05.10.2009

BRASILIENSanfter Koloss

Präsident Lula demonstriert in der Krise um die gestürzte honduranische Regierung das neue Selbstbewusstsein seines Landes - und gilt nun als Anwärter auf die Führungsrolle in Südamerika.
Vor der brasilianischen Botschaft in Honduras' Hauptstadt Tegucigalpa herrscht der Belagerungszustand. Polizisten schirmen das Gebäude ab, drinnen drängen sich über 70 Menschen. Sie stehen Schlange vor Toiletten und Badezimmern, bevölkern Garten und Innenhof, lagern in Abstellkammern und Büros. Auf den Korridoren geht es zu wie auf dem Schwarzmarkt: Zigaretten werden gegen Ladegeräte für Handys oder Seife getauscht, Handtücher sind knapp.
Im Vorzimmer zu den Botschafterräumen teilen sich mehrere Journalisten eine Luftmatratze, das Archiv ist vom Korrespondenten einer honduranischen Radiostation belegt. Gelegentlich steckt ein Mann mit Cowboyhut seinen Kopf durch die Tür: Manuel Zelaya. Er fordert seine Anhänger zum Durchhalten auf.
Zelaya, der vor drei Monaten gestürzte Präsident des mittelamerikanischen Kleinstaates, hatte am 21. September überraschend Zuflucht in der brasilianischen Vertretung gesucht. Wie er aus seinem Quartier im benachbarten Nicaragua zurück in die Heimat gelangte, ist unklar. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erfuhr angeblich erst eine halbe Stunde vor seiner Ankunft, dass Zelaya in der Botschaft um Aufnahme bitten wolle. Der bedrängte Staatschef habe sich in Lebensgefahr befunden, so Lulas Außenminister.
Das ist nun zwei Wochen her, und diese zwei Wochen hat Zelaya genutzt, um von quasi brasilianischem Territorium aus den Widerstand gegen die Putschisten zu organisieren. Er katapultierte Brasília damit ins Zentrum eines heiklen Konflikts. Denn in Honduras könnte sich nun entscheiden, ob Brasilien seiner Rolle als regionale Führungsmacht gewachsen ist.
Wirtschaftlich ist das größte Land Lateinamerikas dank Lula inzwischen ein Schwergewicht, bei internationalen Konflikten aber agierte es bislang diskret: Seit der Staatsgründung vor 187 Jahren gilt Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten als Maxime brasilianischer Politik. Die Diplomaten des Itamaraty, wie das Außenministerium genannt wird, genossen bislang den Ruf als effiziente Leisetreter, politische Parteinahme vermieden sie um jeden Preis.
In Honduras zeigt der sanfte Koloss jetzt erstmals Krallen. Putschistenführer Roberto Micheletti hatte den Brasilianern ein Ultimatum gesetzt, den Rivalen binnen zehn Tagen auszuliefern. Darauf teilte Präsident Lula mit, Zelaya könne in der Botschaft bleiben, solange er wolle. Mittelamerika zähle zum brasilianischen Interessengebiet, sekundierte das Außenministerium.
Systematisch hatte Lula in den vergangenen Jahren Brasiliens internationalen Einfluss ausgebaut: Er suchte Verbündete für einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat, rüstete die veralteten brasilianischen Streitkräfte auf und befeuerte daheim einen neuen Nationalismus. Mit China, Indien und Südafrika zimmerte er Allianzen. Die G-20-Gruppe, die auch die Schwellenländer umfasst, habe den exklusiven Club der Industrieländer endgültig verdrängt, so Lula: "Die G 7 ist tot."
Die Finanzkrise markiert aus Sicht der Brasilianer den Beginn einer neuen politischen Ordnung. "Wir marschieren auf eine multipolare Welt zu", sagt Lulas außenpolitischer Berater Marco Aurélio Garcia, "und Südamerika wird einer dieser Pole sein." Lula strebe ein Bündnis aller südamerikanischen Staaten an; Staatsstreiche wie den in Honduras wolle er nicht mehr dulden. "Jahrzehntelang haben wir unseren Nachbarn den Rücken zugekehrt, dabei haben wir so viele Grenzen wie kaum ein anderes Land", erklärt Garcia.
Der bärtige Professor aus dem südbrasilianischen Porto Alegre ist einer der Architekten der neuen brasilianischen Außenpolitik, sein Büro in Brasília liegt nur wenige Zimmer von den Amtsräumen von Präsident Lula entfernt. Während der Militärdiktatur war Garcia im Exil, später beriet er Lulas Arbeiterpartei PT in internationalen Fragen. Kritiker verspotten den Altlinken als brasilianischen Rasputin. Sie werfen ihm vor, er sei es gewesen, der Zelayas Rückkehr nach Honduras eingefädelt habe - gemeinsam mit Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Garcia bestreitet das.
Das Dementi hat seinen Grund. Die Regierung Lula will den Eindruck vermeiden, sie spiele sich als Ordnungsmacht à la Washington auf. Denn in den kleineren südamerikanischen Ländern wird das neue brasilianische Selbstbewusstsein mit gemischten Gefühlen registriert, in Bolivien, Ecuador und Paraguay machen Lokalpolitiker bereits Stimmung gegen die "neuen Gringos" aus Brasilien.
Brasílias Aufstieg zur Regionalmacht hat mit dem großen Rückhalt zu tun, den Präsident Lula zu Hause genießt. Millionen Arme stiegen unter seiner Regierung in die untere Mittelschicht auf. Die Finanzkrise traf Brasilien erst sehr spät - das Land hat sie als eines der ersten Länder auch wieder überwunden. Die Wirtschaft wächst, die Inflation ist unter Kontrolle und der Real eine der stärksten Währungen der Welt. Einen symbolisch wichtigen Triumph feierte Lula vergangenen Freitag - als das Internationale Olympische Komitee die Sommerspiele für das Jahr 2016 an Rio de Janeiro vergab. Zur grenzenlosen Euphorie auf den Straßen Brasiliens trug bei, dass Lula vor den Augen der Welt US-Präsident Barack Obama ausstach, der sich in Kopenhagen vergebens für seine Heimatstadt Chicago eingesetzt hatte.
Vor allem weniger betuchte Brasilianer sehen im ehemaligen Straßenverkäufer und Metallarbeiter Lula einen der Ihren, er verleiht ihnen Stimme und Gehör. Fast sieben Jahre nach Amtsantritt stehen über 70 Prozent seiner Landsleute zu ihm. "Ohne die Erfolge seiner Sozialpolitik wäre Lula international nicht so angesehen", sagt Garcia. Der ehemalige Gewerkschaftsführer ist zudem ein Verhandlungstalent. Selbst mit dem in Lateinamerika verhassten George W. Bush kam er gut aus. Auf Haiti, wo die Brasilianer das größte Kontingent der Uno-Blauhelme stellen, hat Brasília sich als Friedensstifter bewährt. Es ist seine Politik der Umarmung, mit der Lula scheinbar Unversöhnliches zusammenzwingt. "Der ist mein Mann", schwärmte US-Präsident Barack Obama beim G-20-Treffen in London vor den versammelten Staatsoberhäuptern - und wies auf den Brasilianer.
Washington kann Lula gut gebrauchen - als Gegengewicht zum linken Caudillo Hugo Chávez und dessen Amtskollegen in Kuba, Bolivien, Ecuador und Nicaragua. Als Anti-Chávez aber will sich der Brasilianer nicht einspannen lassen. "Chávez und Lula sind befreundet", sagt Garcia, "wir schätzen die sozialen Umwälzungen, die Chávez in Venezuela zustande gebracht hat." Kritik an den autokratischen Tendenzen des Caudillo lässt er nicht gelten: Der Mann werde "dämonisiert", die Demokratie in Venezuela sei "nicht in Gefahr". Lula bedrängt die USA, den Dialog mit Chávez zu suchen.
Dass sich erste Risse im Verhältnis zwischen der Supermacht im Norden und dem aufstrebenden Rivalen im Süden zeigen, liegt nicht allein am Streit um Chávez. Regierungsbeamte in Washington haben die Rückkehr Zelayas nach Honduras kritisiert und "jene, die ihm dabei behilflich waren" - ein Seitenhieb auf die Brasilianer.
In den USA werde negativ vermerkt, dass "Präsident Lula sich wenig um die nuklearen Ambitionen Irans oder die Ungereimtheiten bei der iranischen Präsidentschaftswahl sorgt", meint die amerikanische Lateinamerika-Spezialistin Julia Sweig vom Council on Foreign Relations.
Lulas Kritiker glauben offenbar, Brasiliens Präsident sei in Honduras in eine Falle seines Freundes Hugo Chávez getappt. Der habe Zelayas Rückkehr eingefädelt, behauptet der mexikanische Ex-Außenminister Jorge Castañeda: Chávez habe Zelaya eigentlich von El Salvador aus in die Uno-Vertretung in Tegucigalpa schleusen wollen, was aber nicht klappte. Also habe er ihm empfohlen, bei den Brasilianern unterzuschlüpfen. Als Vermittler falle Lula jetzt aus, denn er habe Partei genommen.
In Wirklichkeit versuchen die Brasilianer seit dem Putsch, den Feuerkopf Zelaya zu bremsen. Der habe Lula bereits vor zwei Monaten um ein Flugzeug gebeten, um nach Tegucigalpa zurückzukehren, enthüllte Außenminister Celso Amorim jetzt.
Lula hatte gehofft, dass die USA mehr Druck auf das Putschregime ausüben. Doch in der Obama-Regierung gab es über die richtige Strategie heftigen Streit, und so setzte sich Washington nur lauwarm für den gestürzten Staatschef ein. Und die Putschisten spielten auf Zeit: Sie bauten darauf, Zelaya würde bis zu den Wahlen im November vergessen sein.
Dessen spektakuläre Rückkehr dürfte eine politische Lösung beschleunigen. Vergangene Woche verhängte die Regierung den Ausnahmezustand, schloss oppositionelle Sender und entpuppte sich vor aller Welt als Diktatur. Vier Tage später kündigte sie an, die Maßnahmen zu lockern. Sollte das Regime nicht nachgeben, will Brasilien die Honduras-Krise vor den Uno-Sicherheitsrat bringen.
Aber Lulas riskantes Spiel zeigt offenbar Wirkung: In den letzten Tagen bröckelte die Unterstützung der honduranischen Elite für Putschisten-Präsident Micheletti. Eine Gruppe reicher Unternehmer präsentierte einen Plan, der die Wiedereinsetzung Zelayas vorsieht. Micheletti will zudem eine Delegation der Organisation Amerikanischer Staaten empfangen, bislang hatte er ihre Einreise untersagt.
Auch das Ultimatum an die Brasilianer, Zelaya auszuweisen, nahm Micheletti zurück. Im Fernsehen verkündete der bedrängte Interimspräsident, er sende Lula eine "herzliche Umarmung". JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 41/2009
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