schon gedreht, als die letzten Seiten des Buches noch gar nicht geschrieben waren. Das ging aber auch nicht anders. Mit so einem Film hätten wir ja nicht nach der Bundestagswahl kommen können.
SPIEGEL: Wollten Sie nur unterhalten?
Kerkeling: Es ist eine Komödie, ganz klar. Andererseits war der Film dazu gedacht, den realen Wahlkampf zu beleben. Er wurde dann verrückterweise das Einzige, was wenigstens ein bisschen nach politischem Leben aussah.
SPIEGEL: Die Nachrichtensender N24 und n-tv entschlossen sich sogar, die Pressekonferenz zu Ihrem Film live zu übertragen. Drumherum wurden Beiträge gezeigt, als wäre Horst Schlämmer ein realer Kandidat.
Kerkeling: Bei manchen Zuschauern musste das den Eindruck erwecken, die Kandidatur sei ernst gemeint.
SPIEGEL: So begannen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen, auch weil Sie von Anfang an nur als Schlämmer vor Journalisten aufgetreten sind.
Kerkeling: Es ging nicht anders. Ich konnte ja nicht die Figur erklären oder was sich der Künstler dabei gedacht hat. Als Hape Kerkeling hätte ich Schlämmer jede Kraft genommen.
SPIEGEL: Ist das nicht grenzwertig, wenn Journalisten sich zum Teil des Klamauks machen lassen müssen, indem sie eine Fiktion interviewen?
Kerkeling: Das kann man so sehen. Aber es war auch niemand gezwungen, mit mir zu reden. Ihre Kollegen kamen alle freiwillig. Und die Geschichte dahinter zu erzählen, das macht für mich erst jetzt Sinn mit dem Abstand einiger Wochen.
SPIEGEL: Ging es Ihnen am Ende nicht selbst auf die Nerven, sich dauernd zum Horst machen zu müssen?
Kerkeling: Doch, auf jeden Fall. Mitunter war ich selbst während der Reklame zum Film sechs, sieben Stunden pro Tag Schlämmer. Am Schluss mochte ich das wirklich nicht mehr. Drei, vier Tage nach der Premiere war ich das letzte Mal er. Vielleicht habe ich auch übertrieben.
SPIEGEL: Woran merken Sie das?
Kerkeling: Wenn man zu jeder Tages- und Nachtzeit im Fernsehen dieses grunzende Gesicht sieht, das man selbst ist.
SPIEGEL: Haben Sie mal als Schlämmer geträumt?
Kerkeling: Nein.
SPIEGEL: Sie ziehen ihn einfach an und aus?
Kerkeling: Wollen Sie gerade, dass ich mich für Sie zum Kasperle mache?
SPIEGEL: Na ja ...
Schlämmer: Isch sach Ihnen, dat Tolle is' vor allem die Stimmlage. Sähr angenehm für misch als Raucher, weisse Bescheid.
SPIEGEL: Sie sind es wirklich.
Kerkeling: Es ist eine Rolle. Ich bin immer auf einer Meta-Ebene der, der die Marionette bewegt. Ich verschwinde nie hinter der Figur. Sonst müsste ich ja auch noch heterosexuell werden. Na danke!
SPIEGEL: Laut einer Forsa-Umfrage konnten sich 18 Prozent der Deutschen Horst Schlämmer als Kanzler vorstellen. Das ist doch ... besorgniserregend?
Kerkeling: Ich habe selbst schon so meine Erfahrungen sammeln dürfen mit den Anrufen diverser Meinungsforschungsinstitute. Diese Umfragen sind wahnsinnig kompliziert und werden von Menschen durchgeführt, die darauf angewiesen sind, dass endlich mal einer nicht auflegt. Deshalb nehme ich nicht an, dass diese 18 Prozent Schlämmer wirklich als Kanzler wollten.
SPIEGEL: Sie meinen, die wollten keine schmierig-versoffene Kunstfigur als Regierungschef, sondern hatten einfach Humor?
Kerkeling: Es ist die nettere und wahrschein- lichere Variante, ja. Und mal ehrlich, schon diese Frage kann ja wohl niemand ernsthaft stellen: Wollen Sie Horst Schlämmer als Kanzler? Hallo?
SPIEGEL: Sie haben diese 18 Prozent selbst aufgegriffen.
Kerkeling: Ich musste ja darauf reagieren, nachdem es in allen Zeitungen stand. Also ließ ich Schlämmer sagen: "18 Prozent sind toll, die hat Doornkaat auch."
SPIEGEL: Haben Sie mit denen eigentlich einen Werbevertrag?
Kerkeling: Nee, auch wenn mir das angeboten wurde. Aber ich könnte doch nicht für Geld Schnapsreklame machen. (lacht) Das geht nur gratis.
SPIEGEL: Macht es Ihnen manchmal Angst zu sehen, wie viele Menschen Sie mobilisieren können?
Kerkeling: Den Hype stelle ich erst im Nachhinein überrascht fest. Geplant ist da nichts. Und ich habe ja nichts Böses im Sinn.
SPIEGEL: Hätten Sie jemals versucht, mit der "Horst Schlämmer Partei" (HSP) ganz real in den Wahlkampf einzugreifen?
Kerkeling: Nein. Das war auch nie im Gespräch. Ich bin vielleicht einen Schritt weiter gegangen als klassisches politisches Kabarett, das ja nie eingreifen will. Aber alles andere wäre ein gefährliches Spiel mit der Demokratie geworden. Man kann nicht mit einem Gaga-Programm in einen echten Wahlkampf eingreifen. Das gehört sich auch nicht.
SPIEGEL: Der Ex-"Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn hat es mit seiner "Partei" versucht.
Kerkeling: Dessen Forderung "Baut die Mauer wieder auf!" finden viele vielleicht sogar lustig, aber das kann man doch nicht für ein reales politisches Anliegen halten.
SPIEGEL: Sonneborn versuchte auch, Ihre Schlämmer-Pressekonferenz zu kapern, und flog raus. Hörte da für Sie der Spaß auf?
Kerkeling: Ich hatte das gar nicht mitbekommen. Als ich ankam, waren die schon rausgebeten worden. Wenn ich das als Horst Schlämmer gewusst hätte ...
SPIEGEL: ... hätten Sie mitgespielt?
Kerkeling: Natürlich. Das wäre doch ein gefundenes Fressen gewesen. Zumal ich den Slogan der "Partei" toll fand, sie habe die schönere Kanzlerkandidatin. Da wäre ich für jede Eskapade zu haben gewesen.
SPIEGEL: Haben Sie als Showgröße eine gesellschaftspolitische Verantwortung?
Kerkeling: Das klingt so hochtrabend. Aber ich finde schon, dass jeder, der sein Gesicht in die Kamera halten darf, sich einer gewissen Verantwortung bewusst sein sollte.
SPIEGEL: Interessieren Sie sich für Politik?
Kerkeling: Sehr sogar.
SPIEGEL: Was bringt es, wenn Guido Westerwelle der erste schwule Vizekanzler der Republik wird?
Kerkeling: Keine Ahnung. Sicher die eine oder andere Überraschung. Ich glaube auch, dass die Deutschen seine sexuelle Ausrichtung schon gelegentlich vergessen. Und das finde ich sehr angenehm. Ich will mir aber auch nicht vorstellen, wie das für Herrn Westerwelle wird, wenn er für einen Besuch zum Beispiel mal nach Saudi-Arabien muss. Lustig ist das nicht.
SPIEGEL: Mit "Isch kandidiere!" wollten Sie deutsche Politik auch in ihrer gelegentlichen Verlogenheit zeigen, einverstanden?
Kerkeling: Eher in ihrer Hilflosigkeit. Verlogenheit würde ich niemandem unterstellen. Hilflosigkeit schrie mich dagegen schon auf den Plakaten an. Auf einem las ich mal: "Wir haben die Kraft für starke Familien". Ich habe da lange drüber nachgedacht. Heißt das: Wir haben anstelle der Familien die Kraft? Oder ist gemeint: Wir halten starke Familien aus? Eigentlich wollten die sagen: Wir stärken Familien. Wer schon in seiner Werbung so unglückliche Entscheidungen trifft - den will man doch gar nicht mehr an die wirklich wichtigen Fragen lassen.
SPIEGEL: Ihr Film hat diese reale Politik ein Stück weit auch benutzt und missbraucht - für ein paar schnelle Gags.
Kerkeling: Hm. Sagen wir mal so: Ich achte schon darauf, dass Schlämmer nicht allzu ruppige Stammtischparolen vertritt. Aber wahrscheinlich haben Sie recht. Man ist auch ein bisschen Trittbrettfahrer mit so einem Film.
SPIEGEL: Darin tauchen viele echte Politiker auf - von kommunalen Laien bis zu NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers oder Grünen-Chefin Claudia Roth. Wie haben Sie die alle erlebt?
Kerkeling: Sehr unterschiedlich. Authentisch blieben vor allem die Kommunalpolitiker. Sie müssen aber auch wissen, dass wir für den Film mit viel mehr Politikern Interviews geführt haben, als wir am Ende zeigen wollten.
SPIEGEL: Waren die so witzfrei?
Kerkeling: Im Gegenteil. Unter Unterhaltungsgesichtspunkten war es grandios. Da dachte ich unter dem Schlämmer-Toupet oft: Ja, super, Bingo, das isses. Die Peinlichkeiten reichten von thematischer Total-Ahnungslosigkeit bis an den Rand der Volksverhetzung. Es wäre mir aber unmöglich gewesen, das als Beispiel deutscher Politik zu zeigen, womit wir wieder bei der Verantwortung sind.
SPIEGEL: War es leicht, echte Parteiprofis für den Film zu rekrutieren?
Kerkeling: Bei der CDU war's am einfachsten. Die SPD tat sich sehr schwer. Vielleicht war die Stimmung innerhalb der Partei doch zu angespannt.
SPIEGEL: Haben Sie bei der Kanzlerin zumindest gefragt?
Kerkeling: Klar, es wäre komisch gewesen, wenn wir das nicht getan hätten. Aber es wäre mir auch komisch vorgekommen, wenn sie wirklich mitgespielt hätte. Das ist nicht die Aufgabe einer Kanzlerin.
SPIEGEL: Wer benutzt am Ende bei solchen Dreharbeiten wen?
Kerkeling: Auch die Politiker versuchen, einen zu instrumentalisieren. Klar. Ich muss mindestens genauso schnell sein. Bei manchen schneller. Es ist ein Spiel.
SPIEGEL: Und trotz all des Wahnsinns finden Sie diese Politik gut?
Kerkeling: Ich habe allen abgenommen, dass sie wirklich etwas verändern wollen - auch denen, die wir nicht gezeigt haben. Und machen wir uns nichts vor: Politik ist ein brutaler Knochenjob.
SPIEGEL: Nehmen wir mal an, ein junger Mensch will gerade aktiv in die Politik einsteigen und sieht "Isch kandidiere!". Wird er eher ermutigt oder abgeschreckt?
Kerkeling: Ich hoffe jedenfalls, dass der Film ihm zweierlei zeigt: Politik ist Kärrnerarbeit. Und dennoch kann es Freude und Genugtuung bringen, in einer Gruppe ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.
SPIEGEL: Wann wird Horst Schlämmer das nächste Mal auftreten?
Kerkeling: Vielleicht kommt er gar nicht mehr zurück. Vielleicht lasse ich ihn wirklich jetzt sterben. Der Film war eine Art Crescendo ...
SPIEGEL: ... oder Overkill?
Kerkeling: Kurz davor. Es könnte zumindest sehr lange dauern, bis ich die Figur wiederbelebe. Aus kommerziellen Gründen würde ich das eh nicht mehr machen. Ich brauchte eine wirklich gute Idee.
SPIEGEL: Was ist das Anstrengendste daran, dieser versoffene Lokaljournalist zu sein?
Kerkeling: Die künstlichen Zähne zum Beispiel tun nach ein paar Stunden extrem weh. Dazu diese Perücke, die mit einem straffen Band am Schädel festgezurrt wird. Der aufgeklebte Fünf-Tage-Bart. Und erst die Brille, auf die ich als Nichtbrillenträger ständig grapsche! Dauernd hat man so einen schlierigen Blick. Furchtbar.
SPIEGEL: Gibt's auch schöne Seiten am Schlämmer-Dasein?
Kerkeling: An die Herrenhandtasche hatte ich mich zum Schluss gewöhnt. An den letzten Drehtagen habe ich die abends sogar mit nach Hause genommen, weil ich da immer alles Wichtige reingepackt habe.
SPIEGEL: Was verrät eine Nation über sich, die so einen Kotzbrocken liebt?
Kerkeling: Dass sie Humor hat. Und Schlämmers Erfolg zeigt wohl auch, dass eben jeder so eine Type kennt. Ich glaube, dass Deutschland auch ein bisschen Schlämmer ist. Ist aber nicht schlimm.
SPIEGEL: Sie machen seit 25 Jahren Fernsehen und haben etliche Figuren entwickelt. Wann wurde Ihnen klar, dass Schlämmer alle anderen Figuren überstrahlen würde?
Kerkeling: Gleich beim ersten Mal vor knapp fünf Jahren, als wir ihn kurz in einem Einspielfilm zeigten. Die Zuschauer im Studio rasteten aus. Ich selbst mochte diese Type am Anfang gar nicht und wollte sie schnell wieder weglegen. Der Spaß kam dann auch für mich mit dem Erfolg.
SPIEGEL: Der "Tagesspiegel" schrieb, Sie seien "kein Anarchist", Ihr Humor wirke "deeskalierend". Ist Schlämmer Ihr Ventil?
Kerkeling: Wir haben gemeinsam, dass wir keine Trends mögen. Wir sind total unmodern. Aber er ist natürlich viel unangepasster. Mit ihm kann ich Dinge tun und sagen, die ich sonst nie wagen würde. Das war bisweilen schon befreiend.
SPIEGEL: Mediale Überraschungsangriffe auf "normale Menschen" wurden früh Ihr Markenzeichen. Sie überfielen Zugreisende mit absurden Quiz-Aufgaben, die Bundespressekonferenz als Zwischenrufer und einen echten Staatsempfang als falsche Königin Beatrix. Heute macht so was jeder Depp im Lokalradio. Sind Sie daran mit schuld?
Kerkeling: Wahrscheinlich ja. Leider ist das Geheimnis ganz simpel: Die Masche ist einfach, sie funktioniert, und die Leute lachen. Immer.
SPIEGEL: Was ist der Unterschied der anderen zu Ihnen? Dass Sie unbescholtene Bürger nicht derart vorführen?
Kerkeling: Schön wär's. Aber auch ich bin streckenweise deutlich zu weit gegangen. Deshalb fällt es mir schwer, Kollegen da heute einen Vorwurf zu machen. Andererseits muss Comedy auch Grenzen überschreiten. Das darf nur nicht zum einzigen Geschäftsprinzip werden.
SPIEGEL: Sie haben in den neunziger Jahren auch dramatische Quotenflops erlebt. Macht das demütig?
Kerkeling: Zunächst mal: Was schiefging, ging zu Recht schief. Danach wusste ich immer, woran es lag. Und vorher hatte ich meine innere Stimme überhört. Da bin ich heute absolut konsequent. Ich habe aber den Job als solchen nie so wichtig genommen, wie Sie vielleicht denken. Jeder Erfolg relativiert sich, wenn man mal erlebt hat, wie Senderchefs sich bei solchen Medienpartys wegdrehen und tuscheln: Achtung, da kommt das Kassengift! Der Absturz ist in unserem Job programmiert. Das wusste ich von Anfang an. Man muss da auch ein bisschen Spieler sein.
SPIEGEL: Heute können Sie sich aussuchen, mit welchem Sender Sie arbeiten. Haben Sie gelegentlich Angst, so ein Kotzbrocken zu werden wie jener alternde TV-Showmaster, den Heinz Schenk einst in Ihrem Kinofilm "Kein Pardon" spielte?
Kerkeling: Man wird in dem Gewerbe ein bisschen das Arschloch, auch um sich abzugrenzen. Es lässt sich gar nicht vermeiden. Man darf es nur nicht verinnerlichen.
SPIEGEL: Sie selbst wollen angeblich nicht im Fernsehen alt werden.
Kerkeling: Komischerweise wurde ich schon mit Anfang 20 gefragt, wann ich denn aufhören wolle. Mit 50 ist Schluss, ohne jede Wehmut.
SPIEGEL: Und dann?
Kerkeling: ... schreibe ich nur noch. Ich habe das Schreiben immer schon mehr geliebt als das Darstellen, das eigentlich nur eine Notlösung war, weil ich einfach niemanden kannte, der meinen Quatsch hätte präsentieren können. Schreiben ist Ganz-bei-sich-sein. Deshalb würde ich auch nie so eine 100-köpfige Produktionsfirma anführen wollen. Ich brauche die Freiheit, unabhängig von so was zu sein.
SPIEGEL: Sie schreiben angeblich an zwei neuen Büchern ...
Kerkeling: ... die ich gerade zu einem verknüpfe, weil ich merke, dass sie prima zusammenpassen. Wahrscheinlich Ende nächsten Jahres wird es erscheinen.
SPIEGEL: Und wenn Sie mit 53 doch noch eine geniale Showidee haben ...
Kerkeling: ... wird sie ein anderer moderieren. Ich will mir nicht dabei zusehen, wie ich vor der Kamera altere.
SPIEGEL: Herr Kerkeling, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Thomas Tuma.
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 41/2009
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